Schatten sind viele

29.05.2012 um 13:07 Uhr

Nachbeben

von: Alcide

Das habe ich in der Form auch noch nie erlebt: den ganzen Vormittag über wackelt die Erde. Gerade eben um 12.56 hat es wieder einen Erdstoß gegeben, der sogar viel länger angehalten hat, als der vom frühen Vormittag und man muss leider wieder Schlimmes befürchten…

28.05.2012 um 00:32 Uhr

Affekt und Wille

von: Alcide

Wille ist für mich als philosophisch-psychologische Kategorie nicht (be)greifbar. Wille als Begriff erscheint mir unvollkommen, viel zu schwammig: So kann ich den Willen haben, im Sinne einer festen Absicht, endlich die alltägliche Süßigkeitenverkostung einzustellen und mich fürderhin gesund zu ernähren (oder was ich für gesund halte). Aber was mache ich, wenn der Körper mir zu verstehen gibt, dass er sich jetzt nach der grazilen Weichheit, nach der flauschigen Konsistenz von Crème-Karamell-Keksen sehnt, dass das Denken nur mehr damit beschäftigt ist, sich auszumahlen diese Kekse einer kompromisslosen Verstoffwechselung zuzuführen. Dann will ich sowohl Verzicht leisten und doch zugleich nicht. Wer hat Recht, wer ist Herr im Haus? 

Ich bin ja überzeugt, dass das Geheimnis von Glück vor allem darin liegt, sich von negativen Affekten zu befreien, ihrer Herr zu werden. Wie wohltuend wenn man keinen Hass verspürt, nicht den Stachel einer Eifersüchtelei oder ein Verlangen nach zuckerreicher Chemienahrung. So wie die Sterne am Firmament  zu leuchten beginnen, sobald der durchdringende Schein der Sonne verschwindet, so erstrahlt irgendwann auch das Glück, wenn die dunklen Affekte keine Macht mehr über das Gemüt besitzen. Der Held bezwingt in erster Linie sich selbst, das macht ihn zum Helden.

26.05.2012 um 21:15 Uhr

ESC - rette sich wer kann...

von: Alcide

Ich weiß nicht warum ich es mir beinahe jedes Jahr wieder antue: Eurovision Song Contest – ja, er wird auch heute Abend wieder auf die Menschheit losgelassen. Eigentlich finde ich ja die Idee eines Sängerwettstreites toll, das hat ja Wurzeln, die gehen zurück bis ins frühe Mittelalter. Aber was da alljährlich präsentiert wird, auch von Nationen, die gemeinhin als musikalisch gelten, ist schon kurios. Vielleicht sind es in der Tat frühe Kindheitserinnerungen, die man damit verbindet, und es einem deshalb irgendwie lieb machen, auch wenn natürlich fast nie Lieder, die ich gut finde, vorne mit dabei sind.

Heute Vormittag habe ich ein wenig auf Youtube gestöbert und hier meine Top 3 der besten Eurovision Song Contest Lieder der letzten 10 Jahre:

Dänemark 2011:  New tomorrow (A friend in London)

 

Ukraine 2004: Wild dances (Ruslana) 


Türkei 2003: Everyway that i can (Sertab Erener)

23.05.2012 um 22:28 Uhr

Krater im Lebenslauf

von: Alcide

Als ich gestern mit meiner Schwester telefonierte, legte sie mir nahe doch endlich wieder arbeiten zu gehen. Es würde sich in meinem Lebenslauf nicht gut machen. Ach was? Dass ich vielleicht meinen Traum, nämlich dieses bescheuerte Studium endlich abzuschließen, wahr machen möchte, das hat für sie wenig wert. Und außerdem bin ich noch nicht wieder so weit mich wieder der Realität bürgerlich-kapitalistischer Vernutzungslogik auszusetzen. Das erscheint mir auch nur im Rahmen des ‚Dienens‘ denkbar. Für jemand anderen kann man das Rädchen sein. Aber als Selbstzweck? Noch heißt das Paradigma meines Lebens: Selbstausbildung. Schon eigenartig: die 17 Bücher auf meinem SUB sind mir wichtiger als die Zahl auf meinem Kontoauszug. Noch…

Und für was leben wir denn? Für den Lebenslauf? Dafür, dass wir den Urteilsspruch erwarten, dass jemand seinen Daumen hebt oder senkt?

