Schatten sind viele

28.09.2006 um 16:29 Uhr

Arbeit, Verwirrungen

von: Alcide

Werde beruflich in den nächsten Wochen ganz schön rangenommen. Nächste Woche ist wieder eine dieser Präsentationen, die mir so verhasst sind. Ich würde mir das freiwillig ja nie antun auf so eine Veranstaltung zu gehen, aber man kann eben nicht nur seine Arbeit machen, nein, immer muss man seine Arbeit verkaufen... Dann muss ich bis Ende des Jahres einen Bericht abschließen, der dann auch veröffentlicht werden wird. Das macht mich dann sicher auch stolz. Also eigentlich eine großartige Sache, wenn die Arbeit dafür nicht wäre und der Druck, ob es denn dann auch vorzeigbar sein wird, ist schon sehr hoch. Ich schaff' jetzt täglich gerade mal zwei Seiten, aber hab' das Gefühl überhaupt nicht voran zu kommen. Wenn die Anforderungen des Tages sich so in den Vordergrund drängen, dann gibt man immer einen Teil von sich selbst auf. Ich merke, dass dann vor allem in der Nacht. Kann dann nicht schlafen. Es ist als ob meine Seele dann wie wild umherstreifen möchte, nachdem ich gezwungen war, sie tagsüber anzuketten...

Dann muss ich leider sagen, dass N. beinahe so etwas wie eine Belastung für mich wird. Ich würde nur irgendwie eine oberflächliche Freundschaft mit ihr haben wollen, dass man sich alle paar Monate mal trifft. Ihr schwebt aber etwas Engeres vor, wie mir scheint. Sie wird mich jetzt morgen schon wieder besuchen kommen, nachdem sie doch erst vor vier Wochen da war und ich ihr gegenüber schon so kühl war, dass es fast schon unfreundlich war. Auch ihre direkte, fordernde Art, kann ich nicht leiden. Sätze wie "Das war doch schön neulich, oder nicht?", kann ich ihr ja gar nicht aufrichtig beantworten. Dann diese ständigen Aufforderungen alles "bereden" zu wollen, um "alle Missverständnisse auszuräumen". Aber ich kann mich ihr gegenüber nicht öffnen und will es auch gar nicht. Will sie aber auch nicht verletzen, durchaus auch aus eigennützigen Motiven heraus, denn sie kann furchtbar rachsüchtig und gehässig sein, was ich früher am eigenen Leib erfahren durfte... Ach, ich seh' mich da plötzlich in einer Rolle, die zugegeben nicht besonders glanzvoll ist...

21.09.2006 um 14:53 Uhr

Entfremdung

von: Alcide

Habe Carson McCullers’  „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ zu Ende gelesen. Das Buch hinterlässt eine seltsame Beklemmung in mir: die Menschen, die für ein Ideal, oder für eine höhere Idee leben wollen, scheitern alle zwangsläufig. Das Gute kann sich nicht durchsetzen; jeder Aktionismus scheitert an der Masse der stumpfsinnigen, in ihren Konditionierungen verharrenden Menschen. Besonders das Schicksal der halbwüchsigen Mick ging mir zu Herzen: sie muss ihre große Leidenschaft Musik aufgeben, um stattdessen für das finanzielle Auskommen ihrer verarmten Familie zu sorgen. Ewig-ungelöster Konflikt: das Herz voll mit Sternen, beglückend-erhabene Größe, und alle Höhenflüge bald schon nichts als eine abgestorbene Pflanze, plattgewalzt und geopfert auf dem Altar des Realitätsprinzips. Warum nur all’ diese ‚höheren’ Empfindungen, wenn sie doch alle zum Absterben verurteilt sind?

21.09.2006 um 14:43 Uhr

Abschaffung des Schicksals

von: Alcide

„Ich fragte ihn, schließlich, ob man den nach wie vor unübersehbaren Abstand zwischen Sizilien und Europa auf eine kurze Formel bringen könnte. Zunächst erschien die Andeutung eines Lächelns. Dann aber, sich sammelnd und wiederum die Worte bedächtig zusammensuchend, erwiderte er: „Wir wissen noch, was Schicksal ist.“ [...] Der aufgeklärte Europäer verweise statt dessen auf Gesetze, die gemacht seien, Gerechtigkeit und Glück herzustellen; auf Systeme sozialer Sicherung; auf die Ärzte; auf die Polizei; auf eine Gleichheit, die alle Unterschiede als menschenunwürdig ansehe: „Alles bloß Versuche, das Schicksal abzuschaffen“, sagte er. […] Und nach einigem Nachdenken fügte er hinzu, nur wer sich dem Schicksal unterwerfe, der sei ihm auch gewachsen. Überall dort, wo man den Schicksalsbegriff unter den Verdacht der Rückfälligkeit gestellt hat, bricht bei allem, was dem einzelnen widerfährt, entgeisterte Ratlosigkeit aus. Er glaubt zu wissen, dass jedes Geschehen eine benennbare Ursache hat, und gibt es Ursachen, muss es auch Schuldige geben. Auf der Suche nach ihnen verbringt der Gegenwartsmensch, in zunehmender Aufgebrachtheit, sein Leben.“

(Aus: Joachim Fest: Im Gegenlicht)

19.09.2006 um 13:38 Uhr

Aussichtslosigkeit

von: Alcide

Und wieder einmal merkt man wie etwas stirbt in einem, wenn man sein Ende in den Augen des anderen ablesen muss... Habe mich redlich bemüht eine Woche lang, mir mein sublimes Gleichgewicht zu bewahren. Doch das wenige an Stolz, dass ich daraus zog, resultierte nur aus neuerlichen Illusionen, die mein Bewusstsein ersann, um mich die Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit nicht spüren zu lassen... Sie, durch die ich vermeinte weit über der Erde fliegen zu können, sie beachtet mich nicht... und so bleibe ich mit zerschmettertem Flügel auf der Erde liegen...

