Schatten sind viele

24.09.2012 um 12:47 Uhr

Wurzelbehandlung

von: Alcide

Heute Vormittag Termin beim Zahnarzt gehabt: Wurzelbehandlung. Als mir das letzte Mal angekündigt wurde, dass die Behandlung ein schwedischer Spezialist machen würde, ging meine Phantasie schon mit mir durch. Bestimmt würde er Bohrer, Spritze, Messer und Spachtelmasse vor mir ausbreiten und eine kompetente Selbstbedienungsanleitung danebenlegen. Aber weit gefehlt. Er machte seine Sache sehr gut. Kaum Schmerzen. Auch wenn er meinte, dass wegen der Entzündung am Nerv die Betäubung nicht so gut wirken würde. Auch so ein Satz, den man beim Zahnarzt nicht hören will. Aber eigentlich war es ganz großes Kino und ich in der ersten Reihe: die Maschinen röhrten, lange Nadeln wurden reingedrückt, Rauchschwaden stiegen auf, Bilder gemacht und hinterher sagte er mir noch ganz begeistert wie herrlich dunkelrot mein Blut doch gewesen sei… ja, mehr davon...

21.09.2012 um 18:20 Uhr

Herbert Rosendorfer

von: Alcide

Sowjetunion: Begann das Kapitel über den Stalinkult in Sheila Fitzpatricks Buch ‚The cultural front, power and culture in revolutionary Russia‘. Seit den 1930er Jahren begann sich rund um Stalin eine Führungsschicht zu bilden, die wohl noch 10 Jahre zuvor als ‚bourgois‘ gegolten hätte. Trotsky und andere empfanden das durchaus als einen absoluten Widerspruch zu den ursprünglichen proletarischen Idealen. Trotsky bezeichnet es gar als ‚Verrat‘. Stalin jedoch sah durchaus eine hierarchisches Modell vor, bestehend aus den drei Komponenten: Intelligentsia (kommunistische Führungsschicht), Arbeiterklasse und kollektivierte Bauernschaft.

Sonstiges: Herbert Rosendorfer ist gestern nach langer Krankheit gestorben. Ich mochte seine Bücher sehr gerne und habe in den 90er Jahren sehr viel von ihm gelesen: ‚Das Messingherz‘, ‚Solo für Anton‘, ‚Deutsche Suite‘ sind tolle Bücher voller Witz, der gerne auch ins Groteske abdriftet. Großartig fand ich auch ‚Die goldenen Heiligen oder Kolumbus entdeckt Europa‘: darin beschreibt er die Unterwerfung der Menschen durch Außerirdische in Analogie zur Eroberung Amerikas durch die Spanier. Getragen wurden viele seiner Geschichten auch von einem grundlegen Ethos der Humanität. Das dritte Reich, die Anfälligkeit für Faschismus und auch die Umweltzerstörung sind wiederkehrende Themen. Irgendwie war er mir auch deshalb nahe, weil seine Lebensstationen zufälligerweise auch den meinen entsprechen, auch wenn die Reihenfolge ein klein wenig anders verlief. Ja, er hat sogar zwei meiner ehemaligen Arbeitsstätten literarisch verarbeitet. Möge dir die Erde leicht sein…

20.09.2012 um 12:51 Uhr

Mittwoch, 19.9.2012

von: Alcide

Hölderlin: Ich las die kurze Verserzählung ‚Emilia‘, entstanden im Sommer 1799. Emilia, eine sehr zarte Seele (Anklang an Goethes zarte Seele im 'Wilhelm Meister' oder auch an 'Hermann und Dorothea'), lebt mit ihrem Vater alleine und hat eben erst ihren geliebten Bruder verloren, der auf Korsika im Freiheitskampf starb. Auf einer längeren Reise trifft sie Armenion. Sie verlieben sich, und er bittet den Vater um ihre Hand. Ende.

Wenn man sich erst auf das sentimentalisch-rührselige der Erzählweise eingelassen hat, ist es eigentlich eine sehr schöne und gelungene Erzählung. Auch darf man sich an der ein oder anderen kriegsglorifizierenden Stelle nicht stören. Aber wie immer bei Hölderlin beeindrucken diese großartigen Naturschilderungen. Denen dann aber auch meist der Blick in die eigene zerrüttete Seele folgt. Diese Kontrastierung ist ein wiederkehrendes Motiv im Werk Hölderlins, und hier sehr ausgeprägt.

