Schatten sind viele

29.04.2013 um 21:52 Uhr

Arbeit und Begleitumstände

von: Alcide

Mittlerweile habe ich mich an das Arbeiten wieder recht gut gewöhnt. Das wichtigste ist, dass ich es ertrage, die Zeit schnell vergeht, ich also leistungsfähig bin… Auch wenn sich wieder diverse Unarten einstellen: schnelles, hektisches Essen oder der ausgiebige Kaffeekonsum…

Die Arbeit verlangt ja nun ein weitgehend regelmäßiges und pünktliches Erscheinen… gut, das sehe ich ein… aber muss es denn ausgerechnet so früh am Morgen sein… Ich tue mir schwer damit, weil ich eigentlich nie vor 3Uhr nachts einschlafe. Natürlich muss ich meinen trägen Körper dann mit viel Koffein in eine motivierte, zentrierte Arbeitsstimmung puschen (gelingt auch gut), was folglich wieder zu besagtem 3Uhr-Nacht-Einschlafproblem führt… Klar, dass ich dann an den freien Tagen lange schlafe…

Auch die Ergebnisse der Magisterarbeit bzw. Magisterklausur sind eingetrudelt. Bekam jeweils eine 1minus (1,3). Damit kann ich sehr gut leben. Wahrscheinlich wird im Frühling nachsichtiger korrigiert und bewertet als im tristen Herbst oder kalten Winter…

29.04.2013 um 21:35 Uhr

Doku: Die Kinder von Golzow

von: Alcide

Am Wochenende lief nachts eine Dokumentation, die mich total in ihren Bann zog. So verbrachte ich jeweils die Nacht von 1Uhr bis 7Uhr morgens vor dem TV. Es handelte sich um die Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“. Sie begleitet verschiedene Schüler einer Schulklasse im brandenburgischen Golzow von 1961 bis teilweise in das Jahr 2006. Eine außergewöhnliche Doku. In mehrerer Hinsicht: Zum Einen ist es ein beeindruckendes Zeitdokument über das Erwachsenwerden in der DDR, zum Anderen sind es diese biografischen Einblicke in ‚gelebtes‘ Leben, die mich auf eine sonderbare Weise faszinieren. Die Kamera begleitet diese Menschen in Abständen von zumeist ein paar Jahren. Auch wichtige, intime Momente werden festgehalten: die Geburt des ersten Kindes, die Hochzeit, ja sogar das Versagen in der Abiturprüfung bleibt nicht ausgespart… Kein Wunder, dass mehrere Personen das filmische 'Experiment' von sich aus abbrachen... Für den Zuschauer sehr schade, aber aus der Sicht der Person mehr als verständlich... Der Reiz dieser Dokumentation besteht wohl auch darin, dass die Protagonisten nur selten völlig frei von der Leber weg sprechen können. Vieles muss ihnen im Gespräch mühsam abgerungen werden. Und doch sagen Mimik und Blick so viel. Eine eigenartige Sprachlosigkeit dieser Menschen. Man könnte es im ersten Moment für kommunikative Schwäche halten, bis man merkt, dass diese sprachliche Zurückgenommenheit aus ihrer Situation resultiert. Sie wissen, dass die Kamera alles festhält, dass andere das Gesagte sehen werden... auch eine Form der Scham über 'nichtgeglücktes' Leben, das nicht eingestanden werden kann, schwingt untergründig mit.

 

22.04.2013 um 23:09 Uhr

Fehlschaltung

von: Alcide

Kürzlich bemerkte ich, ein wenig peinlich berührt, wie ich etwas vor mich hinmurmle. Die Worte „Nur eine halbe Sekunde“ purzeln mir über die Lippen. Ohne Zusammenhang zu irgendetwas Gedachtem. Einfach so… während des Heimweges vom Supermarkt… Ich versuchte irgendeinen gedanklichen Anschluss an diese Worte zu finden… Nichts… als ob unbewusste Vorgänge in mir aus Versehen über das Sprachareal gestolpert wären… eine Fehlschaltung… als hätte sich der hochkomplexe Regelkreis an psychischen und physischen Vorgängen im Inneren einen Spaß daraus gemacht, mir mein bewusstes Ich zu verwirren… manchmal frage ich mich, was dieses Ich ist… wahrscheinlich das Letzte in der Reihe, das von Entscheidungsvorgängen in Kenntnis gesetzt wird… sich dann aber stolz zum Anführer aufschwingt, und entschlossen die Richtung weist in die ihm die Gesamtentität zu folgen habe…

13.04.2013 um 21:51 Uhr

Wie Springen ohne Fallschirm

von: Alcide

Ab Dienstag werde ich nun also wieder arbeiten. Ich werde mich wieder in die Struktur der Arbeitswelt einfügen. Weil ich es will. Rede ich mir ein… Und doch frage ich mich tief in meinem Innersten, was ich da eigentlich tue? Es ist als ob das alles jemand anders entschieden hat. Auf der Ebene oberflächlichen Alltagsbewusstseins wollte ich dort nie wieder arbeiten… Ist die Furcht vor einem weiteren ziel- und ortlosen Herumtrudeln in der Nichtigkeit bloßen Existierens tatsächlich so groß? Ich merke schon, die Schlüsselworte der nächsten Wochen werden 'Arrangieren' und 'Kompromiss' lauten.

