Schatten sind viele

29.06.2005 um 08:21 Uhr

... als löste der Schmerz der Einsamkeit sich auf ins Leben der Gottheit

von: Alcide

Habe heute Nacht auch wieder begeistert im 'Hyperion' gelesen. Er hat eigentlich schon alles gesagt, was es zu sagen gibt:

"Eines zu sein mit allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen. Eines zu sein mit allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden [...]. Aber ein Moment des Besinnes wirft mich herab. Ich denke nach und finde mich, wie ich zuvor war, allein, mit allen Schmerzen der Sterblichkeit, und meines Herzens Asyl, die ewig-einige Welt, ist hin; die Natur verschließt die Arme, und ich stehe, wie ein Fremdling, vor ihr, und verstehe sie nicht." 

29.06.2005 um 08:06 Uhr

Risse in der Welt

von: Alcide

Habe mich fürs erste Mal wieder in die Nacht geflüchtet. Die Aussicht zumindest ein paar Tagen möglichen beruflichen Kollisionen und Anforderungen aus dem Weg zu gehen, war einfach zu verlockend. Es ist schon ein Ritual für mich geworden. Durch die Nacht in die Morgenröte hinein und im Herzen die kurzatmige Hoffnung wie Phönix aus der Asche als ein Neuer, Verwandelter aufzustehen...

Was mich im Moment sehr beschäftigt ist so ein banges Gefühl mich mehr und mehr zu entsubjektivieren, d.h. fehlende Motivation und Antriebsschwäche sind nicht Probleme als solche, sondern sie sind nur Ausdrucksformen einer tieferliegenden, grundlegenderen Störung (?) oder Seinsweise. Ich halte mich ganz einfach nicht für wichtig oder zumindest nicht wichtiger oder weniger wichtig als jeden anderen; ich habe keine Freude daran Meinungen zu haben, Positionen zu beziehen, Territorien abzustecken. Warum soll ich Dinge verstehen und durchdringen, wenn sie doch auch ohne mich genau so sind, wie sie sind, warum muss die Welt nochmal an mir gebrochen werden? Ich habe und hatte noch nie Freude an irgendwelchen materiellen Gütern, im Gegenteil empfinde ich sie eher als Belastung... Die Welt ist nur erträglich als Aufgabe, die einem täglich entgegenfließt; wenn man sich seiner Aufgabe verweigert bzw. wenn die Koordinaten der Seele in Feindschaft liegen mit dem materiellen Grundkonstanten des Daseins, dann wird jedes Werden zur Qual... in meinem tiefsten Inneren sehne ich mich ja nach einem ungebrochenen Sein, dass ich hier aber nur unvollständig im Rausch erfahre, im Dionysischen oder in der Sphäre der Ästhetik, dann wenn sie an den Grenzen von Raum und Zeit kratzt und wenn sie uns aus dem Gefängnis der Logik befreit.

27.06.2005 um 15:29 Uhr

Wettkampf am Samstag

von: Alcide

Dass ich bei diesem Wettkampf am Samstag überhaupt mitgemacht habe, war einfach nur ein Witz! Schon nach den 4km 'Hinrollen' zum Berg war ich kaputt und meine Beine gaben nichts mehr her, dabei wollte ich es doch langsam angehen... Dann überholten mich auch noch gleich alle, bis sich nur mehr der Krankenwagen längere Zeit hinter mir aufhielt, wobei ich mir auch unschlüssig darüber war, ob mich das beruhigen oder beunruhigen sollte. Konnte gar nicht so viel trinken wie ich hinausschwitzte. Wollte eigentlich schon aussteigen, aber in ein paar Kilometern winkte schon ein Flachstück und so quälte ich mich bis ich auf die Ebene gelangte. Endlich verschwand dann die Sonne und im letzten schweren Steilstück ging ein gewitterartiger Wolkenbruch mit Hagelschauern nieder, der die Straße nur mehr halbseitig befahrbar machte. Aber körperlich ging es mir besser und ich holte immerhin ein paar Konkurrenten wieder ein, so dass ich mit Sicherheit sagen kann, dass ich nicht letzter geworden bin... Oben im Ziel war es dann so kalt und ich völlig durchnässt, dass ich die Siegerehrung und offizielle Ergebnislisten nicht abwartete und stattdessen mit zittrigen Händen und Beinen wieder ins Tal rollte.

