Schatten sind viele

27.05.2006 um 11:53 Uhr

Nichts... aber so viele Sterne

von: Alcide

"Wenn der Sommer einzieht, werde ich traurig. Eigentlich müsste die, wenngleich scharfe, Lichtfülle der Sommerstunden einem Menschen wohltun, der nicht weiß, wer er ist. Aber nein, mir tut sie nicht wohl. Es liegt ein zu großer Kontrast zwischen dem überschäumenden Leben der Außenwelt und dem, was ich fühle und denke, ohne fühlen oder denken zu können - dem ewig unbegrabenen Leichnam meiner Empfindungen. Mir ist zumute als lebte ich in diesem gestaltlosen Vaterland, Weltall genannt, unter einer politischen Tyrannei, die, auch wenn sie mich nicht direkt bedrückt, doch immerhin ein verstecktes Prinzip meiner Seele bedrückt. Und dann fällt langsam und taub die vorweggenommene Sehnsucht nach einem unmöglichen Exil in mich ein. [...] Nur wenn die Nacht kommt, spüre ich irgendwie zwar nicht Freude, aber doch eine Erholung, die man, weil andere Stunden Erholung Zufriedenheit verbreiten, dank einer Entsprechung der Sinne mit Zufriedenheit aufnimmt. [...] Und vom Fenster meines Zimmers aus gewahre ich, eine arme, vom Körper erschöpfte Seele, viele Sterne; so viele Sterne, nichts, das Nichts, aber so viele Sterne..."

(Aus: Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe)

27.05.2006 um 11:52 Uhr

Wie schön erinnert zu werden

von: Alcide

Gestern ein kurzer Moment unvermuteter Rührung: sah kurz beim Zahnarzt vorbei, um mir einen Termin geben zu lassen. Habe ja eigentlich schon seit mehr als einem halben Jahr in unregelmäßigen Abständen Zahnschmerzen, aber bislang den Arztbesuch immer aufgeschoben (ja ich gebs auch zu, ich hab' vor Zahnärzten wirklich voll... nennen wir es mal Respekt)... Nachdem ich mit der Zahnarzthelferin ein Datum für meine Hinrichtung fixiert hatte (übrigens der 6.6.06 fällt mir gerade auf, es gibt bestimmt bessere Omen), schien sie sich beim Eintragen an meinen Nachnamen zu erinnern, indem sie ihn vor sich hin sprach und mich dabei fragend Zustimmung erwartend ansah... Dabei muss man wissen, dass ich erst 1x bei diesem Zahnarzt war und das schon fünf Jahre her ist... Ich hätte nie vermutet, dass es irgendeinen Menschen geben könnte, der nach einer einmaligen Begegnung nach fünf Jahren mein Gesicht noch mit einem Namen verbinden kann. Ansonsten habe ich eher das gegenteilige Problem, dass ich nämlich übersehen oder vergessen werde, etwa bei Bestellungen, die ich aufgebe und manchmal wette ich dann schon mit Leuten, die bei mir sind, dass ich den Kaffee, den ich bestellt habe, ja ohnehin nicht bekommen werde, und ich gewinne dabei schonmal... Aber dieses Mädchen erinnerte sich an mich. Ich war so gerührt, dass ich leise vor mich hinsprach wie unglaublich ich es fände, dass sie sich an mich erinnerte. Da war sie dann auch ein bisschen verlegen, aber auch unübersehbar stolz auf ihr phänomenales Gedächtnis...

22.05.2006 um 13:32 Uhr

Introversion

von: Alcide

Es ist schon beängstigend bis zu welchem Grad man sich gehen lassen kann. Seit einer Woche hab' ich kaum etwas gearbeitet. Ich sehe TV, fahre Fahrrad und versuche nur irgendwie anderen Menschen aus dem Weg zu gehen... Das ist letztlich wohl auch die Ursache meiner Schlafprobleme. Wenn ich regulär morgens aufstehen sollte, verkrampft sich mir alles. Wenn ich hingegen bis mittags schlafe, dann kann ich die Stunden menschlicher Kollisionen überschaubar halten und sie werden ertragbar, weil ich dann ja die Nacht für mich habe, um mich zu regenerieren... Ein Mensch wie ich sollte eigentlich ins Kloster gehen. Irgendwie hinter dicken Mauern die Welt da draußen vergessen. Mich deprimiert einfach alles - Leid genauso wie fremdes Glück...

