ADS ADHS ADD ADDA

24.09.2005 um 12:01 Uhr

ADS – Problem nicht erkannt

Zum Nachtcafé vom 23.9.2003 im swr Thema „Sorgenkinder“ mit Wieland Backes

 

Was der Psychologe Wolfgang Bergmann am Schluss sagte, kann ich als Existenzialist nur unterschreiben: Es geht letztlich darum, jeden Menschen, mit dem wir zu tun haben, in seiner Einzigartigkeit zu erkennen und anzuerkennen. Seine Aussagen zum leider oft abwesenden Vater sind sehr zutreffend und beeindruckend. Ich habe auch schon etwas von Bergmann gelesen, und schätze in als Psychologen und Erziehungsfachmann. Auch sein Auftreten in der Sendung hat mich überzeugt.

Das Wesen, den Kern von ADS oder AD(H)S scheint er aber definitiv nicht zu verstehen, wenn er sagt, dass ADS eine Modediagnose sei, und eigentlich nicht existiere. Ich gehe aber mit ihm überein, dass die heutige Medienkultur oder Medienverwahrlosung ADS-ähnliche Symptome in hohem Masse begünstigt.

Wenn Bergmann darauf hinweist, dass ADS ein Syndrom, d.h. eigentlich etwas Unbestimmtes sei, so ist das nicht richtig. Die eigentliche Bezeichnung ist Aufmerksamkeitsstörung (Attention Deficit Disorder) und zeichnet sich durch typische Verhaltensweisen und Merkmale aus. Das muss man abklären. Es gibt eine international anerkannte Diagnose, und ADS kommt auch bei Erwachsenen vor, wie viele noch nicht wissen. Ich bin selber davon betroffen, wobei es keine Gewissheit gibt, ob dem tatsächlich so ist. Ich sehe es so, ADS ist eine Diagnose im Sinne einer Modellvorstellung, wie etwa das Bohr’sche Atommodell, oder eine Arbeitshypothese, und zwar eine sehr hilfreiche.

Ich würde als geneigter Laie sagen, der geschilderte Fall des hochbegabten Sohnes von Regina Ochs ist ein Lehrbuch-Fall von ADS, die Diagnose ADS liegt geradezu auf der Hand. Für die Behandlung hilft erfahrungsgemäss Ritalin. Frau Ochs hat gesagt, dass es ohne Medikamente unmöglich ist, einen Tag durch zu bringen. Wenn Bergmann sagte, Ritalin wirke ähnlich wie Kokain im Hirn, und unterstehe dem Betäubungsmittelgesetz, so ist das zutreffend. Es ist verständlich, dass Ritalin ihm wie vielen sehr suspekt ist. Ritalin wirkt sich so auf den Gehirnstoffwechsel aus, dass der Gedankenstrom fokussiert werden kann.  Was das Kokain betrifft, so ist bekannt, dass Kokain keine Rauschdroge ist, sondern das glasklare Denken fördert, ich würde sagen mindestens in einem Faktor 1000 gegenüber Ritalin. Ich habe noch nie Kokain probiert und würde es auch nie tun, da es des Teufels ist, wie mir mein Therapeut sagte. Aber ich nehme als ADDA (ADD as Adult) Ritalin und ich kann extrapolieren, denke ich.  Beim Abklingen der Kokainwirkung können abgründige Depressionen und Verzweiflung auftreten, was bei Ritalin nicht der Fall ist. Ritalin ist richtig dosiert für die Behandlung von ADD erfahrungsgemäss sehr hilfreich. Dazu gehört aber meines Erachtens immer noch eine Verhaltenstherapie.

Hier zwei Literaturhinweise:  Die Bücher sind von amerikanischen Autoren, welche sich als selber von ADD betroffen bezeichnen. Die Bücher zeichnen natürlich primär die Erwachsenenperspektive, da mich als Betroffenen diese interessiert. Hartmann geht aber stark auf die Erziehungsproblematik bei Kindern/Schülern ein. Hartmann vertritt eine eigene entwicklungsgeschichtliche Modellvorstellung mit seiner Unterteilung der Menschen in Hunter und Farmer, wobei ADD-Betroffene Hunter sind.  Daneben gibt es etliche Bücher, welche auf die Kinderproblematik eingehen. Im Internet gibt es viele Information und Sites von Betroffenen, z.B. hypies. Ich verweise auch auf meinen Blog: http://www.blogigo.de/ads

