Schatten sind viele

29.08.2005 um 17:29 Uhr

Disziplin

von: Alcide

Die meisten disziplinierten Menschen begreifen Disziplin als etwas, das ihnen hilft ein Ziel zu erreichen. Die Motivation ziehen sie aus den Glücksversprechungen in der Zukunft. Mir hingegen liegt das Erreichen eines Zieles eher fern, weil ich Verantwortung in einer aus den Fugen geratenen Welt nicht übernehmen möchte… Und dennoch peinige ich mich mit Disziplin…

Wenn ich meine Tage nicht fülle, wenn ich mich selbst nicht täglich antreibe, dann würde mich das Wissen um mein sinnloses, liebloses Leben zu ersticken drohen. Die Fülle, die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen rufen in mir nicht Freude und Begeisterung hervor, sondern lassen mich die Belanglosigkeit von allem nur umso mehr spüren. Was nützt es diesen oder jenen Weg einzuschlagen, wenn es nicht mein Weg ist? Immer wartete ich auf die Passion, die mich mit sich fortträgt, in der ich mich vergesse. Aber wieso Energien verschwenden in Halbherzigkeiten? Glücklich der Mensch, der eine Aufgabe hat, der das Leben nicht zu imitieren braucht, um sich gerechtfertigt zu fühlen…

29.08.2005 um 17:13 Uhr

Müde

von: Alcide

Ich sollte es besser lassen Samstags arbeiten zu gehen, bin dann nämlich am Montag so dermaßen geistig zerknautscht, dass ich den Tag dann doch noch zu einer zumindest andeutungsweisen Erholung benötige… Arbeiten, lernen, trainieren… wenn ich allen meinen drei Grundkomponenten meines derzeitigen Daseins den Raum zumesse, den ich mir dafür vorstelle, dann bin ich so dermaßen kaputt, körperlich und geistig ermattet bis auf den Grund, dass ich unfähig werde für alles andere Lebendige… Und von Zeit zu Zeit meldet sich dann das Gefühl nur Platzhalter zu sein für das Leben, das ein anderer führt, und ich weiß nicht mehr warum ich diesen täglichen Kampf ausfechte… Will doch nur eins sein in Denken, Fühlen und Handeln…

24.08.2005 um 18:20 Uhr

Liebst du das Dunkel

von: Alcide

"Liebst du das Dunkel
Tauigter Nächte
Graut dir der Morgen
Starrst du ins Spätroth
Seufzest beim Mahle
Stössest den Becher
Weg von den Lippen ..."

 

(Karoline von Günderrode: Liebst du das Dunkel)

24.08.2005 um 16:56 Uhr

Leicht-Sein

von: Alcide

War ein sehr netter Abend gestern. War erschreckenderweise sogar mal gut drauf und erzählte allerhand Unsinn; sprach auch dem Alkohol sehr zu, was ich heute natürlich wieder bereue, vor allem weil ich gleich zum Rennrad fahren muss... Lag dann noch lange wach, zusammengekauert am Boden liegend hörte ich Pachelbels Canon in einer Endlosschleife und war glücklich...

23.08.2005 um 18:00 Uhr

Leise Hoffnung

von: Alcide

Habe heute abend gleich zwei Verabredungen. Ein Sachverhalt, der nicht so oft vorkommt und allein deshalb schon besonderer Erwähnung bedarf. In einer Stunde gibt Claudia eine kleine Abschiedsfeier. Ich fand es sehr schön von ihr, dass sie mich dazu eingeladen hat. Habe jetzt noch knapp eine Stunde Zeit in der Stadt noch so etwas wie ein Abschiedspräsent für sie zu kaufen, aber habe natürlich noch keinen Schimmer was. Danach dann mal wieder Thomas-Mann-Abend. Ich habe heute gut Lust mich dabei zu betrinken - zuviel Sehnsucht, zu wenig Ziel...

