Mein Leben
ist ein ständiger Kampf zwischen dem Realitätsprinzip und der Sehnsucht nach
persönlicher Vervollkommnung. Es gibt Menschen für die nur das Realitätsprinzip
einen Wert hat, weil es sich ökonomisch fassen lässt und somit messbaren Wert hat: Einsatz von Zeit führt
zur Vermehrung von Geld. ‚Time is money‘ wie Benjamin Franklin es schon 1748
bündig formulierte. Ich habe mich schon immer gegen diese Art von antrainiertem
Realismus gewehrt. Obwohl das schon zu
stark formuliert ist: eigentlich habe ich mich ihm meistens entzogen. Wenn ich
nur an die vielen leidvollen Schultage zurückdenke: ich sehe mich, wie ich auf dem Heizkörper sitze, aus dem Fenster sehe und die Minuten zähle bis ich aus dem Haus muss, gepeinigt von der Angst abgefragt zu werden, Demütigung
zu erfahren, und ich sehe hinaus in die Natur und frage mich, wie das nur
möglich ist, dass bei all dieser Herrlichkeit und Wunderlichkeit da draußen,
ich mich jetzt in diese Repressions- und Selektionsapparatur Schule einklinken
muss. Was hätte Lernen sein können, wenn man es mir anders, mir gemäß beigebracht hätte, ohne
Angst, ohne Einschüchterung. So wie der junge Gustav in Stifters ‚Nachsommer‘
Bildung erfährt, aber das habe ich erst sehr spät begriffen, da war die Schule
schon fast vorbei…
In Goethes
‚Wilhelm Meister‘ wehrt sich Wilhelm auch gegen die Vernutzung seiner Talente
und Leidenschaften durch einen sterilen Kaufmannsberuf. Stattdessen zieht er in
die Welt, um sich und seine Seele zu bilden: Er schließt sich eine
Theatergesellschaft an und erlebt allerhand Abenteuer, die ihn nach einigen
Jahren zu einer ‚Person‘ reifen lassen. Als Gegenpol zu Wilhelm führt Goethe
Werner ein, der ganz dem Realitätsprinzip verpflichtet ist und Wilhelms Reifeprozess
lächerlich macht, und ihn beim Wiedersehen als ‚Persönchen‘ betitelt und ihn
anhält seine erreichte Lebensbildung wenigstens in Form einer günstigen Heirat
ertragreich zu machen. Werner ist unfähig zu Muße, zu Müßiggang: jede Handlung
ist ihm Investition und wird beurteilt nach ihrer zu erwartenden Rendite.
Die Norm kann
so grausam sein. Sie ist wie ein erbarmungsloser Magnet, der die Kompassnadel
unseres Seins beständig von ihrem Ziel abzubringen versucht, und es kostet viel
Kraft den Kompass nicht von sich zu werfen, ihn für fehlerhaft zu erachten und schließlich zu vergessen, dass es ihn überhaupt jemals gegeben hat...