Schatten sind viele

29.11.2011 um 02:03 Uhr

Annäherung an das Unsägliche

von: Alcide

„Sichttunnels in den Sprachnebel geblasen…“ (Paul Celan)

28.11.2011 um 22:30 Uhr

Verfehlungen

von: Alcide

Ein wenig ratlos und betreten sieht man sich vor den Scherben des missglückten Experimentes stehen: ohne eigenes Zutun fliegt einen kein Sinn an, das Material an sich ist eben nur Material - wäre es nicht besser gewesen, die eigenen lange, kultivierten Lügen aufrecht zu erhalten. Wie die Welt einem doch entgleiten kann, wenn man es unterlässt sie immer neu lieb zu gewinnen...

28.11.2011 um 21:35 Uhr

Wie haben wir den Mut...

von: Alcide

"Wie haben wir den Mut, in einer Welt zu leben, in der die Liebe durch eine Lüge provoziert wird, die aus dem Bedürfnis besteht, unsere Leiden von denen mildern zu lassen, die uns zum leiden brachten."

(Marcel Proust)

23.11.2011 um 22:37 Uhr

Heinrich von Kleist III

von: Alcide

Die Lektüre von Kants ‚Kritik der reinen Vernunft‘ (1781) zieht Kleist den Boden unter den Füßen weg: Metaphysik ist ‚nur mehr‘ die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis. Letztgültige Wahrheitsfindung ist nicht mehr möglich, da der Mensch in seiner Erkenntnisfähigkeit immer schon durch die spezifische Struktur seines Verstandes determiniert ist. Auch die in Kants Philosophie angelegten idealistischen Lesarten bieten keinen Trost für Kleist. Für ihn bricht ein Weltbild zusammen und wirft ihn in eine für ihn unerträgliche ‚metaphysische Ortlosigkeit‘. Sein Konzept eines Lebensplanes ist zerstört.

Gerade für einen Menschen mit Kleists charakterlicher Disposition war dies fatal. Denn es gibt kaum einen Charakter innerhalb der Literaturgeschichte, der sich durch innere Spaltungen und Zerrissenheiten so auszeichnete wie Kleist: er war sittlich-tugendhaft und ausschweifend zugleich, gleichzeitig gesellschaftlich ehrgeizig und doch auf Rückzug und Wahrhaftigkeit bedacht. Diese Spannungen ließen sich nun nicht mehr durch ein Vernunftregulativ domestizieren. Er musste sich geradezu als sich selbst ausgeliefert empfinden. Was blieb nun als Basis wenn es die Vernunft nicht mehr war: es war das Individuum in der ganzen Tragik seiner inneren Spaltungen, seiner Enttäuschungen, immer zerrissen zwischen bewussten und unbewussten Wünschen.

23.11.2011 um 22:23 Uhr

Heinrich von Kleist II

von: Alcide

Kleist trägt in seiner eigenen Biographie einen grundlegenden epochalen Konflikt aus. Es ist dies der Konflikt zwischen den Wünschen und Neigungen des Ichs und den traditionellen, sich auf Abstammung und Herkunft berufenden Ansprüchen der adeligen Gesellschaft, in die Kleist eingebunden war.

Für Kleists intellektuelle Entwicklung bedeutsam wurde die sog. Kant-Krise, in die ihn die Lektüre der ‚Kritik der reinen Vernunft‘ stürzte. Bis dahin war Kleist ganz der optimistischen Aufklärungsphilosophie verhaftet. Er wird in den Jahren 1799 bis 1800 nicht müde die Einsichten in die Tugend- und Glücksvorstellungen an seine Schwester Ulrike bzw. später an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge zu betonen. So preist er die Vorzüge, die ein tugendhaftes Leben zu geben vermögen. Das Glücksempfinden entstünde augenblicklich aus dem tugendhaften Verhalten und ist sich selbst Belohnung genug. Der Mensch erscheint ganz eingebunden in die Harmonie des Kosmos. Bildung und Wissen werden für Kleist bis zum Kant-Erlebnis die bestimmenden Grundkonstanten seines Daseins. Bildung vervollkommne die Seele, die ihrerseits in den Weltplan eingebunden ist. Er entwirft einen ‚Lebensplan‘ für sich, der ihm Orientierung und Halt geben soll. Erst die Kant-Lektüre erweist diese Vorgehensweise als Illusion.

