Schatten sind viele

30.03.2013 um 21:58 Uhr

Sagbares und Nicht-Sagbares

von: Alcide

In der Welt sein heißt, dass sich die Aufmerksamkeit mit den Dingen befasst, die da sind… Handeln und Wirken vollziehen sich im Rahmen dieses Realismus… es ist das uns Zugängliche, das einzig vorhandene Material, das wir haben… und dennoch ist da immer etwas in mir, dass sich weigert dieses Material als berechtigt anzuerkennen… es etwa durch gelungenes Leben zu legitimieren… und so lebe ich in beständiger existentieller Revolte gegen die Zumutungen des Zufalls… deshalb tue ich mich auch so schwer damit die Natur und ihre Geschöpfe (auch den Menschen) zu bewundern… das Einzigartige, Wundervolle… ihre Schönheit und Erhabenheit, wenn ich sie als wirkend in mir wahrnehme, werden sie von meinem Verstand als biologistische Falltüren entlarvt… Wenn sich ein Marienkäfer in meine Zimmerschalen verirrt dann sehe ich die kleine Kreatur… sein Ausgesetztsein… sein Leiden… ach, wenn es doch nur kein Leiden ist… sondern etwas anderes… warum nur führte die Selektion, die Mechanik des Biologischen zum Leiden?... Außenwahrnehmung… Bewusstsein… Unterscheidung von Innen und Außen erforderte diese Fühlung… Offensichtlich macht es keinen Sinn in einer mechanischen Welt das Leiden weganalysieren zu wollen… oder es auf der Basis einer metaphysischen ‚Hinterwelt‘ rechtfertigbar zu machen… Leiden ist existentielle Prämisse…

Gut möglich, dass meine Weigerung das Material anzuerkennen, das Resultat negativer frühkindlicher Erfahrungen ist… bei anderen beobachte ich einen weitgehend wertfreien Umgang mit Realität… negativ nenne ich meine Erfahrungen nicht etwa, weil ich kein Glück kennengelernt habe, sondern im Gegenteil, weil ich es kennengelernt habe… nur so entsteht ja der Riss… eine Glückserfahrung, die verteidigt werden will, gegen Erfahrungen der Gewalt und des Ausgeliefertseins… und später das Sich-Aufreiben an einer Welt trivialer Alltäglichkeit… deshalb bringe ich das Material in Misskredit… das Sagbare, das sich auf dieses Material bezieht reizt mich wenig… gerne würde ich über das sprechen, was jenseits des Begreifbaren liegt, doch da reichen weder mein Verstand noch meine Sprache hin… und dennoch geht von dort der Reiz aus, der mich streben lässt… die Realität ist das, was da ist… es zu benennen nichts als tautologische Fleißaufgabe… aber der Logik des Nicht-Selektiven nachzuspüren ist eine ständige Verführung… ein Tanz an den Klippen des Verstandes… mit der dummen Hoffnung über das Meer spähen zu wollen…

27.03.2013 um 16:11 Uhr

Welt als gegenüber

von: Alcide

Leben… eigentümliches Ausgesetztsein… immer dem Material gegenüber… mal in freudiger Ergriffenheit, heiter und beschwingt… mal in dumpfer Schwermut und Ablehnung… dann trage ich die Maske des Gleichmuts... bis es vorübergeht… immer in dieser dualistischen Spannung… Ich... dem Vorgefundenen gegenüber… ein Kompromiss immer nur dies… in kühner Erwartung es irgendwann einmal doch als ein Ganzes vor mir zu haben… dass sich ein Vollkommenes formt aus der Summe der zersplitterten Mentalkonstrukte…

22.03.2013 um 22:16 Uhr

Belag auf der Seele

von: Alcide

Wenn Tage nur so ablaufen, so ganz unaufgeregt ausfransen ins Nichts… das bereitet mir Unbehagen… denn ich will immer Intensität… in welcher Form auch immer… ich will Tage durchleben, so als ob ich von innen leuchtete… will in irgendeiner Form ergriffen sein, gepackt sein… das entspricht meinem Selbstbild… wenn ich über einen längeren Zeitraum das Gefühl habe, dass diese Intensität sich nicht einstellen kann, dann bedrückt mich dies sehr… stattdessen so oft diese müden, motivationsresistenten, emotionsbefreiten Tage ohne innere Bewegtheit mit Belag auf der Seele… Gestern habe ich meinen Blutdruck gemessen. Er lag bei 94/53… das ist ein bisschen niedrig… Und ich habe festgestellt, dass in Phasen in denen man sich zu überhaupt nichts motivieren kann, in denen auch die Projekte an denen man so arbeitet ihren Reiz zu verlieren scheinen, mein Blutdruck immer sehr niedrig liegt… Ich sollte dann Sport machen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen, aber es fällt dann leider so ungemein schwer die Initiativkraft dafür aufzubringen…

Heute hätte ich eigentlich das Treffen wegen der Arbeit gehabt, aber der Bus- und Bahnstreik verhinderte, dass mein Chef in die Stadt kommen konnte. So wartete ich über eine Stunde und ließ mir die frühlingshafte Sonne auf den Kopf scheinen.

