Wunderland

19.08.2008 um 19:01 Uhr

Wunderland (3)

von: ZooStation   Kategorie: Wunderland

(3) 

Ich muss das mit den Begleitern erkären. Zunächst einmal: Wir sind nie allein! Alles andere ist eine Illusion, eine Chimäre, ein Hirngespinst. In unseren Gedanken entstehen ständig Welten, wir träumen und sehen Dinge und Menschen, wir erschaffen uns unser Egoversum und leben in zwei Welten gleichzeitig. Mindestens. Die Begleiter sind Teil unserer Seele, lebendige Wesen, die immer bei uns sind und uns, nun ja: begleiten.

Ich sah meinen Begleiter zum ersten Mal im zarten Alter von sechs Jahren. Ich hatte gerade meine zweite Amputation hinter mir. Von heute auf morgen hieß es, wir ziehen in eine andere Stadt, dies ist dein neuer Vater und Oma und Opa besuchen wir alle vier Wochen.

Die Autobahnstrecke zwischen der neuen und der alten Stadt war langweilig. Ich saß hinten rechts, der Gurt zwickte am Hals und die Stunde kam mir vor wie eine Ewigkeit. Was der Neue da vorne machte, schien nicht sonderlich interessant, und ich sah aus dem Fenster und die Landschaft und die Orte und die Bäume an uns vorbeifliessen. Manchmal, auf dem Heimweg, zauberte die untergehende Sonne ein goldenes Licht auf die Häuser, die weiter entfernten Baumkronen oder die Felder, und ich fragte mich, wer da wohl wohne und ob ihr Zuhause auf einmal in Gold getaucht wäre und ob sie das auch so schön fänden wie ich, ob ihre Seele dadurch Erleichterung fände.

Und dann war mein Begleiter neben mir. Neben uns. Parallel zu unserem Auto raste er auf seiner Enduro Twinshock über die Felder, bahnte sich halsbrecherisch seinen Weg durch die Bäume und übersprang selbst mehrstöckige Wohnhäuser mit einer Eleganz, die mir völlig natürlich erschien.

Irgendwie schaffte er es, immer auf gleicher Höhe zu bleiben. Wenn ein besonders schweres Hinderniss ihn abbremste, ein Gewächshaus oder ein Kraftwerk, verlor ich ihn kurz aus den Augen weil er den längeren Weg wählte, aber er beschleunigte und war in Null komma Nix wieder bei mir. Und dann zwinkerte er mir zu.

Er trägt eine schwarze Lederhose, ein schwarzes Hemd und einen gelben Motorradhelm, aber seine grünen Augen erkenne ich jederzeit.

Ich konnte die Begleiter der anderen nicht sehen, ich wusste nicht einmal, ob sie selber wussten, dass sie da waren. Jacco machte jedenfalls keine Anstalten, weiter zu fahren, für ihn spielte Zeit einfach keine Rolle. Er wirkte auf diesem Rastplatz im Land der Bekloppten wie Obelix, der sich in Falbala verguckt hatte, und unter diesen Umständen war eine Anpassung der Reisepläne durchaus angebracht.

Susanne und ihre gutgebaute Beifahrerin hatten kein Problem damit, gemeinsam mit uns, quasi im Konvoi, die restlichen 2.450 km zurück zu legen, aber das wusste ich besser, da würden wir eine Woche für brauchen, das war ein Buch mit sieben Siegeln.

Henk drückte, der Herr allein wusste, warum, Market Square Heroes in den Player. Auch ein Statement, dachte ich. Wir mussten weiter, wir hatten einen Termin, wir wurden erwartet, die Zeit spielte eine Rolle. Wir würden die Mädels wieder sehen, in einem Land vor unserer Zeit, an dem Ort, wo man Krebse noch mit der Hand fängt, in Santa Clara, dem Unterschlupf der Rastlosen, der Anfänger und der Wilderer.

Wir machten uns auf, mit einem Date in der Tasche, mit der Gewißheit des Unwiederbringlichen auf den Lippen und mit dem Mut und dem Wahnsinn der Verzweifelten im Kopf.

Mein Begleiter runzelte die Stirn, irgendwas schien ihn zu beunruhigen.

Ich, ich hielt Ausschau nach Gewächshäusern und Kraftwerken.

(tbc)

cuZooN. 

19.08.2008 um 18:59 Uhr

Wunderland (2)

von: ZooStation   Kategorie: Wunderland

(2) 

Kurz hinter Namur platzte ein Reifen. Bei Tempo 130 kein Vergnügen, aber Susanne hielt sich gut, sie schaffte es, die Spur zu halten und den Wagen auf dem Seitenstreifen zum Stehen zu bringen. Auf der Bahn war so gut wie nichts los. Nur drei Verrückte in einem blauen Passat-Kombi, die mitten in der Nacht Sonnenbrillen trugen. Beim ersten Überholmanöver hatten sie rübergegrinst, sich zugeprostet, Supertramps School verlieh ihnen übermenschliche Kräfte. Danach das alte Spiel: überholen, sich überholen lassen, und wieder überholen.