08.09.2006 um 11:42 Uhr

Abfuhr

von: Alcide

Habe mir also dann am Mittwoch meine alljährliche Abfuhr abgeholt. Ich brachte es wieder nicht fertig K. zu sagen, was ich empfinde, also schickte ich ihr ein sms und legte ihr bündig und prezise den Sachverhalt dar. Ich bekam ein reserviertes sms zurück, wo sie sich für die Komplimente bedankte, dann darauf hinwies, dass sie seit Jahren schon denselben Freund hat und sich wünscht, dass wir weiterhin ein gutes "Arbeitsverhältnis" miteinander haben werden.

Das war ja eigentlich auch das naheliegendste, wahrscheinlichste Szenario. Interessant wird nun sein, wie wir weiterhin miteinander umgehen. Es kann sein, dass ich die gerade erst erworbene Unbefangenheit ihrer Person mir gegenüber dadurch aufs Spiel gesetzt habe. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, gerade erst neulich hat sie erzählt wie viel Spaß ihr die Arbeit macht und sie wirkte so zufrieden... Ah, ich komm' mir so schäbig vor...

05.09.2006 um 14:04 Uhr

Paradigmenwechsel?

von: Alcide

Ich merke jetzt manchmal, wie sehr ich mich in den letzten drei Jahren abgeschirmt habe vor Verletzung. Aus Angst vor den Unberechenbarkeiten der Außenwelt, habe ich mich ganz auf meine Innenwelt konzentriert und alles Äußerliche nur mehr periphär, als bloßes Material für meine seelischen Vorgänge, an mich herangelassen... Meine Emotionalität war durch einen Wechsel von Melancholie und Depression gekennzeichnet. Innerhalb dieser Parameter, die ich als die mir gemäße Nische zu akzeptieren begann, versuchte ich mich einzurichten; ich lebte nach dem Motto (und tu es wohl auch immer noch): nichts erwarten von Menschen, dann kann man auch nicht enttäuscht werden. Doch nun habe ich irgendwie den Drang wieder mitzuspielen; ich will mein Idealbild von stoischer Abgeklärtheit aufgeben, versuche stattdessen meine Augen wieder der Sonne zu öffnen und natürlich blendet es mich (noch).

05.09.2006 um 14:00 Uhr

Sonntagsausflug

von: Alcide

Am Sonntag kam dann N. Wir fuhren mit der Seilbahn auf den Berg und machten einen kurzen Spaziergang mit abschließender Brotzeit. Ich war nicht wirklich ganz bei ihr, muss ich gestehen. Aus den Gesprächen ersehe ich, dass sie in den letzten Jahren schon auch viele Zurückweisungen hat ertragen müssen. Ich habe den Verdacht, sie will sich bei mir wieder etwas an Selbstvertrauen holen; sie hat mir mehr oder weniger unverblümt gesagt, dass sie sich nach Sexualität sehnt, aber ich hab diese Richtung des Gesprächs einfach abgewürgt; das hat ihr weh getan... Spürte irgendwie, dass sie sich nach ein paar Sätzen von mir sehnte, die ihr Mut machen sollten, aber konnte ihr nichts geben.

05.09.2006 um 13:38 Uhr

Beklemmung

von: Alcide

Fühle mich seit einer Woche wirklich sehr frei und kann atmen. Habe sehr viel Luft an mich herangelassen und so nach und nach wird vielleicht wirklich "der Staub auf meiner Seele" fortgetragen. Habe letzte Woche wieder Fußball mit den Jungs gespielt und auch eine Stunde Tennis mit Th. Er war nicht so wirklich gut drauf; seine Frau bekommt Anfang November ein Kind und eine leichte Beklemmung kommt jetzt über ihn. Versuchte ihm etwas Mut zuzusprechen und dass die Gedanken, die er sich jetzt macht in drei Monaten schon absolut hinfällig sein werden...

05.09.2006 um 11:31 Uhr

Radtag

von: Alcide

Am Samstag war mal wieder Radtag auf das Stilfser Joch: An einem Tag im Jahr wird der Pass für den Autoverkehr gesperrt und an die 10.000 Radler strampeln sich dann für ein paar Stunden die Seele aus dem Leib. So auch ich. Das Schlimme war, dass ich seit 3 Monaten eigentlich kaum noch trainiert habe und wirklich nur gelitten habe. Brauchte auch allein für den Pass 2h45min... Aber im Nachhinein natürlich trotzdem immer eine Riesengaudi...

04.09.2006 um 14:03 Uhr

Unergründlich

von: Alcide

Gestern dann wieder Zusammenarbeiten mit K. Wir fuhren zusammen im Zug nach Hause und es war das erste Mal, dass sie sich für mich zu interessieren schien, d.h. immerhin fragte sie mich Dinge und ich konnte erzählen. Sonst muss ich immer das Gespräch am Laufen halten und sie gibt recht kurze Antworten. Ich bin manchmal regelrecht überwältigt von ihrer Schönheit, ihrer Eleganz, die doch bisweilen auch etwas Herbes hat. Ich kann sie nicht ergründen, meist ist sie still, dann kann man sie für schüchtern halten, dann hat sie auch was Hochmütiges und Kaltes, mal wirkt sie verschüchtert und nervös, mal wieder unkompliziert und frei heraus... Nachts liege ich wach und spiele die Szenarien möglicher, neuer Begegnungen mit ihr durch: ich versuchs mir dann immer so schlimm wie nur möglich vorzustellen, aber gleichzeitig suche ich fieberhaft nach Indizien, die auch einen freundlicheren Ausgang dieser Konstellation denkbar ließen...