Schatten sind viele

31.10.2011 um 13:31 Uhr

Projekt Neuzeit

von: Alcide

Martin Luther ist für mich eine sehr ambivalente historische Gestalt. Ich bewundere seinen Mut, seine Tatkraft, seine Wortgewalt, die es ihm ermöglichten eine tausendjährige Institution zu spalten, dem Christentum sozusagen einen Pflock ins Fleisch zu jagen, der bis heute nicht entfernt worden ist. Wer die Schriften katholischer Geistlicher zu jener Zeit liest, die Argumentationsschienen und die dahinter stehende Menschenverachtung, der begreift wie notwendig es war, kirchlicher Autorität entschieden entgegen zu treten.

Eher unbeabsichtigt hat Luther damit einen historischen Prozess losgetreten, der sich bis in unsere Tage verfolgen lässt und noch längst nicht abgeschlossen ist. Es ist das Projekt Individualismus.

Das Mittelalter kann nur begriffen werden, wenn man beachtet, dass es so etwas wie autonome Vernunftethik nicht gab. Alles Handeln, jede Äußerung bedurfte theologischer Begründung. Diese theologische Begründung wiederum stand auf dem festen Fundament ständischer Stabilität. Das was wir heute als Norm erachten, nämlich dass ein Aufstieg über Standesgrenzen möglich sein sollte, das galt damals als verpönt und gefährlich. Soziale Mobilität schuf Unruhe. War nicht erwünscht. Auch so etwas wie persönliche Weiterbildung galt als höchstverdächtig. Selbst in Klöstern, die für uns ja immer als Hort mittelalterlicher Bildung gepriesen werden, gab es eine strikte Trennung zwischen geweihten Priestermönchen und sog. Laien oder Laienbrüdern, denen der Zugang zu Bildung versagt blieb. Diese gesellschaftliche Starre war mit der Bibel wunderbar zu begründen (‚Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig‘ (2 Kor. 3,6) oder die vielgepriesene ‚heilige Einfalt‘). Luther übersetzte die Bibel ins Deutsche und jeder sollte sie lesen können. Das Monopol der Auslegung riss er den katholischen Blendern jener Zeit aus den Händen, die sich mit den absurdesten Einwänden wehrten, und die Gegenreformation war ja auch durchaus von Erfolg geprägt.

Nun wäre es vermessen Luther als Aufklärer sehen zu wollen. Gerade der soziale Aspekt ist es der bei Luther nicht ausgeprägt war. Er stand noch fest auf paulinischem Boden, diesem fatalsten aller Bibelbücher, dieser Verherrlichung staatlicher Autorität, der Prototyp des Totalitären schlechthin.

Luther trennt den Erlösungsaspekt streng vom sozialen Aspekt. Zwingli tat dies übrigens nicht. Deshalb gibt es bei Zwingli so etwas wie Widerstandsrecht gegen Herrschaft, die die ‚göttliche Regeln‘ bricht. Die aufständischen Bauern konnten sich auf Zwingli berufen, nicht auf Luther. Die Freiheit des Individuums galt Luther als wünschenswert, weil er dadurch sein Heil finden könne. Bibellektüre solle zu Gott führen, nicht zu politischem Aufbegehren.

Aber diese Flamme, die Möglichkeit des gemeinen Mannes sich intellektuell behaupten zu können, ging nie mehr ganz verloren. ‚Intellectuall selfdefense‘ wird es Chomsky später nennen. Eine neue Front gesellschaftlicher Auseinandersetzung war geboren.

Quellen: Peter Blickle: Das göttliche Recht der Bauern und die göttliche Gerechtigkeit der Reformatoren (In: Archiv für Kulturgeschichte, 1986) / William A. Graham: Beyond the written word. 1987 / Klaus Schreiner: Laienbildung als Herausforderung für Kirche und Gesellschaft (In: Zeitschrift für historische Forschung, 1984) / Walter A. Ullman: The Bibel and principles of government in the Middle Ages (In: Settimanale di Studi sull'Alto Medioevo, 1963)

28.10.2011 um 05:04 Uhr

21 guns Cover

von: Alcide

Ein Video, das mich jedesmal zum Schmunzeln bringt: man achte auf die sympathischen Plagen im Hintergrund: 

28.10.2011 um 04:08 Uhr

Dove sono i bei momenti

von: Alcide

‘Dove sono i bei momenti‘ singt die Contessa in Mozarts ‚Hochzeit des Figaro’ und auch ich frage mich wo sie nur geblieben sind diese Momente gesteigerter Lebensempfindung.