 

Tom Hartmann: ADD - Eine andere Art, die Welt zu sehen

ISBN 3-7950-0735-6 Verlag Schmidt Römhild

"Innovativ und frisch ... statt das Syndrom als behindernde Krankheit zu porträtieren, demonstriert Thom Hartmann, daß ADD mit Erfindungsgeist, hohen Leistungen und einem überaus erfolgreichen Anpassungstalent verbunden sein kann."

http://www.hypies.com/buecher/kritiken/adpersp.html

 

"Zwanghaft Zerstreut: ADD - Die Unfähigkeit, aufmerksam zu sein"

Original: "Driven to Distraction: Recognizing and Coping with Attention Deficit Disorder from Childhood through Adulthood" by Edward M.Hallowell, M.D. and John J. Ratey, M.D

http://www.hypies.com/buecher/kritiken/driven2.html

01.09.2005 um 15:51 Uhr

Anders Da Sein 1: Das Messiesyndrom aus existenzphilosophischer Sicht

Zwischen dem  Standpunkt, das Messiesyndrom sei nur die Folge einer neurophysiologischen Störung (= ADS), welche nicht heilbar sei (weshalb dieses Erklärungsmodell zum vornherein abgelehnt wird von femmessies.de) und dem psychosozialen Erklärungsmodell, wonach Messietum die Folge eines womöglich in der Kindheit erlittenen psychischen Traumas ist, möchte ich hier *mein* (existenz-)philosophisches Erklärungsmodell vorschlagen, d.h so wie ich den Existenzialismus, v.a. nach Jean Paul Sartre (1905 - 1975), verstehe. Dies obwohl ich überzeugt bin, dass das Messietum eine Auswirkung von ADS ist. Aber diese physiologische Erklärung genügt mir nicht. Auf der anderen Seite erachte ich es als nutzlos, im Seelenschlamm herumzuwühlen und krampfhaft etwas zu suchen, das es vermutlich nicht gibt, ausser z.B. ein frühkindlicher Missbrauch ist offenkundig. Denn die dogmatische Grundfrage beim psychologistischen Ansatzes lautet: Wer (oder was) hat mir was angetan (was ich nicht mehr weiss!), dass ich so bin, wie ich geworden bin und diese Schwierigkeiten habe.

 

Bevor ich zum zentralen Begriff der ANGST komme möchte ich einen anderen Begriff erwähnen. Wichtig ist einmal der Begriff des NICHTS, im Gegensatz zum Sein, der Existenz). Das ist ein ziemlich schwer verständlicher Begriff. Der franz. Philosoph Pascal sagte, er erzittere vor den Abgründen des Nichts. Nun, sich das Nichts vorzustellen, ist nicht so einfach. Als denkendes Subjekt (cogito!) verstehe ich darunter die unverständliche Leere, in die ich geworfen worden bin und meine Bedeutungslosigkeit. Dazug gehört mittelbar die Ödnis (Langeweile) und die Gleichgültigkeit (der Welt oder des Schicksals). Dieses NICHTS bedroht den Menschen immer latent, nur sind sich die meisten dessen nicht bewusst. Die Angst davor ist der horror vacui. Diese Angst vor der Lehre führt durch Sammeln und Horten dazu, die Leere zu füllen. Das kann auch Zu-viel-Essen und Trinken sein oder ein suchtartiges Kaufverhalten. Beim Alkohol-Trinken ist es ein warmes Entspannungsgefühl, dass sich einstellt. Es kann aber auch eine übertriebene Geschäftigkeit mit selbst induzierter Aufregung sein, welche Stress verursacht, der z.T. genossen wird (z.B. Spielsucht!). Bei jemandem mit ADS ist praktisch immer ein gewisses Gespanntheitsgefühl da. Richtig loslassen, v.a. in den Gedanken kann er/sie selten.

 

Aus meiner existenzphilosophischen Sicht möchte ich etwas plakativ ADS als Anders Da Sein umschreiben. Es ist schon hilfreich, wenn man sich dessen bewusst ist.