Ich fühle mich auf eine eigenartige Weise von meinem Zentrum entfernt. Das hat sein Gutes. Es leidet sich weniger… Ich fürchte die Selbstentfremdung ist der Preis für den Selbstverrat. Aber wenn ich darüber nachdenke und mir die möglichen zwischenmenschlichen Konstellationen vergegenwärtige, die in den nächsten Wochen auf mich zukommen werden, dann nimmt es mir die Luft zum Atmen… Ich fühle mich wie ein Fallschirmspringer, der aus dem Flugzeug gesprungen ist, und sich jetzt im Fallen wo es so langsam dem Erdboden entgegen geht überlegt, ob das Ding auf seinem Rücken eigentlich tatsächlich ein Fallschirm ist…

10.04.2013 um 19:54 Uhr

Houellebecq: Karte und Gebiet

von: Alcide

Ich beendete Michel Houellebecqs Roman ‚Karte und Gebiet‘. Der Roman erschien 2010 und gewann den in Frankreich angesehenen Prix Goncourt. Der Roman ist in einem verhalten-nüchternen Stil verfasst. Provokative Ausfälle oder kulturpessimistische Tiraden gegen die westliche Welt und den Kapitalismus vermeidet der Autor weitgehend. Böse Zungen meinten daher, dass Houellebecq seinen Stil und seine Wut bewusst gedrosselt habe, um damit endlich den begehrten Literaturpreis abgreifen zu können.

Held des Buches ist der Künstler Jed Martin. Sein Durchbruch gelingt ihm mit dem Anfertigen von Kunstwerken, die er aus Landkarten der verschiedenen französischen Regionen anfertigt. Er wendet sich später der figurativen Malerei zu. Eines seiner begehrtesten Bilder trägt den Titel „Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik“.  Dem Katalog für eine Ausstellung will Jed ein Vorwort des Schriftstellers Michel Houellebecq voranstellen. Dazu besucht er den depressiv und apathisch wirkenden Schriftsteller in seinem spartanisch eingerichteten Haus in Irland. Es entsteht eine Art von oberflächlicher Freundschaft. Sie reden über Kunst, Literatur oder Sozialutopien. Noch zweimal sollten sie sich begegnen, ehe der Schriftsteller bestialisch ermordet wird. Der Künstlerroman gleitet ab ins Kriminalgenre. Die Person des ermittelnden Kommissars, ein kurz vor der Pensionierung stehender abgeklärter Mann, tritt in den Vordergrund. Jed zieht sich gegen Ende des Romans, durch seine Kunst vermögend geworden, vollkommen aus der Gesellschaft zurück.

Die Idee sich selbst als handelnde Person in den Roman einzubinden kann als durchaus gelungen betrachtet werden. Es entsteht ein interessantes Wechselspiel zwischen Leser und Autor. Ein selbstironisches Spiel mit dem Leser, der sich autobiografische Einblicke wünscht, aber wohl doch beständig auf falsche Fährten gelenkt wird. Liest sich recht humorig…

Auch in die Freude am Morbiden mischt sich Komik, wenn der Autor die eigene Beerdigung beschreibt.

Die Begegnung mit dem sterbenden Vater gehört zu den anrührenden Passagen des Romans. Der Vater, ein erfolgreicher Architekt, hatte nie wirklich einen emotionalen Zugang zu seinem Sohn gefunden. Beim letzten gemeinsamen Weihnachten, das sie wie gewohnt in nüchterner, unprätentiöser Atmosphäre begehen, bemerkt Jed, dass auch sein Vater Ideale hatte. Der Vater erzählt von seinen Anfängen als Architekt. All die großartigen Visionen, die er für die Gestaltung von Wohnvierteln hatte, die er aber aufgeben musste.

Wie überhaupt die Figuren bisweilen wie von ihrer eigenen Emotionalität abgeschnitten wirken. Nur in Momenten brechen verstörende Handlungen aus ihnen heraus und bezeugen ihre emotionale Ergriffenheit. Etwa nach dem Tod des Vaters.

