Schatten sind viele

29.10.2005 um 09:28 Uhr

Identität und Modi des Seins

von: Alcide

Identität ist eine sonderbare Sache: das eigentlich erste Wunder ist natürlich, dass überhaupt etwas ist - das Sein als solches. Dann folgt ja eigentlich erst die Problematik des So-Seins oder die Frage, warum ich gerade Ich bin, in dieser spezifischen Seinsweise, in Raum und in Zeit, im Hier und Jetzt. Heute Nacht hatte ich irgendwie das Gefühl in der Zeit wie verschüttet zu sein, denn wenn man Einstein folgt und dem Sachverhalt Rechnung trägt, dass Raum und Zeit ja keine absoluten Größen sind, sondern relativ und wenn man dann ganz kantianisch sich Raum und Zeit als Kategorien der menschlichen Anschauungskraft vorstellt, dann könnte man sich ja auch denken, dass mit dem Wegfall des Körpers, mit dem Erlöschen der Ichheit man gleichsam herauskatapultiert wird in eine Seinsweise jenseits dieser Kategorien, und wenn ich dann zurück wollte (falls da noch ein etwas ist, das Ich fassen kann), dann läge ja das ganze Dickicht an Zeiten und Räumen von Äonen vor mir wie verschüttet oder ineinanderverschlungen da. Alles was kommen wird ist schon passiert und war schon immer da. Das schmeckt auch so ein bisschen nach einem strengen Determinismus, der mir eigentlich schon immer sympathischer war als sich eine freie Welt denken zu müssen.

Sah heute Nacht mal wieder "Being John Malkovic" - das nur als Anmerkung um die Abstrusität und das Mischmasch aus Einstein, Kant und Spinoza in den obigen Zeilen erklärbarer zu machen... und geschlafen habe ich auch nicht!

24.10.2005 um 17:10 Uhr

Von Zwängen und Wundermitteln

von: Alcide

Wieder ein einsames Wochenende. L. ist in Deutschland, Th. noch auf Hochzeitsreise, und irgendwelche Halbbekanntschaften würde ich nie anrufen. Immerhin lernte ich gut, und putzte mal so richtig durch die Wohnung… Wenigstens hat sich G. gemeldet und so kam er kurz vorbei, und brachte mir vier Flaschen von dem Noni-Saft mit, den ich bei ihm angefordert hatte. Das ist so ein elendig teurer Saft aus der Südsee über dessen Wirksamkeit die Meinungen auseinander gehen. Diejenigen, die ihn benutzen (und auch bezahlen) schwören zumindest darauf. Habe ihn schon vor einem Jahr mal für ca. drei Monate genommen (jeden Tag ein Schnapsglas und es schmeckt widerlich), und das allgemeine Wohlbefinden war in der Tat gesteigert und ich nahm auch ein ganzes Kilo zu, aber ob’s jetzt genau daran lag kann man ohnehin nie sagen… Wie auch immer, irgendwie mag ich diese Experimente…

Sah in der Nacht die Stifter-Doku von Kurt Palm im ORF. Mit Stifter würde ich mich ja auch gerne mehr auseinandersetzen, aber dazu fehlt mir im Moment die Zeit. Aber was ich ganz witzig finde ist, dass Stifter ebenso wie ich dazu neigte, sich Übersichten und Aufzeichnungen über eigentlich ganz uninteressante Dinge zu machen. Stifter notierte penibelst, was er gegessen hat oder wie lange er an einem Bild gemalt hat… Ich schreibe meine Aufsteh- und Bettgehzeiten, mein morgendliches Gewicht oder die Lesedauer von Büchern auf, und errechne mir dann die monatlichen Durchschnittswerte, eben einer dieser harmlosen, kleinen Zwänge…

15.10.2005 um 10:26 Uhr

... und morgen werde ich vielleicht mit Ehrfurcht zu leben verstehen

von: Alcide

Nachdem ich neulich an der Peripherie des schlimmsten Materialismus entlanggeschrammt bin, war ich (wen wunderts) auf der Suche nach ein klein wenig Erbauung und bin bei Emerson hängengeblieben. Er gilt gemeinhin als der Weise der Alltäglichkeit, der gerade im Kleinen und Alltäglichen das Wesentliche unserer Existenz betont. Er gebraucht Begriffe wie die "Mächte der Seele", die "Gesetzmäßigkeiten des Universums" oder die "göttliche Tiefe des Lebens", aber bei ihm sind sie nicht platt, sondern wirken auf mich, wohl aufgrund der Integrität seiner Persönlichkeit.

