Schatten sind viele

30.01.2006 um 14:11 Uhr

Scheitern und Formgebung II

von: Alcide

Auch der Traum vor einigen Tagen spiegelt dieses Dilemma wieder: ich war mit Freunden beim Bärenjagen; solange wir hinter ihnen herliefen, liefen sie von uns weg. Dann aber begann ich nachzudenken und machte kehrt, da stoppten auch die Bären und ich ich musste vor ihnen davonlaufen. Einer packte mich dann, während der andere seine Pranke ausfuhr und ich mir nur wünschte jetzt doch bitte aufzuwachen (was dann auch geschah).

Es ist wie dieser Spruch mit den Geistern, dass man sie vertreiben kann, wenn man auf sie zugeht. Das ist so wahr. Alle Probleme schon im Ansatz ausrotten, sie gar nicht erst entstehen zu lassen, keine Leichen in dunklen Kellern stapeln, dem Belastenden nicht erlauben Wurzeln zu greifen im Denken... Doch kann ich das leider konstant nicht leben...

30.01.2006 um 12:46 Uhr

Scheitern und Formgebung I

von: Alcide

Und dann diese ewige Suche nach der richtigen Lebensform... Teilnehmen: ja oder nein? Engagement zeigen: ja oder nein? Oder doch freudiges Bejahen meiner Eremiten-Existenz... Leben fürs Brot oder für den Geist? Ich war ja die letzte Woche wie unter Drogen gestanden und habe alle ev. Probleme schon im Ansatz erstickt, wie es kluge Menschen ja auch zu machen pflegen. War toll, habe mich mitunter sogar richtig normal gefühlt... Wenn man sich das Gefühl gibt alle anstehenden Sachverhalte lösen zu können, wenn man Herr der Lage zu sein scheint, dann muss man in sich einen ruhenden Punkt gefunden haben; dann wanken die Häuser nicht mehr... Oder anders: es ist so ein Paradox der Freiheit, dass man sich erst dann wirklich frei fühlt, wenn man sich die Freiheit verdaulich portioniert... Und so habe ich meine Freiheit radikal beschnitten, mich aber dabei frei und gut gefühlt, aber eben nur so lange bis eine neuerliche Flut in Gedanken über mich hereinbrach und die schöne Konstruktion sich als rissig erwies...

24.01.2006 um 16:52 Uhr

Innerliche Verarmung

von: Alcide

Habe wirklich wenig Zeit mich um mein blog so richtig zu kümmern; ja schaffe es kaum in anderen blogs zu lesen, meist springe ich nur kurz rein, um mir einen Überblick zu verschaffen und es irgendwann dann mal zu lesen, wenn ich mehr Zeit habe...

Bin wirklich vollbeschäftigt, aber schaffe doch nie alles. In der Arbeit habe ich festgestellt, dass es mir nur dann Spaß macht, wenn ich mich sehr streng diszipliniere. Unser Geldgeber hat angedeutet, dass er sich vorstellen könnte, das Projekt im nächsten Jahr anderweitig zu vergeben. Sie ziehen jetzt an der Effizienzschraube, wir wären zu teuer und wir müssen das nach unten weitergeben; das wird ein lustiger Auftritt morgen... Aber ich bin wieder voll motiviert, warum traue ich mich gar nicht so recht zu sagen. Es gibt ja manchmal Phasen, wo man in sein Herz nicht so recht hineinschauen möchte, weil man sich für die Beweggründe schämt...

Aber sehe eben auch diese ewige Feindschaft in meinem Inneren: wenn ich im Außen funktionieren muss, dann verarmt mein Inneres. Wahrscheinlich fühle ich mich deshalb in der Depression auch einigermaßen "wohl", weil da mein Inneres gehört werden kann, weil es so jenseits des erdrückenden zivilisatorischen Prozesses ist...

Selbst für die Benn-Prüfung, die irgendwann innerhalb der nächsten zwei Wochen stattfinden soll, habe ich ziemlich zurückgeschaltet. Was ich mit Benn gemein habe, das ist die Fähigkeit (oder Beschädigung) vom Individuellen abzusehen und alles sub specie aeternitatem zu betrachten. Das meinte ich auch im vorangegangenen Eintrag mit dem Wunsch zurück in die normale Hysterie zu gelangen. Deshalb kann ich mich auch nicht mehr verlieben, weil ich darin vorrangig nur chemisch-lächerliche Prozesse sehe, die immer auf ihr Ende zulaufen... Ich kann mich selbst nicht mehr Ernst nehmen, weil ich in mir einen bestimmten Typus von Mensch sehe, ein Programm, das eben so durchgezogen wird, wie es konzipiert ist...