Am Nachmittag half ich meinem indischen Freund bei der Ausformulierung eines Aufsatzes, den er in deutscher Sprache anfertigen muss. Ich mag den Austausch mit ihm immer sehr gerne. Gerade die Unterschiede sind es, die ich interessant finde. Es werden da mitunter mentale Prägungen sichtbar, die mir sonst einfach als spezifisch Menschliches erscheinen würden.

Neulich hatte ich eine ‚reguläre ‘ Zahnarzt-Kontrollvisite: eine durchaus neue Erfahrung, mal beim Zahnarzt zu sein ohne betäubende Schmerzen zu haben. Er fand auch tatsächlich nichts, nicht einmal das kleinste Löchlein. Allerdings riet er mir zu einer Sitzung ‚Zahnhygiene‘, wie er es nannte, und so arbeitete sich dann eine junge Aspirantin eine Stunde lange an meinen Zähnen ab. Es gab keine Gerät, dass sie nicht verwendete, um die Zahnzwischenräume freizulegen. Wahrscheinlich war sogar ein kleiner Mini-Presslufthammer dabei… Aber das Ergebnis ist durchaus interessant…

19.03.2013 um 16:24 Uhr

Neutrales Wesen

von: Alcide

„Sie wurde ein neutrales Wesen. Veräußerte sich in den täglichen Kram.“

(Aus: Peter Handke: Wunschloses Unglück)

18.03.2013 um 16:23 Uhr

Vollbrachtes und Anstehendes

von: Alcide

Den ganzen Tag über schneit es draußen. Ich sitze an meinem Schreibtisch, trinke Tee und schaue aus dem Fenster… wohl der letzte Schnee in diesem Winter…

Befinde mich in einer Zwischenphase: die Magisterarbeit und Klausur liegen hinter mir: beide nicht sonderlich optimal gelaufen. Wie ein schlechtes Weihnachtsgeschenk, von dem man genau weiß, wie absolut dämlich und unsinnig es ist. Gleichzeitig rechnet man aber mit dem Wohlwollen und der Höflichkeit des Beschenkten und dass er es einem nicht entrüstet an den Kopf zurückwirft...

In den nächsten Tagen werden wohl die ‚Verhandlungen‘ bezüglich einer Rückkehr an meine frühere Arbeitsstelle anstehen. Ich weiß wirklich nicht, ob ich mir das antun soll. Arbeit kann ja wunderschön sein, wenn es ein gemeinsames Entwickeln und Vorantreiben von Projekten ist. Wenn wirklich die Arbeit im Vordergrund steht, wenn man es gut machen kann… so war es auch einmal… oder vielleicht habe ich mir das auch nur vorgemacht… jetzt ist es eine in sich zerstrittene Gruppe, von denen jeder nur auf seinen Vorteil schielt…

So genieße ich die Tage. Endlich nicht lernen müssen… habe noch nicht einmal Lust auf schlechte Laune…

Ich war eine Woche in München: Ich traf mich mit zwei ehemaligen Schulfreunden, die ich seit fünf bzw. zehn Jahren nicht mehr gesehen habe. War witzig: und wie wenig sich manche Menschen doch verändern… Dieselben kommunikativen Unarten, dieselbe Neigung für derb-frivole Sprache. Aber ich nehme es milde hin und freue mich am Aufwärmen der alten Geschichten. Jeder hat komischerweise ganz andere Aspekte einer Geschichte in Erinnerung (auch das sagt viel aus)…

Mit dem neuen Papst bin ich recht zufrieden. Ein netter, offenherziger älterer Mann mit Grundsätzen… natürlich mit konservativen Ansichten… aber wie viele der zur Wahl gestandenen Kardinäle könnte man wohl guten Gewissens als progressiv bezeichnen… und er will eine ‚arme Kirche‘. Hört, hört… Mir kommt der Gedanke an einen Eskimo mit einer Schnee-Allergie...  ich bin sehr gespannt wie es in der Praxis aussehen wird…

01.03.2013 um 20:57 Uhr

Forza Grillo!

von: Alcide

Abgesehen von der nervlichen Zermürbung, die meine Arbeit so mit sich brachte, war ich aber die Woche eigentlich recht froh gestimmt. Wahrscheinlich lag das auch an der Wahl in Italien vergangenes Wochenende. Ich muss noch immer breit grinsen und auch die Reaktionen von deutscher Seite (Politik und Medien) amüsieren mich sehr.