Und ich bedaure sehr, dass ich derart lebensabgeneigt bin, dass ich es zu keiner Identifikation mit weiss Gott etwas kommen lassen kann... Bin der Sklave meiner eigenen Objektivität... Es gibt Tage, da beleidigt mich das bloße materielle Vorhandensein... Was es jetzt schwermacht ist, dass mir die Flucht ins Geistige hinein auch verleidet ist... Dann am Abend in alten Tagebüchern gelesen, wie ich es immer dann tue, wenn ich nach einer Orientierung suche, nach einer Formel mit der ich dem Leben wieder begegnen könnte. Habe aber nur festgestellt, dass ich eigentlich schon immer unglücklich gewesen bin, mit dem Unterschied, dass ich früher noch die Fähigkeit besaß mich an mir selber zu berauschen. Diese narzisstische Fokussierung ist mir jetzt verbaut. Ich erlebe wie Lieblosigkeit einen austrocknet, wenn man mit lieblosen Augen in die Welt schaut... Offenbar mein Schicksal: aber wie es lieben, wie zu einer Versöhnung kommen...? Wie kann Staub meinen Durst stillen...?

12.05.2006 um 14:19 Uhr

O Nacht, deren Gestirne Licht lügen

von: Alcide

O Nacht, deren Gestirne Licht lügen, o Nacht, einzige Wesenheit von der Größe des Weltalls, mach mich mit Leib und Seele zu einem Teil deines Leibes, damit ich mich verliere und bloße Finsternis und ebenfalls Nacht werde, ohne Träume, die in mir Gestirne sind, oder eine erwartete Sonne, auf die zu warten die Zukunft erhellen könnte.“

(Aus: Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe)

08.05.2006 um 16:30 Uhr

Rennrad contra Schreibtisch

von: Alcide

Seit dem Piacenza-Trainingslager verspüre ich eine unglaublich gute Form auf dem Fahrrad. Habe jetzt auch schon 1.300km in diesem Jahr und bin richtig motiviert mir es in diesem Jahr so richtig zu geben. Auch die letzten zwei Kilo Fett, die ich am Bauch zu viel habe, werden nach und nach in Beinmuskulatur umgebildet... Ich will außerdem Mitte Juni an einem Wettkampf über 149km mit zwei Bergwertungen mit jeweils ca. 1.600 Höhenmeter teilnehmen. Leiden vorprogrammiert... Zwei Tage später wird dann meine nächste mündliche Prüfung anstehen... Bezeichnend für meine geradezu antiintellektuelle Ausrichtung in diesem Jahr... Sieg des Körpers über den Geist...

04.05.2006 um 08:26 Uhr

Was ist der Mensch?

von: Alcide

Tags zuvor mit P., einem guten indischen Bekannten, Debatte über die indische Kolonialpolitik der Briten. Wut und Kopfschütteln! Eigentlich mehr über die Unverfrorenheit, das Selbstverständnis mit dem eine „aufgeklärte“ Nation hergeht und bedingungslos den eigenen Fortschritt mit dem Leben unzähliger Unschuldiger erkaufen kann… Wenn man sich auch nur einen Rest von Vertrauen in die Menschheit bewahren möchte, dann müsste man eigentlich das Studium europäischer Kolonialpolitik verbieten… Man hört auf, den Begriff Mensch und welch’ hohen Vorstellungen wir damit verbinden überhaupt noch ernst zu nehmen. Wenn man sich den Menschen als eine gewöhnliche, etwas aus der Art geschlagenen Tiergattung vorstellt, dann lässt der Hass etwas nach…

04.05.2006 um 08:22 Uhr

Darwins nightmare

von: Alcide

Sah gestern Nacht die Doku „Darwins nightmare“. Habe das Elend der Menschen in weiten Teilen Afrikas selten so eindringlich dargestellt gesehen: verwahrloste Kinder, die sich wie die Hunde um eine Schüssel Reis prügeln, Menschen, die von den Fischresten leben, die für den Export untauglich scheinen, Herumwaten in Bergen aus Fischabfällen, Gräten, Maden, Gewalt, Prostitution, HIV… Und bei allem die bittere Wut darüber, dass aus unserem Mund Begriffe wie Menschenrechte, Chancengleichheit oder Fortschritt nur hohle Phrasen bleiben müssen, solange sich hinter ihrer aalglatten Fassade doch nur die Fratze der Profitsteigerung verbirgt.