28.10.2011 um 04:07 Uhr

Traumwelten

von: Alcide

Hatte seit längerer Zeit mal wieder einen sehr intensiven Klartraum. Klarträume sind Träume bei denen der Träumer weiß, dass er sich in einem Traum befindet. Er weiß, dass sein Körper eigentlich bäuchlings auf der harten Matratze ruht, er weiß, dass er sich eben noch über die Nachrichten im TV wund geärgert hat, er weiß in etwa wie spät es ist und doch befindet er sich in einer virtuellen Welt, er ist umgeben von einer Matrix, er hat ein tiefes räumliches Sehen in fremde aber doch irgendwie vertraute Städte, er spricht mit fremden Menschen und Figuren. Was mich immer besonders fasziniert ist, wenn Traumfiguren etwas reden, wovon ich überhaupt keine Ahnung habe. Früher mal sprach eine Figur beständig Französisch zu mir in einem fort und ich war ganz baff, weil ich in der Realität nie und nimmer so fließend Französisch parlieren könnte. Heute Nacht befand ich mich in einem engen Zimmer. Aus dem Fenster sah ich eine schöne Stadt mit eindrucksvollen Fassaden und Erkern. Ich wollte in die Stadt, aber ich konnte den Raum nicht verlassen. Die Türen waren verschlossen (ein Traummotiv, das andauernd wiederkehrt bei mir). Es dauerte sehr lange und ich wurde schon panisch und wollte unbedingt aufwachen. Doch dann besann ich mich und inspizierte dieses Zimmer und plötzlich sah ich, dass neben dem Bett eine in sich zusammengesunkene Gestalt saß und Verse rezitierte. Ich war sehr beeindruckt, weil es wirklich schöne Gedichte und Stimmungsbilder waren. Ich hörte ihm andächtig zu und dachte daran, dass das vermutlich eine Hirnhälfte von mir sein muss, die gerade sehr produktiv ist und auf eigene Faust arbeitet ohne mein bewusstes ich von seinen Vorgängen und Absichten in Kenntnis zu setzen. Der Traum endete dann wie er häufig endet, nämlich in einer Abfolge von Falschen Erwachen. Man vermeint aufgewacht zu sein bis man merkt, dass doch irgendwas nicht stimmt.

Wenn man klar im Traum ist, dann möchte man andere Figuren treffen, witzige Dialoge führen. In einem Traum war ich in einer Bibliothek und ich fragte den Bibliothekar an der Auskunft nach dem Sinn des Lebens, doch er antwortete nur gelangweilt, dass ich mich doch in der Schlange hinten anstellen möge. Ich wurde daraufhin sauer und polterte herum, dass das verdammt nochmal mein Traum sei und ich das Recht hätte gleich eine Auskunft zu bekommen. Nichts zu machen!

Ein andermal stand ich vor einer Tür, und mir war klar, dahinter müsse die ganze Wahrheit liegen, die Antwort auf die letzten Fragen: ich drücke also vorsichtig die Klinke nach unten und gewahre ein zweite Türe diesmal mit der Klinke auf der anderen Seite, ich drücke wieder die Klinke und eine dritte Türe taucht auf usw. Das sind dann Momente wo man sich von seinem eigenen Unterbewusstsein verarscht fühlt.

25.10.2011 um 14:58 Uhr

Der Wunschzettel

von: Alcide

Komme eben vom Mittagessen: war bei einer befreundeten indischen Familie eingeladen. Fühle mich immer sehr wohl bei ihnen. Sie sind so herrlich unkompliziert. Es gibt da so ein paar Dialogschienen, die sich dann ständig wiederholen: ‚Du kannst immer kommen, auch ohne Anmeldung, wann du willst, dann essen wir zusammen und reden‘, und ich antworte dann immer in Richtung ‚Na ihr würdet aber dann Augen machen, wenn ich dann tatsächlich einmal bei euch vorbeikäme ohne vorherige Verabredung‘. Und sie darauf ‚Oh, wir würden uns freuen, du kannst jederzeit kommen‘. Und ich lache dann und überlege wann es denn dann tatsächlich opportun sein könnte mal wieder bei ihnen vorbeizukommen.

Heute gab es Nanbrot mit Reis, dazu mehreren Saucen, eine leichtere Yoghurt-Sauce und eine etwas gewagtere, schärfere mit Bohnen und Chili. Ich esse immer sehr viel, weil sie mir währendem ich noch esse immer die Schälchen nachfüllen. Es ist wie der Kampf gegen das Monster, dem ständig neue Köpfe nachwachsen. Ein Kampf, den ich gerne kämpfe.

Viel reden wir dann über die unterschiedlichen zivilisatorischen Entwürfe, die Europa und Indien unterscheiden. Häufig schüttelt er nur den Kopf über uns: das Leben in Häusern, die Vereinzelung, die Anonymität, das was uns als Individualismus so wertvoll ist, darunter leiden sie sehr. Das tut mir richtig leid. Sie sind manchmal wie Fische auf dem Trockenen, denen ihr Element genommen ist.

Manchmal kommt es aber auch zu lustigen Anpassungsleistungen an unsere Kultur. In ihrer Küche, voll mit mythologischem Bildern, Miniaturschreine und Figürchen aus der hinduistischen Mythologie, prangt ein großer weißer Zettel. Er ist von ihrer 10jährigen Tochter, überschrieben mit ‚Weihnachten-Wunsche‘, und in krakeliger Kinderschrift folgt dann eine lange Aufstellung vom Ipod, über Diddl-Karten (was auch immer das ist) bis hin zu allgemeingehaltenen Wünschen wie ‚Bücher, aber nur die, die mir gefallen‘.

