Schatten sind viele

29.04.2005 um 16:17 Uhr

Befindlichkeiten

von: Alcide

Habe Claudia fürs Kino abgesagt. Auch meine Freunde halte ich weg von mir und schütze Arbeit vor. Will der Gefahr, dass zu viel Welt und Eindruck an mich heranströmt möglichst entgehen... Außerdem hasse ich meine Stimme in Zeiten seelischer Unausgewogenheit und Schweigen erscheint mir sowieso ehrlicher...

Wird also mal wieder einer dieser austauschbaren TV-Abende, aber immerhin kommt das 'Literarische Quartett', wenn auch nur zum überholten Schiller, aber MRR mal wieder schwadronieren zu sehen, wird mir hoffentlich den Abend retten... 

29.04.2005 um 16:04 Uhr

Rollenspiele

von: Alcide

Die beiden gestrigen Tage standen ganz im Zeichen beruflicher Präsentation. Schmiss mich also in mein Sakko, setzte eine geschäftige Mine auf und versuchte die Komödie so gut es ging mitzuspielen... Mit Erstaunen muss ich immer wieder feststellen, dass der Zugang zur Welt für die anderen ein ganz unmittelbarer sein muss. Sie sind das, was sie sind; sie identifizieren sich mit ihrer Rolle und das verleiht ihnen Sicherheit, die mir so total fehlt. Ich kann meine Rolle immer nur spielen und ich komme mir darin immer so vor wie ein kleiner Bub in viel zu großen Kleidern... Und deshalb fällt auch der Zugang zu den anderen Menschen so schwer, weil ich gerne den direkten Zugang hätte ohne diesen Umweg über berufliche oder gesellschaftliche Setzungen...

26.04.2005 um 15:28 Uhr

De profundis...

von: Alcide

Sehr dunkle, einsame Wochen sind das... Musste mich heute mal wieder in der Arbeit blicken lassen. Will eigentlich nur wieder heim, was ich auch gleich tun werde, dann unter meine Bettdecke und träumen... Bin im Moment nur glücklich wenn ich träume, und das hält dann manchmal sogar ein paar Stunden morgens noch an...

Auch Claudia hat sich wieder gemeldet. Sie ist von ihrem Urlaub zurück. Ich will mich ihr nicht zumuten. Ich will nicht, dass sie merkt, wie schlimm es um mich steht... weiß aber nicht wie ich jemals wieder aus diesem Tief rauskommen soll ohne ihr gütiges Lächeln... Mein Leben schmeckt nach Depression und Unglück... 

22.04.2005 um 13:05 Uhr

Nachtlektüre

von: Alcide

Zu dumm, dass ich die langen Nächte nicht nutzen kann, um zu lesen, wie sonst immer... Im Moment strengt es mich zu sehr an. Es ist so, als würde ich anfangen Grashalme zu zählen, wo ich doch eigentlich nur einen bezaubernden Garten sehen möchte. Habe wenigstens ein bisschen in Friedells Kulturgeschichte weitergelesen: der bunte Kostümreigen der Jahrhunderte hat mich eigentümlich beruhigt - alles geht vorbei...

22.04.2005 um 12:54 Uhr

Arbeit

von: Alcide

Habe heute vormittag tatsächlich zumindest 3 Stunden am Stück arbeiten können. Nächste Woche wird leider (oder besser zum Glück) wieder stressiger. Ich kann eigentlich auch nur so richtig gut arbeiten, wenn ich hinter der Arbeit verschwinde, wenn ich selbstvergessen in meiner Tätigkeit aufgehe und das entstehende Produkt eine Verlängerung meiner Selbst wird, es mir irgendwie an Herz wächst... das ist dann auch keine Arbeit, sondern aktives Tätigsein.

Arbeit so wie sie heute verstanden wird, als Entäußerung und Entselbstung, als Abgabe von Lebenszeit an ein Außen, ist demgegenüber ja eigentlich unerträglich... Aber für die meisten ist es eben ein Tauschgeschäft: man kommt man gut weg, und mal wird man betrogen. 

20.04.2005 um 08:47 Uhr

Willkommen in der Realität

von: Alcide

Lebe schon seit einigen Wochen wie in einer zweidimensionalen Welt, einer Welt ohne Tiefe, einer Welt ohne Seele... Wenn ich in das Außen keine Beseelung hineinlesen kann, dann bleiben die Dinge als das zurück, was sie ja vielleicht auch sind: Marionetten und Fassade... Mein Unglück ist dann nur folgerichtiges Ergebnis meiner Weigerung mich mit einer entseelten, ent-geisterten Welt zufriedengeben zu können... Nur die Illusion von Tiefe, die Illusion eines primitiven Dualismus, der kindliche Glaube an eine in Verzauberung befindlichen Welt, lassen mich die Ahnung von Zufriedenheit spüren...

20.04.2005 um 08:36 Uhr

Habemus papam

von: Alcide

Seit ich aus M. zurück bin, habe ich noch mit keinem Menschen gesprochen. Ich schlafe am Tage und bin die Nacht über wach. Gestern nach dem Aufstehen habe ich gleich im TV die Papstwahl von Ratzinger miterleben dürfen. Untrügliches Zeichen einer tiefen Depression ist bei mir, wenn ich anfange die Katholiken, ob ihrer Fähigkeit zu ihrer kindlichen, unterwürfigen Freude, zu beneiden. Aus der Logik des Systems Kirche ist er sicherlich eine gute Wahl. Und er ist mir noch nicht einmal ganz unsympathisch, weil mir seine intellektuelle, besonnene Art doch auch irgendwie gefällt...