„… Erheitert war
Die Nacht, und auf die Wellen leuchtet‘
Und Hütten, wo der fromme Landmann schlief,
Aus blauer Luft, das Mondlicht nieder;
Und alles dünkte friedlich mir und sorglos,
In Schlaf gesungen von des Himmels Sternen.“

[…]

„… und wer von allen mag
Sein eigen bleiben unter dieser Sonne?
Oft meint ich schon, wir leben nur, zu sterben,
Uns opfernd hinzugeben für ein anders.
O schön zu sterben, edel sich zu opfern,
Und nicht so fruchtlos, so vergebens, Liebe!“

[…]

„Und fröhlich glänzten, von des Morgens Tau
Gesättiget, im frischen Lichte sie
Ins Auge mir, wie liebend sich das Kind
An die betrübte Mutter drängt, so waren
Die Blumen und die Blüten um mich rings,
Und schöne Pforten wölbten über mir
Die Bäume.“

Italo Calvino: Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen (1973): Ich beendete das Buch von Italo Calvino: Der Ich-Erzähler kommt abends in einem dichten Wald an einen Gasthof. Dort bemerkt er, dass sowohl er selbst als auch alle anderen Gäste stumm sind. Vermittels des Tarock-Spiels versuchen sich nun alle gegenseitig ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Jeder legt Karte um Karte aus und der Ich-Erzähler rekonstruiert die vermeintlichen Lebensumstände. In diesem Rahmen der Möglichkeiten bewegt sich das Buch die meiste Zeit. Wie immer bei Calvino baut er viele intertextuelle Bezüge mit ein: Faust, Hamlet, McBeth, Orlando furioso, vieles ist darin verquickt. Doch unter dem Strich hielt sich das Lesevergnügen reichlich in Grenzen. Calvino blättert einmal mehr seine überbordende Phantasie vor uns aus, aber es entsteht kein Spannungsbogen. Auch die vielen kleinen Geschichten bleiben farblos. Nur einen Satz habe ich mir notiert, über den es sich lohnt nachzudenken: „… die Ehe ist ein Zusammentreffen zweier Egoismen, die sich gegenseitig zerbrechen, und ihre Risse reichen bis in die Grundfesten der Gesellschaft, die Pilaster des Allgemeinwohls ruhen auf den Eierschalen der Vipern privater Barbarei.“ 

Sport: 30min Dl.; joggte wieder rüber auf die Promenade. Es regnete leicht, war aber noch so warm, dass man gut mit T-Shirt laufen konnte. Machte Spaß: man sollte öfter im Regen laufen 

Sonstiges: Gemüseburger mit Pommes (beides ziemlich missglückt: zerhackter Spinat brennt einfach nicht in der Pfanne: und dann hat man das Gefühl Schlammburger zu essen; bei den Pommes habe ich mehrere Sachen falsch gemacht: Kartoffeln zu lange gekochte, aus Versehen mit Pfeffer bestreut und nicht mit Paprika; am Ende waren sie ungenießbar); sonst ein bisschen Gitarre gespielt; einen guten Link zu einer Wirtschaftsvorlesung von Heinz-Josef Bontrup bekommen: 

http://lecture2go.uni-hamburg.de/veranstaltungen/-/v/13870

Das könnte Volkswirtschaft sein, und nicht dieses Zerrbild infantiler Gewinnmaximierungs,- und Ausbeutungsidiotie, das man medial über sich ergehen lassen muss.

19.09.2012 um 10:40 Uhr

Dienstag, 18.09.2012

von: Alcide

Hölderlin: befasste mich mit sechs Gedichten, die er in der Zeit nach seiner Rückkehr aus Homburg verfasst hat. Einige davon sind Überarbeitungen früherer Gedichte. Die Grundthematik kreist zumeist um das Thema der Trennung von Suzette Gontard (Diotima). Die Gedichte arbeiten sich zu einem Verstehen vor. Das Leid wird eingeordnet und als Teil unserer Bestimmung akzeptiert. So in ‚Die Heimat‘:

‚Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn,
Die Götter schenken heiliges Leid uns auch,
Drum bleibe dies. Ein Sohn der Erde
Schein ich; zu lieben gemacht, zu leiden.‘

Auch in ‚Lebenslauf‘ vermittelt er die Botschaft, dass das Leid nicht umsonst ist. Liebe und Schmerzen beugen den Menschen und führen ihn in eine neue Art von Freiheit.