Dann gilt zunächst mal zu versuchen, diese LEERE auszuhalten und einzutauchen in den GEIST, den ich jedoch nicht metaphysisch verstehen. Ja, man sollte wenigstens teilweise anstreben, dass man das Bewusstsein entlehrt und mit den "richtigen" Inhalten füllt. Das ist natürlich praktisch unmöglich, denn das Bewusstsein ist nie leer. Das Bewusstein ist immer intentional, d.h. auf etwas gerichtet, also Bewusstsein von etwas, wie Heidegger und Husserl sagen, und das ICH ist ein Objekt des Bewusstseins, wie Sartre sagt. Das Bewusstsein schafft also das Ich. Und das Ich ist bei ADDlern in vielen Facetten schillernd, wie ich sage möchte. Das scheint mir klar, denn Bewusstsein hat mit Wahrnehmung (innerer und äusserer) zu tun, und Aufmerksamkeit ist gezielte (intentionale) Wahrnehmung, wenn diese auch fluktuierend ist.

 

Sartre sagt: Die Existenz des Mensch geht seiner Essenz (Wesen) voraus (S. am Ende), d.h. der Mensch hat keine prädefinierten Eigenschaften - ausser vielleicht die physiologischen Grundbedürfnisse - sondern ist einfach mal da als (leere) Existenz, die mit Inhalten gefüllt werden will. Der Mensch ist das, was er aus sich macht. Er muss sein Menschsein ständig neu erfinden, wie ein Computer der eingeschaltet wird, und nach dem Start des (grundlegenden) Betriebssystems die eigentlichen Programme und Dateien, mit denen er arbeitet, vom Server holt. Der Server ist der Geist, den ich wie gesagt nicht im metaphysischen Sinn verstehe.

Als Ergänzung möchte ich auf folgende gut verständliche Erklärung von Hagen Bobzin (uni-siegen.de) hinweisen: Als Kernsatz der Philosophie Sartre verstehe ich [Bobzin] die Aussage „Die Existenz geht der Essenz voraus.“ Essenz bezeichnet das [eigentliche] Wesen einer Sache, im konkreten Fall das Wesen des Menschen. In der traditionellen [v.a. scholastischen, mittelalterlichen] Philosophie verstand man unter der Essenz des Menschen die Gottähnlichkeit des Menschen [„Gott schuf den Menschen nach seinen Bilde“], d.h. es existiert ein [ideales] Bild vom Menschen, gewissermassen eine „Idee“ des Menschen, auf das der Mensch in seinem Dasein sich ausrichten sollte. Der [an sich unvollkommene] Mensch sollte danach streben, diesem [Ideal-]Bild ähnlich zu werden [Hier scheint nach meinen bescheidenen Erkenntnissen die Ideenlehre Platons durch, die 2000 Jahre lang das abendländische Denken beeinflusst hat – Nietzsche würde wohl sagen: vergiftet – hat, denn wer ein solches Ideal verfolgt z.B. als perfekte Hausfrau oder Eltern, scheitert unweigerlich]. Wenn Sartre nun sagt, dass nicht die Essenz der konkreten Existenz des Menschen als positive Zielfolie vor Augen liegt, sondern vielmehr umgekehrt, die Existenz vorausgeht, so ist damit ein nachmetaphysischer [ich würde sagen nicht metaphysischer] Standpunkt eingenommen. Inwiefern? Wenn der Mensch nicht mehr als Gottes Ebenbild angesehen wird, dann heisst dies, dass sich der Mensch in Bezug auf seine Existenz [sein Dasein] in einer Situation absoluter Freiheit [zumindest theoretisch, es gibt noch die Sachzwänge] – und damit auch UNSICHERHEIT [bedingt v.a. durch die Wahlmöglichkeiten, was natürlich Angst auslösen kann] – befindet. Dass heisst, dass der Mensch seine Existenz [wohl richtig: Essenz], also seine Wesenheit, selbst wählen muss, und zwar in einem frei gewählten Entwurf. Sartre radikalisiert das in dem Satz: „Der Mensch ist nichts anderes als sein Entwurf, er existiert nur in dem Masse, in welchem er sich verwirklicht, er ist also nichts Anderes als die Gesamtheit seiner Handlungen [und Unterlassungen], nichts anderes als sein Leben [das er führt]. – Danke soweit an Hagen Bobzin. Zum Begriff des Entwurfs kann man auch sagen, der Mensch ist ein Projekt. Heute sind viele in irgendwelchen "Projekten" tätig. Das trifft auf den Menschen als ganzes zu. Das vorher Ausgeführte ist gewissermassen die Essenz des Existenzialismus. Essentiell heisst übrigens: bedeutungsvoll, bedeutsam, wesentlich, zentral, substantiell, etc. nach Duden. Diese Betonung der Freiheit bedeutet, dass der Mensch für sich und sein Leben voll selber verantwortlich ist. Dessen sollte man sich in aller Klarheit bewusst sein. Weiter kommt hinzu, dass sich der Mensch in seiner Umwelt, im Hier und Jetzt positionieren muss. - Dazu später, wenn ich dazu komme.