Wie oft ärgert man sich über Wahlausgänge und ist fassungslos: Und nun ausgerechnet in Italien… (ich hatte nach früheren Wahlausgängen eigentlich kaum noch Hoffnung)….

Man muss sich das einmal klarmachen: Grillos M5S (Movimento Cinque Stelle) ist die stärkste Partei (auch wenn Grillo die Betitelung als Partei ablehnt und darauf beharrt es eine 'Bewegung' zu nennen)… Bersani und Berlusconi sind ja nur dank ihrer jeweiligen Bündnisse vor Grillo… Die Mehrheit der abgegebenen Stimmen in Italien gingen an eine Partei, die den als alternativlos propagierten Weg neoliberaler Politik nicht mittragen will… damit auch eine schallende Ohrfeige für die Austeritätspolitik einer Angela Merkel... Noch weiß ich recht wenig über M5S, aber ich begrüße eine solche breite Bewegung, als fundamentale Systemopposition absolut, vor allem getragen von jungen Menschen und überdurchschnittlich vielen Frauen, mit einem geradezu 'humanistischen' Anliegen, den Menschen nämlich wieder in einem anderen Bezug als nur den ökonomischen zu denken: “Es handelt sich um einen totalen Krieg, der jeden Aspekt unseres Lebens betrifft und alle ökonomischen und sozialen Strukturen infrage stellt, die seit Jahrhunderten als gegeben hingenommen werden", so Grillo in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2010.

Freilich kommt dann der abwertende Einwand, dass es hier sich vor allem um eine Protestwahl handeln würde. Als ob ein Wählen aus Protest eine minderwertige Art der Meinungsbekundung sei… Es suggeriert einen Wähler, der einfach zu blöd ist für die Notwendigkeiten der Realpolitik… eben ein leicht-dümmlicher Wähler, der willfährigen Populisten in die Arme läuft… zu blöd zu begreifen, dass seine Verarmung, seine Verdammung zu Perspektivlosigkeit doch nur zum Besten Europas ist…

01.03.2013 um 20:02 Uhr

Arbeit, Opfer und Burn-Out

von: Alcide

Auch was das Berufliche betrifft gibt es auf einmal zwei Möglichkeiten: mehr oder weniger konkrete Angebote. Das macht mich auch unruhig. Man beginnt sich eine mögliche Zukunft zu visualisieren. Aber leider passt es nicht. Eine Stelle wäre allerdings auch richtig weit weg im Ausland. Eine Stelle, die ich schon vor fast zehn Jahren einmal hätte haben können. Da hatte ich aber schon nicht mehr den Mut mich in ein völlig Fremdes zu werfen. Erinnere mich gut an die Entscheidung, deren Ablehnung ich damals schon als ein Älterwerden interpretiert hatte, als eine erste Weigerung sich etwas Anderem hinzugeben und auf sich wirken zu lassen. Ein erste fundamentale Abwendung davon das Leben vorbehaltlos in Erweiterung durch Neues und Fremdes zu betrachten.

Die andere Stelle wäre meine frühere Arbeit. Dort ist wieder etwas frei und, klar sie wollen sich Ausschreibung und Einarbeitung sparen. Es ist so schade, weil es eigentlich eine Traumstelle wäre. Allerdings hat sie mich vor drei Jahren auch in den Burn-out getrieben. Es ist ja eigentlich nicht die Arbeit, die einen in den Burn-out treibt, sondern die Begleitumstände von Arbeit. In gewisser Art sind wir als Menschen ja für das Opfer bestimmt. Aber wenn man die Notwendigkeit des Opfers beginnt in Frage zu stellen und doch in blinder Mechanik weiterarbeitet, zwingt man das Innere in einen Bruch…

01.03.2013 um 19:59 Uhr

Weil mir gerade danach ist...

von: Alcide

01.03.2013 um 19:52 Uhr

Nervosität und Unfähigkeit

von: Alcide

Langsam werde ich nervös. Ich kann nicht mehr in dem Tempo weiterarbeiten wie ich es gewohnt war. Textgestaltung ist eine zermürbende Materie… Vor allem weil man sich mit den eigenen Widersprüchen und dem Nicht-Begriffenen gnadenlos konfrontiert sieht.

Ich bin ja mehr der Sammler… Ich kann stundenlang lesen und mit Bleistift markieren, Ausrufezeichen setzen und Wichtiges von Unwichtigem trennen…

Aber in dieser Phase meiner Arbeit muss das Gesammelte in Text verwandelt werden. Möglichst noch zusammenhängend und einer übergeordneten Idee folgend. Das reibt auf. Die Zwischenablage in meinem Gehirn ist dafür einfach nicht optimal konfiguriert. Was sich nicht unmittelbar in den Ausdruck einer Idee in textlicher Gestalt umsetzen lässt wabert hinaus in die unbekannten Tiefen des Vergessens…