20.04.2005 um 08:27 Uhr

Die Grenzen zum anderen Ich

von: Alcide

Ich war für eine Woche in M. zu Besuch bei meiner Familie. Daneben habe ich, (zugegebenermaßen etwas halbherzig), versucht alte, eingefrorene Freundschaften neu zu beleben. Aber es ging nicht so wirklich; vielleicht liegt es daran, dass ich in meiner Verletzlichkeit zu einer rüden Nachträglichkeit neige, deren Strenge niemand gewachsen ist, noch nicht einmal ich selbst... Um am Ende entziehe ich mich doch wieder, und von meinem Wunsch nach Verständnis und Nähe bleibt nur der schale Geschmack eienr verblassten Erinnerung zurück.

11.04.2005 um 18:31 Uhr

Sammlung und Auflösung

von: Alcide

"Du blickst die Ruhe meines Lebens tot."

 (Aus: Heinrich von Kleist: Penthesilea) 

11.04.2005 um 18:28 Uhr

Kühnheit

von: Alcide

Habe es immer noch nicht fertiggebracht Claudia zu sagen, was ich für sie empfinde. Es ist immer irgendwie nie der richtige Moment... oder sollte ich besser sagen: für einen Feigling ist der Moment nie richtig...

Haffner zitiert einen Satz von Shakespeare, der mir Mut macht. Sinngemäß drückt er aus, dass der Mutige genauso viel riskiert wie der Feigling, nur dass der Feigling darüber hinaus auf den 'Rausch der Kühnheit' verzichte. Ich denke ein Rausch aus Kühnheit wäre im Moment das einzige, das meinem abgestandenen Leben neue Kraft verleihen könnte. 

11.04.2005 um 15:09 Uhr

Ist alles stumm und leer

von: Alcide

"Ist alles stumm und leer;
Nichts macht mir Freude mehr;
Düfte, sie düften nicht,
Lüfte, sie lüften nicht;
Mein Herz so schwer!

Ist Alles so öd' und hin;
Bange mein Herz und Sinn;
Möchte, nicht weiß ich was;
Treibt mich ohn' Unterlaß,
Weiß nicht, wohin! [...]"

(Karoline von Günderrode: Ist alles stumm und leer)

11.04.2005 um 15:02 Uhr

Will nur schlafen...

von: Alcide

Fühle mich im Moment einfach nur leer und schwach. Es gibt einen Zustand, in dem man sich nicht einmal mehr an der eigenen Melancholie berauschen kann, in dem alles seelenlos und tot erscheint und einem die eigene Lebendigkeit wie ein letztes, peinliches Überbleibsel einer entzauberten Wirklichkeit vorkommt.

07.04.2005 um 13:45 Uhr

Flow

von: Alcide

Bin gestern seit längerer Zeit mal wieder allein Rennrad gefahren. Habe es sehr genossen mein eigenes Tempo zu fahren und meinen Gedanken nachzuhängen... Der großartige Moment stellt sich dann ein, wenn man plötzlich innehält und nicht sagen kann, woran man eigentlich die letzten 5km gedacht hat... Die Welt hört auf immer nur langsam verrinnende Zeit zu sein, mein Ich löst sich auf in Atmung, Kraft und Bewegung... Diese Form der Selbstvergessenheit ist es, die ich im Sport suche; es verschafft mir eine vorübergehende Auszeit aus der beständig um das Zentrum meines Ichs kreisenden Gedankenspirale...

05.04.2005 um 15:12 Uhr

Glück

von: Alcide

... und doch geht mir ein Satz aus einem Stück von Heiner Müller nicht aus dem Sinn. Er spricht darin von der "Angst vor der Schande in dieser Welt glücklich zu sein." Damit trifft er eine Befindlichkeit, die ich nicht loszwerden vermag, angesichts der Scheußlichkeiten um einen herum...

04.04.2005 um 18:04 Uhr

Dummer Stolz

von: Alcide

Ich bin froh, dass sich meine krankhafte Besessenheit für Claudia etwas abgemildert hat. Auch teilte sie mir gestern mit, dass sie ein Jobangebot bei sich in D. hat und wohl  bald fortgehen wird.

Verspüre Erleichterung, aber weiss, dass das schnell in Panik umschlagen kann, wenn es konkret wird... Als sie fragte, ob sie mir fehlen würde, konnte ich mich nicht zu einem konkreten Ja durchringen, sondern blubberte etwas von wegen sie wäre ja nicht die erste, die von hier wieder weggeht... (ganz der Romantiker!). Diese bescheuerte Antwort schmerzte mich noch den ganzen Abend. Sehne jetzt die Gelegenheit herbei ihr sagen zu können, wie wertvoll sie für mich ist... 

04.04.2005 um 17:45 Uhr

Glücklichsein

von: Alcide

Glücklichsein rührt aus dem Einklang von Wesensveranlagung und realer Umsetzung der Anlagen... 

Ich denke ein Vieles meines Unglücks rührt daher, dass ich einander widerstreitende Charaktereigenschaften besitze... da will jeder zu seinem Recht kommen, der Ehrgeizling und der Träumer, der Liebende und der Misanthrop, der Wüstling und der Heilige... und irgendjemand bleibt immer auf der Strecke, und niemand duldet den anderen neben sich.