Schatten sind viele

26.08.2011 um 09:43 Uhr

Vorbereitungen

von: Alcide

Bin schon total hibbelig wegen der Alpenüberquerung nächste Woche und seit Tagen zu keiner konzentrierten Arbeit mehr fähig. Besorge ständig Dinge im Sportgeschäft (Regenüberzug, Taschenmesser, Sonnenbrille, Schlafsack, Stöcke). Immer wieder packe ich den Rucksack und stelle mich auf die Waage. Der Rother-Führer empfiehlt nicht mehr als 10kg mit sich herumzuschleppen. Ich bin noch bei 11 – 12 kg. Irgendwas muss also noch raus. Und immer die Fragen: Klettersteigset ja oder nein? Turnschuhe ja oder nein? Reicht die Jacke oder braucht es doch eine dickere? Ja, eines ist mir jetzt schon klar: es wird die Hölle in bunt, wie Bernt das Brot sagen würde.

Morgen früh geht es erst mal zur Familie nach München. Da kann ich mich dann noch zwei Tage in die richtige Stimmung bringen. Athletische Konzentration in Kombination mit absoluter Leidensbereitschaft schweben mir da vor.

22.08.2011 um 13:09 Uhr

Normalität

von: Alcide

"Während jene als 'verrückt' gelten, die den Verlust der menschlichen Werte in der realen Welt nicht mehr ertragen, wird denen 'Normalität' bescheinigt, die sich von ihren menschlichen Wurzeln getrennt haben. Und diese sind es, denen wir Macht anvertrauen und die wir über unser Leben und unsere Zukunft entscheiden lassen."

(Aus: Arno Gruen: Der Wahnsinn der Normalität)

22.08.2011 um 12:44 Uhr

Riss

von: Alcide

Widerstand, der nicht in Unterwerfung mündete. Bewahrung des Eigenen durch den Rückzug ins Sensitive. Hier ist der ewige Riss angelegt: die Zäsur zwischen der Welt und meiner eigenen Welt.

22.08.2011 um 12:04 Uhr

Aufrichtigkeit

von: Alcide

"Aufrichtigkeit ist inkommunikabel, weil sie durch Kommunikation unaufrichtig wird."

(Aus: Niklas Luhmann: Soziale Systeme)

21.08.2011 um 08:07 Uhr

Erkenntnis

von: Alcide

Harmoniebedürfnis + Wunsch nach Authentizität = Isolation

20.08.2011 um 03:53 Uhr

Sie gehen umher

von: Alcide

'Sie gehen umher, entwürdigt durch die Müh, sinnlosen Dingen ohne Mut zu dienen [...]', schreibt Rilke in einem Brief über seine ersten Eindrücke von den Arbeitern in Paris. Ich habe selten eine so schöne und griffige Formulierung über das Wesen von Entfremdung gelesen wir hier bei Rilke. Die Starre und Angst, das Tun in Automatie, gebückte Funktionalität, Betäubung, Dumpfheit, Hoffnungslosigkeit.

20.08.2011 um 03:35 Uhr

Wissen ist eine kalte Schulter

von: Alcide

Ich vergesse es so leicht: daher immer wieder Vergegenwärtigung, dass Täuschung nicht etwa nur eine zwischenzeitliche Abweichung in einer an und für sich erkennbaren Welt ist, sondern das sie vielmehr die Grunderfahrung unseres Daseins schlechthin ist. Unser Bewusstsein ist eine Interpretation von etwas, das wir nicht erkennen können. Wissen hat daher immer auch etwas von einer Tautologie. Wir sehen in die Dinge immer nur die Gesetze hinein, die wir aufgrund der Beschaffenheit unserer Erkennntnisorgane, in uns tragen. Unfähig für den Makrokosmos, unfähig für den Mikrokosmos, bleibt uns nur der schmale Spalt des 'Mesokosmos' (Gerhard Vollmer).

18.08.2011 um 05:45 Uhr

Grundlagen

von: Alcide

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, dann bedauere ich am meisten, dass es mir nicht vergönnt war mich dort naturwissenschaftlich auch nur ansatzweise auszubilden. Das Dreigestirn aus Mathematik, Physik und Chemie hing in jedem Schuljahr drohend über mir und sorgte Mitte Februar regelmäßig für einen blauen Brief. Am Ende reichte es dann zumeist mit Hängen und Würgen zu einer 4 minus. Es gibt nichts zu beschönigen. Ich scheiterte in diesen Fächer schon im Ansatz. Und wenn ich die Grundlage einer Sache nicht begreife, dann auch nicht alles was darauf ruht, das hat sich bis heute kaum geändert.

