Mein Konzept zum Verständnis von ADS bei Erwachsenen, insbes. auch unter dem Blickwinkel der Messieproblematik, Messiesyndrom (25.6.05 neu bearbeite, im Gegensatz zu meinem anderen Blog bei http://www.addiemessmer.blog.de/main/)
[Der Name der Vorlage "human condition" gefällt mir sehr gut: Ich werde mal etwas über die condition humaine schreiben]
Wie erst wenig bekannt ist, kommt das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) auch bei Erwachsenen vor ohne oder mit Hyperaktivität, welch sich als GETRIEBENHEIT, Gespanntheit ("wie unter Strom") oder UNRUHE äussert (kann z.B. nicht still sitzen und an Ort verweilen; der Blick schweift suchend hin und her).
DEFIZIT ist eigentlich falsch, denn die Aufmerksamkeit (Wahrnehmung) ist durch die Reizoffenheit nicht defizitär, sondern im Gegenteil nicht hinreichend gefiltert, selektiert, weshalb man besser von Aufmerksamkeits-Selektions-Syndrom oder Störung sprechen würde. Ich ziehe den Ausdruck Störung vor, wie er im engl. Attention Deficit Disorder ADD zum Ausdruck kommt. Dabei möchte ich noch ein A anhängen, also ADDA (für ...as adult; als Erwachsener). ADD erscheint mir eine wichtige Ursache für Desorganisiertheit und Messietum (Chaos, Unordnung, Sammeln Horten von Gegenständen) zu sein. ADDler sind anfällig für das Messiesyndrom; jedoch sind nicht alle Messies sind ADDler. ADD ist aber als erstes in Erwägung zu ziehen. Wenn man auf die betr. Messie-Sites im Internet geht, erstaunt es, wie wenig bekannt den Messies der Ansatz ADS/ADD ist und umgekehrt; wie wenig aus dem Blickwinkel ADS, ADHS die Messieproblematik bekannt ist.
Noch etwas: Mancher mag ADD-Züge bei sich entdecken, ohne ADD zu sein (ADD hat man nicht, sondern IST es gemäss Lynn Weiss, S. unten). Die Bandbreite ist gross, und jeder muss für sich selber entscheiden, ob er ADD ist oder nicht. Das Phänomen ADD ist eine Definition für ein Zusammentreffen verschiedener charakteristischer Symptome („Syndrom“) in einer Person. ADD ist weder gut noch schlecht, sondern die gedankliche Vorstellung eines Phänomens, die sich durch Erfahrung bewährt hat. Wichtig ist daher Kenntnis und Verstädnis der Merkmale, Kennzeichen ( „Symptome“)
ADDA oder einfach ADD ist gekennzeichnet durch folgende MERKMALE:
REIZOFFENHEIT gegenüber äusseren (Wahrnehmungen) und inneren (Gedanken, sprunghafte Assoziationen) Einflüssen, als eigentliche URSACHE für alle anderen Merkmale, weshalb es tatsächlich ein Aufmerksamkeits- oder Wahrnehmungsproblem ist (und nicht etwa eine Modediagnose für störendes Verhalten von Kindern).
Dies hat zur Folge, dass ADDler den Gedankenfluss oder -strahl, nicht oder nur schlecht FOKUSSIEREN (sich nicht konzentrieren) können (das hat übrigens mit Focusing nach Gendlin nichts zu tun). Damit geht eine Tendenz zur Abschweifigkeit zsuammen, d.h. eine mehr oder weniger ausgeprägte ABLENKBARKEIT, weil nebst übrige (nebst der eigentl. Aufgabe) äussere und innere Reize NICHT oder schlecht HERAUSGEFILTERT werden können. Dadurch ist es sehr schwierig, das Interesse bei öden Aufgaben (Aufräumen) aufrecht zu erhalten.