22.10.2011 um 18:47 Uhr

Relativistische Gespenster

von: Alcide

In ihrem autobiografischen Roman ‚Paula‘ erzählt Isabel Allende eine kurze Anekdote: in den 60er Jahren war sie als junge Frau Stipendiatin an einer Brüsseler Universität. Sie studierte Medienwissenschaft und war in einem Kurs, in dem ausschließlich männliche Kongolesen waren. Nach wenigen Wochen wollte sie das Studium hinschmeißen, weil ihre Kommilitonen nicht mit ihr redeten, sie wegboxten, wenn sie vor ihnen in einen Raum treten wollte, ihr in allen Belangen nicht den geringsten Respekt entgegenbrachten. Ein Mitarbeiter der Uni bestand darauf, dass die junge Frau diesen Umstand vor der Klasse ansprach und das tat sie. Die Reaktion war allerdings, dass diese Männer es als eine Frechheit sondergleichen empfanden, dass sie sich als Frau Dinge herausnehmen wollte, die ihr nach ihrem Verständnis von Zusammenleben nicht zustanden: Frauen hätten sich nicht in Gespräche einzumischen und sollten doch tunlichst in einigem Abstand hinter den Männern gehen und diese natürlich als erste durch die Türen gehen lassen. Und da sie, die junge Frau, ja in der Minderheit in ihrer Gruppe sei, habe sie sich gefälligst zu fügen und der Gruppe anzupassen.

Es erschreckt mich immer wieder wie kurzlebig kulturell vorgegebene Verhaltensweisen sein können. Lehrer etwa, die schlagen, die auf Zucht und Ordnung wertlegen, die überzeugt sind ihren Schülern etwas Gutes zu tun, wenn sie ihren Willen brechen… auch nur Kinder ihrer Zeit mit ihren Vorstellungen von Regeln für funktionierendes Zusammenleben… aber das befriedigt nicht… ich mache mir Sorgen, das mein Individualismus (und da deckt sich tatsächlich mein individuelles Erleben mit dem Zeitgeist) auch nur eine kurzfristige Ausbeulung der Geschichte ist… kann es Übereinstimmung geben innerhalb der Grenzen eines relativistischen Ansatzes?

22.10.2011 um 18:31 Uhr

Das Böse

von: Alcide

Ich mache mir viele Gedanken darüber warum Menschen Böses tun? Woher nur kommt dieser unglaublich starke Reiz, anderen Menschen das Leben zur Hölle zu machen? Ich verstehe es gefühlsmäßig tatsächlich nicht. Es ist doch aus einer simplen praktischen Perspektive irgendwie dumm sich bewusst Feinde zu machen. Und doch begegnet einem überall Gewalt… in Worten, in den Strukturen unserer Ökonomie, von Kriegen oder Folter ganz zu schweigen.

Was ist kaputt gegangen in Menschen, die verlernt haben liebevoll mit ihren Mitmenschen umzugehen? Oder die es vielleicht nie gelernt haben? Kann man es überhaupt lernen? Ist es nur das genetische Programm, das abläuft? Testosteron versus Soziabilität (gibt’s wohl gar nicht das Wort)… Einfach nur ein langer Kampf, der zugunsten der Güte entschieden werden muss… und wir mittendrin… Was gäbe ich darum wenn mir jemand Begriffe wie ‚Güte‘ oder ‚Liebe‘ auf einer naturrechtlichen Basis begründen könnte… stattdessen ‚nur‘ pragmatische Ansätze… Vereinbarungen, Vertragstheorien… Die Frage, warum Gott das Böse in der Welt zulässt, das hat mich eigentlich nie sonderlich interessiert. Ich fand immer viel spannender zu fragen, ob es Böses oder Gutes als Wert-an-sich tatsächlich gibt. Oder ob es nicht nur unsere Interpretationen von Verhaltensweisen gibt, die wir mit dem Etikett ‚Gut‘ oder ‚Böse‘ versehen.

22.10.2011 um 16:05 Uhr

Herbst

von: Alcide

"Der Strom ist abgeschaltet. Die Autos stehen am Himmel.
Wolken liegen auf der Straße.
Eine Flutwelle im Zimmer.
Nach fünf Stunden schau ich zur Uhr.
Es sind drei Minuten vergangen.

Sonntag in einer Wohnung. Irgendeiner. Irgendwo.
Sie sind gleich, die Wohnungen der Einsamen.
In denen kein Telephon klingelt.
Keiner kommt. Der sich freut, dich zu sehen.

In dunklen Zimmern, Menschen, die alte Photos ansehen.
Gelbe Briefe lesen. Von damals, als sie noch an Wunder glaubten.
Überlegen, ob sie mal gelebt haben.
Eher nicht. Ermüdend, dass die Welt dich vergisst.
Wenn du ihr nicht ständig sagst, dass es dich gibt.

Sonntag auf der Welt. Irgendeiner. Irgendwo.
Sie sind gleich, die leeren Stunden in großen Städten.
Die Zeit angehalten. Du mit dir und keiner da.
Der sich freut, dich zu sehen.

Auf leeren Straßen. Gefrorene Vögel in den Ästen.
In einer Welt, die ausgestorben ist.
Es ist zu kalt.
Noch einen zu finden, der meine Hände wärmt.
Etwas Besseres wird nicht mehr kommen.

Sonntag am Bahnhof. Irgendeiner. Irgendwo.
Sie sind gleich, die Bahnhöfe der großen Städte.
Ein Zug fährt ein.
Und keiner steigt aus, der sich freut dich zu sehen."