Nur wer sich „zum Gliede eines der Momente der bürgerlichen Gesellschaft“ macht, so Hegel, „gibt sich Wirklichkeit“. Also: Bürgerlichkeit gleich Wirklichkeit. Und was wenn einem der Weg in die Bürgerlichkeit verwehrt bleibt, weil man vielleicht noch nie einen Arbeitsvertrag hatte, der länger als ein Jahr dauerte, der mehr war als ein Werkvertrag, lebenslanges Praktikum…? Sollte mich eines Tages die Bürgerlichkeit ereilen, dann werde ich sie annehmen. Aber nur wenn ich dabei wahr bleiben kann. Eine mit Selbstverlust erkaufte Bürgerlichkeit wird mich langfristig nicht glücklich machen…

21.05.2012 um 14:48 Uhr

Kein Schreiten ist das Glück

von: Alcide

„Kein Schreiten ist das Glück und auch kein Fahnden, kein Spähen ist es nach Unendlichkeit, unendlich ist es, ohne End‘ vorhanden, und über alle Grenzen seligweit ist es das Ganze grenzenloser Welt, die silbern über ihre Ränder fällt, in Silberhimmeln fallend aus dem Überfluss, des dunklen Beckens dunkler Quellenkuss.“

(Aus: Hermann Broch: Die Verzauberung)

19.05.2012 um 12:49 Uhr

Wie Sternenknospen in der Dämmerung

von: Alcide

Ein Wunschkind war ich nun wirklich nicht. Meine Mutter hat mich im Alter von 17 Jahren bekommen. Das war für sie ein Schock und für meine Großeltern eine Schande. Da auch gleichzeitig meine Großmutter schwanger war, ist es sogar passiert, dass mein Onkel drei Monate jünger ist als ich. Meine Großeltern haben ihre Wut reichlich an mir und meiner Mutter ausgelassen. Vieles habe ich glücklicherweise verdrängt…

In Hermann Brochs ‚Verzauberung‘ las ich eben vorhin ein paar Sätze, die mich eigentümlich berührten. Vielleicht aus der Ahnung eines verhinderten Glücks, vielleicht auch nur aus Sentimentalität. Es spricht eine junge Frau, die sich ‚in der Freude‘ weiß:

„‘Mutter‘, sagt Agathe, ‚das Kind in mir ist wie ein singender Himmel, und sein Schlaf ist voller blauer Sterne.“ Und weiter: „‘In mir sind alle Blumen wach, wie Sternenknospen in der Dämmerung. Oh Mutter, ich bin in der Freude.‘“

15.05.2012 um 12:58 Uhr

Realitätsprinzip und Erfüllung

von: Alcide

Mein Leben ist ein ständiger Kampf zwischen dem Realitätsprinzip und der Sehnsucht nach persönlicher Vervollkommnung. Es gibt Menschen für die nur das Realitätsprinzip einen Wert hat, weil es sich ökonomisch fassen lässt und somit messbaren Wert hat: Einsatz von Zeit führt zur Vermehrung von Geld. ‚Time is money‘ wie Benjamin Franklin es schon 1748 bündig formulierte. Ich habe mich schon immer gegen diese Art von antrainiertem Realismus gewehrt.  Obwohl das schon zu stark formuliert ist: eigentlich habe ich mich ihm meistens entzogen. Wenn ich nur an die vielen leidvollen Schultage zurückdenke: ich sehe mich, wie ich auf dem Heizkörper sitze, aus dem Fenster sehe und die Minuten zähle bis ich aus dem Haus muss, gepeinigt von der Angst abgefragt zu werden, Demütigung zu erfahren, und ich sehe hinaus in die Natur und frage mich, wie das nur möglich ist, dass bei all dieser Herrlichkeit und Wunderlichkeit da draußen, ich mich jetzt in diese Repressions- und Selektionsapparatur Schule einklinken muss. Was hätte Lernen sein können, wenn man es mir anders, mir gemäß beigebracht hätte, ohne Angst, ohne Einschüchterung. So wie der junge Gustav in Stifters ‚Nachsommer‘ Bildung erfährt, aber das habe ich erst sehr spät begriffen, da war die Schule schon fast vorbei…  

In Goethes ‚Wilhelm Meister‘ wehrt sich Wilhelm auch gegen die Vernutzung seiner Talente und Leidenschaften durch einen sterilen Kaufmannsberuf. Stattdessen zieht er in die Welt, um sich und seine Seele zu bilden: Er schließt sich eine Theatergesellschaft an und erlebt allerhand Abenteuer, die ihn nach einigen Jahren zu einer ‚Person‘ reifen lassen. Als Gegenpol zu Wilhelm führt Goethe Werner ein, der ganz dem Realitätsprinzip verpflichtet ist und Wilhelms Reifeprozess lächerlich macht, und ihn beim Wiedersehen als ‚Persönchen‘ betitelt und ihn anhält seine erreichte Lebensbildung wenigstens in Form einer günstigen Heirat ertragreich zu machen. Werner ist unfähig zu Muße, zu Müßiggang: jede Handlung ist ihm Investition und wird beurteilt nach ihrer zu erwartenden Rendite.  