Alles in allem also enttäuschend. Schwanke dann in meiner Reaktion auch immer zwischen den Extremen, entweder ganz aufhören, mich nur mehr dem Gesundheitssport widmen oder eben jetzt erst so richtig einsteigen und das Doppelte oder Dreifache trainieren, um mitfahren zu können. Der Sport ist für mich eine große Versuchung, weil er dem Leben Struktur verleihen kann. Es ist wie eine Verfassung, die man selbst unterzeichnet hat, ein großes Ja und ein eindeutiges Bekenntnis zum Apollinischen... 

23.06.2005 um 17:16 Uhr

Sport und Spiel

von: Alcide

War gestern eigentlich noch sehr beschwingt und richtig motiviert. Habe mich nämlich ganz spontan für einen Wettkampf, ein Straßenradrennen am Samstag angemeldet - genauer: ein Bergkriterium, also nicht so lange, aber dafür eine Stunde mit Puls über 180... den letzten Wettkampf, den ich gemacht habe, das war vor einem jahr, aber da haben es die Veranstalter nicht so ernst genommen und einen mal so eben eine halbe Stunde nach dem offiziellen Start losfahren lassen... Aber übermorgen, das ist ein richtiges Amateurrennen und ich bin ziemlich nervös, empfinde es plötzlich als Anmaßung mit meinem Trainingsumfang da überhaupt mitfahren zu wollen. Es werden ungefähr 200 Teilnehmer sein. Man muss sich ja Ziele setzen: also ich will nicht im letzten Viertel sein, d.h. besser als 150. wäre toll... Und es gibt ja noch eine Hobbyfahrerwertung... Ja, also den selbstgewählten Wettkampf finde ich total klasse, da entdecke ich einen richtigen Spieltrieb an mir, den ich sonst nicht sonderlich pflege...

Bin erst im Morgengrauen eingeschlafen, war richtig panisch, weil ich ja jetzt auf einmal Schlaf brauche und Kohlenhydrate und viel Wasser, und das Umschalten in den Athletenmodus ist nicht so ganz einfach, wenn man sonst gewohnt war seiner Trägheit die Führung zu überlassen.

Heute bin ich etwas zerknirscht, missmutig und fühle mich auch auf diesem Blog nicht mehr wirklich wohl... Vielleicht ist es ganz gut, wenn Welten untergehen, und einen die Realität, der man zu entfliehen wünscht, einen auch hier einholt... 

21.06.2005 um 17:40 Uhr

Sommer, Ernährung, Elan

von: Alcide

Mann, dieses Wetter macht mich richtig fertig! Bin so richtig matschig, müsste eigentlich anständig arbeiten, aber nutze jede sich bietende Gelegenheit um mich ablenken zu lassen... Alles fällt so schwer, ernähre mich auch so furchtbar schlecht, habe auch kaum was daheim und vor Supermärkten graut mir ohnehin... Dabei fuhr ich am Wochenende auch noch insgesamt 170km bei über 30 Grad Hitze... Verausgabung ohne neuen Aufbau... sehr gesund, sehr gesund...

Hatte vorhin einen Termin bei meiner Bank. Offensichtlich habe ich zuviel auf meinem Girokonto und mein Berater ist nun verzweifelt dabei mir die Vorteile von Fonds, Aktien und anderen undurchschaubaren Dingen, die die da so machen mit Geld, zu erläutern. Mich amüsierte die Beflissenheit meines Beraters sehr. Er bot mir auch gleich das Du an, sehr jovial, ein Pfundskerl, und so pinselte er mir Kurven aufs Papier, und irgendwie ist es offenbar nie ein Problem, sagt er, ist die Kurve oben ist es gut, ist sie unten, dann kaufen wir ganz billig... ah ja... Für Ökonomie hab' ich aber einfach keinen Nerv, gab das auch gleich offen zu (mitleidig-gutmütiges Lächeln). Und dabei hat mich mein Vater immer in einer Bank arbeiten sehen wollen. Wahrscheinlich ist mir die Materie auch deshalb so zuwider... 

16.06.2005 um 18:19 Uhr

Brauche Veränderung

von: Alcide

Habe gestern einem befreundeten Paar beim Wohnungsumzug geholfen. Ich mache das gerne, Schränke tragen, an Ecken anschrammen, und die Diskussionen, ob man dem Schrank nicht doch mit einer Axt zuleibe rücken sollte, und wieviel wohl ein neuer bei Ikea kosten mag, und irgendwie kriegt man dann doch alles in die Wohnung. Danach ein Gefühl gesunder Erschöpfung, zum Chinesen eingeladen werden, sich gut fühlen, vollkommen kindisch über die Bedienung erheitert sein, wenn sie 'l' statt 'r' spricht (auf italienisch ist das sehr hübsch, 'vino losso' oder 'volete fumale'), sich wohlfühlen, auch in Gesellschaft, banges Wissen um die Schönheit des Moments...