Nachträgliche Ergänzung: Ein zentraler Begriff der Existenzphilosophie von Sartre ist nicht die Angst, sondern die FREIHEIT: "Der Mensch ist zur Freiheit verdammt." Das kann natürlich Angst auslösen, wenn man immer die Wahlmöglichkeit hat; sich entscheiden muss; den "Zwang zum Glücklichsein" verspürt.

25.06.2005 um 12:26 Uhr

Mein Konzept zum Verständnis von ADS bei Erwachsenen

Mein Konzept zum Verständnis von ADS bei Erwachsenen, insbes. auch unter dem Blickwinkel der Messieproblematik, Messiesyndrom (25.6.05 neu bearbeite, im Gegensatz zu meinem anderen Blog bei http://www.addiemessmer.blog.de/main/)

[Der Name der Vorlage "human condition" gefällt mir sehr gut: Ich werde mal etwas über die condition humaine schreiben]

 

Wie erst wenig bekannt ist, kommt das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) auch bei Erwachsenen vor ohne oder mit Hyperaktivität, welch sich als GETRIEBENHEIT, Gespanntheit ("wie unter Strom") oder UNRUHE äussert (kann z.B. nicht still sitzen und an Ort verweilen; der Blick schweift suchend hin und her).

DEFIZIT ist eigentlich falsch, denn die Aufmerksamkeit (Wahrnehmung) ist durch die Reizoffenheit nicht defizitär, sondern im Gegenteil nicht hinreichend gefiltert, selektiert, weshalb man besser von Aufmerksamkeits-Selektions-Syndrom oder Störung sprechen würde. Ich ziehe den Ausdruck Störung vor, wie er im engl. Attention Deficit Disorder ADD zum Ausdruck kommt. Dabei möchte ich noch ein A anhängen, also ADDA (für ...as adult; als Erwachsener). ADD erscheint mir eine wichtige Ursache für Desorganisiertheit und Messietum (Chaos, Unordnung, Sammeln Horten von Gegenständen) zu sein. ADDler sind anfällig für das Messiesyndrom; jedoch sind nicht alle Messies sind ADDler. ADD ist aber als erstes in Erwägung zu ziehen. Wenn man auf die betr. Messie-Sites im Internet geht, erstaunt es, wie wenig bekannt den Messies der Ansatz ADS/ADD ist und umgekehrt; wie wenig aus dem Blickwinkel ADS, ADHS die Messieproblematik bekannt ist.

Noch etwas: Mancher mag ADD-Züge bei sich entdecken, ohne ADD zu sein (ADD hat man nicht, sondern IST es gemäss Lynn Weiss, S. unten). Die Bandbreite ist gross, und jeder muss für sich selber entscheiden, ob er ADD ist oder nicht. Das Phänomen ADD ist eine Definition für ein Zusammentreffen verschiedener charakteristischer Symptome („Syndrom“) in einer Person. ADD ist weder gut noch schlecht, sondern die gedankliche Vorstellung eines Phänomens, die sich durch Erfahrung bewährt hat.  Wichtig ist daher Kenntnis und Verstädnis der Merkmale, Kennzeichen ( „Symptome“)

 

ADDA oder einfach ADD ist gekennzeichnet durch folgende MERKMALE:

REIZOFFENHEIT gegenüber äusseren (Wahrnehmungen) und inneren (Gedanken, sprunghafte Assoziationen) Einflüssen, als eigentliche URSACHE für alle anderen Merkmale, weshalb es tatsächlich ein Aufmerksamkeits- oder Wahrnehmungsproblem ist (und nicht etwa eine Modediagnose für störendes Verhalten von Kindern).

