Schatten sind viele

27.02.2006 um 18:17 Uhr

Erschöpfung

von: Alcide

Schlimm, Tage leben zu müssen, die nur verloren scheinen… Immer der Kampf darum, wieder anzuschließen, der Wunsch nach Kontinuität… Warten darauf, dass es sich wieder einstellt, das Fließende… Warten darauf, dass das verletzte Ich wieder Ja sagt… Leben im Verschlag… Blicke, die nirgends halten können… hindurch oder darüber hinaus, aber nie hinein… Leben als Abfolge peinigender Gegenwärtigkeit…

23.02.2006 um 11:06 Uhr

Strukturloses Leben

von: Alcide

Bei der mündlichen Prüfung am Dienstag habe ich eine kolossal erbärmliche Figur gemacht. Habe zwar bestanden (Note 3), aber, dass ich so dermaßen stammelnd agieren würde, dass meine Denkwindungen verknotet zu sein schienen, dass ich einfach nicht umsetzen konnte, was ich doch eigentlich gelernt hatte, das hat mich sehr erschüttert. Noch nie in meinem Leben habe ich bei so viel Einsatz, so wenig zurück bekommen… Nein, das ist nicht meine Welt… Ich denke darüber nach, das Studium jetzt abzubrechen und auch die mündlichen Zwischenprüfungen für die Nebenfächer im Sommer ganz sein zu lassen… Wem will ich denn etwas beweisen? Mir fehlt die Kraft mir das weiterhin anzutun. Brauch‘ das Studium doch ohnehin nicht. Es dient mir doch ohnehin nur als Überbau, um weiterhin provisorisch leben zu können. Wenn es wegfällt, dann bin ich dort angekommen, wo ich nie hinwollte…

War ja auch klar, dass die Phase der Sammlung irgendwann vorbei sein musste, jetzt ist mein Leben wieder strukturlos, wie ausgefranst, kein übergeordneter Sinn… Tragfähigkeit verloren…

16.02.2006 um 16:56 Uhr

Gefesselter Prometheus

von: Alcide

Fühle mich richtig gut, stark und gefestigt seit knapp einer Woche. Bin mir nicht sicher, ob ich mir das nur vormache, denn es ist ähnlich wie letzten November, wo es mir vor der Prüfung, im Prüfungsstress auch erstaunlich wohl ging. Auch jetzt bin ich gesammelt und konzentriert; die reine Verkörperung von Vernunft und Maß. Ist es weil ich mir bewusst bin, dass gerade jetzt eine Phase der Missstimmung, eine bitterböse biographische Scharte hinterlassen könnte. Ist dieses liebäugeln mit einem dezenten Optimismus nur strategische Anpassung? Wie lange kann man sich bündeln, kann man sich halten? Brauch' ich gar Stress, brauch' ich Arbeit, um existentieller Peinigung zu entgehen?

Jetzt fühle ich mich wie ein teures Instrument, vollgestimmt, mit reinem Klang; dass aber doch an seiner Bestimmung vorbeilebt, denn niemand ist da darauf zu spielen - dort wo es sich einen Konzertsaal wünschte, findet es sich doch nur in einer Rumpelkammer aus Nützlichkeitserwägungen vor... Schreibtischlampenakribie als Daseinszweck?

13.02.2006 um 09:56 Uhr

Auf deine Lider send ich Schlummer...

von: Alcide

"Auf deine Lider send ich Schlummer,
auf deine Lippen send ich Kuss,
indessen ich die Nacht, den Kummer,
den Traum alleine tragen muss.

Um deine Züge leg ich Trauer,
um deine Züge leg ich Lust,
indes die Nacht, die Todesschauer
weben allein durch meine Brust.

Du, die zu schwach, um tief zu geben,
du, die nicht trüge, wie ich bin –
drum muss ich abends mich erheben
und sende Kuss und Schlummer hin."

(Gottfried Benn: Auf deine Lider send ich Schlummer)

10.02.2006 um 17:18 Uhr

Regressionsimpulse

von: Alcide

War gestern seit langem mal wieder im Kino. Aber es hat sich gelohnt: "Stolz und Vorurteil" - ach, wie war ich verzaubert... Und wenn man dann wieder heraustritt auf die Straße, ihre vulgär-beleuchtete Fratze vor sich sieht, dann merkt man auf einmal warum es so selten still werden kann in einem...

