Alkoholiker
"Eine Alkoholkrankheit oder -abhängigkeit, früher auch „Dipsomanie”, „Potomanie”, „Trunksucht”, „Alkoholsucht” oder „Alkoholismus” genannt, ist eine Abhängigkeit von der psychotropen Substanz Ethanol." (Wikipedia)
Es
ist manchmal nicht viel nötig um eine Erinnerung wach zu rufen. Ein
bestimmtes Wort, eine Geste, ein Duft, das kann ausreichend sein.
Alex stand vor der Tür. Es war ein sonniger, schöner Herbsttag gewesen.
Bunt und fast ein bisschen schrill, als wolle er sich gegen etwas
wehren.
"Deine Mutter ist nicht da, oder?", sein Grinsen ist süß, und als ich
die Flasche Wein in seiner Hand sehe, wird es noch breiter.
"Nein, komm rein."
Ich suche in unserem Wohnzimmerschrank nach Weingläsern, und stoße
dabei an Sektflöten. Fast fallen sie heraus, aber sie bleiben doch
stehen. Mir war die Luft weggeblieben, weil ich beschämt gewesen wäre,
wenn eines davon kaputt gegangen wäre. Aber warum, es wäre egal
gewesen. Genau so gut hätte es mir beim rausholen der Wassergläser
passieren können.
Alex hat seit zwei Wochen seinen Autoführerschein und liebt es mich
spontan zu besuchen. Und ich... ich genieße es. Ohne groß nach
irgendwas zu fragen.
Die letzten Sonnenstrahlen scheinen in mein Zimmer, der Tag ist bald
zuende. Ich lehne an seiner warmen Brust und sein Kinn liegt auf meinem
Scheitel. Es passt perfekt, wie es immer gepasst hat. Und dann atmet er
aus. Der Geruch des Alkohol in seinem feuchtwarmen Atem. Wein, der
Geruch von Trauben. Und dann sind es nur noch Puzzleteile die sich in
meinem Kopf zusammenfügen.
Die Schnapsflaschen in unserer Garage. Der niemals leere Getränkehalter
in unserem Kühlschrank. Die flüchtigen Ausreden, das zuspät kommen. Das
verunsichert sein.
Mein Vater war Alkoholiker.
Man begreift als Kind so manchen Zusammenhang nicht. Zum Beispiel warum
es donnert und blitz wenn es gewittert. Warum es bei Schneefall immer
kalt sein muss und nicht deißig Grad im Schatten sind, wo man es dann
doch viel länger draußen aushält.
Warum der Papa immer nach draußen geht, wenn seine Hände zittern.
Er hat niemals gefehlt, wenn eine wichtige Schulveranstaltung war. Und
auch dann nicht, wenn wir geplant hatten irgendwo hin zu fahren. Aber
er hat sich verändert. Auf die schleichende Weise, die einem erst Angst
macht, wenn man sie mit dem Abstand mehrer Jahre betrachtet.
Alex hat sich an einer Scherbe meines zerbrochenen Weinglases
geschnitten. Ich war plötzlich so wütend und verängstigt über diese
riesige Lüge in meinem Leben, da schmiss ich mein Glas einfach auf den
Boden. Und irgendwie wusste Alex bescheid, er hielt mich so fest, dass
ich keine Angst hatte wegzurutschen. Der Duft an seiner Halsbeuge war
ganz neu und vertrieb einen Augenblick lang das Alte.
"Es tut mir leid."
"Das darf es nicht, Alex. Du hast mir geholfen Erinnerungen zusammen zu fügen."
Er hatte mich gefragt, ob er bei mir bleiben solle. Und ich hatte etwas
gesagt, das ich mich nie gewagt und auch nie in betracht gezogen hatte:
Ich habe ihm gesagt er solle die ganze Nacht bleiben.
"Da ist nichts gelaufen!!!", wie ich Mama hinterher
beteuerte. So war es auch. Es war plötzlich so lächerlich, dass ich mich rechtfertigen musste. Aber wahrscheinlich nötig, da sie mir die Verletztheit in meinen Augen ansehen konnte, ohne den Grund zu kennen.
Für mich war da aber trotz nichts
eine ganze Menge: Seine Schulter unter meinem Kopf. Seine Wärme. Der
feuchtwarme Atem an meinem Arm. Die Hand auf meinem Bauch. Sein Brsutkorb der sich an meinen Rücken drängte, wenn er Luft holte. Sein Bein, das er sanft zwischen meine
geschoben hatte. Und als er schlief war der Gedanke an einen
Alkoholiker, der meinen Vater gespielt hatte, ganz groß. Nicht anders
herum. Kein Vater der sein Kind liebt, würde freiwillig einen
Alkoholiker spielen. Hoffe ich zumindest.