Bei der Fahrt nach Oberfranken neulich sprach ich darüber mit Joh., den ich für naturwissenschaftlich äußerst bewandert erachte. Ich erzählte ihm von meinem Unverständnis, meiner völligen Ratlosigkeit darüber, dass es etwa positiv und negativ geladene Teilchen gäbe, setzte ihm auseinander, dass mir Gravitation als Konzept noch nie eingeleuchtet hat (warum sollen sich Körper anziehen? Ja wie wissen die überhaupt voneinander, wenn die so im Raum hängen?). Er erklärte mir so den ein oder anderen Zusammenhang und verwies auf diese oder jene Lehrmeinung, doch am Ende meinte, er dass er die grundlegenden Konzepte häufig auch nicht verstehe, er aber dennoch hervorragend mit ihnen arbeiten kann. Die Grundlagen als solche müsse man eben als solche akzeptieren.

Nicht-Verstehen aus dem Bedürfnis nach einem Wirklich-Verstehen-Wollen. Ach herrje, meine Ausreden werden immer unverschämter!

18.08.2011 um 01:23 Uhr

Kosmologischer Schauer

von: Alcide

Sah gestern Nacht noch eine Doku auf Arte zu den Entdeckungen über das Universum durch die Kosmologie im 20. Jahrhundert. Grandiose Bilder des Hubbel-Teleskops in räumliche und zeitliche Dimensionen, die mich beinahe sprachlos zurückließen. Bilder von Spiralnebeln, Gaswolken, Supernovae in Milliarden von Lichtjahren Entfernung. In unserem Universum gibt es mehr Planeten als Sandkörner in allen Wüsten und Stränden der Erde. Schon ein Laster voll mit Sand wäre für mich unvorstellbar. Dunkle Materie und dunkle Energie machen 95% des Universums aus und wir können so gut wie nichts über sie aussagen. Und bei mir dann immer die gleiche naive Frage: Was soll das alles? Was soll der Mensch in diesem grandiosen Kabinett des Unvorstellbaren. Ein Wimpernschlag in der Ewigkeit. Materie, die sieht, ordnet, Begriffe bildet und… verschwindet. Auch so eine Vorstellung: ein Universum, in dem niemand da ist, der es ansieht.

15.08.2011 um 19:33 Uhr

Alltägliches

von: Alcide

Fantastisch! Heute ist ja Feiertag und alle Supermärkte sind geschlossen; hätte ich da mal am Samstag drangedacht. Nun gut, nennen wir es Gelegenheitsfasten...

Eben bin ich meine Finanzen das erste Mal seit vier Monaten durchgegangen. Puh, es reicht noch ein wenig, um mich den Arbeitskraftverwertungsprozessen noch eine Weile zu entziehen. Freizeit dank konsequenter Konsumverweigerung, nur Schade, dass ich so wenig daraus mache. Das Studium liegt auf Eis und Lesen und Lernen befriedigt mich auch nicht mehr in dem Ausmaß wie früher.

Dann heut' morgen den Fehler begangen und mal wieder Frühstücksfernsehen geguckt.  Die Lobhudelei auf Merkel hab' ich noch belustigt zur Kenntnis genommen, dann aber ein Interview mit einem Bankexperten über die Eurobonds haben mir dann schnell klargemacht, dass es besser ist mich nochmal ins Bett zu legen. Es ist mittlerweile nur noch absurd: erst die Bankenrettungspakete und jetzt offenbar bald ein Rettungspaket für unsere Exportwirtschaft. Laut Ifo-Institut (Prof. Sinn) würden Eurobonds den deutschen Staatshaushalt mit ungefähr 47 Mrd. € / Jahr belasten. Auch wenn das Auto schon zerschmettert in der Wand hängt, reden sie noch darüber wie fahrtüchtig dieser Wagen ist und dass es zu diesem Modell keine Alternative gäbe. Wenn dieses ganze Konstrukt wenigstens diejenigen retten würden, die am meisten davon profitiert haben in den vergangenen Jahren. Aber wie so häufig werden die negativen Auswirkungen politischer Idiotien nach unten durchgereicht.

12.08.2011 um 22:56 Uhr

Abendphantasie

von: Alcide

"Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh'
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühen die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich
Purpurne Wolken! Und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! -
Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich - ..."

(Friedrich Hölderlin: Abendphantasie, Strophe 3-5)

12.08.2011 um 22:49 Uhr

Aushöhlung der Begrifflichkeiten

von: Alcide

Ein wesentliches Dilemma für die Errichtung einer politischen Gegenöffentlichkeit liegt unter anderem auch darin, dass die Mächtigen die positiv besetzten Begrifflichkeiten wie 'Freiheit' oder 'Demokratie', für deren Aushöhlung sie stehen, für sich usurpiert haben.