Auf der anderen Seite können ADDler HYPERFOKUSSIEREN, d.h. sich lange Zeit intensiv mit einer Aufgabe beschäftigen, die sie interessiert und bei der sie sich gut fühlen. Das bedeutet, die MENTALE WERTIGKEIT von Gedanken und Aktivitäten, die ja immer mit GEFÜHLEN besetzt sind, ist überaus wichtig. Böswillig kann man sagen, ADDler sind übertrieben von einem unmittelbaren LUSTPRINZIP im Sinne einer GUTEN STIMMUNG abhängig (und sollen sich gefälligst etwas mehr zusammenreissen). Diese Abhängigkeit von Lustprinzip bedeutet, dass langweilige Aktivitäten (Haushalt, Abwasch) vernachlässigt werden und eher auf lustvolle Aktivitäten ausgewichen wird (diese werden dann übertrieben sorgfältig gemacht), statt die PFLICHT zu tun (VERMEIDUNGSTENDENZ). Dieses gute Gefühl wird als FLOW (spez. Glücksgefühl bei befriedigender Aktivität) bezeichnet. Ist der nicht da, fühlt sich der ADDler nicht gerade depressiv, aber öde und leer. Um in den FLOW zu geraten, den der ADDler anscheinend braucht, und in den man auch z.B. beim Abwasch geraten kann, brauch der ADDler einen mentalen ANSCHUB, eine SELBSTMOTIVATION, um den Ideenstrom abstellen und ZU Fokussieren, d.h. eine gewisse MENTALE ENERGIE, um das SCHWERE innere SCHWUNGRAD in Bewegung zu setzen. Um dies zu tun, entwickelt der Messie-ADDler eine GROSSARTIGE IDEE: aus einem anstehenden kleinen Abwasch wird ein ganzer Hausputz, was er aber aus Erfahrung in der gegebenen Zeit nicht zu schaffen ist. Das weiss er natürlich, denn er ist nicht blöd, und lässt es dann halt lieber bleiben. Der NichtADDler macht das Notwendige einfach so ohne gross zu denken nach dem Prinzip "just do it". Der ADDler kann das nicht gut, weil er wie geschildert, ANLAUFSCHWIERIGKEITEN hat nebst den erwähnten Konzentrationsschwierigkeiten. [Bemerkung: Ich bin jetzt selber in einem Flow, währenddem ich diese Gedanken entwickle, weshalb würde ich es denn sonst dies tun; Dankbarkeit bekomme ich wohl kaum. Ich möchte aber meinen, dass einige Gedanken in dieser Aufstellung durchaus originär sind, und ich bitte darum, dass man mich zitieren möge]
IMPULSIVITÄT im guten Sinn (schnelle Begeisterungsfähigkeit; ständig werden neue Projekte, angerissen, aber oft nicht beendet, dadurch entsteht eine SELBSTÜBERFORDERUNG) als auch im schlechten Sinn (unadäquate Wut, Zorn, Aufbrausen wegen mangelnder Filterungsfähigkeit, also eine EMOTIONALE INSTABILITÄT). Das alles und die entsprechenden negativen Erfahrungen führen zu einem typischen
FREMDHEITSGEFÜHL, das nicht ständig vorhanden sein muss. Dieses ist ein EXISTENZIELLES GRUNDGEFÜHL (S. meinen Blog zu Existenzialismus), z.B. sich sonderbar oder irgendwie abnormal, oder nicht zugehörig, wie in Watte etc. zu fühlen. Insbesondere bei jüngeren ADDlern ist daher ein WENIG GEFESTIGTE PERSÖNLICHKEIT mit leichter Beeinflussbarkeit zu beobachten (S. dazu auch unten, Selbstkonzept). Dies und die erwähnte Impulsivität kann verschiedentlich dazu führen, dass ADDler sich
UNADÄQUAT VERHALTEN bis zur Unanständigkeit (welche aber nicht gewollt ist und nachher bereut wird); unpassende Bemerkungen machen, in Fettnäpfchen treten. Ein wichtiges Merkmal in diesem Zusammenhang ist auch das hektische
DREINREDEN im Gespräch, d.h. nicht ausreden lassen, dreinplatzen, aus Angst, etwas Wichtiges zu vergessen (durch das Gespräch assoziativ angeregter Gedankensturm im Kopf). Anstehen in einer Schlange, also Warten mit Nichtstun wird als äusserst unangenehm empfunden.
