Schatten sind viele

30.03.2006 um 09:11 Uhr

Ehrenvoll unglücklich

von: Alcide

"Die Menschen wissen nicht, wie man auf ehrenvolle Weise unglücklich sein kann."

(Niccolò Machiavelli)

29.03.2006 um 16:08 Uhr

Arbeitsalltag

von: Alcide

Heute wieder nur knapp zwei Stunden geschlafen. Träumte von Überschwemmungen und herumtreibenden Wasserleichen. Zum Frühstück einen Energydrink, dann Herzstiche bei der Zugfahrt, wie häufig nach Koffeinüberdosierungen... Besprechung in der Arbeit, wie immer nach demselben Muster: ich liefere das Konzept, vertrete die hohe hinter allem stehende Idee, bin motiviert und rede mich in Fahrt, und dann beginnen von jeder Seite die meist unwichtigen Ergänzungen, Wortmeldungen und am Ende stehe ich da mit einer handvoll fadenscheiniger Kompromisse, völlig konzeptlos, aber außer mir scheint sich daran niemand zu stören... vielleicht mein deutsches Erbe, der Wunsch nach Perfektion... alles muss passen, alles einheitlich und übersichtlich gestaltet und gelöst werden... die anderen arrangieren sich mit dem Chaos eigentlich sehr gut, ja würden es auch nie chaotisch nennen... ich gehe Komplexitäten systematisch an, sie werfen sie munter durcheinander... Am Nachmittag jetzt schon wieder völlig demoralisiert... Kopfschmerzen... Anstehendes wird auf Morgen verschoben... Aufgabe für heute: meinen Körper irgendwie nach Hause bringen, auf Ausgangsposition, einer neuerlichen schlaflosen Nacht entgegen...

22.03.2006 um 14:57 Uhr

Zitate E. M. Cioran

von: Alcide

"Die Erkenntnis tötet den Lebensirrtum der Liebe, und die Vernunft errichtet das Leben auf den Trümmern des Herzens."

"Zwischen Überdruss und Überschwang entrollt sich unsere ganze Erfahrung der Zeit."

"Hin- und hergezerrt in jedem Augenblick zwischen der Sehnsucht nach Sintflut und dem Rausch der Routine."

"Man verlangt von uns Taten, Beweise, Werke, und alles was wir vorweisen können, ist verwandeltes Weinen."

"Manchmal denkt man, dass es besser ist, sich zu verwirklichen, als sich gehenzulassen, manchmal denkt man das Gegenteil. Und in beiden Fällen hat man vollständig recht."

"Überzeugungen hat nur, wer nichts vertieft hat."

"Jedesmal, wenn mir die Zukunft lebbar vorkommt, habe ich das Gefühl, die Gnade hätte mich heimgesucht."

20.03.2006 um 16:30 Uhr

Begegnung

von: Alcide

Nach fünf Jahren sehe ich sie wieder. Sie sieht verändert aus, ja sie hat mich auch vorgewarnt, das war gut… Ihre spitzbübische, keck-forsche Art aber hat sie beibehalten, wenn auch leicht abgemildert, weniger aggressiv wie früher. Sicher war sie auch nervös, wie ich auf sie reagieren würde… Ich frage nicht, nach einem Warum unserer Begegnung. Sie erklärt es nicht – ein Treffen, ein Spaziergang, Café, oberflächlicher Austausch, name droping, Pläne für die Zukunft, Resignation verpönt, immer positiv… Sie unterdrückt ihren Unmut, wenn ich scherzhaft mein Unglücklichsein anspreche, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt. So lasse ich sie sprechen, um ihr nicht die Chance zu geben, mich zu maßregeln. So wird sie mir angenehmer in Erinnerung bleiben… Am Bahnhof blickt sie mich aus einem Paar feuchter Augen an, ich drücke sie und sie steigt in den Zug… Begegnung mit angezogener Handbremse…

18.03.2006 um 18:29 Uhr

Unzufriedenheit

von: Alcide

Ich stelle seit einiger Zeit an mir eine Attitüde fest, die mir eigentlich nicht gefällt: ich gebe mich so schonungslos abgeklärt, strotze geradezu vor steriler Sachlichkeit; mag‘ sein, dass das bei einigen Menschen in meiner Umgebung als Sarkasmus ausgelegt wird, wenn ich charmant lächelnd Äußerungen aus dem Dunstkreis meines Unglücks von mir gebe… vielleicht aber erkennen sie aber auch den verzweifelten Versuch, Würde und Form zu wahren… Hätte manchmal gerne noch die Eigenschaften, die ich mit 20 hatte, dieses im positiven Sinne rücksichtslose Zulassen von Begegnung, ein Heraustreten ohne Anflüge von Bitterkeit… Schmerzende Erinnerung an eine Zeit, an der man sich noch an meiner Person erhitzen konnte – jetzt begutachte ich skeptisch fremdes Glück, ein Sachwalter des Daseins, und drossele alle Übertemperaturen in meiner Umgebung herunter auf das Niveau meiner inneren Erkaltung… meine Seele ist so blass geworden…

