Schatten sind viele

25.01.2015 um 18:21 Uhr

Denken

von: Alcide

„Ja, mein Denken kennt sich und es gibt nun die Hoffnung auf, sich zu erreichen. […]

Man sagt mir, dass ich denke, weil ich noch nicht völlig zu denken aufgehört habe und weil sich trotz allem mein Geist auf einer gewissen Höhe hält und von Zeit zu Zeit Beweise seiner Existenz gibt, deren Schwächung und Reizlosigkeit man nicht erkennen will. Aber Denken heißt für mich etwas anderes als nicht völlig tot sein; es heißt in jedem Augenblick wieder zu sich zu kommen, heißt niemals aufhören, sich in seinem inneren Sein zu fühlen, in der unausgesprochenen Masse seines Lebens, in der Substanz seiner Wirklichkeit, heißt in sich kein gravierendes Loch, keine lebensnotwendige Abwesenheit fühlen, heißt stets sein Denken seinem Denken gleich empfinden, wie groß im übrigen die Unzulänglichkeiten der Form, die zu verleihen man ihm imstande ist, auch sein mögen.“

(Aus: Antonin Artaud: Der Nabel des Niemandslands)

11.01.2015 um 15:39 Uhr

Es gibt Tage...

von: Alcide

Es gibt Tage, da ist nur der Traum mir Erlösung… wogendes Sich-Identisch-Fühlen… so heimisch in der sanften Trunkenheit, schwebend-zeitlos in der Tiefe der Bilder… das Erwachen dann wie ein Riss am Himmel, unangenehm wie das Kratzen einer Schallplatte… und ich bin zurück im Königreich der festen Stoffe, von Neuem gekettet an Sprache, Logik und Verstand.

10.01.2015 um 19:17 Uhr

Sprache und Entfremdung

von: Alcide

Die Sprache ist das Zepter des Verstandes. Damit prügelt er gerne um sich und nennt das Argumentieren. Und ich denke nur, dass es doch schon schlimm genug ist, dass die Dinge das sind, was sie sind.

Dieser Kampf um die Worte ist eigentlich ein Kampf um die  Konstrukte der Wirklichkeit. Und die Sprache ist nur mehr das Mittel, das manipulativ genutzt wird, um ein anderes Konstrukt von Wirklichkeit zu diskreditieren… und das macht mich traurig, weil ein Reden über die Dinge dadurch unmöglich wird, und die Entfremdung nimmt zu…

05.01.2015 um 02:08 Uhr

Wie ausgehöhlt und leblos

von: Alcide

Patrick Modiano spricht in einem Interview (Zeit, 27.11.2014) davon, dass ihm das Viertel von Paris, in dem er seine Kindheit verbracht hat, heute unheimlich fremd geworden ist. Dieselben Häuser von damals seien heute wie ‚ausgestopft‘. „Es ist alles ausgehöhlt und leblos, als hätte jemand den Stecker gezogen.“ Paris sei wie „aseptisch“, wie „in Cellophanpapier“ eingewickelt. So versucht er eine Empfindung zu beschreiben, die er sich selbst nicht wirklich erklären kann.

Als ich jetzt um Weihnachten wieder in der Wohnung meiner Eltern war, frühere Sozialwohnungen in einem Arbeiterviertel, stellte ich Ähnliches Empfinden an mir fest. Ich sehe aus dem Fenster in den Hof, der früher voll war mit spielenden Kindern: es gab unter uns Kinder meist Phasen, die sich abwechselten, auch wiederkehrten oder verschwanden, in denen eine Aktivität bis zum Exzess betrieben wurde. Es gab da die Jojo-Phase, die Murmel-Phase, die Fußball-Phase, die Baumkletter-Phase, die Sandburgen-Phase, die Tennis-Phase, die Skateboard-, Rollschuh- und Rasenhockey-Phase. So viele schöne Jahre, die noch irgendwo in der Erinnerung vorhanden sind, aber wenn ich heute in diesen Hof herunterblicke, ist da nichts, einfach nichts. Keine Kinder mehr, die spielen. Keine Atmosphäre. Nur Menschen, die zur Arbeit gehen oder mit Einkäufen wieder zurück in ihre Wohnungen hasten. So als wäre das öffentliche Leben absorbiert worden. An seine Stelle ist wohl eine Art von privater Konsumismus getreten, der Zufriedenheit auf das reduziert, was finanziell möglich ist, und der über möglicherweise aufbrechende Gefühle von Leere und Hohlheit hinwegtrösten muss.