About my soul

28.12.2008 um 01:54 Uhr

Alkoholiker

von: abbygail   Kategorie: Tagebuch

 "Eine Alkoholkrankheit oder -abhängigkeit, früher auch „Dipsomanie”, „Potomanie”, „Trunksucht”, „Alkoholsucht” oder „Alkoholismus” genannt, ist eine Abhängigkeit von der psychotropen Substanz Ethanol." (Wikipedia)

 

Es ist manchmal nicht viel nötig um eine Erinnerung wach zu rufen. Ein bestimmtes Wort, eine Geste, ein Duft, das kann ausreichend sein.

Alex stand vor der Tür. Es war ein sonniger, schöner Herbsttag gewesen. Bunt und fast ein bisschen schrill, als wolle er sich gegen etwas wehren.
"Deine Mutter ist nicht da, oder?", sein Grinsen ist süß, und als ich die Flasche Wein in seiner Hand sehe, wird es noch breiter.
"Nein, komm rein."
Ich suche in unserem Wohnzimmerschrank nach Weingläsern, und stoße dabei an Sektflöten. Fast fallen sie heraus, aber sie bleiben doch stehen. Mir war die Luft weggeblieben, weil ich beschämt gewesen wäre, wenn eines davon kaputt gegangen wäre. Aber warum, es wäre egal gewesen. Genau so gut hätte es mir beim rausholen der Wassergläser passieren können.
Alex hat seit zwei Wochen seinen Autoführerschein und liebt es mich spontan zu besuchen. Und ich... ich genieße es. Ohne groß nach irgendwas zu fragen.
Die letzten Sonnenstrahlen scheinen in mein Zimmer, der Tag ist bald zuende. Ich lehne an seiner warmen Brust und sein Kinn liegt auf meinem Scheitel. Es passt perfekt, wie es immer gepasst hat. Und dann atmet er aus. Der Geruch des Alkohol in seinem feuchtwarmen Atem. Wein, der Geruch von Trauben. Und dann sind es nur noch Puzzleteile die sich in meinem Kopf zusammenfügen.
Die Schnapsflaschen in unserer Garage. Der niemals leere Getränkehalter in unserem Kühlschrank. Die flüchtigen Ausreden, das zuspät kommen. Das verunsichert sein.
Mein Vater war Alkoholiker.
Man begreift als Kind so manchen Zusammenhang nicht. Zum Beispiel warum es donnert und blitz wenn es gewittert. Warum es bei Schneefall immer kalt sein muss und nicht deißig Grad im Schatten sind, wo man es dann doch viel länger draußen aushält.
Warum der Papa immer nach draußen geht, wenn seine Hände zittern.
Er hat niemals gefehlt, wenn eine wichtige Schulveranstaltung war. Und auch dann nicht, wenn wir geplant hatten irgendwo hin zu fahren. Aber er hat sich verändert. Auf die schleichende Weise, die einem erst Angst macht, wenn man sie mit dem Abstand mehrer Jahre betrachtet.
Alex hat sich an einer Scherbe meines zerbrochenen Weinglases geschnitten. Ich war plötzlich so wütend und verängstigt über diese riesige Lüge in meinem Leben, da schmiss ich mein Glas einfach auf den Boden. Und irgendwie wusste Alex bescheid, er hielt mich so fest, dass ich keine Angst hatte wegzurutschen. Der Duft an seiner Halsbeuge war ganz neu und vertrieb einen Augenblick lang das Alte. 

"Es tut mir leid."
"Das darf es nicht, Alex. Du hast mir geholfen Erinnerungen zusammen zu fügen."
Er hatte mich gefragt, ob er bei mir bleiben solle. Und ich hatte etwas gesagt, das ich mich nie gewagt und auch nie in betracht gezogen hatte: Ich habe ihm gesagt er solle die ganze Nacht bleiben.
"Da ist nichts gelaufen!!!", wie ich Mama hinterher
beteuerte. So war es auch. Es war plötzlich so lächerlich, dass ich mich rechtfertigen musste. Aber wahrscheinlich nötig, da sie mir die Verletztheit in meinen Augen ansehen konnte, ohne den Grund zu kennen.
Für mich war da aber trotz nichts eine ganze Menge: Seine Schulter unter meinem Kopf. Seine Wärme. Der feuchtwarme Atem an meinem Arm. Die Hand auf meinem Bauch. Sein Brsutkorb der sich an meinen Rücken drängte, wenn er Luft holte. Sein Bein, das er sanft zwischen meine geschoben hatte. Und als er schlief war der Gedanke an einen Alkoholiker, der meinen Vater gespielt hatte, ganz groß. Nicht anders herum. Kein Vater der sein Kind liebt, würde freiwillig einen Alkoholiker spielen. Hoffe ich zumindest.

 


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