Schatten sind viele

29.01.2013 um 11:51 Uhr

Weltbezug

von: Alcide

Von unvermuteter Seite ist doch eine Art von Neubelebung in mein Denken getreten. Und in der Auseinandersetzung darüber merke ich erst wie sehr mein Denken der letzten Jahre mir ein Gefängnis war… Gleichwohl kann ich noch nicht sagen wie diese Auseinandersetzung enden wird, und ob dieser Kampf des Verstandes gegen die Grenzen des Verstandes überhaupt eine Aussicht hat gewonnen zu werden. Man müht sich ja meist doch vergebens, so als ob man als kleiner Bruder mit wuchtigen Fausthieben wie wild um sich schlägt und doch nur die Luft trifft, weil ein allmächtiger großer Bruder einen problemlos mit der ausgestreckten Hand am Kopf fassend auf Abstand hält…

Worum geht es? Ich kann es hier nur andeuten: es geht im Kern darum, dass die Welt mir in erster Linie Konstrukt war (und noch immer ist). Die Wirklichkeit der Welt war (ist) die einer entworfenen Welt. Wir sind als Akteure auf der von uns selbst gesetzten Bühne in einer erschreckenden Einsamkeit befangen. Einsam, weil wir von anderen getrennt sind, die ihrerseits Weltsetzung betreiben, und selbstverständlich metaphysisch einsam, weil Transzendenz in einem anthropozentisch-fundierten Weltbild nicht stattfinden kann; allenfalls als Illusion, die ich bereitwillig angenommen hätte, so sie sich denn ereignet hätte.

Alle mentalen Auswege aus dieser Anschauung habe ich immer wieder durchdacht, aber ich war doch immer wie König Midas: Ihm wurde alles, was er berührte zu Gold, und so musste er schließlich verhungern. Mir wurde alles was ich dachte zu ‚Kreaturdenken‘ – unzulänglich, peinlich in seiner Selbstüberhebung. Und was blieb (bleibt)? Ein Leben und Denken in der Statik trostlosesten Weltbezugs… letztlich Resignation und Müdigkeit... Lustlosigkeit sich immer wieder am Unübersteigbaren abzuarbeiten… Leben in der Nicht-Kongruenz (vielfach beschrieben) von Ich und Welt… Verbannung in die Welt der Subjektivität, ohne Aussicht auf Errettung durch einen Gnadenakt umfassender Objektivierbarkeit... Und schließlich richtet man sich ein in dieser Weltanschauung und hält es gar nicht mehr für möglich, dass doch noch mal frische Luft an das morsche Denkgerüst herankommen kann… Wie gesagt, ich weiß nicht, ob die Veränderung fundamental sein kann… Aber ich bin schon froh, darüber, dass Denken wieder in Bewegung gesetzt werden kann… dass ich zumindest die Erstarrung und Lähmung als eine Folge meiner Weltsicht erkenne… und dass ich Indizien sehe für eine Wegbeschreitung, die lohnend sein könnte…

26.01.2013 um 04:32 Uhr

The stars, the moon, they have all been blown out...

von: Alcide

19.01.2013 um 16:25 Uhr

Wille, Facebook, Blog

von: Alcide

Die Woche verlief irgendwie unrund: Meine Konzentrationsfähigkeit ist nicht sonderlich gut. Verliere schnell die Lust, lasse mich leicht ablenken. Dieses Gesammelt-Sein, Konzentrierung des Willens und Abgabe in Leistung, es gelingt mir nicht… Bin unruhig, vielleicht die falsche Ernährung…

Mittlerweile haben mich auf Facebook einige Leute entdeckt, die ich nicht so leicht wie andere einfach im Freundschaftsanfrage-Warteraum verdursten lassen kann. Es ist wirklich die Pest! Eigentlich sollte ich mich da abmelden. Weiß nicht was mich damals geritten hat, wahrscheinlich die Meinung dort etwas zu verpassen… Es geht mir nur auf die Nerven diese ‚Kommunikation‘ dort… Zwar ganz nett manchmal die Nachrichten von früheren Kollegen, Mitschülern, aber auch aufwühlend: Was genau? Ich weiß nicht, vielleicht der Missmut darüber, sich gezwungen zu sehen, sich irgendwie verkaufen und präsentieren zu müssen. Dein Profil macht dich zum Produkt deiner selbst. Äußerung wird zur Performance. Das Eigentliche findet nicht statt…

Vor einigen Tagen habe ich nun auch die letzten Reste meines alten Blogs aus den Jahren 2005-08 hierher übertragen. Komisches Gefühl ihn wieder vollständig zu haben (natürlich ohne die alten Kommentare, aber immerhin), eine Art von Kontinuität ist ersichtlich… Und dann dieses Lesen früherer Einträge, manchmal mit so viel Vertrauen in das momentane Gefühl, als würde es sich nicht ändern... Immerhin: ich leide weniger, ich bin kälter geworden, nicht mehr bereit in jedes Gefühl, das mir die aktuelle Gestimmtheit vorgaukelt, heineinzuspringen…

16.01.2013 um 21:22 Uhr

Der unglückliche Fetischist

von: Alcide

„Es gibt kein unglücklicheres Wesen unter der Sonne als einen Fetischisten, der sich nach einem Damenschuh sehnt und mit einem ganzen Weib vorlieb nehmen muss.“

(Karl Kraus)

16.01.2013 um 21:09 Uhr

Unsere Meinung

von: Alcide

Wie oft nennen wir etwas "unsere Meinung", wo es sich doch nur um Indizien zur Untermauerung unserer eigenen Vorurteile handelt.