‚Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
Doch es kehret umsonst nicht
Unser Bogen, woher er kommt.‘

Sehr gefallen hat mir das Gedicht ‚Diotima‘. Es enthält bereits viele kleine Todesanklänge (Trauerjahr, Totenklage usw.) und ist vor allem eine Rühmung der ehemaligen Geliebten, die er nahe an Götter und Helden heranrückt. Schön ist auch dieser Ausspruch, der für so manche unverstandene Seelen allezeit Gültigkeit hat: „… denn ach! Umsonst nur suchst du die Deinen im Sonnenlichte“:

‚Sieh! eh noch unser Hügel, o Liebe, sinkt,
Geschiehts, und ja! noch siehet mein sterblich Lied
Den Tag, der, Diotima! nächst den
Göttern mit Helden dich nennt, und dir gleicht.‘

Das Gedicht ‚Der Abschied‘ behandelt erneut die Trennung, die für Hölderlin so furchtbar schmerzvoll war:

‚Staunend seh ich dich an, Stimmen und süßen Sang,
Wie aus voriger Zeit, hör ich und Saitenspiel,
Und die Liebe duftet
Golden über dem Bach uns auf.‘

 

Russland: Ich las einen Teil von Richard Overys Buch ‚Russia’s war‘. Ich las die Kapitel über die Belagerung von Leningrad seit dem September 1941, die sich bis in den Sommer des folgenden Jahres fortsetzte. Sehr eindrückliche Schilderungen. Wie überhaupt englischsprachige Historiker um einiges interessanter, lebhafter, spannender schreiben können, als es deutsche Historiker gewohnt sind.

Die Belagerung Leningrads kommt, wie mir scheint, in der deutschen Wahrnehmung immer viel zu kurz, weil der Blickwinkel meist auf die  schrecklichen Vorgänge in Stalingrad gerichtet wird. Für Leningrad aber war die Einkesselung durch die Deutschen ein fürchterliches Trauma. Nackte Zahlen: vor der Belagerung lebten ca. 3 Mio Menschen in Leningrad. Nach der Belagerung waren es nur  mehr 639.000. Offiziell hat die Belagerung zu 630.000 zivilen Toten geführt. Vor allem Hunger und Kälte waren dafür verantwortlich. Die Schilderungen von Augenzeugen lesen sich wie ein Panoptikum des Grauens. Als die täglichen Hunger- und Kältetoten die 5.000er Marke überschritten hörten die Behörden auf zu zählen. Auch Fälle von Kannibalismus kamen vor, das Ausmaß lässt sich aber schwerlich beziffern. 16.700 starben direkt durch Granatbeschuss oder Bomben. Die offiziellen Zahlen weisen eine Lücke von ca. 1 Mio Menschen auf. Es ist davon auszugehen, dass davon viele bei ihrer Flucht in die deutschen Festungen gelaufen sind. Als nach einem Jahr die Versorgungslage besser wurde, weil Teile der militärischen Umklammerung gelöst werden konnten, ging das Leben beinahe wieder seinen gewohnten Lauf, wie ein Beobachter schildert. Die gelegentlichen Einschüsse waren beinahe schon selbstverständlich geworden.

 

Dekolonisation: Ich begann einen Aufsatz von D. A. Low über den Einfluss der Unabhängigkeitszugeständnisse in den asiatischen Ländern  auf die Freiheitsbewegungen der zentralafrikanischen Staaten (‚The Asian mirror to tropical Africa’s independence‘).

