Schatten sind viele

30.11.2012 um 09:46 Uhr

Wie hebt man sich fort?

von: Alcide

Im Sturm der Deutungen stirbt die Wahrheit des Herzens… wer spricht schon von Lüge... der Bezug auf den eigenen Vorteil rechtfertigt alles... Kalkulationsamöben sind wir… wie verliert man den Schmerz an der entherzten Welt? Wie hebt man sich fort aus dieser Scham? Wo ist die Transzendenz, das Übersteigen? Aufbruch, Umkehr? Kehre, Wendung? Die Welt wird sich nicht ändern… Rettung muss in mir entspringen…

30.11.2012 um 09:37 Uhr

Hinausgehoben ins kalte All

von: Alcide

Hinausgehoben ins kalte All… unrettbar… immer schon Verlorene sind wir von Anbeginn…

27.11.2012 um 05:27 Uhr

Armut als Ressource

von: Alcide

Anlässlich der Themenwoche ‚Armut‘ zeigte der ORF am späten Sonntagabend den Dokumentarfilm ‚Enjoy poverty‘ des niederländischen Künstlers und Filmemachers Renzo Martens: Wollte ihn mir zuerst gar nicht ansehen, weil ich den Titel als sehr zynisch und unangebracht empfand. Im Nachhinein bin ich aber sehr froh den Film gesehen zu haben, weil er mir wirklich neue Aspekte an dem Thema der Armut in Afrika aufzeigte.

Martens Hauptthese in dem Film ist, dass er Armut als Ressource versteht. Er filmt sich etwa selbst auf einer Pressekonferenz der kongalesischen Regierung und stellt als akkreditierter Journalist den Regierungsvertretern die Frage wie hoch denn der Anteil der 1,8 Mrd. $ Entwicklungshilfe, die der Kongo jährlich erhält am BIP sei. Und ob denn die Steuereinnahmen von Konzernen, die die Bodenschätze ausbeuten, höher seien als 1,8 Mrd. $. Das zeigt schon die Argumentationsschiene, die Martens hier anstrebt. Armut erzeugt Geldfluss. Der nur leider selten bei denen ankommt, für die er ursprünglich konzipiert war. Nicht nur die staatlichen Hilfen, sondern auch die Tätigkeit von NGOs beleuchtet er kritisch und wirft ein, dass 70-90% der gespendeten Gelder an das Land aus dem die Spenden kommen zurückfließen. Armut ist ein Geschäftsmodell. Tragisch sei nur, dass die Armen selbst nicht davon profitieren, dass sie ihr ureigenstes Unglück nicht verstehen in finanzielles Auskommen umzumünzen. Es stockt einem der Atem, wenn er einigen einheimischen Fotografen sachlich-kalt vorrechnet wie viel mehr sie verdienen könnten, wenn sie sich von Hochzeiten und Trauerfeiern, auf das Fotografieren von unterernährten Kindern, Leichen und vergewaltigten Frauen umstellen würden. Martens spinnt die Logik des Marktes hier konsequent zu Ende. Das bewirkt etwas beim Zusehen, unabhängig von der moralischen Wertung, die man daran anlegen könnte. Das Unternehmen scheitert dann aber doch sehr schnell, weil die kongalesischen Fotografen keine Akkreditierung bekommen; sie werden also vom Markt bewusst ferngehalten. Dürfen von ihrer eigenen Armut nicht profitieren, so die Schlussfolgerung.

Interessant auch, dass Martens im Umgang mit den Einheimischen sehr kalt, manchmal unfreundlich ist. Er will damit wohl zeigen, dass diese Menschen kein Mitleid brauchen.

Er thematisiert auch sich selbst und seine eigene Rolle beim ‚Helfen‘. Klagt etwa über seine Eitelkeit, vor der er sich so hüten müsse. Vorausgegangen war eine andere Szene, bei der er zwei unterernährte Kinder mit drei Töpfe voller Fleisch, Fisch und Gemüse, ‚beglückte‘. Das waren diese Bilder, die weh taten, die ich nicht so schnell vergessen werde. Der Blick dieses kleinen, schwachen Geschöpfs und zugleich der Selbstekel, der einen dabei überfällt, dass man sich diese Szene im warmen Bett liegend, mit der Fernbedienung neben sich, ansieht.