12.01.2013 um 23:11 Uhr

Ein anderes Fühlen

von: Alcide

Ach, könnte ich die Welt nur irgend‘ schwindend machen, wie dimmend Licht in einem kahlen Raum… könnte ich sie nur ihrer Kontur berauben, ihre penetrante Festigkeit aufweichen, die mir metallen ins Herz schreit… Wie kann ich je mein Fühlen ändern, wo doch alles mich fortzieht… hinein in einen anderen Austausch… der nicht der meine ist… wo fremde Welt mir nur noch fremder scheint… wo kurzbeinige Rationalisten bellen… und die Welt es Rede nennt… Seile gebt ihr uns, zwingt uns ins Spiel… und nennt es Freiheit… fessle andere oder dich… und taugst du nicht fürs Spiel, so bleibt dir nur die letzte Freiheit… fort, ich kann nicht mehr mit euch…

… ich will ein anderes Fühlen… ein Anderes fühlen…

… will schläfrig unter stillen Blumen gehen… in feierlicher Dauer… und weicht der Tag, so will ich traumumtanzt das Fallen üben… in Nacht mit Sternen, so viel Sternen…

11.01.2013 um 11:01 Uhr

Nicht Zwang, sondern Einsicht

von: Alcide

Da sinniere ich tagelang über die schwierige Problematik von Arbeit und Ablenkung, und dann stolpere ich (zufällig) über diese erhellenden und anregenden Ausführungen bei Rilke:

„Und Rodin, wenn er unwohl ist, ist ganz nah an der Arbeit, schreibt schöne Sachen auf unzählige Zettel, liest Platon und denkt ihm nach. Mir ahnt aber, daß das nicht bloß Erziehung ist und Zwang, so zur Arbeit zu sein (es würde sonst ermüden, wie es mich die letzten Wochen ermüdet hat); es ist lauter Freude; es ist das natürliche Wohlsein in diesem Einen, an das nichts anderes heranreicht. Vielleicht muß man deutlicher noch die ‚Aufgabe‘ einsehen, die man hat, greifbarer noch, in Hunderten von Einzelheiten erkennbar. […] Dazu muß man kommen und, das fühl ich wohl, nicht mit Zwang. Aus Einsicht, aus Lust, aus Nichtaufschieben können, in Anbetracht des vielen, was zu machen ist. […]

Ganze Gebiete des Lebens verloren […] durch die Verführung, die immer noch von ihrer Müßigkeit ausgehen kann.“

(Aus: Rainer Maria Rilke: Briefe über Cézanne)

07.01.2013 um 12:53 Uhr

Leistung

von: Alcide

‚Leistung‘ als eine gesamtgesellschaftliche Norm ist mir zutiefst suspekt. Dennoch komme ich nicht umhin mir einzugestehen, dass ‚Leistung‘ für mich persönlich ganz fundamental wichtig ist. Ich muss mich selbst als leistungs(be)fähig(t) wahrnehmen können. Andernfalls erleidet mein Selbstbild üble Kratzer. Bin ich mit meiner Leistung zufrieden, dann steigt auch meine seelische Zufriedenheit… dann fühle ich mich berechtigt…

Wesentliches Merkmal von Leistung ist für mich in erster Linie die Fähigkeit kurzfristigen Verlockungen zu widerstehen. Es ist ein eigenartiges Paradoxon, dass in der Arbeit an einer Leistung, ich die Zeit schmerzhaft fühle. Sie vergeht nicht. Es ist als ob ich mich im Un-Eigentlichen befinde, wo es doch hier gerade um das Eigentliche gehen soll. Lenke ich mich hingegen ab, spiele zum Beispiel mit dem PC oder sehe TV, vergeht die Zeit wie im Flug. Wahrscheinlich macht es das so schwer, sich zu Leistung zu zwingen, weil man sich immer auch in der Fremdheit der Dauer ausgesetzt empfindet.

Und so quäle ich mich durch meine Magisterarbeit. Und sie quält sich auch mit mir, habe ich manchmal den Eindruck… Nachdem ich die Phase trübsinnigen Vormichhinschiebens nun hinter mich gelassen habe, nähere ich mich unaufhaltsam Phase zwei an: panischer Schockstarre. Ja langsam wird es eng und 80 Seiten schreiben sich nicht von allein. Und ich hasse es zu schreiben. Ich kann nicht schreiben. Ich kann nur Bausteine aneinanderfügen. Meine ganze Arbeit ist bislang ein einziges Trümmerfeld von Gedankengängen und Argumenten. Manchmal nehme ich mir zwei davon aus meinem Gedankenkasten, schaue ob sie sich ineinanderfügen, und lege sie dann doch peinlich pikiert wieder zurück, und mache mich wieder auf in den Steinbruch aus Zitaten und Fußnoten.

02.01.2013 um 21:49 Uhr

Seinsweisen

von: Alcide

Unmittelbar sein… Übereinstimmung zwischen Sein und Sollen… Augenblick du bist so schön… weil du nicht als Augenblick erfahren wirst… du bist der Augenblick… und zerreißt dieses Band, dass dich an das reine Sein bindet, dann beginnt das Leben in der Verwerfung… dann treibst du dich an… und fahndest nach Zeugnissen der Relevanz und Heilung… der Dinge… und dir selbst… Leben… die Suche nach Lichtungen der Herrlichkeit in den Wäldern der Trostlosigkeit…