Schatten sind viele

30.07.2013 um 20:33 Uhr

Anstrengung und Erholung

von: Alcide

Vier Tage war ich im Valtellina beim Rennradfahren. Es war wie meist bei diesen Kurztrainingslagern: viel Schuften und Schwitzen im Sattel und abends Essen, Trinken und Kartenspielen. Dann immer die Hoffnung genug Schlaf zu bekommen; dass es nur ja nicht zu heiß wird, und der Körper endlich Ruhe finden möge. Hat diesmal eigentlich ganz zufriedenstellend funktioniert und wenn ich regeneriert bin dann kann ich auch die Etappen vernünftig mitfahren. Aber die Angst vor Einbrüchen ist bei mir während des Fahrens immer präsent. Weil man wirklich immer an alles denken muss: wo bekomme ich Wasser, habe ich genug zu Essen, bahnt sich da ein Krampf an in der rechten Wade? Das ist in etwa der Horizont in dem sich das Denken während des Fahrens bewegt. Sehr reduziert, vielleicht auch deshalb geeignet sich glücklich zu fühlen. Besonders der Samstag hatte es in sich. 154,5km dauerte die Etappe über vier Alpenpässe mit über 3.000 Höhenmetern (Passo Bernina, Levigno, Bormio, Tirano) und mit 7h57 war es sogar ein persönlicher zeitlicher Längenrekord. Am Sonntag mussten wir deshalb den Umfang reduzieren und wir fuhren nur den Passo Gavia von der Nordseite und verbrachten den Nachmittag in der Therme von Bormio… So gelang uns eigentlich ein ganz vernünftiges Gleichgewicht zwischen anstrengenden und erholsamen Elementen…

Heute musste ich wieder arbeiten. Nicht leicht nach so einem intensiven langen Wochenende wieder Routine zu leben. So eine dumpfe Melancholie überfällt mich dann häufig; ähnlich wie die Zeit nach Schullandheimen oder Skilagern während der Schulzeit… Nach diesen Tagen der Alltagsdurchstoßung weigert sich noch etwas in mir Normalität zu leben… andere Leben, andere Regionen… vielleicht auch deshalb verliert der eigene Entwurf an Strahlkraft…

23.07.2013 um 22:15 Uhr

Wohnung, Problemzone

von: Alcide

Heute war mein neuer Vermieter da, um sich ‚meine‘ Wohnung anzusehen, in die er einzuziehen gedenkt… Ich nehme es erstaunlich ruhig hin, ja etwas in mir freut sich sogar, dass ich gezwungen werde Stagnation zu überwinden… auch wenn ich weiß, dass bald Phasen kommen werden, wo ich sie vermissen werde, diese weißen Wände, diesen Schuhkarton um mich herum, in dem ich meine Existenz parke… vor allem den wunderschönen Ausblick den ich habe… die Weite… das hat mich immer davon abgehalten etwas Größeres und Wohnlicheres zu suchen… Er war regelrecht begeistert von der Lage und ich sah leider schon das Glühen in seinen Augen, das auf die Vorfreude imaginierter Glückserlebnisse verweist… in ‚meiner‘ Wohnung… wie auch immer… das bringt wieder sehr viel in Bewegung… ich bin ja an diesem Wohnort geblieben, auch in den zwei Jahren, in den ich nicht arbeitete, weil die Wohnung vergleichsweise günstig war… nun muss ich freilich die Möglichkeit eines Ortswechsels wieder in mein Kalkül einbeziehen…

  

Sonst: Auf dem Rennrad mittlerweile eine richtig gute Form… Bin jetzt an 6 Tagen 5x gefahren… Ruhepuls wird in den nächsten Wochen noch sinken… Jetzt ist er wegen der Anstrengung eher leicht gestiegen, aber im Schnitt noch bei sehr anständigen 48/min. Aber mit meinem Gewicht bin ich unzufrieden, obwohl die Leute sagen, ich wäre eher mager… Dennoch habe ich einfach 2kg zu viel, die ich mir nicht mit Muskelmasse schönreden kann… Heute fiel mir auch auf, dass die Oberschenkel beim Pedalieren wieder den Bauch streifen können… früher war das ein Zeichen für dicke, muskuläre Oberschenkel, heute ist es leider Anzeichen für einen zu dicken Bauch… meine Problemzone…

22.07.2013 um 01:18 Uhr

Aufgeben, siehe -> Weitermachen

von: Alcide

Eigentlich hatte ich mir dieses Wochenende anders vorgestellt… Denn nächstes Wochenende ist ein langes Rennradwochenende geplant: drei Tage werden wir uns über hinterlistige Alpenpässe quälen… und so gedachte ich mich bis dahin körperlich zurückzunehmen… mich zu regenerieren, um dann nächstes WE so richtig auftrumpfen zu können… so mein Plan… mein Kumpel jedoch hatte einen ganz anderen Plan… am Donnerstag lud er mich zum Mittagessen ein, um mir freudestrahlend mitzuteilen, dass er Frau und Kinder ans Meer gefahren habe, um mit mir jetzt jeden Tag Rennrad fahren zu können, damit wir dann nächste Woche mit großartiger Form auftrumpfen können… stöhn… aber was soll ich machen, kann ihn ja nicht allein fahren lassen… und Nicht-Fahren, Absagen, Umkehren, das sind so Begriffe, die es in seinem Vokabular nicht gibt... also jeden Tag gefahren… am Schlimmsten war der Samstag: eine lange Flachetappe sollte es werden und dann mit dem Zug zurück... Um 6Uhr früh starteten wir, um nicht alles in der Mittagshitze fahren zu müssen… und nach 30km ging es nicht mehr bei mir… totaler Einbruch... der Muskel bringt keine Leistung mehr... mir steckten noch zu sehr die Berge vom Donnerstag und Freitag in den Knochen, und ich hatte kaum Schlaf… ich musste umdrehen und schleppte mich völlig entkräftet zurück mit kaum 20km/h… schlief dann erstmal fünf Stunden wie ein Stein und wollte nichts mehr wissen, was mit senkrechter Welt zu tun hat… zu kaputt um zu kochen, weil ich dafür Geschirr spülen hätte müssen… am späten Abend wäre ich dann noch beinahe im Supermarkt kollabiert… schaffte es aber noch bis zur Kasse, um mir dann gleich zitternd Gatorade und Süßes zuzuführen… einfach umkippen, wie hätte denn das ausgeschaut‘… und heute, wenigstens ausgeschlafen, eine sehr schöne Tour… und ich schrie freudenvoll aus: „Mein Körper... er ist wieder da…“ Gegen Ende dann wie in einer Choreografie fing es an zu regnen, doch die Sonne blieb… und wir fuhren in einer Gruppe durch die dampfende, warme Gischt…

15.07.2013 um 22:16 Uhr

Ruhe und Außenreize

von: Alcide

Mein Verstand versucht mir einzureden, dass ich innere Ausgeglichenheit und Ruhe verkörpern möchte… Er hat dieses Ideal auf einen Sockel gestellt, so hoch, dass ich es kaum mehr erblicken kann… und dann gibt es Tage an denen mich die Vorstellung von Ruhe um den Verstand bringt… dann kann ich nicht ohne Außenreize… kann nicht konzentriert an einem Buch weiterlesen, kann nicht planvolle Tagesgestaltung betreiben… ich bin Spielball… die Vorstellung mich dann weiter disziplinverbissen an mentale Vorgaben zu halten beschwört Unglücklichsein herauf… Nur im Sich-Ausliefern an die Welt der Außenreize verliert die Zeit dann ihr Potential mir Schmerz zu bereiten…