22.11.2011 um 17:40 Uhr

Heinrich von Kleist I

von: Alcide

Anlässlich des 200jährigen Todestages von Heinrich Kleist ein paar würdigende Worte zu Werk und Person: das erste Werk, das ich von Kleist las war die ‚Penthesilea‘: Es ist das Drama und die monumentale Zuspitzung des Geschlechterkampfes: hin und hergeworfen zwischen dem tiefen Wunsch dem Begehren zu folgen, nach Hingabe und nach Unterwerfung des anderen. Penthesilea scheitert letztendlich daran, dass sie dem Gefühl der Liebe nicht folgen kann. Andere Figuren von Kleist wie das ‚Käthchen von Heilbronn‘ folgen ihrer Liebe bedingungslos ganz ohne Bewusstseinskonflikte. Das führt sie zum Glück. Es ist das ein wiederkehrendes Motiv des Kleistschen Werkes: die Gesetze der eigenen Seele auf der einen Seite, die Anforderungen und Ansprüche von Gesellschaft, Familie, Erziehung auf der anderen Seite. Menschliche Spaltungen treibt er ins Unerträgliche bis sie schließlich eruptiv in die Katastrophe führen.

22.11.2011 um 17:11 Uhr

Denn nie besser ist der Mensch...

von: Alcide

"Denn nie besser ist der Mensch als wenn er es recht innig fühlt, wie schlecht er ist."

(Aus: Heinrich von Kleist: Die Schroffensteiner) 

22.11.2011 um 00:23 Uhr

Plurabelle

von: Alcide

19.11.2011 um 20:25 Uhr

Scheitern

von: Alcide

Befreit bin ich: vom Zwang zur Illusionierung des Positiven. Befangen bin ich nun in der Illusionierung des Negativen: erwartend, nicht ein Ausbleiben des Scheiterns, aber noch immer mit der unsinnigen Hoffnung auf ein würdevolles Scheitern…

14.11.2011 um 20:05 Uhr

Macht und Leiden

von: Alcide

Joachim Fest zitiert in seinem lesenswerten Italien-Buch ('Im Gegenlicht') einen Satz, der mir beinahe körperlich weh tat: "Macht ist nichts anderes als das Recht, Leiden zuzufügen."

14.11.2011 um 20:01 Uhr

Labile Schwebe

von: Alcide

Gegenläufige Tendenzen: der misslungene Versuch in Übereinstimmung mit sich selbst zu leben, führt zu dankbarer Hinnahme von Außenlenkungen, weil das Fragmentarische so tragbarer scheint - und gleichzeitig sorgt die zerstückelte, sinn-entleerte Welt dafür, dass die ersehnten Ganzheitserfahrungen nicht mehr im Außen gesucht werden können... Nach außen geht es nicht, nach innen nicht: in dieser Lähmung friste ich meine Tage...

14.11.2011 um 19:53 Uhr

Bauklötzchenprinzip

von: Alcide

Vor mir an der Supermarktkasse stapelt ein kleines 6jähriges Mädchen die ganzen Joghurts auf dem Förderband übereinander auf zu einem hohen Turm. Es war klar, dass sobald sich das Band wieder in Bewegung setzten würde, sofort alles zusammenfallen würde. Und so kam es dann auch, die Joghurts fallen in sich zusammen und einige herunter auf den Boden. Das Mädchen erschrickt kurz, aber lacht dann auf und macht sich daran die Sachen wieder aufzuheben...

Interessant dabei fand ich die Mutter, die bei alldem nur dabei stand und ihre Kleine liebevoll anlächelte und auch nach dem Missgeschick, kein Wort der Ermahnung, nur weiter dieses konstante liebevolle, behütete Lächeln... Habe mir immer vorstellen müssen, was ich als Kind zu hören bekommen hätte. 'Halt die Gabel richtig', 'kämm' dich', 'lass' dir die Haare schneiden', 'hast du noch nicht aufgeräumt' - meine Eltern erlebte ich als Nörgelinstanz und als Plattwalzer von Träumereien aller Art... Nichts war rechtzumachen, keine Türme aus Joghurts, die ich jemals zu bauen gewagt hätte...

13.11.2011 um 11:25 Uhr

Nirgendwo ist überall

von: Alcide

Nirgendwo ist überall… Irrtümer irrlichtern an zersplitterten Fassaden des Aufbegehrens… verbliebenes Schweigen erstickt an farblosen Resten matter Erwartungen … Licht… kalt-flackernd… wer trüge noch die Qualen neuen Suchens… nach Nischen… zu bleiben… für immer…

12.11.2011 um 13:39 Uhr

Que estranha forma de vida

von: Alcide

"Es war Gottes Wille, dass ich angsterfüllt lebe
dass mein das Schluchzen in der Stille,
dass es nur mein Sehnen gebe.
Es war Gottes Wille!

Welch wunderliche Art des Lebens
zeigt mein eignes Herz,
Sein Leben ist gelebt vergebens.
Wer nähme ihm den Schmerz?
Welch wunderliche Art des Lebens!