(Sibylle Berg)

20.10.2011 um 13:40 Uhr

Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita

von: Alcide   Kategorie: Literatur

Habe Michail Bulgakows (1891-1940) Roman ‚Der Meister und Margarita‘ abgeschlossen. Bulgakow arbeitete von 1928 bis zu seinem Tode 1940 mit Unterbrechungen an diesem Roman. Erstmals erschien er jedoch erst 1966 in der sowjetischen Literaturzeitschaft ‚Moskwa‘.

Der Teufel höchstpersönlich, unter dem Namen Woland, trifft mit seinem Gefolge in Moskau ein. Als vermeintlicher Zauberkünstler, er bezeichnet sich selbst als ‚Professor der schwarzen Magie‘ sorgt er bei den Moskauern für erhebliche Verwirrung. Bei einigen Personen des Romans steigert sich das Einwirken des Überirdischen bis hin zur Panik und sie landen in einer Nervenheilanstalt. Der Roman ist eine bissige Satire auf die Bürokratie und das materialistische Weltbild intellektueller Kreise in der Sowjetunion der 20er und 30er Jahre. Es sind vor allem biedere Kleinbürger, grobschlächtige Verleumder oder Geldgierige, die von Woland und seinen Helfern aufs Korn genommen werden. Mal verschwinden sie aus dem Zimmer und finden sich am Strand von Jalta wieder, ein andermal verlieren sie im wahrsten Sinne des Wortes ihren Kopf. Woland ist daher nicht nur als eine Kraft des Bösen zu begreifen, sondern auch als ein regulatives Organ, das Bestrafung für Fehlverhalten verhängen kann. Eine Nähe zu Goethes Mephisto, der bei allen bösen Taten eben doch auch ‚das Gute schafft‘ ist zu erkennen. Da die Menschen ein Eingreifen höherer Mächte in ihrem Weltbild nicht verankert haben, mühen sie sich vergeblich ab, diese Geschehnisse zu begreifen. Sie versuchen es als ein Phänomen der 'Massenhypnose' zu erklären.  

Daneben erfahren wir die Geschichte des Meisters, eines begabten Schriftstellers, der seinen eigenen Namen vergessen hat. Er hat einen Roman über das Leben von Pontius Pilatus geschrieben. Aus Kummer über negative Kritiken verbrennt er ihn und endet in einer Nervenklinik. Seine Freundin, Margarita, liebt den Meister abgöttisch. Sie weiß allerdings nicht, wo er sich befindet, da er sie zurückgestoßen hat, in der Annahme er würde sie nur unglücklich machen. Margarita erhält von Woland die Einladung zu einem Ball. In der Erwartung mehr über den Meister in Erfahrung zu bringen nimmt sie das Angebot des Teufels an und wird für eine Nacht die Ballkönigin des Teufels. Zum Dank erhält Margarita von Woland ihren Meister zurück, der ziemlich perplex, im Zimmer auftaucht. Die beiden bleiben von nun an vereint.

Parallel dazu wird der Roman des Meisters erzählt: darunter die Geschichte von der Verurteilung Jesus, hier mit dem Namen Ha Nozri, und seiner Hinrichtung. Weiten Raum nimmt dabei Pontius Pilatus ein, den Gewissensbisse plagen, weil er Jesu aus Staatsräson verurteilen ließ.

Am Ende des Romans überlappen sich die beiden Erzählstränge. Man erahnt, dass der Roman über Pontius Pilatus sich tatsächlich so abgespielt haben muss. Ha Nozri lässt Woland mitteilen, dass der Teufel selbst den Meister und Margarita mit sich nehmen solle. ‚Er hat nicht Licht verdient, sondern Ruhe‘, so Levi Matthäus, der dem Teufel die Anordnung Jesus ausrichtet. So sterben der Meister und Margarita in der ‚realen‘ Welt und reiten auf Pferden mit dem Teufel und seinem Gefolge in eine andere Welt.