Dies hat zur Folge, dass ADDler den Gedankenfluss oder -strahl, nicht oder nur schlecht FOKUSSIEREN (sich nicht konzentrieren) können (das hat übrigens mit Focusing nach Gendlin nichts zu tun). Damit geht eine Tendenz zur Abschweifigkeit zsuammen, d.h. eine mehr oder weniger ausgeprägte ABLENKBARKEIT, weil nebst übrige (nebst der eigentl. Aufgabe) äussere und innere Reize NICHT oder schlecht HERAUSGEFILTERT werden können. Dadurch ist es sehr schwierig, das Interesse bei öden Aufgaben (Aufräumen) aufrecht zu erhalten.

Auf der anderen Seite können ADDler HYPERFOKUSSIEREN, d.h. sich lange Zeit intensiv mit einer Aufgabe beschäftigen, die sie interessiert und bei der sie sich gut fühlen. Das bedeutet, die MENTALE WERTIGKEIT von Gedanken und Aktivitäten, die ja immer mit GEFÜHLEN besetzt sind, ist überaus wichtig. Böswillig kann man sagen, ADDler sind übertrieben von einem unmittelbaren LUSTPRINZIP im Sinne einer GUTEN STIMMUNG abhängig (und sollen sich gefälligst etwas mehr zusammenreissen).  Diese Abhängigkeit von Lustprinzip bedeutet, dass langweilige Aktivitäten (Haushalt, Abwasch) vernachlässigt werden und eher auf lustvolle Aktivitäten ausgewichen wird (diese werden dann übertrieben sorgfältig gemacht), statt die PFLICHT zu tun (VERMEIDUNGSTENDENZ). Dieses gute Gefühl wird als FLOW (spez. Glücksgefühl bei befriedigender Aktivität) bezeichnet. Ist der nicht da, fühlt sich der ADDler nicht gerade depressiv, aber öde und leer. Um in den FLOW zu geraten, den der ADDler anscheinend braucht, und in den man auch z.B. beim Abwasch geraten kann, brauch der ADDler einen mentalen ANSCHUB, eine SELBSTMOTIVATION, um den Ideenstrom abstellen und ZU Fokussieren, d.h. eine gewisse MENTALE ENERGIE, um das SCHWERE innere SCHWUNGRAD in Bewegung zu setzen. Um dies zu tun, entwickelt der Messie-ADDler eine GROSSARTIGE IDEE: aus einem anstehenden kleinen Abwasch wird ein ganzer Hausputz, was er aber aus Erfahrung in der gegebenen Zeit nicht zu schaffen ist. Das weiss er natürlich, denn er ist nicht blöd, und lässt es dann halt lieber bleiben. Der NichtADDler macht das Notwendige einfach so ohne gross zu denken nach dem Prinzip "just do it". Der ADDler kann das nicht gut, weil er wie geschildert, ANLAUFSCHWIERIGKEITEN hat nebst den erwähnten Konzentrationsschwierigkeiten. [Bemerkung: Ich bin jetzt selber in einem Flow, währenddem ich diese Gedanken entwickle, weshalb würde ich es denn sonst dies tun; Dankbarkeit bekomme ich wohl kaum. Ich möchte aber meinen, dass einige Gedanken in dieser Aufstellung durchaus originär sind, und ich bitte darum, dass man mich zitieren möge]

IMPULSIVITÄT im guten Sinn (schnelle Begeisterungsfähigkeit; ständig werden neue Projekte, angerissen, aber oft nicht beendet, dadurch entsteht eine SELBSTÜBERFORDERUNG) als auch im schlechten Sinn (unadäquate Wut, Zorn, Aufbrausen wegen mangelnder Filterungsfähigkeit, also eine EMOTIONALE INSTABILITÄT). Das alles und die entsprechenden negativen Erfahrungen führen zu einem typischen

FREMDHEITSGEFÜHL, das nicht ständig vorhanden sein muss. Dieses ist ein EXISTENZIELLES GRUNDGEFÜHL (S. meinen Blog zu Existenzialismus), z.B. sich sonderbar oder irgendwie abnormal, oder nicht zugehörig, wie in Watte etc. zu fühlen. Insbesondere bei jüngeren ADDlern ist daher ein WENIG GEFESTIGTE PERSÖNLICHKEIT mit leichter Beeinflussbarkeit zu beobachten (S. dazu auch unten, Selbstkonzept). Dies und die erwähnte Impulsivität kann verschiedentlich dazu führen, dass ADDler sich