Habe die beiden richtig beneidet... eine neue Wohnung, viel Licht und Platz, als alte Kleid abstreifen, eine neue Tür öffnen... Die Beharrlichkeit mit der ich an Dingen festhalte ist angesichts der momentanen Glücksabsenz eigentümlich unlogisch. Sollte uns Unglück nicht weiten, dass wir seinen beengenden Panzer sprengen und es abstreifen dadurch... stattdessen machen wir uns klein, und die Traurigkeit wird zum Nest, dass wir in tragischer Verkennung nicht mehr zu verlassen bereit sind... 

16.06.2005 um 11:39 Uhr

Suchen und finden

von: Alcide

"O, ewiges Geheimnis! was wir sind und suchen, können wir nicht finden, was wir finden, sind wir nicht."

(Aus: Friedrich Hölderlin: Der Tod des Empedokles) 

16.06.2005 um 11:37 Uhr

Mysterien

von: Alcide

"Was, wenn man dort oben wäre, zwischen Sonnen umhertriebe und Kometenschweife die Stirn fächeln fühlte! Wie war nicht die Erde klein, und die Menschen winzig. [...] Was war das schon, für so wenig Mensch zu sein? Man boxte sich im Schweiße seines Angesichts ein paar staubige Jahre durch, um dann trotzdem zu vergehen, trotzdem! Nagel fasste sich an den Kopf. Ach, das wird damit enden, dass er sich aus der Welt schaffte und mit allem Schluß machte! Würde er damit je Ernst machen können! Ja. Bei Gott im Himmel, ja er würde nicht zurückschrecken! Und in diesem Augenblick war er ganz entzückt, diesen simplen Ausweg in der Hinterhand zu haben; vor Begeisterung trat ihm Wasser in die Augen, er atmete fast lauthals. Er schaukelte bereits auf dem Himmelsmeer umher und fischte mit einer Silberangel und sang dazu. Und das Boot war aus duftendem Holz, und die Ruder blinkten wie weiße Schwingen, das Segel aber, das war aus hellblauer Seide und geschnitten wie ein Halbmond. ... Eine bebende Freude durchfuhr ihn, er vergaß sich, fühlte sich hingerissen und versteckte sich im rasenden Sonnenschein. [...] Er befand sich in einem rätselhaften Zustand, voll psychischen Wohlbefindens; jeder Nerv in ihm war wach, er vernahm Musik in seinem Blut, fühlte sich mit der gesamten Natur verwandt, mit der Sonne und den Bergen und allem anderen, spürte sich aus Bäumen und Moos und Halmen her umrauscht vom eigenen Ichgefühl. Seine Seele wurde groß und volltönend..."

14.06.2005 um 18:58 Uhr

Lernzwang

von: Alcide

Vielleicht sollte ich auch langsam anfangen für die Prüfungen im November zu lernen. Und eigentlich sind es sogar wunderschöne Themen, an denen ich unter regulären Bedingungen sogar Spaß hätte… Aber wie immer ist es so, dass mir ein Thema nur so lange Spaß macht, solange kein Zwang dahintersteht. Wenn ich mich auf einmal dafür interessieren muss, verliert es schlagartig an Reiz, verwandelt sich in Belastung…

14.06.2005 um 18:50 Uhr

Grauer Himmel

von: Alcide

Habe heute die Arbeitsgruppe in B. besucht. Habe das lange hinausgeschoben, weil ich dachte, sie wären schlecht auf mich zu sprechen, denn ich hatte sie ein paarmal doch heftiger kritisiert, was eigentlich sonst nicht meine Art ist… Aber war nett, neue Eindrücke, neue Menschen, neue Probleme… Na ja, musste mal wieder getan werden, immerhin mal Abwechslung an einem sonst so fürchterlich grauen, bewölkten Tag, an dem sich der Himmel leider nicht durchringen konnte es endlich anständig regnen zu lassen… hasse dieses Zwischenwetter.

Am Freitag könnte es passieren, dass ich Claudia wieder sehe… Aber bin leider noch in der Schmoll-Phase… will also nicht hingehen… Mann, es ist Sommer, Juni, eigentlich mein Lieblingsmonat, und ich liege psychisch darnieder, will oder kann nicht aufstehen… In einer späteren Bilanz werde ich darüber den Kopf schütteln, und die vertane Zeit beklagen...