Die Beziehungen zu Frauen, die Jed erlebt beglücken für Momente, auf Dauer funktionieren sie nicht. Bei einem Wochenendausflug beschreibt Jed ein anderes Paar im Hotel folgendermaßen: „Ein junges , reiches Paar aus der Stadt, kinderlos, hübsch anzuschauen und noch in der ersten Phase ihrer Liebe – und aufgrund dessen stets bereit, beim geringsten Anlass in Verzückung zu geraten, und zwar in der Hoffnung, sich einen Vorrat an schönen Erinnerungen zu schaffen, der ihnen helfen würde, die schwierigen Jahre zu überstehen […].“

Bisweilen finden sich schöne Metaphern für das Älterwerden, etwa wenn Jed nach vielen Jahren wieder mit seiner früheren Geliebten zusammenkommt: „Ihr Körper hatte sich in zehn Jahren kaum verändert, nur ihre Brüste waren etwas schwerer geworden. Diese herrliche Blume aus Fleisch hatte begonnen zu welken.“

Und Jed wird klar, dass er nicht wieder anschließen kann, dass er den geeigneten Moment versäumt hat: „Es gibt einen geeigneten Moment, um Dinge zu tun und sich dem möglichen Glück zu stellen, dabei kann es sich um einen Zeitraum von ein paar Tagen, ein paar Wochen oder sogar ein paar Monaten handeln, aber diese Chance bietet sich nur ein einziges Mal, und wenn man sie später erneut zu ergreifen versucht, ist das schlichtweg unmöglich, es ist kein Raum mehr da für Begeisterung, für Überzeugung, für Glauben, es bleibt nur sanfte Resignation, gegenseitige Betroffenheit und das nutzlose, wenn auch berechtigte Gefühl zurück, dass irgendetwas hätte geschehen können, man sich aber des Geschenks, das einem gemacht worden ist, unwürdig gezeigt hat.“ Vielleicht der für mich schönste Satz des gesamten Romans.

Fazit: Ein gutes, aber kein überragendes Buch. Das Buch nahm für mich erst ab der Hälfte an Fahrt auf. Diese nüchtern-emotionslose Schreibart Houellebecqs bedurfte der Gewöhnung. Ich kam nicht ran an die Figuren. Auch diese ewigen Beschreibungen der Kunstwerke wirkten ermüdend auf mich. Ebenso wenig bin ich mit den Gestalten der französischen Kulturszene bzw. des Fernsehens vertraut, die ausgiebig vorgestellt werden.

08.04.2013 um 14:16 Uhr

Neuanfang im Alten?

von: Alcide

In einer Stunde treffe ich mich mit meinem ‚potenziellen Chef‘: irgendwie hat er den Charakter dieses Treffens, fürchte ich, nicht recht begriffen, weil er am Telefon schon von Schlüsselübergabe sprach. Ich will doch eigentlich nur hören wie sich das Projekt in den beiden vergangen Jahren entwickelt hat, um zu sehen, wie mein Körper darauf reagieren wird. Und er tut so, als wäre es schon klar, dass ich wieder anfange zu arbeiten.

Dummerweise habe ich mir beim Rennradfahren gestern den Rücken und Nacken verzerrt. Das war heute Morgen nach dem Aufstehen so schlimm, dass ich teils gebückt gehen musste. Will mir mein Körper damit was sagen? Etwa, dass ich kein Rückgrat besitze, wenn ich wieder anfange dort zu arbeiten, wo ich eigentlich längst abgeschlossen hatte? Ich fühle mich innerlich in der Tat nicht gut bei dem Gedanken: etwas in erster Linie für Geld zu machen, erscheint mir als eine Art von Selbstverrat. Früher war die Arbeitsstelle ein wunderbarer sozialer Raum. Ob er das wieder werden kann bezweifle ich sehr… Es ist vielleicht eine Art von Lebensthema für mich: der Umgang nach emotionalen Verletzungen? Auch in Partnerschaften: Ich habe nie verstanden wie es Paare miteinander aushalten, die ständig miteinander streiten, deren Beziehung ein einziger Wettkampf um Rechthaberei ist… Und auch im Beruflichen kann ich den Gedanken kaum ertragen bestimmten Menschen wieder unter die Augen treten zu müssen. Ich ertrage es noch nicht einmal die Homepage der Firma zu überfliegen. Wie soll ich dann für sie arbeiten? Es wird ein anderes arbeiten sein. Vielleicht das Arbeiten, das für die meisten ganz natürlich ist. Arbeiten für Geld. Einen überschaubaren Bereich haben und darin versuchen alles richtig zu machen. Ohne Visionen. Ohne Bezug auf das Ganze… Nun ja, ich werde es auf mich wirken lassen…

05.04.2013 um 09:45 Uhr

Das Lächeln Kennedys

von: Alcide

„Mit nach oben ausgestrecktem Arm […] lächelte Kennedy mit jener Mischung aus dümmlicher Begeisterung und idiotischem Optimismus, die Nicht-Amerikaner kaum nachzuahmen imstande sind.“

(Aus: Michel Houellebecq: Karte und Gebiet)