Schatten sind viele

16.05.2017 um 21:22 Uhr

Erkenntnis und Zweifel

von: Alcide

Lese Philip K. Dicks „Zeit aus den Fugen“. Im Klappentext findet sich folgende Bemerkung über den Autor: „[Philip K. Dick] … hatte 1974 mysteriöse Visionen und verbrachte den Rest des Lebens damit herauszufinden, ob sie göttlichen oder psychotischen Ursprungs gewesen waren.“

Interessanterweise ergeht es dem Helden in seiner Geschichte, das Buch ist von 1959, ganz ähnlich: Ragle Gumm führt ein weitgehend durchschnittliches Leben in einer amerikanischen Reihenhaussiedlung, bis er merkt, dass die Realität nicht so real ist, wie sie scheint. Alles um ihn herum entpuppt sich als Fassade, deren Zweck es ist, ihn in einer Illusion zu belassen. Das Buch könnte die literarische Vorlage zum Film „The Truman Show“ sein. Ragle versucht auszubrechen. Macht Versuche aus der Stadt zu flüchten, was ihm zunächst nicht gelingt. Er will diese Anderen dazu zwingen immer besser zu lügen und sie in Schwierigkeiten zu bringen.
Dabei findet sich der Held exakt in dem Dilemma, von dem die Notiz über den Autor oben sprach: was ist mir widerfahren: tiefgehende Erkenntnis oder Paranoia. Was erfährt einem: Erkenntnis oder Illusion (Lüge)?

Übertragen auf heute: Sich selbst in Frage stellen, das eigene Bezugsystem in Frage zu stellen, ist nicht gesund. Es lebt sich leichter damit die Welt zu kategorisieren und neue Erkenntnisse in die vorfabrizierten Kategorien einzuordnen. Dort sind sie dann abgelegt und alles ist in Ordnung. Nichts bedroht das Gesamtsystem. Man kann damit arbeiten. Kann täglichen Beschäftigungen nachgehen. Erkenntnis, die einem widerfährt, muss als Wahrheit etikettiert und registriert werden. Hat man diese vorfabrizierten Boxen der Einordnung nicht dann findet man sich irgendwann wie leblos unter einem Schutthaufen aus Hypothesen, Möglichkeiten und Zweifel wider.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSweetFreedom schreibt am 16.05.2017 um 22:37 Uhr:Geht nicht beides, Alcide?
    Das Spiel mitmachen und im Hinterkopf was anderes haben? Die Frage ist, auf welcher Stufe Du mit der Einordnung anfängst. Was ist überhaupt real... Na ja, das alte Lied. Im wahrsten Sinne zum Kopf-Zerbrechen. Ich wünschte, ich hätte die Zeit (und den Elan) für solche Dinge wie das Masterkey System oder - wir hatten's davon - Studium von Astralreisen, das Lesen sämtlicher Bücher von P. K. Dick (das sollte noch zu schaffen sein)...
    Ich denke immer, ich habe früher meine Zeit schlecht genutzt. Wahrscheinlich ist das Blödsinn. Aber so könnte ich mir das vorstellen: Irgendwie immer weiterforschen, mit halbem Ohr immer auf bestimmte Dinge hören, während man nicht vergißt, daß man hier gerade Mensch ist oder spielt oder so.
    Deshalb ist der Aufenthalt im Wald wichtig, Bewegung und gutes Essen. Damit nicht zu viel Ballast in der Birne landet...
    Ui, schon so spät!

    Schicke Dir ganz liebe Grüße.
    S.F.
  2. zitierenAlcide schreibt am 16.05.2017 um 23:35 Uhr:Ich bin skeptisch, ob wirklich beides geht.
    Nimm das Beispiel Astralreisen: das entspricht ja in etwa der Fragestellung von Philip K. Dick: entweder spielt es sich nur im Kopf ab, ist also nichts weiter als eine spezifische Form des Träumens, oder aber "etwas" löst sich tatsächlich vom Körper (ist also transzendent.) Jetzt kann man Belege für die eine oder für die andere Hypothese anführen und ist, wenn man es objektiv betrachtet genauso schlau wie vorher. Man hat allerdings viel "Ballast in der Birne", ja...
    Deshalb ist es wohl sinnvoller ein eigenes Bezugssystem zu definieren, damit solche Erfahrungen dann entweder in den Topf "Metaphysik" oder "Materialismus" einzuordnen ist. Dann kann man das ganze ästhetisch betrachten und sich an der Seltsamkeit erfreuen, aber solange alles immer nur ein Rätsel bleibt, oder noch schlimmer, alles im Dunst von Desinformation, Falschinformation, Halbwahrheiten dahindämmert (zB. die mediale Politikaufbereitung), ist das alles sehr unbefriedigend.

    Wenn du Freude und Intensität in deinem Leben hattest (und das nehme ich an), dann hast du deine Zeit doch sehr gut genützt. Man kann auch sehr viel lesen und forschen und am Ende merken, dass man genauso klug ist wie zuvor (ich glaube Goethe hat da mal was zu geschrieben ;o))

    Liebe Grüße!

Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.