18.10.2011 um 17:41 Uhr

Bunt, unterhaltsam, harmlos

von: Alcide

Mein Eindruck von der Bankenprotest-Veranstaltung am 15.10. in München fällt zwiespältig aus: Mein erster Eindruck, nachdem ich mich unter die Menge vor der mobilen Bühne eingereiht habe, war: das soll alles sein, gerade mal 1.000 Leute? Ich dachte die Leute wären diesmal wirklich mobilisierungsbereit, aber ich hatte mich getäuscht. Zwar hatte ich keine Mistgabeln und Fackeln erwartet, aber so insgeheim dachte ich natürlich, dass der Platz voll sein müsste… Meine Enttäuschung wurde aber im Laufe der nächsten Stunden etwas gemildert: in kurzen (leider manchmal auch längeren) Redebeiträgen sprachen die Menschen über ihre Empfindungen und das Gefühl ihrer Machtlosigkeit angesichts undurchschaubarer Finanzoligarchien, hypokritischen Politikern und einem Journalismus, der seinen Namen eigentlich nicht verdient. Es war sehr bunt: es sprachen die üblichen engagierten Leute, Gewerkschafter, Betriebsräte, ‚Kleinpolitiker‘, aber auch Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, Selbstdarsteller, es gab Leute, die das Publikum beschimpften (‚jeder Boykott ist doch nur dazu da sich ein gutes Gewissen zu verschaffen‘ oder ‚die 3. Welt vergessen wir angesichts unserer Probleme, wir sind das Problem für die anderen‘), es gab laute Brüller und leise, nervös-schüchterne Wortmeldungen, geübte Auftritte und Leute, die etwas zerfahren wirkten und nicht immer genau wussten, wo sie denn argumentativ hinwollten, aber zumeist doch ganz ‚einfache‘ Menschen, die sich empörten und froh waren ihren Frust für ein paar Stunden los zu werden. Das war sehr authentisch. Und deswegen war ich ja auch dort. Dazwischen immer wieder Musikeinlagen, mal besser mal schlechter. Sehr informativ war der längere Vortrag von Georg Zoche, der großen Applaus erhielt als er sagte, dass sein Buch ‚Weltmacht Geld‘ im Internet frei zum downloaden bereit stünde. Er sprach allgemein über Sinn und Funktion von Geld und spannte dann einen sehr interessanten Bogen von Bretton Woods 1944, wo der US-Dollar als Leitwährung festgeschrieben wurde,  bis in die heutige Zeit, die Ursachen der hohen Staatsverschuldung der USA, der ‚gewollten‘ Immobilienblase und wie die Kosten für den Irak-Krieg über die ganze Welt verteilt worden sind. War mir in der Deutlichkeit vorher auch nicht klar. Als ‚Rausschmeißer‘ wurde Tracy Chapman’s ‚Talking about a revolution‘ gesungen. Ein wenig melancholisch schloss die Veranstaltung bei tiefstehender Sonne so schließlich ab. Es war unterhaltsam: das Publikum sehr gemischt: Junge und Ältere, ein paar Autonome und Rentner. Alles sehr friedlich, Polizei ist mir nicht aufgefallen, alles sehr brav und gesittet.

14.10.2011 um 19:29 Uhr

Kritische Masse

von: Alcide

Morgen heißt es mal wieder sehr früh aufstehen: Occupy München ist angesagt. Das verbindet sich günstig mit einem Besuch bei Eltern und (wenn ich meine Telefonblockade überwinde) dem Treffen mit Schul- und Studienfreunden.

Ich erwarte mir wahrscheinlich innerlich schon wieder zu viel von dieser Veranstaltung. Und vielleicht wäre eine mehr zentralisierte Aktion, wie seinerzeit etwa der Marsch auf Washington, sinnvoller und geeigneter um ein Zeichen zu setzen wie es immer so schön heißt. Aber sei es drum: endlich mal wieder auf die Straße gehen. Mein Gott, das letzte Mal, das war noch in meiner Schulzeit, eine Demo anlässlich des Weltwirtschaftsgipfels, da wurde ich gleich Zeuge des mittlerweile legendären Münchner Kessels. Die Brutalität mit der Polizisten damals auf die überwiegend jungen Demonstranten eingeschlagen haben, das hat mich damals regelrecht schockiert. Aber morgen, das wird wohl mehr Volksfestcharakter annehmen. Das ist auch gut so… fürs erste… Und wenn nicht morgen, wann dann: Es gibt den großen gemeinsamen Nenner: Regulierung der Finanzmärkte und Beschränkung der Machtsphäre der Hochfinanz. Und in der Tat sind es wohl 99%, die dem zustimmen würden. Ich bin noch optimistisch: erst wenn die Masse aufbegehrt kommt Veränderung zustande. Bei der Atompolitik hat es mit wenigen Menschen über mehrere Jahrzehnte geklappt. Warum nicht jetzt auch mit vielen Menschen in kurzer Zeit…

13.10.2011 um 14:26 Uhr

Trübungen des Augenblicks

von: Alcide

Ich bewundere Menschen die beständig und im reinen mit sich selbst und der Welt sind. Mein Leben ist ein hin und hergeworfen sein zwischen Extremen. Manchmal wünschte ich ein klein bisschen eine multiple Persönlichkeit zu sein, so dass diese Pole meines Seins voneinander nichts wüssten. Dann wäre einmal der eine da, und am nächsten Tag der andere. Und jeder der Pole würde sich ernst nehmen und robust sein Anrecht auf Auslebung einfordern. Stattdessen sehe ich mir zu, sehe wie meine Ich-Programme ablaufen, hetze nicht mehr jeder Empfindung und Regung nach, sitze die Trübungen des Augenblicks aus, in Erwartung angenehmerer Filme auf meiner inneren Leinwand.

11.10.2011 um 13:27 Uhr

Sommer, nun bist du fort

von: Alcide

Sommer, nun bist du fort, du sanftes Versprechen auf Versöhnung… jeder Tag aufs Neue, ein Fallenlassen in deine azurblaue Güte, und ich weiß ich gehe nicht verloren…