UNADÄQUAT VERHALTEN bis zur Unanständigkeit (welche aber nicht gewollt ist und nachher bereut wird); unpassende Bemerkungen machen, in Fettnäpfchen treten. Ein wichtiges Merkmal in diesem Zusammenhang ist auch das hektische

DREINREDEN im Gespräch, d.h. nicht ausreden lassen, dreinplatzen, aus Angst, etwas Wichtiges zu vergessen (durch das Gespräch assoziativ angeregter Gedankensturm im Kopf). Anstehen in einer Schlange, also Warten mit Nichtstun wird als äusserst unangenehm empfunden.

Auf der anderen Seite haben ADDler z.T. ein ausgeprägtes

EINFÜHLUNGSVERMÖGEN, sehen bei anderen die Probleme glasklar (S. diese Aufstellung!), aber bei sich nicht, oder wenn sie es tun, können sie nicht danach handeln; können mit problematischen Menschen gut umgehen; sind in der Regel liebe umgängliche Menschen und gehen offen und unbefangen auf andere Menschen zu.

DESORGANISIERTHEIT: Tendenz zu Unordnung, Chaos, Messietum; Sachen verlegen, nicht finden, Termine vergessen; SCHLECHTES ZEITGEFÜHL (bei Aktivitäten). Sie können bei der alltäglichen Lebensgestaltung

KEINE PRIORITÄTEN SETZEN, WICHTIGES und UNWICHTIGES, (Wertvolles/Brauchbares bzw. Wertloses/Unbrauchbares) nicht oder nur schwer unterscheiden, die nötige gedankliche Arbeit wird als zu anstrengend empfunden. Dies äussert sich v.a. auch im Umgang mit Dingen, Sachen. Alles ist mehr weniger gleich wichtig oder unwichtig, Dinge (Schlüssel, Ausweise) werden irgendwo abgelegt und vergessen, da etwas anderes in den Sinn kommt. Diese beschriebene Abhängigkeit von der GEFÜHLSWERTIGKEIT von Tätigkeiten LUSTVOLL/ÖDE gilt (S. oben) gilt insbesondere auch für DINGE/SACHEN (ADD ist daher sehr bedeutsam für das MESSIESYNDROM).

Als Nachteil zu nennen ist weiter ein

HANG zu DEPRESSIONEN, infolge der entstandenen Schwierigkeiten, Resignation, Blockaden (eine depressive Verstimmung hält in der Regel beim ADDler nicht lange an, weil (v.a. intelligente) ADDler ihr FLEXIBLES, d.h. nicht starres SELBSTKONZEPT (sehr wichtig im Umgang mit Depressionen) eher justieren, d.h. anpassen können. Wenn man mit zunehmendem Alter mit dem FREMDHEITSGEFÜHL vertraut ist, und dieses dadurch etwas abgelegt hat, ist man nicht fixiert auf Konzepte, sondern offen für neue Ideen, weshalb es nie zu spät ist, sich zu ändern.

Vor allem bei älteren ADDlern, besteht neben der Gefahr der seelischen Verödung die Gefahr des

SUCHTMITTELMISSBRAUCHS (ALKOHOL etc.) und GEFAHR DER VERWAHRLOSUNG Bei Messies treten insbesondere MINDERWERTIGKEITSGEFÜHLE (= Depressivität), z.B. wenn ihnen das Chaos wieder einmal schmerzlich bewusst wird und ein Versuch, dagegen anzugehen gescheitert ist oder einfach allgemein die Kraft dazu fehlt. Dies führt langfristig zu Rückzug und Isolation, besonders bei Alleinlebenden. In Partnerschaften lebende Prä-Messies haben das Problem in der Regel im Griff, vorausgesetzt, der/die Partner/in ist nicht auch Messie. Das Vollbild bricht oft erst aus bei einer Scheidung/Trennung oder Tod des/der Partner/in.