Auf der anderen Seite haben ADDler z.T. ein ausgeprägtes
EINFÜHLUNGSVERMÖGEN, sehen bei anderen die Probleme glasklar (S. diese Aufstellung!), aber bei sich nicht, oder wenn sie es tun, können sie nicht danach handeln; können mit problematischen Menschen gut umgehen; sind in der Regel liebe umgängliche Menschen und gehen offen und unbefangen auf andere Menschen zu.
DESORGANISIERTHEIT: Tendenz zu Unordnung, Chaos, Messietum; Sachen verlegen, nicht finden, Termine vergessen; SCHLECHTES ZEITGEFÜHL (bei Aktivitäten). Sie können bei der alltäglichen Lebensgestaltung
KEINE PRIORITÄTEN SETZEN, WICHTIGES und UNWICHTIGES, (Wertvolles/Brauchbares bzw. Wertloses/Unbrauchbares) nicht oder nur schwer unterscheiden, die nötige gedankliche Arbeit wird als zu anstrengend empfunden. Dies äussert sich v.a. auch im Umgang mit Dingen, Sachen. Alles ist mehr weniger gleich wichtig oder unwichtig, Dinge (Schlüssel, Ausweise) werden irgendwo abgelegt und vergessen, da etwas anderes in den Sinn kommt. Diese beschriebene Abhängigkeit von der GEFÜHLSWERTIGKEIT von Tätigkeiten LUSTVOLL/ÖDE gilt (S. oben) gilt insbesondere auch für DINGE/SACHEN (ADD ist daher sehr bedeutsam für das MESSIESYNDROM).
Als Nachteil zu nennen ist weiter ein
HANG zu DEPRESSIONEN, infolge der entstandenen Schwierigkeiten, Resignation, Blockaden (eine depressive Verstimmung hält in der Regel beim ADDler nicht lange an, weil (v.a. intelligente) ADDler ihr FLEXIBLES, d.h. nicht starres SELBSTKONZEPT (sehr wichtig im Umgang mit Depressionen) eher justieren, d.h. anpassen können. Wenn man mit zunehmendem Alter mit dem FREMDHEITSGEFÜHL vertraut ist, und dieses dadurch etwas abgelegt hat, ist man nicht fixiert auf Konzepte, sondern offen für neue Ideen, weshalb es nie zu spät ist, sich zu ändern.
Vor allem bei älteren ADDlern, besteht neben der Gefahr der seelischen Verödung die Gefahr des
SUCHTMITTELMISSBRAUCHS (ALKOHOL etc.) und GEFAHR DER VERWAHRLOSUNG Bei Messies treten insbesondere MINDERWERTIGKEITSGEFÜHLE (= Depressivität), z.B. wenn ihnen das Chaos wieder einmal schmerzlich bewusst wird und ein Versuch, dagegen anzugehen gescheitert ist oder einfach allgemein die Kraft dazu fehlt. Dies führt langfristig zu Rückzug und Isolation, besonders bei Alleinlebenden. In Partnerschaften lebende Prä-Messies haben das Problem in der Regel im Griff, vorausgesetzt, der/die Partner/in ist nicht auch Messie. Das Vollbild bricht oft erst aus bei einer Scheidung/Trennung oder Tod des/der Partner/in.