13.06.2005 um 16:11 Uhr

Stagnation

von: Alcide

Was mir eigentlich gerade am meisten an mir stört ist dies Lustlosigkeit, diese Antriebslosigkeit. Kein Ergebnis scheint den Aufwand zu rechtfertigen. Jeder Energieeinsatz erscheint so von vornherein unnütz, kaum etwas da, das mich affizieren könnte. Das bisschen Arbeit, ein bisschen Sport, ein bisschen polit-entertainment im TV, aber nichts was mein Herz in Schwingung versetzt… Ich kann mich selbst nur leiden, wenn ich innerlich brenne, wenn ich erglühe für etwas oder jemanden oder für eine Tätigkeit oder eine Idee oder eine neue Aufgabe… Ich mag mich nur motiviert. Aber woher diese Motivation nehmen?

10.06.2005 um 16:15 Uhr

Erloschen die Flamme

von: Alcide

Warum kann ich nicht glücklich sein? Wenn ich in alten Tagebüchern lese, kommt es mir so vor, als wäre mein ganzes Leben eine einzige Suche nach Glück, ein einziger Kampf gegen mich selbst und meine Unzulänglichkeit… Ich bin wie ein heimatloser Meteorit, der durch das Weltall treibt, und der doch so gerne ein Planet wäre, der sich nach einem Zentralgestirn sehnt, dass er umkreisen kann, dass Ordnung und Struktur verleiht, um den ‚kalten Atem des Universums‘ zu bestehen…

Jetzt, so ohne Sonne, so ungeblendet, sehe ich auf die Fragmente meines glanzlosen Lebens… und ich erschrecke, weiß nicht wie ich die losen Enden wieder zu fassen bekomme… alles, was vorher notwendiges Mosaik im Gesamtkunstwerk war, ist nun hoffnungslos zerbrochen und unbrauchbar… Ich packe meine Seele in Watte, ich führe meinen Körper Spazieren, bin überall und doch nirgends…

08.06.2005 um 12:01 Uhr

Des Lebens kurze Nacht

von: Alcide

„O Begeisterung! So finden

Wir in dir ein selig Grab,

Tief in deine Wogen schwinden

Stillfrohlockend wir hinab,

Bis der Hore Ruf wir hören,

Und mit neuem Stolz erwacht,

Wie die Sterne, wiederkehren

In des Lebens kurze Nacht.“

 

(Aus: Friedrich Hölderlin: Diotima, Mittlere Fassung, Strophe 15)

06.06.2005 um 17:18 Uhr

Beruf und Motivation

von: Alcide

Und Morgen wieder so ein nervtötendes, berufliches event: muss eigentlich nur ein paar Statistiken präsentieren, was nicht so dramatisch sein dürfte; aber schlimm finde ich diesen Zwang eine unbändige Motiviertheit und Arbeitsbegeisterung zur Schau stellen zu müssen… Das man gute Arbeit geleistet hat ist sekundär, wichtig ist das Verkaufen der eigenen Arbeit… Überall Verzerrung… wie einen neuen Anfang nehmen, wenn doch die Verpflichtungen einen zum Erhalten und Behaupten zwingen…? Vielleicht nach dem morgigen Tag, irgendwann…

06.06.2005 um 17:03 Uhr

Ferne

von: Alcide

Habe jetzt vier erholsame, wenn auch körperlich anstrengende Tage verlebt: war mit Freunden im Friul beim Rennradfahren. Wir bezwangen Pässe mit so klangvollen Namen wie: Passo della Morte, Passo Brutto, Sella di Razzo… Aber ganz im Gegensatz zu ihren abweisenden Namen waren sie von angenehmer Steigung und landschaftlich wirklich wunderschön… Radfahren ist für mich Meditation.

War auch wieder sehr angetan von den kleinen italienischen Städtchen. Das Sozialgefüge scheint mir dort noch intakt, die Menschen sind freundlich, heiter und gelassen, nicht so überfrachtet mit Ängsten und Sorgen, die Zeit geht dort anders; manchmal hält man kurz inne und vergleicht das Bild, das einem vor Augen steht mit einer beliebigen deutschen Stadt und man schüttelt verwundert den Kopf, und frägt sich, ob man es irgendwann wieder in dieser deutschen Perfektion aus Beton wird aushalten können…