Schatten sind viele

28.03.2012 um 21:03 Uhr

Sprache als Medium der Intimität

von: Alcide

Mich beeindruckt das 18. Jahrhundert in seiner geradezu enthusiastischen Begeisterung für die Möglichkeiten intimen Sprechens. Von Gellerts 'Abhandlung von dem guten Geschmack in Briefen' (1751) ging eine Welle der Befreiung der Sprache aus den Fesseln der Konvention, aus den Zwängen verkrusteter Kanzleisprache, aus. Natürlich stand Gellert damit schon auf dem Boden, den Pietismus, britischer Sentimentalismus und französischer Konversationskultur geebnet hatten. Von jetzt an galt es 'natürlich' zu schreiben, aus dem Herzen der unmittelbaren Empfindung. Personales Schreiben kam jetzt erst richtig in Mode. Bezeichnend ist, dass plötzlich die Frauenbriefe eine Wertschätzung fanden, die ihnen vordem nicht zukam. Sie hatten sich ja nicht erst mühsam aus den Strukturen angelernter Rhetorik zu lösen. Ihre intellektuelle Unbedarftheit wurde als Wert erkannt und bewundert. Die Briefe von Frauen gingen von Hand zu Hand, und je natürlicher, offener und treuherziger, desto inniger wurde er weiter empfohlen und nachgeahmt. Ein in literarischer Hinsicht großartiges 18. Jahrhundert war die Folge: man lese nur die Briefe des jungen Goethe aus seiner Leipziger Studentenzeit: voll von überschäumendem Lebenswillen, voll von Sinnlichkeit, Erregung und Erlebnisdrang. Sprache war auf dem Gipfel seiner Möglichkeit: sie war Steigerung des Erlebnisses geworden, ja Erlebnis selbst.

23.03.2012 um 16:32 Uhr

Wahrhaftigkeit

von: Alcide

Zu erkennen, dass wir nie als der wahrgenommen werden, der wir sind, schmerzt mich empfindlich… es ist dies die Angst vor der Leere, die unweigerlich entsteht, wenn sich Wahrhaftigkeit als brüchiges Konzept erweist… denn was kann schon an die Stelle der Wahrhaftigkeit treten? Auch deshalb ist für mich die Ego-Konzentration meines Lebens nur folgerichtig: nur im eigenen Ich herrscht Wahrheit…

22.03.2012 um 14:53 Uhr

Wie kommt der Geist in die Maschine?

von: Alcide

Was ist der Geist? Was ist dieses Reflektieren, dieses Sich-Eingebettet-Empfinden in ein Außen? Stoffliches wohin man schaut, und aus einer schmalen Lucke  der Wahrnehmung blinzelt ungläubig ein Ich, das sich als Geist empfindet… Noch immer bin ich hin und hergeworfen: auf der einen Seite die triste Erkenntnis ‚nur‘ ein Produkt biologischer Evolution zu sein, vielleicht gerade noch etwas komplexer als ein Pantoffeltierchen, oder aber, auf der anderen Seite die hervorgebrachte Dynamik eines mich weit übersteigenden Energiemusters zu sein, das in seiner Beschränktheit die Entitäten um sich herum nicht anders als materiell zu begreifen vermag… noch immer: entweder alles Stoff oder alles Geist… anders kann ich es nicht denken.

15.03.2012 um 06:45 Uhr

Arrival

von: Alcide

Was gäbe ich darum auch nur ansatzweise so spielen zu können. Übrigens ein alter Mike Oldfield Klassiker:

14.03.2012 um 18:43 Uhr

Ärger und Gelassenheit

von: Alcide

Ich ärgere mich. Immer öfter. Ich betrachte mich selbst dabei und es gefällt mir nicht. Aber der Ärger ist da, und je mehr ich versuche ihn wegzudrücken oder ihn durch Geschäftigkeit zu vergessen, desto mächtiger steht er dann doch wieder auf. Ja, er vermiest mir ganz einfach meine Laune, der Ärger... Und manchmal scheint es meine Umgebung geradezu darauf anzulegen den Ärger aus mir heraus zu kitzeln mit Äußerungen, die bei mir einfach jede gute Laune abwürgen... Gestern war es wieder so weit: Th. wollte unbedingt über Politik reden und ich weiß ganz genau, dass es mich jedesmal in tiefe Verzweiflung stürzt wenn ich dabei zusehen muss wie ein eigentlich hochintelligenter, ja auch charakterlich integrer Mensch dummes Zeug von sich gibt. Ich hör' mir das dann eine Weile an, tief durchschnaufend (es wird vorüber gehen), aber irgendwann hau' ich es dann doch raus, so einen Satz, der tief rotzig und schnippisch rüberkommen musste, weil augenblicklich Schweigen eintritt... Ich mache mir etwas vor, wenn ich dann glaube, dass der andere dann über das Gesagte nachdenken würde. Nein, er ist gekränkt, weil er sich an einer Flanke der logischen Argumentation attackiert sah, die er vermeinte nicht decken zu müssen... und beide fühlen wir uns schlecht... aber was ist die Alternative: überhaupt nicht mehr über Politik zu reden?... aber da ist doch mein Ärger, der heraus will, der gerade nicht biochemisch unterdrückt werden kann, weil mein Ego meint es besser zu wissen... Ich versage regelmäßig, wenn ich mir vornehme nur gelassener Beobachter sein zu wollen...