Viele afrikanischen Staaten erlangten ihre Unabhängigkeit zwischen 1956 und 1965 (1956 Sudan, 1957 Ghana, 1958 Guinea, 1960 Togo, Kamerun, Nigeria, Somalia u.a.). Ein Meilenstein war der Rückzug der Briten aus Indien, das 1947 unabhängig wurde. Das war nicht nur für die nationalistischen Bewegungen ein Zeichen, sondern auch für andere Kolonialmächte. Diese neue Linie zeichneten bereits die USA mit der Gewährung der Unabhängigkeit der Philippinen 1946 vor. Wichtig war ihnen in erster Linie aber, dass der ökonomische Einfluss weiter bestand. Regieren können sich selber. Unabängigkeitsbewegungen wurden infolge nur unterstützt, wenn sie einen Kurs der Freiheit, sprich Marktöffnung verfochten (viel hat sich nicht geändert)…

Wichtig noch: Bis 1935 waren die Bewegungen vor allem elitäre Bewegungen, getragen von Intellektuellen. Erst danach entwickelten sich in Asien regelrechte Massenbewegungen (Mao-Tse-Tung, Ho-Chi-Minh)…

 

Sport: 30min Dl. (lief auf die Promenade); das 1x seit April wieder Laufen. Doch überraschend zügig gelaufen, wenn auch etwas schwerfällig; Radfahrermuskulatur führt eben zu gefühltem Stampfen, ein mehr tänzelnder, leichter Stil bedarf noch einiger weiterer Einheiten; sonst sehr wohltuend, das Schwitzen, die Verausgabung

 

TV: Sah wieder meine tägliche Folge ‚Heroes‘ (I,13). Was war Staffel I doch großartig! In späteren Staffeln übertrieben sie es leider mit den Zeitsprüngen etwas, und die Drehbücher wurden schwächer…

 

Sonstiges: Aß die aufgewärmten Gemüse-Enchiladas von gestern. Überraschend wohlschmeckend. Ich darf eben doch nicht zu viel Chili nehmen… Ich versuche ein neues Lern- und Lebenskonzept: Schwerpunkt liegt auf dem Tun. Unangenehme Aufwallungen meines Inneren werde ich als Hysterie diffamieren und alsdann geknebelt und gefesselt in den kalten Schacht meiner Innerlichkeit werfen… Probeweise Blogeintrag verfassen… Auswirkungen auf erfolgreiche Selbstknechtung bleiben abzuwarten…

11.09.2012 um 09:01 Uhr

Tonight we fly

von: Alcide

Mir gefällt die Perspektive, die Neil Hannon in diesem Lied einnimmt: fliegend über Häuser, Straßen und Bäume… Hunde, die den Schatten der Fliegenden anbellen… dort unten… die Menschen, mit ihren Berufen, ihrer Funktion, der Alltag, können einem nichts mehr anhaben… so beinahe entrückt begegnet er auch dem Tod mit Gleichmut: ‚If heaven doesn’t exist, what will we have missed, this life is the best we’ve ever had‘. 


10.09.2012 um 20:31 Uhr

Dunkelheit

von: Alcide

Die Nacht ist dunkel… Raum, so kalt und leer, fließt durch meine Adern… verlassene Traumruinen im kalten Glanz des Mondlichts… wie die kahlen Äste eines sterbenden Baumes… dunkel ist die Nacht…

07.09.2012 um 17:12 Uhr

Zwischenwelten

von: Alcide

Ich las wieder ein wenig in Karl Eibls Buch ‚Kultur als Zwischenwelt‘. Musste es aber wieder weg legen, weil mich diese (berechtigte) evolutionsbiologische Sichtweise auf das menschliche Dasein doch zumeist in den Nahbereich der Depression schlittern lässt. Ich erkenne dann, dass ich von meiner Anlage her ein zutiefst religiöser Mensch bin. Süchtig nach Sinnzusammenhang und Kongruenz. Zugleich aber verlangt die intellektuelle Redlichkeit nach Konfrontation und lehnt die Opiate selbstgesetzter Zwischenwelten ab. Lieber in bleierner Ohnmacht dem Nichts entgegen taumeln, als in der Lüge glücklich sein. So ungefähr… Das Gehirn ist doch bei anderen eine einzige Brutstätte für Zwischenwelten. Es ist dafür da, Kontinuitätszusammenhänge zu konstruieren, die es dann Sinn nennt… Warum ist das bei mir nicht möglich: Ich sehe wie mein Gehirn beständig daran arbeitet Zwischenwelten zu zerstören. Da es bei anderen genau andersherum ist, erscheint mir mein Beharren auf Entkonditionierung als zutiefst pathologisch…

05.09.2012 um 21:02 Uhr

Stolz

von: Alcide

„… aber der unselige Stolz erstickte jeden Laut der Liebe, der vom Herzen aufstieg.“ 

(Aus: Friedrich Hölderlin: Hyperion)