13.03.2006 um 14:21 Uhr

Zwischenmenschliches

von: Alcide

Mitunter gibt es Missverständnisse kommunikativer Art, die einem das Leben ganz schön verleiden lassen. Aus einer momentanen Schwäche, einer Unpässlichkeit heraus stößt man jemanden vor den Kopf, den man eigentlich gerne mag… Und prompt bekommt man es kurz darauf zurück – und was vorher harmonisch und aufrichtig wirkte, das schlägt um in Verletzung und Schmerz…

Übrigens: was das ‚bezaubernde Wesen‘ betrifft, sollte man mir, sobald ich Gefahr laufe wieder mit einer rosaroten Brille durch die Welt zu laufen, mir diese sofort herunterreißen und vor sie vor meinen Augen zertrampeln…

06.03.2006 um 17:34 Uhr

Überlegungen, Veränderungen

von: Alcide

Seltsame Phase: innerlich total ausgebrannt, niedergeschlagen. Im Außen: die Anforderungen und Chancen: meine Exfreundin will mich jetzt hier besuchen kommen. Dann kommt Ende des Monats C. in die Stadt und wir werden uns sehen. Habe mit C. ja immerhin noch e-mail-Kontakt, allerdings reduziert auf Intellektuelles, nichts Tiefergehendes, nichts was verdächtig wäre Nähe entstehen zu lassen... D.h. diesen Monat noch stehen Konfrontationen mit Frauen der Vergangenheit an, eigentlich abgeordnete, weggelegte Gefühlskomplexe werden da freigelegt, voller Staub und ich weiß gar nicht, ob ich Lust habe, mir da Nähe zu bergen oder mich bergen zu lassen...

Dann hätte ich jetzt die Möglichkeit den Wohnort zu wechseln; aber ich bin ja da immer so ein Zauderer... Auch bin ich dann nicht mehr bei L. und Th. und unsere "literarischen Symposien" bedeuten mir so viel, und ich könnte auch kaum noch mit ihnen Rennrad fahren... Immer diese beiden Seiten: wenn ich nur so kaputt wäre, dass eine Veränderung auf jeden Fall besser wäre.

Es gab ja mal eine Zeit, da wollte ich nur eine interessante Biographie haben, wenn ich schon für eine glückliche nicht bestimmt bin. Jetzt gibt es Freundschaften, die mir etwas bedeuten, und doch peinigt mich der ewigselbe Trott...

06.03.2006 um 17:22 Uhr

Unsere unterdrückten Gebete

von: Alcide

Seltsamerweise sind viele Autoren mit denen ich mich in den letzten Jahren auseinandergesetzt habe sehr anfällig für den Faschismus oder Totalitarismen gewesen, etwa jetzt Gottfried Benn oder Ernst Jünger, Céline oder Hamsun. Neulich las ich erstmals was von E. M. Cioran... Und was muss ich feststellen: auch er hat eine faschistische Vergangenheit, und zwar eine ziemlich drastische...

Wie kommt es, dass gerade Denker, die auf Nietzsche fußen, die keinen Halt mehr in metaphysischen Erklärungen finden, so leicht für Schwachsinnsideologien zu begeistern sind: aus der übertriebenen Sensibilität, der existentiellen Brisanz, die ein Ich so mitbringt, springen sie in eine Weltanschauung, die eben auf diese individuellen Ichs keine Rücksicht mehr nimmt... Sicherlich ist auch ein grundsätzlicher Menschenhass, eine Menschenverachtung, diese Anmaßung des Menschen sich als Krone der Schöpfung zu vermeinen und als krönender Abschluss des geschichtlichen Prozesses, mit dabei, was dann darauf hinausläuft, Menschenopfer nicht sonderlich tragisch zu nehmen. Die Stärke von sich abzusehen, wird dann zu einer Abstumpfung gegenüber allem Konkret-Menschlichen... Menschenwürde, Wert des Lebens, dann alles nur hohle Begriffe, anthropologisch völlig irrelevant... Cioran etwa schreibt: "Unsere unterdrückten Gebete explodieren in Sarkasmen". In aller Anklage, immer auch eine Klage über das Verlorene...

Cioran finde ich ja noch aus einem anderen Grund interessant, denn er schreibt stilistisch ganz ähnlich wie ich... Natürlich viel geschliffener und sauberer, aber so im Aufbau der Argumentation und im Hinknallen der Gegensätzlichkeiten ist er mir nahe...

02.03.2006 um 13:20 Uhr

Es geht weiter

von: Alcide

Hab' mich gestern völlig übermüdet zu einer Sitzung geschleppt; lief aber dann trotzdem recht gut. Wenn man es schafft, trotz kratzender Stimme und mit Ringen unter den halbgeöffneten Augen die Sachverhalte kompetent darzulegen, dann wird die Unpässlichkeit beinahe zu einem Verbündeten; man tändelt mit der eigenen Schwäche und stellt sich als bedingslos aufopferungsbereit dar (klappt aber nur selten)... Nun darf ich die kommenden Wochen auch noch ein ganz bezauberndes junges Wesen einlernen; das spornt mich zumindest an, meine innerseelischen Misstöne wieder halbwegs unter Kontrolle zu bringen...