Als Vorteil von ADD beschrieben wird das

INTENSIVE ERLEBEN, eine gewisse DRAMATIK und FARBIGKEIT des Lebens. „Wer ADS hat erlebt die Welt in Technicolor“ (Lynn Weiss, „ADS im Job“). Diese Autorin, selber ADS-Betroffene, preist die Vorteile von ADS, da es  mit gewissen Fähigkeiten und Talenten verbunden ist, z.B. mehrere intensive Tätigkeiten gleichzeitig tun können, doch die Nachteile dürfen nicht übersehen werden. ADS sei kein Defizit, keine Störung und kein Mangel, sondern ein Anderssein, bedingt durch eine andere Verdrahtung (Wicklung) im Gehirn. Nach Weiss hat man nicht ADS sondern IST ADS. Ein anderer Verklärer von ADD ist der US-Autor Thom Hartmann "Leben mit ADD", eine äusserst versiertes Multiltalent und natürlich selber ADD-Betroffener wie der Schreiber dieses Textes. Man muss sich vor dieser ansteckenden amerikanischen Begeisterung für ADD schon etwas in Acht nehmen. Aber die Sicht des Abnormal- oder Krankseins, die mit ADD verbunden ist, wird stark relativiert.

ADD hat nichts mit einem MANGEL AN INTELLIGENZ zu tun. Im Gegenteil: ADDler können sehr intelligent und künstlerisch begabt sein, und einen HOHEN AUSBILDUNGSSTAND haben. Viele Künstler, ja Berühmtheiten waren oder sind ADD-Betroffene (es ist sicher davon auszugehen, dass der grossartige Schriftsteller Hemingway ein ADDler war; er war bekanntlich auch ein grosser Trinker).

Aufgrund meiner bisherigen relativ kurzen Beschäftigung mit dem Thema ADS, Borderline (die Abgrenzung müsste man noch definieren) und insbesondere das Messietum sowie Zwangserkrankungen (ich vermute, das ist ADS hoch drei) ist alles eine Frage der WAHRNEHMUNG (perception), und zwar dergestalt, dass das PROBLEM (wie jedes Gefühl) IM KOPF liegt, d.h. durch irgendwelche Botenstoffe oder Hormone, ein zuviel oder zuwenig davon, verursacht. ist. Das weiss man aus der Hirnforschung, Verhaltenspsychologie etc. Für Fachleute mag das banal klingen; für mich als Laien ist das aber, in seiner Tragweite begriffen,  eine OFFENBARUNG. Julien de Lamettrie („l'homme machine“, 1748) hatte eigentlich recht: Der Mensch ist irgendwie eine Maschine, wenn auch eine äusserst komplizierte, äusseren und inneren Einflüssen unterworfen. So brutal es tönt, so wahr und irgendwie faszinierend ist diese Erkenntnis: Vorübergehend zu wenig Sauerstoff im Hirn (z.B. Schlaganfall), und der Mensch ist ein sabberndes und stammelndes Wesen, also total verändert.

 

Jedes Verhalten wie auch jede Störung wird durch gewisse Vorgänge im Kopf  sprich Hirn gesteuert. Das vielbeachtete MANIFEST der Neurowissenschafter über die Hirnforschung, die grosse Fortschritte erzielt und psychische Krankheit noch gezielter medikamentös wird beeinflussen können, ist für mich völlig nachvollziehbar und einsichtig, nachdem ich unter dem Einfluss von Ritalin auf Geheiss meiner Frau die Zeitungen vom Wochenende ohne Weiteres wegräumte. Sonst hätte es mich geschmerzt, weil ich noch nicht alles gelesen hatte oder diesen oder jeden Artikel ausschneiden wollte.

 

HEILUNG: Diese muss im Kopf ansetzen. Keine Scheu, Medikament einzusetzen, wenn diese helfen. Das Medikamente Ritalin hilft, auch bei Erwachsenen, ungemein, den Gedankenstrom zu fokussieren bzw. Reize zu filtern. Das heisst nicht, dass man das Medikament für immer einnehmen muss, und es sonst keine Besserung gibt. Daneben erscheint mir eine VERHALTENSTHERAPIE nötig und hilfreich, aber auch Selbsthilfegruppen. Das heisst aber nicht, dass ich Psychotherapie als nutzlos ablehne. Jedes Gespräch, jede BEGEGNUNG (auch die Lektüre dieses Blogs) kann eine (hoffentlich positive) Veränderung im Gehirn bewirken. Man spricht ja von der Plastizität des Gehirns, d.h. dieses ist bis ins Alter veränderbar. Hoffnung ist also immer berechtigt.