12.08.2011 um 20:12 Uhr

Alpenüberquerung

von: Alcide

So, in zwei Wochen ist es dann so weit... Ich starte dann mit meinem Schwager zu einer Alpenüberquerung, die voraussichtlich zehn Tage dauern soll. Da geht es dann über Berge und durch Täler, über Gipfel, Auen und Weiden, mit Schmerzen an den Beinen und Blasen an den Füßen, dehydriert und sonnenverbrannt... nie wieder, aber irgendwie schön wars schon, wird es danach heißen...

Vor einer Woche machte ich schon mal eine Probewanderung. Bestieg die Serles (2.718m) und habe mich eigentlich erst gestern von einem ganz üblen Muskelkater erholt. So ein Muskelkater, bei dem man geht wie ein betrunkener Roboter und jede Treppe zu einer Herausforderung verkommt... hmm, wird nicht leicht werden...

12.08.2011 um 14:06 Uhr

Wieso Antiheld?

von: Alcide

Ein schönes Fundstück aus dem Videotext von heute morgen: "Innerhalb einer Woche ist Javi Poves vom Nachwuchsstar des spanischen Erstligisten Sporting de Gijon zum Antihelden geworden. Angewidert von der 'Geschäftemacherei' im Profifußball beendete er seine Karriere und will nun in den Nahen Osten reisen, um die 'Wirklichkeit dieser Länder' kennenzulernen. 'Fußball ist eine Metapher für die derzeitige Welt. Alles beruht auf großer Täuschung', sagte der 24jährige."

Habe großen Respekt vor solch' einer Entscheidung. Sehr selten: Das Gefühl der inneren Leere kann auch durch Geld und die Simulation von Bedeutung nicht gefüllt werden.

09.08.2011 um 14:45 Uhr

Resignation

von: Alcide

"Nach und nach kam eine harte, eine brutale Gleichgültigkeit über sie; sie hörte auf zu verzweifeln, wie sie zu hoffen aufgehört, ihr Himmel war eingestürzt, und sie trug kein Verlangen, ihn wieder zum Gewölbe zu träumen."

(Aus: Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne)

08.08.2011 um 16:54 Uhr

Handlungsblockade

von: Alcide

Ich bin nicht gut im Handeln. Weil der Rahmen für richtiges Handeln gesellschaftlich sehr eng für mich ist. Was bleibt also? Warten, Abwarten... weil es keine Richtung gibt, die gehbar ist... "kein Weg mit Herz" würde Castaneda sagen... ich kann nicht egoistisch sein, was ja die Grundbedingung dafür ist, um in dieser Gesellschaft Erfolg zu haben... Dilemma: würde ich mich anpassen, müsste ich mich verachten... und bewahre ich mir die Selbstachtung, isoliere ich mich und bin unglücklich...

07.08.2011 um 19:00 Uhr

Hoffnungslosigkeit

von: Alcide

Ich wünschte ich hätte die Fähigkeit einfach nichts zu tun, die Fähigkeit nicht daran zu leiden, dass es zwischen mir und der Welt keine Verbindung mehr gibt. Wie ein Stück Möbel könnte ich mich dann positionieren und darauf warten, dass es vorbei geht... So fülle ich mein Hirn mit Informationen... nichts als ein Sammeln von Beweisen... unrettbar verloren... in tiefer Nacht und der Morgen ist noch so weit... 

03.08.2011 um 21:45 Uhr

Wieviel Warten...

von: Alcide

"Wieviel Warten verträgt der Mensch, auf ein Nimmermehr...?"

(Ilma Rakusa)

03.08.2011 um 20:48 Uhr

Niemandsland

von: Alcide

Was bleibt ist das Gefühl anders zu sein: wo war der Bruch in meiner Biografie...? wann habe ich begonnen das Nützliche zu verachten und von mir zu stoßen... im Vertrauen auf das vermeintlich Echte, Wahre, Schöne und Gute... dass mit der Zeit doch reifen und wachsen musste in mir... was habe ich erreicht? die Welt lässt mich in Ruhe... noch... und nun bin ich im Niemandsland... hinter mir die Zelte abgebrochen, vor mir kein Ziel... nicht einmal die Ahnung einer Wahrheit... ich bin ein Kompass ohne Nadel... unbrauchbar...

03.08.2011 um 20:13 Uhr

Einer meiner liebsten Romananfänge

von: Alcide

"Die Abendstunde, wie sie der Freund der Dichtung liebt. Der Horizont in Auflösung - eine große Elfenbein-Wolke im Westen und von der höchsten Höhe bis zum Boden der dämmernde Himmel, die unermessliche, schon erstarrte Einsamkeit, voll fließenden Schweigens."

(Aus: Georges Bernanos: Die Sonne Satans)