Schatten sind viele

24.08.2014 um 16:55 Uhr

Gefühl der Leere

von: Alcide

„[I]ch erzählte ihm von dem Gefühl der Leere, das ich oft hätte, und dass ich dem Leben keinen Sinn abgewinnen könne. ‚Da brauchst du nicht lange zu suchen‘, gab er mir ernst zur Antwort. ‚Man muss einfach sein Tagwerk verrichten‘. Etwas später setzte er noch hinzu: „Man muss die Demut besitzen, einzusehen, dass man sich allein nicht heraushelfen kann; es ist leichter, für einen anderen zu leben.‘ Er lächelte mir zu: ‚Die Lösung beruht darin, dass man zu zweit egoistisch ist.‘"

(Aus: Simone de Beauvoir: Memoiren einer Tochter aus gutem Hause)

11.08.2014 um 23:14 Uhr

Gratwanderung

von: Alcide

Gestern machte ich eine Bergwanderung mit gleich zwei Gipfelbesteigungen. Kann mich gar nicht erinnern, wann ich das zuletzt gemacht habe. War aber nicht sonderlich schwer, weil sie über einen Grat gut zu begehen waren. Nur ein paar ausgesetzte Passagen bei der Begehung von Gipfel Nr. 1 sorgten für Nervenkitzel.

Das Wetter war anfangs wechselhaft, entschied sich später aber doch das Tal links von uns mit schlechtem Wetter und mich mit Sonnenbrand zu beglücken… 

 

 

    

11.08.2014 um 13:23 Uhr

Hitzefrei

von: Alcide

Wie war das doch schön. Damals. Während der Schulzeit, in den Sommermonaten, als die Sonne schon gegen 10Uhr unerträglich herunterbrannte und sich dann, so gegen 11.20Uhr, tatsächlich der Direktor über den Lautsprecher räusperte. Schon hier hallten die ersten (voreiligen) Jubelschreie durch das Schulgebäude… Meistens spannte uns der Direktor noch ein bisschen auf die Folter und vermeldete erst andere Mitteilungen, Belangloses zumeist etwa dass der Arbeitskreis Bla Bla nicht wie angekündigt bla bla oder wer gerade bei irgendeinem Wettbewerb irgendwas erreicht hatte... Waren dann alle Meldungen verlesen, ließ er Raum für eine kurze dramaturgische Pause und dann erst setzte er an zu dem Satz dem 800 Schüler seit Stunden entgegengefiebert hatten. „Aufgrund der hohen Temperaturen entfällt ab sofort der restliche Unterricht.“ Und dann war kein Halten mehr: Jubelgesänge wie im Fußballstadion. Schüler fallen sich in die Arme, recken ihre Hände gen‘ Himmel. Tanzen und ausgelassene Heiterkeit allerorten. Einige besonders Flinke sprinten bereits aus dem Klassenzimmer…

Heute sitze ich in der Arbeit. Es gibt nichts zu tun, weil der Server nicht will. (Wohl seine Art Urlaub zu machen). Und ich weiß es wird kein Hitzefrei geben. Stattdessen nur nichtssagende Mitteilungen „Die Techniker arbeiten daran“. Kein Räuspern des Lautsprechers. Den gibt es hier auch gar nicht. Ein E-Mail sollte es sein. Ganz lapidar sollte es verkünden: „Wird heute nichts mehr. Kannst heimgehen.“

05.08.2014 um 22:17 Uhr

Herrndorf: Tschick

von: Alcide

Habe mit großer Begeisterung Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ gelesen. Eine wunderbare Entwicklungsgeschichte. Witzig. Unterhaltsam. Ein literarisches Roadmovie vom Allerfeinsten. Unbedingt zu empfehlen!

Kurz zur Handlung: der 14jährige Maik Klingenberg ist Außenseiter in seiner Klasse. Er leidet sehr darunter. Dann ist da auch noch seine Mitschülerin Tatjana, in die er sich ziemlich hoffnungslos verliebt hat, die ihn allerdings überhaupt nicht beachtet. In den Sommerferien unternimmt Maik mit einem neuen Mitschüler Tschick, den er selbst zunächst ablehnt, eine Fahrt in einem gestohlenen Lada quer durch die ostdeutsche Provinz. Sie erleben so einiges, es geht eigentlich fast alles schief. Dennoch wird dieser Trip für sie sehr wertvoll: Sie erkennen den Wert von Freundschaft und wachsen in ihrer Persönlichkeit.

Bermerkenswert ist, dass der Autor seine Figuren tatsächlich 14-Jährige Jugendliche sein lässt und sie nicht mit Botschaft bzw. Ideologie überfrachtet. Insofern ist „Tschick“ auch ein gegen den Strich gebürsteter „Fänger im Roggen“. Holden Caulfield empfindet noch den ganzen Hass auf eine Gesellschaft und vor allem auf die abgrundtiefe Verlogenheit (‚phoney‘) der Menschen. Maik und Tschichatschow hingegen sind weitgehend befreit von einer gesamtgesellschaftlichen Sichtweise. Ihr Hauptaugenmerk gilt ihrem eigenen Vergnügen. Es sind Kinder der Postmoderne. Ihre Entwicklung vollzieht sich in Extroversion, vollzieht sich durch Erleben, durch Ereignisse… „Tschick“ ist nicht nur Jugendroman, es ist ein Entwicklungsroman: Er zeigt auf wundersame, anschauliche Weise wie sich seelische Reifung bei Jugendlichen vollziehen kann.