07.03.2012 um 12:30 Uhr

Wie soll ich meine Seele halten...

von: Alcide

Th. stellte gestern bei unserem Literatur-Kreis Rilkes 'Liebes-Lied' vor:

"Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied." 

Es gefällt mir gut in seiner Ambivalenz gegenüber dem Gefühl des Ergriffenseins, dass uns im Verliebtsein erfasst. Rilke sah unweigerlich die Gefahr sich zu verlieren in dieser Allgewalt, und doch fügt er sich, nicht wirklich dagegen aufbegehrend, in diese Schicksalsbindung...

Ich vermisse dieses Gefühl des Angerührtseins durch einen anderen manchmal auch sehr stark. Und ich muss gestehen, dass beinahe mehr das Gefühl ist, dass ich vermisse und weniger die reale Beziehung zu diesem anderen Menschen. Liebe als Funke, der einem hilft, sich an sich selbst zu berauschen... Rilke kannte dies. Seine 4. Elegie fällt mir ein:

"Und ihr, hab ich nicht recht,
die ihr mich liebtet für den kleinen Anfang
Liebe zu euch, von dem ich immer abkam,
weil mir der Raum in eurem Angesicht,
da ich ihn liebte, überging in Weltraum,
in dem ihr nicht mehr wart..."

05.03.2012 um 13:26 Uhr

Kindheitsmuster

von: Alcide

Irgendwie vertue ich ohnehin mein Leben damit, mich zu wundern und alles sonderbar zu finden. Ich könnte mir immer irgendwie alles auch ganz anders vorstellen. Ich denke, dass dies sehr stark meiner Aufzucht geschuldet ist.

Ich war so 12 oder 13 Jahre alt, als ich mich mit einer Reihe von Freunden nach dem Fußballspielen unterhielt: wir kamen auf unsere Eltern zu sprechen. Jeder in der Runde versicherte, dass er keine anderen Eltern haben wollen würde und einige gebrauchten gar das Wort 'lieben' im Zusammenhang mit ihren Eltern. Ich war der einzige, der frei heraus bekannte, dass er sich natürlich andere Eltern nicht nur vorstellen sondern wünschen würde. Und da mir das so selbstverständlich schien und ich dachte den anderen müsste es doch ähnlich gehen, (denn zum Teil kannte ich deren Elternteile). Aber ich begriff da, wenn auch vielleicht nur dumpf und ahnend, dass mit mir da etwas anders verlaufen ist, mir da etwas genommen worden ist, dass nicht wieder zu rekonstruieren war.

Wenn man also als Kind schon die Entscheidung trifft die eigenen Eltern abzulehnen, dann stellt man später auch alles in Frage. Das hat auch etwas durchaus Positives, es verleiht eine Objektivität, die andere gar nicht erahnen, weil sie das Vorgefundene und Faktische auch immer mit dem einzig Möglichen gleichsetzen. Aber andererseits rührt die Wurzellosigkeit und die totale 'metaphysische Ortlosigkeit' meines Wesens sicherlich auch von der Tatsache her, dass es zu keiner liebenden, behütenden Bindung mit meinen Eltern gekommen ist.

03.03.2012 um 05:23 Uhr

Kannst du schlafen, Lächelnde, noch immer?

von: Alcide

Die Wirklichkeit

Kannst du schlafen, Lächelnde, noch immer?
Willst an meiner Brust der Zeit entfliehen?
Siehst du nicht des Nachts im kalten Schimmer
Meereswellen voll von Toten ziehen?
Sahst du Feuer nicht vom Himmel regnen?
Leugnest du den Schrei gequälter Brust?
Muß dir tausendfach der Tod begegnen,
Ehe du der Wirklichkeit bewußt?
Laß mich ruhen, Liebster, laß mich bleiben.
Selber muß ich mit den Wellen treiben.
Selber muß ich brennen, kommt die Zeit.
Heute nur mit jedem meiner Sinne
Werd’ ich tiefer deines Wesens inne.
Dieses ist die Wirklichkeit.

(Marie Luise Kaschnitz)