16.08.2005 um 10:26 Uhr

Klettern

von: Alcide

War am Wochenende seit längerer Zeit mal wieder in den Bergen. Machte mit L. einen Klettersteig: war ganz nett, nur war er immer wieder durch längere Gehpassagen unterbrochen, so dass man so wirklich ins Klettern nicht kam... Dieses High-Gefühl, dass ich sonst immer am Berg spüre, war nicht wirklich da. Es überwog die Anstrengung und ein sonderbares Gefühl ausgegrenzt zu sein, hier jetzt nicht hin zu gehören. Trotzdem mal wieder ganz nett so einen Tag lang nur Mondlanschaft zu sehen und in seinen eigenen Körper hinein hören zu müssen... Habe noch drei Tage danach einen höllischen Muskelkater.

12.08.2005 um 08:31 Uhr

Barocklyrik

von: Alcide

Ich habe mich jetzt auch ein wenig mit der Barocklyrik angefreundet; habe darum sonst lieber einen Bogen gemacht, weil ich darin vor allem hohlen Pathos und übertrieben-ziselierte Manieriertheit erblickte. Aber so hin und wieder leuchtet unter dem dicken Staub doch die ein oder andere Perle hervor.

In der Sekundärliteratur heißt es sinngemäß, dass der übertriebene Formzwang vor allem daher rührt, dass sich hinter der Maske das Leid und die tiefe Lebensangst verbergen. Ich weiß nicht so recht, ob das so stimmt; nicht jeder der leidet verspürt Formzwang, aber zumindest rückt mir diese Lyrik näher... Habe auch von Grass 'Das Treffen in Telgte' gelesen und jetzt bekommen die Herren Rist, Gerhardt, Czepko, Hoffmannswaldau, Greflinger, Dach, von Zesen, Gryphius oder Grimmelshausen so langsam ein Profil: da gibt es die religiösen Schwärmer, die 'Teutschtümler', diejenigen die von der Nichtigkeit des Seins erfüllt sind und diejenigen, die die Lebensfreude bejubeln.

Was mir sehr gefällt, das sind die zum Teil drastischen Vermengungen von religiöser Innerlichkeit mit Liebeslyrik, etwa bei Angelus Silesius (Scheffler): "Als Gott verborgen lag in eines Mägdleins Schoß, Da war es, da der Punct den Kreiß in isch beschloß..." oder Hoffmannswaldau's 'An Lauretten': "Komm, komm' und öffne deinen Schoß und lass' uns beide nackt und bloß, umgeben sein mit Geist und Armen, und lass' uns tausendt tausendtmal, nach deiner güldnen Haare Zahl, die geisterreichen Lippen küssen." 

12.08.2005 um 08:08 Uhr

Schwarz oder weiß

von: Alcide

Mein Leben gestaltet sich in den letzten Wochen sehr merkwürdig. Nicht dass irgendetwas passieren würde, nein, es ist erschreckend langweilig und ereignislos. Seltsam ist allerdings, dass ich entweder überfunktioniere oder überhaupt nicht funktioniere, will heißen, entweder ich schaffe alles, arbeite hart und lerne die restliche Zeit wie ein Besessener, oder aber es geht gar nichts und ich liege darnieder und bemitleide, dass es in meiner Psyche noch nicht einmal zu anständigem Selbstmitleid reicht, dann wieder völlig überdrehtes Arbeiten und Vernutzung jeder freien Minute des Tages, und wieder Fall in Funktionslosigkeit und Apathie..

03.08.2005 um 17:03 Uhr

Ironie

von: Alcide

Gestern sah ich Claudia das erste Mal wieder seit Mai. Wir waren bei Freunden eingeladen. Sie sieht gut aus; ihre Zufriedenheit erdrückte mich... War überhaupt ein seltsamer Abend. Wir sahen uns die Zauberberg-Verfilmung an: hatte schon seine eigene Ironie neben Claudia zu sitzen und einen Film anzusehen, dessen eigentliches Thema das Eindringen dionysischer Kräfte (Begehren, Tod) in die geordnete, bürgerliche Existenz ist. Castorp hat es irgendwie besser auf die Reihe gebracht als ich...