Schatten sind viele

30.10.2006 um 14:54 Uhr

Im Kreis der Kälte

von: Alcide

Expansion und anschließende Sicherung von materiellen und immateriellen Ressourcen, das scheint mir das Leitmotiv allen Handelns zu sein. Alles um mich herum, Freunde, die Menschen auf der Straße, das Scheinleben des Fernsehens, alles trachtet danach Vorhandenes auszubauen, zu befestigen. Tagein, tagaus immer redlich sich bemühen, und wenn man das irgendwie in Frage stellt, dann wird schnell ein Sich-Abmühen daraus. Immer bin ich zuerst ein Ich, das existiert. Das Material einfach hinnehmen, mit der Welt spielen, nach ihren Regeln und Gesetzen, das kann ich nie für lange. Bald drückt mich wieder das Unvollkommene und Halbherzige meines Lebensentwurfes, und ich falle zurück in apathische Starre, ziehe um mich einen Kreis aus Lieblosigkeit und Kälte...

30.10.2006 um 14:51 Uhr

Taumeln durch die Zeitlichkeit

von: Alcide

Ich arbeite, um Geld zu haben, das mich vorübergehend von der Angst befreit, nicht mehr würdevoll existieren zu können. Alles nur, um atmen zu können, um eine Auszeit zu erhalten, die es mir erlaubt mich umblicken zu können, in der Hoffnung vielleicht doch einen Fluchtweg zu entdecken, der mir in der Hektik bislang entgangen ist, aber da ist nichts, und außer Atem setzte ich meine Reise fort durch das Dickicht meiner Existenz fort. Ich denke, ich kann mich mich einfach nicht mit mir selbst identifizieren. Ich bin ich, das erscheint mir so eine belangslose Gleichung, ein tautologisches Nichts. Warum sich bewahren? Warum moralisch sein? Warum leben? Alles ist darauf angelegt das Ego wachsen zu lassen, aber mich drängt es nur, es loszuwerden. Fühle mich in eine Metaebene des Daseins verbannt, von der aus es mir nicht vergönnt ist, wirksam und heilend in die Welt einzugreifen... Wie schön, wie herrlich wäre es, wenn man sein Leben als Kunstwerk begreifen könnte... Was ein herrlicher, unbeschwerter Tanz sein könnte, das bleibt , solange ich meinem Wesen keine Führung, keine Richtung geben kann, nur ein ungelenkes Taumeln durch die Zeitlichkeit...

28.10.2006 um 10:43 Uhr

Der Stirne so müde...

von: Alcide

Seit drei Wochen arbeite ich wirklich unermüdlich. Aber es ist ein Ende absehbar, und so ertragen wir es... Bis Mitte November soll der Text stehen, dann beginnt das Korrekturlesen von anderen und ihren Anmerkungen, Berichtigungen, Bemängelungen bei Ausdrucksweise usw. Bin so erledigt und plage mich mit Dauerkopfschmerzen, die mir ein normales Wohlfühlen nur mehr zu einer fernen Erinnerung machen... Anfang Oktober ist bei einer Ausfahrt mit dem Rennrad auch noch meine Kette gerissen. Th. und L. mussten mich am Sattel fassend heimschieben. Habe es bis jetzt nicht repariert, und da ich auch auf Tennis und Fußball verzichtet habe, war im Oktober auch kein Sport da, der meiner Kopfzentriertheit wenigstens stundenweise Entlastung verschafft hätte. Bin ganz Gehirn, Gehirn mit einem unbrauchbaren Körperfortsatz, unfähig ganzheitlich zu denken, apathisch, abweisend - ein Leben im standby-Modus...

24.10.2006 um 09:19 Uhr

Auf verlorenem Posten

von: Alcide

Bin total erschöpft, entkräftet und auch, ich gestehs mir ungern ein, versteckt aggressiv. Nein, es ärgert mich einfach maßlos, dass ich in der Arbeit momentan keinerlei Unterstützung bekomme, dass ich da völlig auf verlorenem Posten stehe und keiner über den eigenen Tellerrand hinausdenken mag. Natürlich spreche ich die Sachverhalte an, aber nur einmal... und manche Dinge sind so offensichtlich, so eklatant offensichtlich, dass sie dringender Erledigung bedürfen, dass ich es geradezu für unter meiner Würde erachten würde, das auch noch zu benennen. Aber was wenn die Leute nicht mitziehen, obwohl sie doch dafür zuständig sind. Ich kann andere nicht offen mit ihrer Inkompetenz konfrontieren, ich muss das runterschlucken, weil alles andere hieße herabsteigen auf das Niveau schäbigster Arbeitsweltroutine: Menschen womöglich als Kollegen behandeln, den Vorgesetzten spielen müssen, alles widerliche Begrifflichkeiten, in denen ich nicht denken kann und will... Nein, da beiß' ich lieber die Zähne zusammen, seh' mir an wie das Boot sinkt und hoffe, dass wenn die ersten endlich nasse Füße bekommen, dass dann auch gehandelt wird...