Als Vorteil von ADD beschrieben wird das
INTENSIVE ERLEBEN, eine gewisse DRAMATIK und FARBIGKEIT des Lebens. „Wer ADS hat erlebt die Welt in Technicolor“ (Lynn Weiss, „ADS im Job“). Diese Autorin, selber ADS-Betroffene, preist die Vorteile von ADS, da es mit gewissen Fähigkeiten und Talenten verbunden ist, z.B. mehrere intensive Tätigkeiten gleichzeitig tun können, doch die Nachteile dürfen nicht übersehen werden. ADS sei kein Defizit, keine Störung und kein Mangel, sondern ein Anderssein, bedingt durch eine andere Verdrahtung (Wicklung) im Gehirn. Nach Weiss hat man nicht ADS sondern IST ADS. Ein anderer Verklärer von ADD ist der US-Autor Thom Hartmann "Leben mit ADD", eine äusserst versiertes Multiltalent und natürlich selber ADD-Betroffener wie der Schreiber dieses Textes. Man muss sich vor dieser ansteckenden amerikanischen Begeisterung für ADD schon etwas in Acht nehmen. Aber die Sicht des Abnormal- oder Krankseins, die mit ADD verbunden ist, wird stark relativiert.
ADD hat nichts mit einem MANGEL AN INTELLIGENZ zu tun. Im Gegenteil: ADDler können sehr intelligent und künstlerisch begabt sein, und einen HOHEN AUSBILDUNGSSTAND haben. Viele Künstler, ja Berühmtheiten waren oder sind ADD-Betroffene (es ist sicher davon auszugehen, dass der grossartige Schriftsteller Hemingway ein ADDler war; er war bekanntlich auch ein grosser Trinker).
Aufgrund meiner bisherigen relativ kurzen Beschäftigung mit dem Thema ADS, Borderline (die Abgrenzung müsste man noch definieren) und insbesondere das Messietum sowie Zwangserkrankungen (ich vermute, das ist ADS hoch drei) ist alles eine Frage der WAHRNEHMUNG (perception), und zwar dergestalt, dass das PROBLEM (wie jedes Gefühl) IM KOPF liegt, d.h. durch irgendwelche Botenstoffe oder Hormone, ein zuviel oder zuwenig davon, verursacht. ist. Das weiss man aus der Hirnforschung, Verhaltenspsychologie etc. Für Fachleute mag das banal klingen; für mich als Laien ist das aber, in seiner Tragweite begriffen, eine OFFENBARUNG. Julien de Lamettrie („l'homme machine“, 1748) hatte eigentlich recht: Der Mensch ist irgendwie eine Maschine, wenn auch eine äusserst komplizierte, äusseren und inneren Einflüssen unterworfen. So brutal es tönt, so wahr und irgendwie faszinierend ist diese Erkenntnis: Vorübergehend zu wenig Sauerstoff im Hirn (z.B. Schlaganfall), und der Mensch ist ein sabberndes und stammelndes Wesen, also total verändert.
Jedes Verhalten wie auch jede Störung wird durch gewisse Vorgänge im Kopf sprich Hirn gesteuert. Das vielbeachtete MANIFEST der Neurowissenschafter über die Hirnforschung, die grosse Fortschritte erzielt und psychische Krankheit noch gezielter medikamentös wird beeinflussen können, ist für mich völlig nachvollziehbar und einsichtig, nachdem ich unter dem Einfluss von Ritalin auf Geheiss meiner Frau die Zeitungen vom Wochenende ohne Weiteres wegräumte. Sonst hätte es mich geschmerzt, weil ich noch nicht alles gelesen hatte oder diesen oder jeden Artikel ausschneiden wollte.
HEILUNG: Diese muss im Kopf ansetzen. Keine Scheu, Medikament einzusetzen, wenn diese helfen. Das Medikamente Ritalin hilft, auch bei Erwachsenen, ungemein, den Gedankenstrom zu fokussieren bzw. Reize zu filtern. Das heisst nicht, dass man das Medikament für immer einnehmen muss, und es sonst keine Besserung gibt. Daneben erscheint mir eine VERHALTENSTHERAPIE nötig und hilfreich, aber auch Selbsthilfegruppen. Das heisst aber nicht, dass ich Psychotherapie als nutzlos ablehne. Jedes Gespräch, jede BEGEGNUNG (auch die Lektüre dieses Blogs) kann eine (hoffentlich positive) Veränderung im Gehirn bewirken. Man spricht ja von der Plastizität des Gehirns, d.h. dieses ist bis ins Alter veränderbar. Hoffnung ist also immer berechtigt.