Schatten sind viele

08.11.2015 um 20:02 Uhr

Murakami: Hardboiled Wonderland

von: Alcide

Der Inhalt eines Romans lässt sich in der Regel in drei bis fünf prägnanten Sätzen zusammenfassen. Bei Romanen von Haruki Murakami ist das kaum möglich, und gänzlich überfordert ist man bei „Hard-boiled Wonderland oder das Ende der Welt“ (1985).

Selbst der Klappentext klingt nicht wirklich einladend: „Im Tokyo der fernen Gegenwart existieren zwei Welten: Hardboiled Wonderland und Das Ende der Welt. Während in der einen ein greiser Professor im unterirdischen Geheimlabor mit dem Unterbewusstsein experimentiert, herrscht in der anderen Zeit- und Seelenlosigkeit …“

Das klingt schräg. Ist es auch. Als Leser hat man jedoch den unschätzbaren Vorteil Zeile für Zeile durch die Geschichte mitgenommen zu werden. Und schon nach wenigen Seiten verwandeln sich die vielen blinkenden Fragezeichen in pures Lesevergnügen. Der Murakami-Sog hat einen erfasst.

Zwei Erzählstränge: Im Zentrum steht einmal ein 30jähriger Ich-Erzähler. Er arbeitet als sog. Kalkulator. Durch eine Operation am Gehirn ist er in der Lage Informationen so zu verschlüsseln, dass sie nicht mehr von Unbefugten gestohlen oder entschlüsselt werden können. Eine bahnbrechende Erfindung, die Begehrlichkeiten weckt. Doch dieser Prozess hat fatale Konsequenzen für den Ich-Erzähler. Deshalb sucht er den Professor auf, der ihn über seinen Zustand aufklären soll. Das führt ihn auf eine Reise in ein unterirdisches, hadesartiges Tokio: schmale, dunkle Gänge, bevölkert von fremden Wesen, den sog. Schwärzlingen, und irgendwo das Versteck des Wissenschaftlers. (Man wird anders U-Bahn-Fahren nach diesem Buch).

Im Gegensatz zu dieser actionreichen Handlung steht der zweite Erzählstrang: Das Ende der Welt. Auch hier ein Ich-Erzähler (etwa derselbe wie in Erzählstrang 1?...), der sich in einer Welt befindet, die kaum noch etwas mit einer ‚realen Welt‘ gemein hat. Die kleine Welt ist durch eine Mauer umfasst, aus der es dem Ich-Erzähler nicht gestattet ist nach außen zu gehen. Es gibt Einhörner, die auf der Wiese weiden und im Winter erfrieren. Die Menschen in dieser Welt besitzen keinen ‚Schatten‘ mehr. Auch der Erzähler wurde von seinem Schatten getrennt. Der Schatten ist der Träger der früheren Ich-Identität. In ihm liegen vor allem auch die Erinnerungen an das frühere Leben. Interessant ist, dass der Schatten nach wie vor ein Eigenleben führt und er vom Ich-Erzähler von Zeit zu Zeit besucht werden darf. Doch er weiß, dass nach einer gewissen Zeit der Schatten stirbt und damit würde auch der Drang des Erzählers aus dieser Stadt auszubrechen für immer verloren gehen. Er hätte zwar das ewige Leben, aber es wäre ein dumpfes, seelenloses Leben. Der Ich-Erzähler will nun unbedingt wieder den Schatten an sich binden und aus der Stadt fliehen.

Die Spannung beim Lesen entsteht nicht nur durch die jeweiligen Geschichten an sich, sondern vor allem dadurch, dass man erfahren möchte, wie diese beiden Erzählstränge zusammenfinden (lange fragt man sich, ob sie das überhaupt tun).

Abgesehen von der schwer zu beschreibenden Handlung hat das Buch alles, was ein typischer Murakami hat: Die Einsamkeit, das anonymen Großstadtlebens, das eine Leere hinterlässt, von der alle Murakami-Helden mehr oder weniger erfasst sind. Dieser Leere trotzen sie jedoch in heroischer Weise, etwa durch die Kultivierung von Lebensbereichen (breiten Raum nehmen das Essen sowie die Zubereitung desselben ein), außerdem Musik und Literatur (immer wieder reichlich intertextuelle Bezüge), dann auch sehr viel Komik (allein die Beschreibung der Zertrümmerung der eigenen Wohnung durch zwei obskure Gestalten ist phantastisch) und natürlich Sexualität (immer trifft der Held eine verwandte Seele, die so ähnlich schwingt und es entsteht so etwas ähnliches wie Liebe)... Obgleich sie die Tragik sehen und spüren, nie überlassen sie sich der Verzweiflung.