Diese emotionale Nähe zur Natur, zur Stille, zur nur daliegenden Landschaft, das ist wahrscheinlich ein Erbe meiner frühesten Kindheit, in der ich noch leben durfte wie im Mittelalter, in einer Großfamilie, mit unzähligen Onkels und Tanten... tagelanges Herumstreunen in Wäldern, sich Ernähren von Pilzen, Beeren und der Milch der Kühe aus dem Stall... eine Zeit, in der der "Nebelglanz noch Busch und Tal füllen konnte"... die Erinnerung an archaische Größe, die uns ausgetrieben wurde, die im Kino noch gleichsam musealer Bestandteil des Lebens werden darf, wir durch die Sirenengesänge bezirzten Leichtgewichtsseelen, die wir uns traumatisch ängstlich an den immer kleiner werdenden Wohlstandskuchen krallen, mit verschmierten Gesichtern und Hass und Verzweiflung in den Augen...

02.02.2006 um 16:33 Uhr

Stiller Einklang

von: Alcide

Verbrachte ein eigentlich sehr angenehmes Wochenende: am Samstag fuhr ich mit Freunden wieder Rennrad. Das erste anständige Training, wie immer Blutgeschmack im Mund bei den ersten Anstiegen. Aber alles in allem anständig mitgehalten...

Am Abend sah ich mir bei L. die Sportschau an. Er hat einen Videobeamer, das ist schon was anderes als mein Mikrobenfernseher... Danach sahen wir "Trainspotting" auf Video an: sehr gut, unterhaltsam, witzig, pfiffig inszeniert...

Am Sonntag rief ich mich wieder zur Pflicht, räumte auf, stellte um... Wenn mein Innenleben konfus zu werden droht, dann räume ich im außen auf... Formgebung und Disziplin, das sind bislang tatsächlich die besten Antworten, die ich gefunden habe, um mir die Last des Seins in ein erträgliches Maß an Gewicht zu verwandeln... Und ich will ja schwer sein, ich will das Gewicht des Seins ja fühlen. Das ist für die Menschen, die einen liebevoll an die Grautöne heranführen wollen, ja meist nicht begreifbar... Und für Momente sind sie dann ja auch da, diese Stunden, in denen die bittere Schwermut und die süße Melancholie mit einem stillen Glücksempfinden verschmelzen. Die Sehnsucht streichelt einem dann sanft die Wange, sie nimmt nichts fort, sondern gibt hinzu. Es ist als ob die ganze Seele im richtigen Maß volltönend ist, da wo sonst nur Kratzgeräusche und ruppige Dissonanzen zu vernehmen sind.

02.02.2006 um 15:18 Uhr

Anstehende Unbehaglichkeiten

von: Alcide

Der Termin für die mündliche Prüfung steht jetzt fest. Es ist der 21.2. Habe also noch knapp 3 Wochen Zeit, um neue Motivation zu schöpfen, nachdem in den letzten Wochen doch eher die Luft wieder raus war. Aber irgendwie freu' ich mich auch darauf, obwohl mir die Vorstellung so tief ins finsterste Deutschland hinein zu reisen doch auch wieder unbehaglich ist. Das Ruhrgebiet das ist auf meiner inneren Landkarte ja doch irgendwo kurz vor Wladiwostock...

A propos Unbehaglichkeit: meine Ex-Freundin hat sich wieder bei mir gemeldet. Das ist jetzt das 3x mal, dass sie mich wieder treffen möchte. Ich habe bislang entweder nicht geantwortet oder freundlich-bestimmt formuliert, dass ich überhaupt keinen Grund darin sehe mich mit einem Menschen zu treffen, zu dem ich kein Vertrauen habe... Auf die Frage, ob ich noch sauer auf sie sei, antwortete ich ihr, dass sich mein Gefühl für sie irgendwo zwischen Gekränktheit, Kopfschütteln und Indifferenz bewegt. Zu einem mehr an Deutlichkeit bin ich leider nicht fähig. Aber sie scheint sich gebessert zu haben, denn ihre Reaktion war sehr freundlich, was ganz untypisch für sie ist (vielleicht meint sie ich mache Scherze oder sie hat das irgendwie als verstecktes Kompliment empfunden). Na ja, jetzt erwäge ich doch sie das nächste Mal in M. zu besuchen. Das wäre das 1x seit mehr als 5 Jahren, dass ich sie wiedersehen würde... Ach, mir dreht sich der Magen um bei dem Gedanken... Was soll das eigentlich werden? Preisgeben von mir will ich nichts und was von ihr zu erfahren reizt mich auch überhaupt nicht. Das ist auch mein Verdacht, dass sie mir nur zeigen möchte, wie toll es ihr jetzt geht... Egal, genug Gedanken daran verschwendet...