Der kleine Peugeot und der Blaue befanden sich auf gleicher Höhe. Die Blicke sämtlicher Insassen richteten sich nach links oder rechts. Die meisten hatten ein Getränk und eine Kippe in der Hand. Die Musik war laut und gut und der Himmel war verdammt nah. Die Gesichter glühten, wirbelten, versprühten Zuversicht und Verheißung.

„Verdammte Scheiße!“ rief Jacco und ging in die Eisen.

Manchmal präsentiert einem das Schicksal eine silberne Schale, einen Freifahrtschein oder was weiss ich, jedenfalls gibt es Momente im Leben, die sind wie in Stein gemeisselt. Der Peugeot kam schlingernd zum Stehen, wir hielten ungefähr 50 Meter weiter vorne auf dem Seitenstreifen, Henk ließ die Beifahrertür auf, damit man die Musik besser hören konnte. Wir gingen gucken, was mit den Mädels los war, ob sie noch sprechen konnten, ob sie Hilfe brauchten. Susanne war kreidebleich, aber das stand ihr gut. Ihre roten Haare fielen Jacco sofort auf, aber er sagte nur: „Alles klar bei euch?“, denn sie waren zu zweit. Wir tauschten ein paar „Puhs“ und „Scheisse, das war knapp“ aus, lachten, rauchten und standen uns auf diesem vermaledeiten Standstreifen die Beine in den Bauch. Irgendwann sagte ich: „Der nächste Rastplatz ist nicht weit…“ und nachdem Henk den Reifen gewechselt hatte, konnten wir endlich weiter.

 

Wir fuhren im Schneckentempo die 2 Kilometer, die Fenster runtergekurbelt. Ich schickte meinem Begleiter ein kurzes Dankesgebet, denn das hätte übel enden können. Wenn einem ein Gummi platzt, kann das böse Folgen haben. Auf dem Rastplatz machten wir erst mal ein nächtliches Picknick, irgendjemand hatte tatsächlich eine Thermoskanne Kaffee dabei, ich sorgte dafür, dass die Waterboys Whole of the Moon sangen und wir quatschten uns den Schreck von den Seelen.

Wohin sie denn unterwegs seien, wollte Jacco wissen. „Total verrückt“, sagte die blonde Beifahrerin und verdrehte fast entschuldigend die hübschen Augen, „wir wollen nach Portugal runter“.

Ich, ich zündete mir erst mal eine Zigarette an.

(tbc)

cuZooN. 

19.08.2008 um 18:53 Uhr

Wunderland (1)

von: ZooStation   Kategorie: Wunderland

(1)

Als wir losfuhren, war die Nacht noch grau. Wir liessen die Welt hinter uns, für die Welt, die vor uns lag. Drei Typen, zwei Gitarren und 5 Palletten Dosenbier. Nur das Nötigste halt. Ach ja, und Zigaretten. Auf den ersten Kilometern wurde nicht viel geredet. Wir hingen unseren Gedanken nach und sahen aus dem Fenster, auf der Suche nach unseren Seelen. Ich sah meinen Begleiter nicht, er musste irgendwo hinter den Schallschutzwänden auf seiner Enduro durch die Felder brausen. Jacco steuerte den Blauen lässig mit drei Fingern seiner linken Hand, in der anderen eine Dose Bier und die Kippe hing ihm schräg zwischen den Lippen. Es lief Shine on you Crazy Diamond. Wir waren endlich unterwegs.

Wir fuhren durch das Land der Bekloppten, also zogen wir unsere Sonnenbrillen an, denn soviel Licht verträgt keine Sau, in der Nacht, auf der Autobahn. Die Kassette war zu Ende, Henk tauchte ab und wühlte in unserer Wunderkiste, und siehe da, ein Augenzwinkern später ertönte das sagenhafte Intro von Everybody needs somebody to love aus den Lautsprechern und verwandelte unsere Raumkapsel in eine Diskokugel. Ich grinste mir einen auf der Rückbank, zerknüllte meine leere Dose wie ein Stück Papier und sorgte für Nachschub.

Das Problem mit unseren Dosen aus dem Sonderangebot war nicht so sehr, dass ihr Inhalt lauwarm und durchgeschüttelt war. Die Herausforderung bestand vielmehr darin, die Dinger aufzukriegen, ohne dass vorher dieses vermaledeite Stück Blech abbrach, das als Öffner diente. So ungefähr bei jeder dritten Kanne war das leider der Fall. Nun gut, wir würden später dafür Verwendung finden. Der Strom sollte jedenfalls so schnell nicht versiegen, der goldene.

Unser Ziel war Portugals Atlantikküste. Und Unsterblichkeit. 2.500 Kilometer Anlauf, wobei nicht klar war, ob wir den Absprungbalken treffen würden. Unsere Begleiter hielten sich zurück. Jacco steuerte den Blauen. Henk lächelte stumm. Ich, ich kriegte langsam warme Füße.

(tbc)

cuZooN.