11.10.2011 um 09:44 Uhr

Die sanfte Gleichung des Augenblicks

von: Alcide

Die Liebe in der Literatur ist anderen Schriftstellern gleichsam Abschluss und Krönung. Für Dostojewski ist es erst der Anfang und Ausgangspunkt erzählerischer Gestaltung. Für Dostojewski ist die Liebe nicht ein Glückszustand, den es um seiner selbst willen zu erreichen gilt. Wunderbar beschreibt Stefan Zweig in seiner Biografie ‚Drei Meister – Balzac, Dickens, Dostojewski‘ diesen Sachverhalt: „Im letzten Grunde ist bei ihnen, den anderen Dichtern, der Lebenskonflikt lächerlich primitiv im Vergleich zu Dostojewskij. Liebe rührt der Menschen an, ein Zauberstab aus göttlicher Wolke, Geheimnis, die große Magie, unerklärbar, unerläuterbar, letztes Mysterium des Lebens. Und der Liebende liebt: er ist glücklich, erlangt er die Begehrte, er ist unglücklich, erlangt er sie nicht. Wiedergeliebt zu sein ist der Himmel der Menschheit bei allen Dichtern. Aber Dostojewskis Himmel sind höher. […] Für ihn ist Liebe nicht ein Glückszustand, ein Ausgleich, sondern erhobener Streit, intensiveres Schmerzen der ewigen Wunde […]. Wenn Dostojewskis Menschen einander lieben, so ruhen sie nicht. Im Gegenteil, nie sind seine Menschen mehr durchschüttelt von allem Widerstreit ihres Wesens als im Augenblick, da Liebe sich von Liebe erwidert fühlt, denn sie lassen sich nicht versinken in ihrem Überschwang, sondern suchen ihn zu übersteigern. […] Sie verachten die sanfte Gleichung des Augenblicks (den alle anderen als den schönsten ersehnen), dass Geliebter und Geliebte sich gleich stark lieben und geliebt werden, weil dies Harmonie wäre, ein Ende, eine Grenze, und sie leben nur für das Grenzenlose. Dostojewskis Menschen wollen nicht ebenso lieben, wie sie geliebt werden: sie wollen immer nur lieben und wollen das Opfer sein, derjenige, der mehr gibt, derjenige, der weniger empfängt, und sie steigern einander in wahnsinnigen Lizitationen des Gefühls bis es gleichsam ein Keuchen, ein Stöhnen, ein Kampf, eine Qual wird, was als sanftes Spiel begann. In rasender Verwandlung sind sie dann glücklich, wenn sie zurückgestoßen werden, wenn sie verhöhnt, wenn sie verachtet werden, denn dann sind sie es ja, die geben, unendlich geben und nichts dafür verlangen. […] Wo die anderen enden, beginnen erst die Tragödien Dostojewskis, denn er will nicht Liebe, nicht laue Aussöhnung der Geschlechter als Sinn und Triumph der Welt. Er knüpft an die große Tradition der Antike an, wo nicht ein Weib zu erringen, sondern die Welt und alle Götter zu bestehen, Sinn und Größe eines Schicksals war.“

07.10.2011 um 20:40 Uhr

Der Kreis schließt sich

von: Alcide

Es tun sich wieder Wege auf. Noch sehr vage. Heute bin ich noch nicht bereit ins Außen der Dinge einzugreifen. Aber ich sehe die Möglichkeit. Das ist schon viel.

Ich möchte, dass sich der Kreis schließt. Ich bin in einer Idylle groß geworden, einer Idylle des Mittelalters, der Kargheit, bäurischer Sturheit und Bosheit. Als uneheliches Kind in katholischer Welt wurde ich von meinen Großeltern gehasst, meine Mutter wurde geschlagen, wir arbeiteten, suchten Pilze und Beeren im Wald, und saßen in der Stube um einen runden Tisch und aßen warmen Griesbrei, Pilze oder Beeren aus einem Topf, der in der Mitte auf einem Feuer stand. Aber für mich war es dennoch eine Idylle. Eine Welt in der es Wälder gab, in denen Hexen lebten, Wölfe ihr Unwesen trieben, eine Welt mit rauschenden Bächen, strengen Wintern, aber auch eine Welt der Tragödien und der Gewalt. Erst als mich der zivilisatorische Prozess erfasste und es meine Mutter in die Großstadt trieb kam etwas anderes hinzu: die Flucht vor der Hässlichkeit in die Innerlichkeit. Ein Staunen darüber, dass diese vielen neuen Menschen, das Leben nennen, was sie so geschäftig und unzufrieden betrieben. Ich konnte mich anpassen. War ein guter Schüler ohne was dafür zu tun. Als es später galt etwas dafür zu tun, war ich es nicht mehr. Bis heute empfinde ich das bürgerlich-zivilisatorische Leben, das Leben, in dem man Bewerbungen schreiben muss, sich bewerten lassen muss, entseelende Arbeit zu verrichten hat, als Verrat. Wahrscheinlich würde ein Psychologe versuchen mir einen Heidi-Komplex anzuheften. Wie auch immer das ist meine Prägung: und mein Leben, eine Suche nach dem Weg zurück ins verlorene Paradies.

07.10.2011 um 02:13 Uhr

Wie rechtfertigt man Eigentum?

von: Alcide

Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: 'Das ist mein' und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviele Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen zugerufen: 'Hört ja nicht auf diesen Betrüger. Ihr seid alle verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die Erde keinem.'“ Wortgewaltig drückt hier Rousseau in seinem ‚Discours‘  sein Unbehagen gegenüber dem Eigentumsbegriff aus. Und in der Tat haben sich ganze Heerscharen von Rechtsgelehrten bemüßigt gefühlt, die rechtliche Verbindlichkeit von Eigentum zu beweisen.

