Wunderland

19.08.2008 um 18:59 Uhr

Wunderland (2)

von: ZooStation   Kategorie: Wunderland

(2) 

Kurz hinter Namur platzte ein Reifen. Bei Tempo 130 kein Vergnügen, aber Susanne hielt sich gut, sie schaffte es, die Spur zu halten und den Wagen auf dem Seitenstreifen zum Stehen zu bringen. Auf der Bahn war so gut wie nichts los. Nur drei Verrückte in einem blauen Passat-Kombi, die mitten in der Nacht Sonnenbrillen trugen. Beim ersten Überholmanöver hatten sie rübergegrinst, sich zugeprostet, Supertramps School verlieh ihnen übermenschliche Kräfte. Danach das alte Spiel: überholen, sich überholen lassen, und wieder überholen.

Der kleine Peugeot und der Blaue befanden sich auf gleicher Höhe. Die Blicke sämtlicher Insassen richteten sich nach links oder rechts. Die meisten hatten ein Getränk und eine Kippe in der Hand. Die Musik war laut und gut und der Himmel war verdammt nah. Die Gesichter glühten, wirbelten, versprühten Zuversicht und Verheißung.

„Verdammte Scheiße!“ rief Jacco und ging in die Eisen.

Manchmal präsentiert einem das Schicksal eine silberne Schale, einen Freifahrtschein oder was weiss ich, jedenfalls gibt es Momente im Leben, die sind wie in Stein gemeisselt. Der Peugeot kam schlingernd zum Stehen, wir hielten ungefähr 50 Meter weiter vorne auf dem Seitenstreifen, Henk ließ die Beifahrertür auf, damit man die Musik besser hören konnte. Wir gingen gucken, was mit den Mädels los war, ob sie noch sprechen konnten, ob sie Hilfe brauchten. Susanne war kreidebleich, aber das stand ihr gut. Ihre roten Haare fielen Jacco sofort auf, aber er sagte nur: „Alles klar bei euch?“, denn sie waren zu zweit. Wir tauschten ein paar „Puhs“ und „Scheisse, das war knapp“ aus, lachten, rauchten und standen uns auf diesem vermaledeiten Standstreifen die Beine in den Bauch. Irgendwann sagte ich: „Der nächste Rastplatz ist nicht weit…“ und nachdem Henk den Reifen gewechselt hatte, konnten wir endlich weiter.

 

Wir fuhren im Schneckentempo die 2 Kilometer, die Fenster runtergekurbelt. Ich schickte meinem Begleiter ein kurzes Dankesgebet, denn das hätte übel enden können. Wenn einem ein Gummi platzt, kann das böse Folgen haben. Auf dem Rastplatz machten wir erst mal ein nächtliches Picknick, irgendjemand hatte tatsächlich eine Thermoskanne Kaffee dabei, ich sorgte dafür, dass die Waterboys Whole of the Moon sangen und wir quatschten uns den Schreck von den Seelen.

Wohin sie denn unterwegs seien, wollte Jacco wissen. „Total verrückt“, sagte die blonde Beifahrerin und verdrehte fast entschuldigend die hübschen Augen, „wir wollen nach Portugal runter“.

Ich, ich zündete mir erst mal eine Zigarette an.

(tbc)

cuZooN. 


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