"Wenn ich heute morgen im Geiste Marc Aurels handeln konnte, so kommen sie nicht, um das hervorzuheben, denn ich weiß selbst, dass sich etwas ereignet hat. Wenn ich aber glaube, meinen Tag mit überflüssigen Kleinigkeiten vertan zu haben, und Sie mir beweisen können, dass ich dennoch ebenso intensiv wie ein Held gelebt habe und meine Seele ihre Rechte nicht verloren hat, dann werden Sie mehr getan haben, als wenn sie mich überredet hätten, meinen Feind zu retten, denn Sie haben die Summe und die Größe des Lebens sowie das Verlangen nach ihm in mir vermehrt; und morgen werde ich vielleicht mit Ehrfurcht zu leben verstehen."

(Ralph Waldo Emerson, Zitiert nach Maurice Maeterlinck: Emerson)

"Die Summe und die Größe des Lebens, sowie das Verlangen nach ihm im anderen vermehren", gibt es etwas Schöneres, was wir einem anderen Menschen antun können?

13.10.2005 um 18:41 Uhr

Anthropologische Spielereien

von: Alcide

Ich bin ja eigentlich ein Mensch, der gerne von der Gewissheit einer metaphysischen Präsenz überzeugt wäre, der das Leben nur dann als ertragbar und gerechtfertigt erachten kann, wenn es in einem idealistischen Entwurf eingebettet erscheint, der gerne die Sicherheit eines Glaubens an eine Art von ausgleichender Gerechtigkeit und Notwendigkeit alles Seienden (auch des volltrunkenen Abschaums, der mir heute um 11Uhr morgens im Café lallend klarzumachen versuchte, dass ich die falsche Zeitung lese) als säuselnde Melodie, die mir zuhaucht "Alles wird gut", hätte.

Dummerweise beschäftigt mich in den letzten Wochen die Evolutionstheorie äußerst stark. Und vor diesem Hintergrund verlieren auf einmal, die Elemente, die wir sonst so gerne als Beweis für unsere "höhere" Abstammung anführen, ihren Wert. Die Sprache, unser Sinn für Schönheit, und am Ende gar Liebe und Güte. Sind diese Dinge nicht genausogut, wenn gar nicht besser auf eine stupid-materialistische Weise erklärbar. Der Mensch nur eine (zufällige) Folge von Selektion und Mutation; weil die ersten Rudimente von Sprache sich als vorteilhaft erwiesen, wurde das Erbgut dieser Lebewesen weitergegeben, die Hirnmasse vergrößerte sich zusehens, weil ein mehr an Intelligenz einstmals überlebensnotwendig war, und irgendwann hatte der Mensch vielleicht ein soviel an Gehirn, dass er sich selbst gleichsam von außen betrachtet und sich in seiner Getrenntheit zur Natur und in seinem Lebenskampf wahrnimmt; und vielleicht hat er da den ersten psychischen Schmerz empfunden, und sich Daseinsweisen und Höhen imaginiert, die ihn von allem was sonst so kreuchte und fleuchte, radikal unterschieden. Und weil er sich in seiner Erbärmlichkeit erkannte, fing er an sich omnipotente Wesenheiten zu imaginieren, als Gegenentwurf zu seiner eigenen Schwäche und Abhängigkeit, durch deren Anbetung er sich Teilhabe an ihrer Macht versprach. Und die bewusste Abgrenzung gegenüber der Natur begünstigte dann auch die Hochachtung und Wertschätzung von zunächst wohl eher rudimentär ausgebildeten emotionalen Affekten wie Liebe, Güte und Mitleid.

