Wunderland (3)
(3)
Ich muss das mit den Begleitern erkären. Zunächst einmal: Wir sind nie allein! Alles andere ist eine Illusion, eine Chimäre, ein Hirngespinst. In unseren Gedanken entstehen ständig Welten, wir träumen und sehen Dinge und Menschen, wir erschaffen uns unser Egoversum und leben in zwei Welten gleichzeitig. Mindestens. Die Begleiter sind Teil unserer Seele, lebendige Wesen, die immer bei uns sind und uns, nun ja: begleiten.
Ich sah meinen Begleiter zum ersten Mal im zarten Alter von sechs Jahren. Ich hatte gerade meine zweite Amputation hinter mir. Von heute auf morgen hieß es, wir ziehen in eine andere Stadt, dies ist dein neuer Vater und Oma und Opa besuchen wir alle vier Wochen.
Die Autobahnstrecke zwischen der neuen und der alten Stadt war langweilig. Ich saß hinten rechts, der Gurt zwickte am Hals und die Stunde kam mir vor wie eine Ewigkeit. Was der Neue da vorne machte, schien nicht sonderlich interessant, und ich sah aus dem Fenster und die Landschaft und die Orte und die Bäume an uns vorbeifliessen. Manchmal, auf dem Heimweg, zauberte die untergehende Sonne ein goldenes Licht auf die Häuser, die weiter entfernten Baumkronen oder die Felder, und ich fragte mich, wer da wohl wohne und ob ihr Zuhause auf einmal in Gold getaucht wäre und ob sie das auch so schön fänden wie ich, ob ihre Seele dadurch Erleichterung fände.
Und dann war mein Begleiter neben mir. Neben uns. Parallel zu unserem Auto raste er auf seiner Enduro Twinshock über die Felder, bahnte sich halsbrecherisch seinen Weg durch die Bäume und übersprang selbst mehrstöckige Wohnhäuser mit einer Eleganz, die mir völlig natürlich erschien.
Irgendwie schaffte er es, immer auf gleicher Höhe zu bleiben. Wenn ein besonders schweres Hinderniss ihn abbremste, ein Gewächshaus oder ein Kraftwerk, verlor ich ihn kurz aus den Augen weil er den längeren Weg wählte, aber er beschleunigte und war in Null komma Nix wieder bei mir. Und dann zwinkerte er mir zu.
Er trägt eine schwarze Lederhose, ein schwarzes Hemd und einen gelben Motorradhelm, aber seine grünen Augen erkenne ich jederzeit.
Ich konnte die Begleiter der anderen nicht sehen, ich wusste nicht einmal, ob sie selber wussten, dass sie da waren. Jacco machte jedenfalls keine Anstalten, weiter zu fahren, für ihn spielte Zeit einfach keine Rolle. Er wirkte auf diesem Rastplatz im Land der Bekloppten wie Obelix, der sich in Falbala verguckt hatte, und unter diesen Umständen war eine Anpassung der Reisepläne durchaus angebracht.
Susanne und ihre gutgebaute Beifahrerin hatten kein Problem damit, gemeinsam mit uns, quasi im Konvoi, die restlichen 2.450 km zurück zu legen, aber das wusste ich besser, da würden wir eine Woche für brauchen, das war ein Buch mit sieben Siegeln.
Henk drückte, der Herr allein wusste, warum, Market Square Heroes in den Player. Auch ein Statement, dachte ich. Wir mussten weiter, wir hatten einen Termin, wir wurden erwartet, die Zeit spielte eine Rolle. Wir würden die Mädels wieder sehen, in einem Land vor unserer Zeit, an dem Ort, wo man Krebse noch mit der Hand fängt, in Santa Clara, dem Unterschlupf der Rastlosen, der Anfänger und der Wilderer.
Wir machten uns auf, mit einem Date in der Tasche, mit der Gewißheit des Unwiederbringlichen auf den Lippen und mit dem Mut und dem Wahnsinn der Verzweifelten im Kopf.
Mein Begleiter runzelte die Stirn, irgendwas schien ihn zu beunruhigen.
Ich, ich hielt Ausschau nach Gewächshäusern und Kraftwerken.
(tbc)
cuZooN.