Besonders interessant ist dabei die Begründung für die sog. ‚Ursprüngliche Erwerbung‘, d.h. die Erwerbung von Dingen, die vorher niemandem gehörten (Boden, freies Land). Immanuel Kant etwa erkennt in seiner ‚Metaphysik der Sitten‘ durchaus die Schwierigkeit an, die darin besteht, dass bei dieser Erwerbungsform die ‚Einschränkung der Willkürfreiheit anderer‘ verbunden ist. Ist klar, wenn etwas mir gehört, kann es einem anderen nicht mehr gehören. Deshalb muss diese Form der Erwerbung zustimmungspflichtig sein. Wenn also alle darin übereinstimmen, dass wir unsere Freiheiten einschränken, dann wäre es rechtlich in Ordnung, so Kant. Er nennt dieses Konstrukt die ‚a priori vereinigte Willkür‘: ‚Also kann durch einseitige Willkühr niemand erwerben […] sondern nur durch vereinigte Willkühr.“ Demnach muss die Zustimmung aller vorausgesetzt werden, die Okkupation als sachenrechtliche Erwerbshandlung zu akzeptieren, und sie nehmen es hin, dass es dadurch zu zufälligen Einschränkungen ihrer Freiheitsrechte kommt.

Klingt alles ein bisschen sperrig, aber war zur damaligen Zeit wirklich ein Fortschritt. Bis dahin galt vor allem John Lockes Eigentumstheorie, wonach Eigentum schon begründet ist, wenn ich etwas bearbeite. Also einfach wo hinfahren, einzäunen und ein paar Furchen ziehen. Vor diesem Hintergrund kann man auch verstehen, dass sich die amerikanischen Siedler so leicht taten mit der Landnahme, denn ihre mentale Prägung war Lockes Eigentumstheorie. Finger drauf und sagen 'Das ist jetzt meins'. Kant war da hingegen viel subtiler: die Einschränkung von Freiheit, die durch Eigentum entsteht muss man hinnehmen (wollen), weil sonst die Freiheit (im Gebrauch von Dingen) nicht gewährleistet sei.

06.10.2011 um 01:56 Uhr

Selbstfindung

von: Alcide

Selbstfindung bezeichnet das Vorhaben den eigenen Wesenskern zu entdecken und wenn möglich vielleicht auch zu verstehen. Ich mag dieses Wort eigentlich nicht besonders, gerade weil es positiv besetzt ist. So positiv leuchtet es aber nur, weil der Hintergrund vor dem es steht, zumeist ein sehr trauriger ist. Denn es heißt auch, dass etwas verschüttet wurde im Laufe von Kindheit, Sozialisiation oder Lebensroutine. Und wenn diese Verschüttungen zunehmen, dann ist irgendwann alles verdreht, Ratlosigkeit macht sich breit. Man handelt und begreift seine eigenen Verhaltensweisen nicht mehr. Dann fragt man sich: wer bin ich? was will ich eigentlich? warum kann ich das, was ich sein will, nicht sein und in konkretes Erleben verwandeln, was dann Glück mit sich bringen sollte? Man merkt, dass das Leben fremdbestimmt ist, und was noch schlimmer ist, dass die eigenen Handlungs- und Denkweisen fehlgeschaltet worden sind. Den Ursachen für diese Fehlschaltungen nachzugehen, auch das ist Selbstfindung. Gerade aber dort, wo auch Heilung ist, da liegt auch die Angst. Seinen Lebenslügen offen ins Gesicht sehen, zu erkennen, dass die Imaginationen, die einem für lange Zeit eine sinnvolle Krücke für das Leben waren, nun als solche erkannt werden, das Zusammenbrechen von Imaginationen gerade dann, wenn man flehentlich nach Halt sucht...

05.10.2011 um 22:32 Uhr

Ein Stück geisteskranker Materie im toten Weltall

von: Alcide

‚Selbstobjektivierung beschwört die Gefahr eines motivationalen Todes zu Lebzeiten herauf. Wer sich selbst, im Geist konsequenter Objektwissenschaften, als durch und durch fremdverursachtes Partikelchen in der Weltfabrik begreift, trennt sich von seiner Spontaneität und riskiert es, in unheilbarer Entseelung zu versinken – ein solches Individuum müsste bis zum trostlosen Ende wie ein Stück geisteskranker Materie durch ein totes Weltall treiben.‘

(Peter Sloterdijk im Vorwort zu: William James: Die Vielfalt der religiösen Erfahrung)

05.10.2011 um 18:02 Uhr

Sinn oder Glück?

von: Alcide

Beim Rennradfahren am Sonntag stellte mir L. eine Frage, die mich seitdem beschäftigt: Was ist dir wichtiger im Leben: die Sinnsuche oder die Glücksuche? Das klingt vordergründig nach einer einfachen Frage, aber sie ist für mich kaum zu beantworten. Man müsste ‚Sinn‘ definieren und man müsste ‚Glück‘ definieren. Besteht ‚Sinn‘ schon dann wenn man in die zufälligen Trümmer seines Lebens den Sinn hineindenkt. Sich einen Sinn geben, ist das schon Sinn. Oder ist es nicht eher der verzweifelte Fetzen Stoff, der die tatsächlich bestehende Sinnlücke verkleiden soll. Seinem Leben Sinn verleihen, heißt das nicht anerkennen, dass es keinen absoluten Sinn gibt.

