Schatten sind viele

18.04.2014 um 20:19 Uhr

Lily & Madeleine

von: Alcide

Teils erschöpft, teils mutlos, rettete ich mich heute in die Melancholie… hörte Lieder von Lily & Madeleine: einfache, klare Melodien… die Texte hinreißend in ihrer abgeklärten Verzweiflung, gebrochene Herzen, Abschied, Vergänglichkeit… Es sind Lieder des Verlusts… dennoch für mich auf eigenartige Weise hoffnungsvoll… vielleicht weil die beiden so in sich ruhend wirken… vielleicht ist das überhaupt das Geheimnis von Melancholie: Selbstbewahrung durch Formgebung des Schmerzes. Und so singen sie von Selbstaufgabe, davon dass alle Melodien irgendwann ihren Reiz verlieren und von Selbstverleugnung, von Selbstverlust... doch die Wahrheit des Kunstwerks erschafft demgegenüber ein Neues, ein solides Fundament der Selbstzentrierung...   

You got out

Back to the river

Disappearing heart

15.04.2014 um 23:23 Uhr

Nacht

von: Alcide

„Mächtige Nacht, in deinen sternenstrahlenden
Schoß bette ich mein Haupt:
So viele Wunder tat’st du schon an mir!
Mit deinem Fittich, der ins Unermess’ne taucht,
Umarme mich und sag‘ mir jenes Wort,
das trösten mich und stark soll machen –
Der Morgentraum ist blind ohn‘ dieses Wort
Und trostlos das Erwachen …
Stärke mich, sternenstrahlende,
Mächtige Nacht …

[…]

Des Morgens Atem fürchte ich,
Fürchte mich vor dem kühlen Hauche …
Wie nüchtern, ach, ist alles Erwachen!
Wie rohes Licht ersteht die Sonne vor dem Auge.
Wohin soll ich im Morgenlicht,
Das mir nur fremde Fluren zeigt?
Vor mir sind Ziele, die ich nie begehrt –
Mach‘ ich mich auf? Ich weiß die Straße nicht.
Am Tor des Morgens stürz‘ ich jäh zusammen,
Gebrochen von der Qualen Feuerflammen.
O, rufe mich zurück, begrab‘ in dir mich ganz,
Von ihrem schweren Weg zurück ruf‘ meine Seele
Ersterben soll in dir nun all ihr Glanz:
Stumm soll sie sein wie du,
Glanzlos wie du,
Totschwer wie du,
Traurige Nacht …“

(Renée Erdös: Die Nacht, Strophe 1u.3; Übers.: Johannes Mumbauer)

05.04.2014 um 00:10 Uhr

Leere und Sehnen

von: Alcide

Heute will ich nicht schlafen… will mich nicht der Nacht überlassen… heute verbeiße ich mich in den Tag, in diese behäbige Illusion von Wachheit… loslassen schmerzt, so wie die Erinnerung an einen Kuss, der niemals stattfand… wie sich der Nacht anvertrauen, wenn sie nicht geheiligt ist durch deine Nähe… und weiß nicht zu deuten… ist es leer in mir… oder zu voll, mit Eindrücken, mit Sehnsüchten… kann nicht denken, will nicht ordnen… will nur mich fühlbar entgrenzen an dir... an dir Stille erfahren, während draußen die Stürme jagen… in diesen Stunden, wenn einen der Sinn verlässt, sich identisch mit sich zu fühlen... wenn man sich auflösen möchte, weil man in sich nur Reste fühlt… und doch nicht kann… und selbst die Sterne nicht bergend unser Schauspiel in Schönheit begleiten… nur mehr teilnahmsloser Staub zwischen Leere und Leere…

01.04.2014 um 13:11 Uhr

Nähe des Geliebten

von: Alcide

„Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.
 
Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wandrer bebt.
 
Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt.
 
Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
O wärst du da!“

(Johann Wolfgang von Goethe: Nähe des Geliebten)