Mein Herz, du willst das Deine,
bist der Stärk're von uns beiden,
lebst unter Menschen als gäb's keine,
denn du willst starr nur leiden!
Mein Herz, du willst das deine!

Ich will nicht mehr mit dir! Hör auf zu schlagen!
Wenn du nicht weißt wohin von hier,
warum immer fort noch jagen?
Ich will nicht mehr mit dir!"

(Amalia Rodrigues: Wunderliche Art des Lebens)

09.11.2011 um 07:44 Uhr

Krise des Vertrauens

von: Alcide

Da reden sie von einer ‚Krise des Vertrauens‘ und Aufgabe der Politik sei es nun das Vertrauen der Menschen in Politik, Finanzmärkte und deren Institutionen wieder herzustellen. Als bestünde die ‚Krise‘ im fehlenden Vertrauen – welch‘ eine Verdrehung der Tatsachen. Das Problem ist doch gerade, dass wir über Jahre hinweg zu viel Vertrauen hatten. Wir leben in permanenter Krise, weil wir nicht wissen wollen, weil wir vertrauen wollen. Und vertrauen wollen wir, weil wir angstfrei leben wollen. Wir wollen im Bewusstsein leben, dass alles wie es ist gut ist, oder es zumindest keine Alternativen gibt. Das befreit von Schuldgefühlen und der quälenden Unruhe, die sich sofort einstellen würde, wenn wir begreifen würden, dass wir nicht die Guten sind. Die Krise verstehen heißt Vertrauen entziehen.

05.11.2011 um 20:58 Uhr

Und neue Hügel...

von: Alcide

Und neue Hügel… aufzubrechen, woher der Mut… unfähig zur Selbstbergung, verschüttet unter den Trümmern pfadloser Deutungen… still mein Herz, dein Sehnen ist vergebens…

04.11.2011 um 01:32 Uhr

Auflösung

von: Alcide

"[D]iese Auflösung des Menschen ist eine tragische Auflösung. Jeder angetrieben von einer schmerzlichen Sehnsucht, verlangt vom anderen weiterhin das, was er nicht mehr sein kann, setzt wie ein irregeführter Geist die Suche nach dem Gewicht des Seins fort, das er in sich selbst nicht mehr findet. Nach Beständigkeit, nach Dauerhaftigkeit, nach Tiefe. Jeder scheitert natürlich, und die Einsamkeit ist schrecklich."

(Aus: Michel Houellebecq: Die Welt als Supermarkt)

03.11.2011 um 19:54 Uhr

Schuld

von: Alcide

Schuldgefühl ist ein Bewusstsein für moralisches Defizit... als solches zu begrüßen, ein ethischer Wert... ohne Schuldgefühl wären wir Roboter... alles Sein wäre ein Ablaufen dessen, was der Fall ist... ohne Bewertung kein Wert... dazu braucht es den anderen: dass er das Urteil über uns, das wir uns selbst gesprochen haben, aufhebt... die Schuld ist immer da, Fehler begehen wir täglich, im Tun und noch viel häufiger im Unterlassen... das Schuldgefühl jedoch kann abgetragen werden durch das Anerkennen der Schuld... Schuldgefühle haben, Schuldgefühle aufheben - ein Vergewissern unserer Menschlichkeit.

02.11.2011 um 18:41 Uhr

Bewerbung

von: Alcide

Heute habe ich mich endlich an meinen Schreibtisch gesetzt und diese Bewerbung geschrieben, die ich nun schon ein paar Wochen vor mir her schiebe. Das letzte Mal habe ich 2004 eine geschrieben. Es galt also das Ganze zu überarbeiten und die Tätigkeiten der letzten Jahre mit hinein zu quirlen. Die Arbeit wäre in Stuttgart, das alles also auch noch mit einem radikalen Ortswechsel verbunden. Auch das macht mir Angst. Ich mache das so ungern, dieses Bewerben… obwohl ich eigentlich eine recht gute Statistik habe: Ich habe in meinem ganzen Leben vier Bewerbungen weggeschickt, davon bin ich immerhin 3x genommen worden. Das Problem ist dabei aber auch, dass etwas in mir nicht genommen werden möchte. Und so schreibe ich sehr neutral und sachlich. In Anleitungen für Bewerbungen schreiben sie immer man solle die eigenen Stärken herauskehren. Ich finde das aber ziemlich affig. Zurückhaltung erscheint mir tugendvoller als dieses Sich-Selbst-Anpreisen. Das Leben ist doch kein Wochenmarkt. Ich schreibe was ich gemacht habe, warum ich mir vorstellen könnte die ausgeschriebene Stelle anzunehmen… basta… Sollen sie mich nehmen oder es bleiben lassen, beides wäre O.K. für mich…