Die Norm kann so grausam sein. Sie ist wie ein erbarmungsloser Magnet, der die Kompassnadel unseres Seins beständig von ihrem Ziel abzubringen versucht, und es kostet viel Kraft den Kompass nicht von sich zu werfen, ihn für fehlerhaft zu erachten und schließlich zu vergessen, dass es ihn überhaupt jemals gegeben hat...

12.05.2012 um 13:16 Uhr

The woman - Soundtrack

von: Alcide

Habe gestern Abend den Film „The woman“ gesehen. Ein völlig unerwartetes Film-Erlebnis. Zartbesaiteten Seelen nicht wirklich zu empfehlen: ‚verstörend‘, ‚ekelerregend‘ haben einige  den Film bei Youtube kommentiert. Und ich kann es nachvollziehen. Die Handlung: ein ‚braver‘ Familienvater entdeckt auf der Jagd im Wald eine völlig verwilderte junge Frau, die offensichtlich fernab jedweder Zivilisation in den Wäldern aufgewachsen sein muss. Er fängt sie schließlich ein und will sie bei sich zu Hause ‚domestizieren‘. Dabei verwickelt er sich und seine Familie in ein beklemmendes Netz aus psychologischer Abhängigkeit und Gewalt.

Mit dem Film geht es mir ähnlich wie mit Filmen von Quentin Tarantino. Gewalt kann ich eigentlich nicht leiden (genau wie Verfolgungsjagden). Aber manche Regisseure haben ein Talent dafür, Filmsequenzen in eine Sphäre zu heben, die dem des ästhetischen Genusses recht nahe kommt. Gerade diese Spannung - abstoßend auf der einen Seite und ästhetisch ansprechend auf der anderen Seite – macht die Qualität dieser Filme aus. Unterstützt wird das meist mit ansprechender Filmmusik. Ähnlich auch hier, wobei der Film als solcher nicht an Tarantino heranreicht, aber dennoch ein überdurchschnittlicher, guter Psychothriller mit Horroranklängen, der mich gepackt hat und mit einem Soundtrack, der mehr als beachtlich ist. Erlebe das sehr selten, dass ich in einem Film plötzlich auf fünf bis sieben Lieder aufmerksam werde, die ich noch nicht einmal kannte. Der Soundtrack ist von Sean Spillane. Großartige Begabung!


09.05.2012 um 18:28 Uhr

Äußere Realität und innerer Text

von: Alcide

Hebbels bürgerliches Trauerspiel ‚Maria Magdalena‘ endet mit dem lakonisch-resignativen Satz Meister Antons: „Ich verstehe die Welt nicht mehr.“ Der Satz könnte auch als Überschrift für die Moderne schlechthin herhalten.

Mich beruhigt es eigentümlich, wenn ich merke wie auch andere sich bestimmten technologischen Hypes verweigern. Sie stellen sich die einfach Frage: „Brauch‘ ich das wirklich?“ und selten wird dann die Antwort ein klares „Ja“ sein. Wenn man sagt es würde die Menschen überfordern, ist das nicht ganz korrekt. Natürlich könnte man sich damit auseinandersetzen, aber ist es die Zeit wirklich wert, von den finanziellen Kollateralschäden, die ein Mit-der-Zeit-gehen so mit sich bringen würde, mal ganz abgesehen.

Las erst kürzlich einen Text von Götz Eisenberg über den Autor, und Filmemacher Alexander Kluge mit dem Titel 'Hunger nach Sinn' darin heißt es treffend:

"Der forcierte gesellschaftliche Wandel erschüttert das eingespielte Gleichgewicht zwischen der Struktur der äußeren Realität und der Identitätsstruktur des Menschen und wird zur Quelle von Wirklichkeitsverlust und seelischer Krankheit. Das, was aus Gegenwart und Zukunft auf die Menschen zukommt, fügt sich ihrer Verarbeitungsroutine nicht mehr. Immer mehr bisher gut angepasste Menschen haben das Gefühl, dass der Film der äußeren Realität schneller läuft als der innere Text, den sie dazu sprechen. Sie fühlen sich aus der Ordnung der Dinge katapultiert, desorientiert, entwirklicht und werden von der Angst heimgesucht eines Tages vollends aus der Welt zu fallen [...]."

05.05.2012 um 16:57 Uhr

Weltuntergangsgedicht

von: Alcide

Doch wenn dereinst Posaunen tönen,
und Schatten auf die Erde fällt,
wenn tausend Sonnen qualvoll stöhnen,
dann wars das wohl mit unsrer Welt.

03.05.2012 um 22:55 Uhr

Innen und außen

von: Alcide

Ein bacchantischer Waldelf bin ich, gefangen im Körper eines Staubsaugervertreters….