Diese Komponente macht den Film wirklich zu einer Art Kunstprojekt: es war weniger ein Film über die Armut im Kongo, als mehr ein Film über uns selbst und unseren Umgang damit…

23.11.2012 um 08:21 Uhr

Weiße Farbe auf weißer Wand

von: Alcide

Meine Magisterarbeit ist mir eigentlich nach nur vier Wochen schon ordentlich verhasst. Ich merke an mir wie ich beginne, an die Guttenbergs, Koch-Mehrins und Co. mit einer mildegestimmten Nachsichtigkeit zu denken... Ja, ja man ist schon versucht bisweilen… Und so quäle ich mich ab mit kunsttheoretisch-ästhetizistischen Wortschwurbeleien. Ich würde die Materie am liebsten auf die Ebene des gesunden Menschenverstandes herunterbrechen, doch das käme nicht gut.

Aber ich muss mir leider eingestehen, dass ich zu einem bestimmten Aspekt von Kunst einfachen keinen Zugang finde. Ich lernte ja mal einen Bekannten eines Freundes kennen, der Künstler war, und der den ganzen Abend davon sprach, dass er auf der Suche nach dem Wesen des Weißen, also der Farbe weiß, sei. Und was malte er, richtig: weiße Kleckse auf weiße Leinwände… Ein Fachmann könnte nun kunsttheoretisch seitenweise anfangen zu schwafeln; er würde mit Begriffen nur so um sich schmeißen: wie Intersubjektivität, Phänomenalität der Erscheinung, Gesetzmäßigkeit der farblichen Relevanz, Repräsentation autorefentieller Sinnbezüge, Manifestationen von Möglichkeiten von Aussageweisen usw. Mir ist das zu abstrakt… Meine Zugangsweise zu Kunstwerken ist eher ein ideengeschichtlicher oder ein existentieller, daher auch stark biografischer: so würde ich mich mehr für die psychologische Struktur eines Künstlers interessieren, der sich genötigt fühlt, Bilder in verschiedenen Weißtönen zu malen. Und die Kunstwerke verkommen mir dann lediglich zu einer bizzarren Fußnote… Aber die (Geistes)Wissenschaft hält natürlich ihren werkimmanenten Zugang entgegen… Na klar, welche Wissenschaft sägt sich schon selbst den Ast ab, auf dem sie gründet, und macht sich freiwillig zu einer Unterwissenschaft der Anthropologie…

22.11.2012 um 04:00 Uhr

Zu wissen, und doch...

von: Alcide

Ich bemerke, dass mein Leben immer dann ins Stocken gerät, sich mittelschwere Verzweiflung  dann einstellt, wenn ich eigentlich genau weiß, was ich tun müsste, ich aber im gleichen Maße vor diesem Hereinbrechenden fliehe...

Das Schicksal fordert meine Konfrontation mit der Schwere ein, aber ich bin nicht bereit meinen Tribut zu entrichten… und so lebe ich meine Tage in verbissener Gleichmut… verarzte die Wunde ungelebter Trauer mit dem Placebo des Beschäftigttuns… und es hält doch nicht lange…

18.11.2012 um 18:06 Uhr

Irgendetwas und nichts

von: Alcide

„Wie alle Frauen, denen die Gabe zu lieben versagt ist, wollte sie irgendetwas, ohne genau zu wissen, was sie eigentlich wollte. Tatsächlich wollte sie gar nichts, obwohl sie sich einbildete, alles zu wollen.“

(Aus: Iwan S. Turgenjew: Väter und Söhne)

18.11.2012 um 18:05 Uhr

Kehrseite von Erfahrung

von: Alcide

„Er hat sich die Zunge verbrannt, deshalb pustet er jetzt auf kaltes Wasser“, las ich eben in Turgenjew’s ‚Väter und Söhne‘. Das ist die Kehrseite von Erfahrung, die unweigerlich negative Komponenten enthält: man befleckt das eigene Leben ständig mit den Schlacken des Erfahrenen und tötet dadurch Spontaneität, Offenheit und Klarheit in den Beziehungen zu anderen.