16.01.2006 um 13:49 Uhr

Kein Weg zurück?

von: Alcide

Es gibt Momente da scheint der Pfad in die normale Hysterie, der Pfad zu den Träumen und Illusionen versperrt, und was bleibt ist die stumme Sehnsucht eines versachlichten Ichs... Das Leben ist doch immer nur ein Fluchtversuch. Wir nennen es glücklich, wenn wir die uns angemessene Form der Flucht gefunden haben und unglücklich, wenn es uns versagt bleibt zu fliehen, wenn wir gezwungen sind die Verhärtungen und Erkaltungen zu ertragen, durch die wir von anderen gequält werden und mit denen wir andere quälen...

12.01.2006 um 18:09 Uhr

Das öde Rauschen der Stille

von: Alcide

„Immer noch gab es keinen Laut, der mich störte; die milde Dunkelheit hatte die Allwelt vor meinen Augen verborgen und mich hier in eitel Ruhe begraben – nur das öde Rauschen der Stille schweigt monoton in die Ohren. Und die dunklen Ungeheuer da draußen werden mich an sich saugen, wenn die Nacht kommt, und sie werden mich weit über das Meer tragen und in fremde Länder, in denen keine Menschen wohnen.“

(Aus: Knut Hamsun: Hunger)

10.01.2006 um 15:21 Uhr

Stimmungsbericht

von: Alcide

War die letzte Woche unheimlich fleißig, ja regelrecht arbeitswütig. Da ich das andere Extrem der Lethargie, des Sich-Nicht-Aufraffen-Könnens ja auch gut kenne, bin ich sehr dankbar und nehme auch die damit verbundenen Kopfschmerzen und den unweigerlich auftretenden Tunnelhabitus gerne hin...

Gestern dann noch Dienstfahrt in die Nähe von L., an den ganzen Skigebieten vorbei. Ach, diese ganzen braungebrannten Urlaubsgesichter... Aber meine innere Uhr steht momentan auf Arbeit, Skifahren gönne ich mir erstmal nicht... Es gibt schon so Ortschaften in diesen Tälern. Wie kann man in einer Ortschaft leben, die schon ab 12Uhr mittags nur mehr noch im Schatten liegt und man vor Kälte zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig sein kann? Eigentlich unbewohnbar möchte man meinen...

Hab' mich außerdem auch ein bisschen erkältet, weil ich am Sonntag gemeint habe, ich müsste doch mal wieder Rennrad fahren. Schön bescheuert... Jetzt bin ich ein wenig fiebrig, beglücke meine Umgebung mit Bellattacken und rede ganz lustig nasal...

04.01.2006 um 08:16 Uhr

... dies alles ungelöst verlassen

von: Alcide

„Sterben heißt, dies alles ungelöst verlassen,
die Bilder ungesichert, die Träume
im Riß der Welten stehn und hungern lassen –
doch Handeln heißt, die Niedrigkeit bedienen,
der Schande Hilfe leihn, die Einsamkeit,
die große Lösung der Gesichte,
das Traumverlangen hinterhältig fällen
für Vorteil, Schmuck, Beförderungen, Nachruf,
indes das Ende, taumelnd wie ein Falter,
gleichgültig wie ein Sprengstück nahe ist
und anderen Sinn verkündet –

(Gottfried Benn: Monolog, 4. Strophe)

Habe mir die heutige Nacht wieder mit Gottfried Benn um die Ohren geschlagen. Nachdem er mir anfangs, sowohl in seiner Person als auch durch das meiste seiner Lyrik eher fremd blieb, habe ich jetzt doch einen recht guten Zugang zu ihm gefunden. Die Dinge, die ihn beschäftigen sind die immer gleichen existentiellen Fragen, die der denkende Mensch seit Nietzsche nicht müde wird zu stellen: Wie ist leben in einer sinn-entraubten, gott-losen Welt möglich? Kann der Mensch den Verlust seiner Daseinsbestimmtheit kompensieren? Wie der Depression begegnen, die unweigerliche Folge ist, wenn man sich einer kalten, entseelten, entzauberten Sachwelt vorfindet?

03.01.2006 um 11:34 Uhr

Enthirnungssehnsucht

von: Alcide

„Ein armer Hirnhund, schwer mit Gott behangen.
Ich bin der Stirn so satt. O, ein Gerüste
von Blütenkolben löste sanft sie ab
und schwölle mit und schauerte und triefte.

So losgelöst. So müde. Ich will wandern.
Blutlos die Wege. Lieder aus den Gärten.
Schatten und Sintflut. Fernes Glück: ein Sterben
hin in des Meeres erlösendes Blau.

(Gottfried Benn: Auszug aus: Untergrundbahn)