Und Glück: noch schwieriger. L. meinte damit in erster Linie die kurzfristigen Glückszustände vornehmlich materieller, auch geschlechtlicher Natur. Aber Glück ist doch noch mehr. Ich verstehe Glück mehr im Sinne von Glückseligkeit, als Eudämonie, als stiller Einklang seines Wesens mit dem umgebenden Sein.

Für L. war klar, dass Sinnsuche wichtiger sei im Leben. War ja klar. Ich hab‘ ihm dann versucht zu erklären, dass Glück für mich untrennbar verbunden ist mit Sinnsuche. Aber er versteht unter Sinn etwas anderes als ich und unter Glück versteht ohnehin jeder etwas anderes. L. hat mir dann noch dargelegt warum er sich als polytheistischer Atheist bezeichnen würde, aber da hab‘ ich ihn dann wirklich nicht mehr verstanden und mich aufs Radfahren konzentriert.

05.10.2011 um 17:29 Uhr

André Malraux: Die Hoffnung

von: Alcide   Kategorie: Literatur

Habe endlich André Malraux's Roman "Die Hoffnung" (1937) abgeschlossen. André Malraux (1901-1976) verarbeitet darin seine eigenen Eindrücke und Erlebnisse im Spanischen Bürgerkrieg. Er beschränkt sich dabei auf die Darstellung von kurzen Sequenzen des Kriegsgeschehens. Weiten Raum nehmen dabei Kampfhandlungen ein: die Belagerung und Erstürmung des Alcazars in Toledo, Straßenschlachten in Madrid und in den umliegenden Gebirgen, der Fliegerkampf in der Sierra.

Die Erzählweise ist dabei frei von Pathos. Es kommt nicht ansatzweise zu einem Einfühlen in die Charaktere, weil sie eher als Träger von Ideen dienen, denn als Menschen aus Fleisch und Blut mit einer Geschichte erfahrbar werden.

Das Buch ist unter dem Strich wenig gelungen: zu langatmig die Beschreibung der Kampfhergänge, zu nüchtern und austauschbar die Charaktere, ja selbst die behandelten Ideen schwerfällig behandelt und nicht tiefgehend genug.

Auswahl an Zitaten:

„Manuel war sich darüber klar, dass Krieg hieß: alles daran setzen, um Eisenstücke in lebendiges Fleisch zu befördern.“

„‘Was hat sich während deiner Gefangenschaft am meisten Kraft gekostet?‘ ‚Zu lernen, ein Schlappschwanz zu sein…‘“

„‘Höre, mein Alter, es gibt keinen Helden ohne Zuschauerschaft. Wenn man einmal wirklich allein ist, begreift man das. Man sagt, dass das Blindsein ein Universum für sich ist; das Alleinsein ist es auch, das kannst du mir glauben.‘“

„‘Da der Mensch, wie jedermann weiß, ein Liebe absonderndes Tier ist, begann ich diese Maus zu lieben.‘“

„‘Und sie werden später einmal erkennen – denn Sie sind noch jung -, dass das Leiden weniger bedrängend ist, wenn man seine Unabänderlichkeit einsieht.‘“

„‘Die ökonomische Knechtschaft ist schwer zu ertragen, aber wenn man, um sie abzuschaffen, gezwungen ist, die politische oder militärische oder die religiöse Knechtschaft zu verstärken – wozu dann das alles?‘“

„‘Ich will, dass die Beziehungen, die ich zu einem Menschen habe, seinem Wesen gelten und nicht seinen Ideen. Ich will die Treue in der Freundschaft und nicht die Abhängigkeit der Freundschaft von einer politischen Haltung.‘“

„‘Nicht die Götter schaffen die Musik, Herr Scali, sondern die Musik schafft die Götter…‘“

„Im Vorübergehen betrachtete Neubourg in dem einzigen Spiegel des Raumes sein schmales, glattrasiertes Gesicht, das geistreich wirken wollte und doch nur wie die Ruine seiner Jugend aussah.“

„‘Sagen Sie, Herr Kommandant, wie kann Ihrer Ansicht nach ein Mensch aus seinem Leben das Beste machen?‘ […] ‚Indem er sich eine möglichst umfassende Erfahrung zu vollem Bewusstsein bringt, mein lieber Freund.‘“

„‘Es gibt eine Politik der gerechten Sache, aber es gibt keine gerechte Partei‘“.

„Wenn der Negus mit seinen seelischen Problemen nicht zu Rande kommt, flüchtet er sich immer in die Gewalttat oder in das Opfer, am liebsten in beide zugleich.“

„Weit stärker als alle Gewissheiten der Lebendigen, verband sich das rieselnde Blut in der Flugzeugkabine mit diesem stickigen Tunnel; alles, was Leben gewesen war, löste sich gleich armseligen Erinnerungen in eine tiefe, trübe Betäubung auf; in diesem wohligen Dunkel führten die leuchtenden Punkte das Leben von Tiefseefischen, und der politische Kommissar glitt regungslos, schwerelos, schon jenseits der Schwelle des Todes, auf einem Schlummerstrom dahin.“