18.11.2012 um 18:02 Uhr

Privatisierung der Welt

von: Alcide

„Die Privatisierung der Welt schwächt die normensetzende Kraft des Staates. Sie stellt Parlamente und Regierungen unter Vormundschaft. Sie entleert die meisten Wahlen und fast alle Volksabstimmungen ihres Sinns. Sie beraubt die öffentlichen Institutionen ihrer regulatorischen Macht. Sie tötet das Gesetz. Von der Republik, wie sie uns die Französische Revolution vererbt hat, bleibt fortan nur mehr ein Phantom übrig.“

(Jean Ziegler)

14.11.2012 um 21:40 Uhr

Innerer Raum... so leer...

von: Alcide

Heute Nacht seit langer Zeit wieder einen luziden Traum gehabt: Ich befinde mich in einem großen Haus mit mehreren Stockwerken, knarrenden Holzdielen, aber alle Räume sind leer, ohne Möbel. Ich bin maßlos enttäuscht, weil ich mir Aufschlüsse über meine seelische Befindlichkeit erwarte, und rufe nach jemanden und hoffe, dass etwas passiert, dass mich weiter bringt... doch in jedem neuen Raum, in den ich eintrete, ist einfach gar nichts vorhanden außer Leere, ja sogar die Fenster sind mit Holzlatten versperrt (Brett vor dem Kopf?) und gewähren mir keine Aussicht nach draußen… Ich bin sehr verwirrt: einerseits sehr froh über den inneren Raum, der sich mir im Traum öffnet, andererseits über die Begrenztheit, dieser inneren Reise…

12.11.2012 um 20:06 Uhr

So unlösbar... (manchmal)

von: Alcide

Ich betrachte die Dinge, und fühle hoffnungslose Fremdheit… die Dinge, phänomenale Attrappen… Projektionen, die auf meiner Netzhaut tanzen…  als ob sie sich verflüchtigen würden sobald ich sie berührte… umgestülpte Welt… die Rückseite, vielleicht, eines vollkommeneren Entwurfs, und wir sind die Weggeworfenen… Raumkonstanten… warum gerade so, und nicht ganz anders… und warum muss ich das wahrnehmen und  erfühlen… erfahren… erspüren…  warum? Woher der Ich-Impuls in diesem Körper?… Warum nicht nur Ablauf und Geschehen… Materie-Billard ohne Geist und Fühlung… ohne diesen leidenden Betrachter… ein blinder Passagier, ausgesetzt im Meer aus Wellen und Partikeln… formt er sich Nussschalen, stoffliche Überlebenskapseln und nennt es Existieren…

08.11.2012 um 14:27 Uhr

Wille zur Formgebung

von: Alcide

Meine Arbeitsfähigkeit oder sagen wir meine mentale Belastbarkeit ist ständigen Schwankung ausgesetzt: an einem Tag arbeite ich voller Elan, ja arbeite mich geradezu in eine Art Rausch hinein und alles scheint bewältigbar… und an einem anderen Tag wieder plage ich mich durch die veranschlagten Minuten, begleitet von Kopfschmerz und quälender Unlust… wie ein Bogen bin ich dann gespannt und es quält mich die eine Frage: wann darf ich ablassen? Ist es jetzt berechtigte Pause? Oder ist es doch nur ein Anflug von schnöder Faulheit? Denn besseres, angenehmeres gibt es ja immer zu tun (lächele ich vor mich hin, während ich diese Zeilen schreibe)…

Was mich an diesen Schwankungen so stört ist, dass mein Wesen mir nicht mehr als ein zusammengehöriges Ganzes erscheint. Planungssicherheit? Dass ich darauf bauen kann, dass mir morgen noch dasselbe gefällt wie heute… dieses Vertrauen auf eine Basis, von der aus ich Weltbewältigung betreiben könnte, kommt mir immer mehr und mehr abhanden… Mein Iche purzeln durch das Inventar meines Innenlebens wie die Kugeln in einem Flipper… wo ich doch so angewiesen bin auf Disziplin, zu der ich aufsehe, weil sie mir Weisung gibt in einer Welt der Orientierungslosigkeit... Bändigung des Chaos erscheint mir nur durch Formgebung möglich… Form als Sinnersatz… und wenn die Form zerbricht, dann verliere ich mich…

05.11.2012 um 10:53 Uhr

Bestimmung

von: Alcide

"Ich durchfliege in Gedanken meine ganze Vergangenheit und frage mich unwillkürlich: Warum habe ich gelebt? Zu welchem Zweck bin ich geboren worden? Gewiss gab es ihn, und gewiss war ich zu etwas Hohem bestimmt; denn ich fühle in meiner Seele unerklärliche Kräfte… aber ich habe meine Bestimmung nicht erraten, sondern ich habe mich den Lockungen leerer und undankbarer Leidenschaften preisgegeben. Aus ihrem Schmelztiegel bin ich hart und kalt wie Eisen herausgekommen, habe jedoch den Hauch edler Bestrebungen, die schönste Blume des Lebens für immer verloren.“

(Aus: Michail J. Lermontov: Ein Held unserer Zeit)