Schatten sind viele

29.07.2005 um 15:57 Uhr

Mehr tun, weniger denken

von: Alcide

Gestern Abend war ich mit L. Radfahren. Es tat mir sehr gut nach langer Zeit wieder Umgang mit einem Menschen zu haben, den ich uneingeschränkt gern habe und dessen Achtung mir gut tut... Da er sich nach meinem Empfinden erkundigte, und er mir für eine Standardlüge zu schade ist, sagte ich ihm frei heraus, dass ich unglücklich bin... Warum?, fragte er. Und ich: Habe ich denn einen Anlass glücklich zu sein? Er: Was dir fehlt ist mehr Wein, Weib und Gesang, du musst mehr unter Menschen, dann hast du nicht so viel Zeit zum Nachdenken.

L. ist wahrlich ein begeisterter Pragmatiker, der überall die großartigsten Chancen und Möglichkeit zu Freude, Genuss und Eindruck sieht und diese auch wahrnimmt. In seiner Nähe wirkt Normalität nicht wie ein fadenscheiniger Kompromiss... Glück ist für ihn wie ein Apfel am Wegesrand: man muss nur absteigen und ihn sich pflücken... 

27.07.2005 um 15:30 Uhr

Exkurs: Stechmmücken

von: Alcide

In der letzten Woche haben mir die Stechmücken in der Nacht fürchterlich zugesetzt. Diese Biester werden von Jahr zu Jahr intelligenter, setzen sich kaum mehr an die Wand oder ins Licht und man braucht wahnsinnig viel Geduld um sie irgendwann doch zu kriegen; ich glaube wenn sie genug Blut von einem haben, dann werden sie nachlässiger, das ist dann die Chance um sie doch zu erwischen. Ich achte jetzt schon gar nicht mehr auf die weiße Wand (sieht mittlerweile ohnehin fast aus wie das Bergtrikot bei der Tour de France); Hauptsache ist: ich kann wieder im Bett liegen ohne jede Sekunde mit diesem hohen Pfeifgeräusch um die Ohren rechnen zu müssen...

27.07.2005 um 15:22 Uhr

Ich und Andere

von: Alcide

Irgendwie lebe ich doch immer nur im falschen Leben. Ich wundere mich so über die anderen Menschen, die das vorliegende Sein als natürlich vorgefunden und gerechtfertigt, ja gar positiv und gut empfinden. Ich ecke eigentlich überall an, wenn ich den Mund aufmache, deshalb lasse ich es auch meistens bleiben, denn man will die natürliche und gesunde Lebensauffassung der anderen nicht beschweren...

Die verwurzelten, heimatverbundenen Menschen sind als Einzelne durchaus angenehm, aber wenn man mit mehreren dieser Exemplare um einen Tisch sitzt, dann fühle ich mich wie ein Angehöriger einer anderen Gattung Mensch... 

26.07.2005 um 10:09 Uhr

Funktionslust

von: Alcide

Langsam kommt so etwas wie 'Funktionslust' zurück in mein Leben. Dieser Juli war bislang aber auch fürchterlich und irgendwann muss man ja am Grund des Sees angekommen sein, von wo es endlich möglich sein kann sich abzustoßen und wieder aufzutauchen...

20.07.2005 um 13:40 Uhr

Geist als Widersacher des Lebens

von: Alcide

Je mehr ich nach Wahrheit suche, umso mehr entgleitet sie mir. Der Geist, den ich noch vor einigen Jahren so schätzte, mit dem ich antrat der Verzweiflung und Einsamkeit zu trotzen, verwandelt sich nun in eine verderbliche Folie, die mich umspannt und die mich von aller Spontaneität und von aller Natürlichkeit entfernt.

Da es nun keine Regression geben kann in einen voremanzipatorischen, kindlichen Seinszustand, in dem man sich noch nicht gezwungen sah, das Leben mit Planung zu erdrosseln, um seine Krallen nicht zu spüren, so frage ich mich was am Ende dieses Tales auf mich wartet, was der nächste folgerichtige Schritt sein kann.

Dem Leben dürfte ich eigentlich nur spielerisch begegnen; ich darf es nicht ernst nehmen, sonst ist die Gefahr groß, daran zu Grunde zu gehen. Der einzig gehbare Weg ist die Flucht in die Illusion... 

11.07.2005 um 16:14 Uhr

Sonntag Abend

von: Alcide

Sonntag Abend ist der qualvollste Tag der Woche. Kann gar nicht sagen welch' Grauen da manchmal nach mir greift. Die Angst vor der nächsten Woche ist es nicht. Eher eine Trauer über das Unwiederbringliche, über das was verloren ist, dass wieder ein Tag meines Lebens verstrichen ist, ohne dass ich einer Antwort näher gekommen wäre. Ersehne mir einen Zustand von Harmonie und Ausgeglichenheit. Aber im Gegenteil, es fällt alles auseinander.... Der Welt entfremdet, mir selbst entfremdet... Ich bin wie ein Kompass ohne Nadel... im eigentlichen Sinne unbrauchbar...

07.07.2005 um 12:41 Uhr

... dass etwas passiert

von: Alcide

"Leben ist warten darauf, dass etwas passiert". Dieser Satz ist glaube ich von Dino Buzzati. Und für solch' einen Passivling wie mich, dem das Leben immer nur zustößt, hat er eine ganz eindringliche Bedeutung. Selbst wenn ich Tischtennis spiele, reagiere ich nur auf die Schläge des anderen, ich kann gut kontern, aber wenn ich versuche selbst das Spiel zu machen, das Heft in die Hand zu nehmen, den Gegner laufen zu lassen, dann mache ich Fehler. Diese Furcht davor einen Fehler zu machen, herauszufallen aus der 'natürlichen' Ordnung der Dinge ist tief verhaftet in mir. Ich konnte auch noch nie Menschen von mir aus anrufen. Das wird mir auch häufig vorgehalten und nicht selten als Arroganz ausgelegt. Wahrscheinlich nicht ganz falsch... Aber in erster Linie rührt diese Angst wohl daher nicht verantwortlich sein zu wollen für den Verlauf von Dingen. Mich irgendwie rein und heilig zu erhalten. Ich meine immer meine Probleme müssten mir auf der Stirn geschrieben stehen, jedem müsste das sofort auffalen, aber merkwürdigerweise hält man meinen Stoizismus mitunter für Coolness oder Abgebrühtheit. Ja, beim Fußball in der Jugend durfte ich sogar immer die Elfmeter schießen, weil ich ja angeblich so gute Nerven hätte. Und dabei habe ich schon Tage vor jedem Spiel den Schlusspfiff schon herbeigesehnt...

In Phasen "depressiver Verstimmung" (fast schon ein Euphemismus) kann ich mich auch fast nie selbst herausziehen, ich muss immer hoffen, dass mir "etwas passiert". Und meistens hatte ich auch immer das Glück wieder hineingedrückt zu werden ins Leben. Dorthin wo sich alles wieder harmonisch ins Nächste fügt, zumindest für ein wenig an Zeit...