Die meisten argumentieren dann wohl damit, dass das Ziel der Schöpfung darin bestand genau uns hervorzubringen, aber so wirklich überzeugt bin ich ja davon nicht. Ich meine, ein Gott, der eine Ursuppe schaffen kann, in der sich dann aus dem Anorganischen etwas Organisches zu bilden vermag, der hätte doch auch gleich ein Wesen auf zwei Beinen erschaffen können. Dahinter steckt dann eher die Vorstellungen von einem Täuscher-Gott, der diesen langen Anlauf braucht, um seine Spuren bewusst zu verschleiern. Ach, ich weiß auch nicht... ich will ja gar nicht materialistisch sein, aber begründbarer Idealismus erscheint mir zusehens schwieriger; mehr als ein paar Indizien fallen mir dazu nicht ein, und so lange bleibe ich nur ein Tier, dass sich wundert...

08.10.2005 um 17:32 Uhr

Warten auf den neuen Tag

von: Alcide

Ich bin mal wieder am Samstag in der Arbeit. Eigentlich traurig - die Alternative wäre gewesen mit L. Rennrad zu fahren, aber wenn es auf den Herbst zugeht verlässt mich wirklich jegliche Motivation etwas für meine Kondition zu tun. Und so sagte ich ihm ab... Irgendwie freue ich mich aber auch auf November, wenn ich dann wieder beginnen kann (oder könnte) mit neuer Motivation für die neue Saison zu trainieren, aber jetzt will ich nicht, obwohl ich wüsste, dass es mir gut täte...

Die Woche war recht anstrengend für mich. Musste beruflich ziemlich Einsatz bringen, so dass ich abends so kaputt war, dass es nur mehr für Badewanne und TV gereicht hat. Fühle mich im Moment ausgebrannt und wie abgeschnitten von meinem inneren Zentrum. Komme auch nicht zum Lernen und die Aussicht auf Prüfungen und Präsenzseminare macht mir Angst. Andererseits habe ich schon längst aufgegeben, Dinge in Phasen gedrückter Stimmung beurteilen oder bewerten zu wollen, geschweige denn, dass mich Krisen einer Antwort näher brächten... ich hab' die Auf und Abs so satt, sehe mein Ich weder hier noch dort, und lebe in der Hoffnung auf Momente der Stille, auf Momente, in denen es nicht mehr schreit in mir, in denen mein Ich zugedeckt ist und ich seine Last in Gleichmut ertragen kann...

05.10.2005 um 18:26 Uhr

Ognuno sta solo sul cuor della terra

von: Alcide

Ansonsten gehts mir wieder eher schlecht. Wenn es einem gut geht vermeint man ja von nun an das Leben auf der Bahn einer gewissen Größe und Würde bestreiten zu können. Aber dann gibt es wieder Momente der Erkaltung, der Zweifel und der Angst... und alles bricht wieder auseinander. Auch das Wetter geht mir so auf die Nerven - es regnet seit Sonntag ununterbrochen und erst am Samstag ist Besserung angesagt. Ich friere, und ich bin allein...

05.10.2005 um 18:26 Uhr

Du

von: Alcide

Gestern wurde mir von einer "Respektsperson", die ich schon 5 Jahre lang kenne, und mit der ich hin und wieder beruflich zu tun habe, das 'Du' angeboten. In dem Moment, wo ich gemerkt habe, dass das jetzt kommt und durch diese feierliche Einleitung, die er dem Ganzen voranschickte war ich erstmal natürlich gerührt und fühlte mich auch durchaus geehrt, aber sogleich tauchte bei mir auch eine Abwehr auf und ich merkte, dass es mir irgendwie nicht recht war und ich werde auch noch länger brauchen bis mir dieses bei ihm in diesem Zusammenhang sehr kumpelhaft wirkende Du über die Lippen kommt. Ich tue mir einfach schwer Menschen über 60 zu duzen; ich hab' sie ganz gerne in der Entfernung.