12.10.2006 um 16:22 Uhr

Theater

von: Alcide

Letzte Woche tat ich mir mal wieder Theater an. Und eigentlich gibt es nur noch eine Sache, die noch schlimmer ist als Theater, nämlich Brecht im Theater... Nun gut, immerhin eine Peymann-Inszenierung, muss man ja mal gesehen haben, und da die Karte noch umsonst war, konnte ich schlecht ablehnen. Außerdem durchleide ich dann den Theaterabend doch auch immer in Maßen heiter-belustigt, nicht wegen der Inszenierung, da bleibt unter dem Strich doch meist Langeweile zurück, mehr wegen dem ganzen Drum und Dran, dem affektierten Getue des Bildungsbürgertums in den Pausen... Theater funktioniert bei mir einfach nicht. Sehe da einfach nur Schauspieler, die schauspielern, nicht mehr; da kann auf der Bühne gestorben werden, was das Zeug hält. Ich bin mit meinen Gedanken nie beim Stück, schweife immer ab... Dabei halte ich mich doch für einen emotional leicht tangierbaren Menschen: eine gut gesponnene Geschichte rund um wahlweise oder in Kombination Tod/Liebe/Sex, ein bisschen Intellekt und eine Prise existentieller Beklemmung, dann bin ich ganz Aufmerksamkeit und ästhetisch befriedet. Das klappt bei Büchern einwandfrei, aber auf der Bühne sehe ich nur Schauspieler und ich stell' mir vor, wie mühsam es für sie war den Text zu lernen und was sie wohl privat vom anderen denken, wann ihr Flieger morgen geht und wann denn endlich ein geeigneter Zeitpunkt kommt, an dem ich mich wieder anständig räuspern darf usw. Aber schön ist, dass man doch viele Leute trifft, die man kennt und es ist lustig, wie man sich dann gegenseitig in einem kurzen small-talk gegenseitig hochveredelt, denn man geht ja ins Theater, da iss' man ja wer, und für kurze Momente, glaubt man auch selbst daran... Hinterher war mein Regenschirm übrigens weg... Pah! Bildungsbürgerpack!

06.10.2006 um 18:01 Uhr

Ein Lächeln

von: Alcide

K. hat mir übrigens beim Verabschieden auch für Bruchteile von Sekunden ein Lächeln geschenkt und, Tölpel der ich bin, werde ich mich die nächsten 3 Tage noch daran berauschen...

06.10.2006 um 17:22 Uhr

Geschafft

von: Alcide

Puh, die Präsentation ging sehr gut, sicher und professionell über die Bühne. Ich habe immer so große Angst vor Menschenmengen zu sprechen, Angst die eigene Stimme über Mikrophon zu hören, Angst davor, plötzlich von meiner Nervosität überwältigt zu werden, einfach Angst zu versagen, Angst vor der Angst... Heute das war noch aus ganz anderen Motiven heraus sehr emotional, denn auch K. war da und hat sogar ihren Freund mitgebracht. Ein einfacher, sogar sympathischer Mensch, nicht der supergut aussehende Alleskönner, als den ich ihn mir vorgestellt hatte; bei all' dem heisst es aber dann Konzentration halten, bloß nicht abgleiten in das weite, schattennneblige Feld depressiver Verstimmung; dann trifft man auf frühere berufliche Weggefährten, Frauen, die einem mal viel bedeutet haben, und natürlich auch die lokale Prominenz aus Wirtschaft und Politik... Und was gestern beim Einschlafen noch als unüberwindliche, schauspielerische Anstrengung vorgestellt wurde, erwies sich dann doch als ein organisches Hineinwachsen in die eigene Rolle, dem nichts Gezwungenes, Aufgesetztes mehr anhaftete... Uff, bin ich froh, dass es vorbei ist!