„Eine Milliarde Menschen, wachsender Mittelstand mit höherer Kaufkraft, ausgebildete Arbeitskräfte, 7- 8 Prozent Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren in Indien..“
„China und Indien, die neuen Weltmaechte“
„Indien wird Deutschland noch zu unseren Lebzeiten überholen“
Weltweit hat IBM im vergangenen Jahr 14 000 Stellen vor allem in Industrieländern abgebaut. In Indien hat sich die Mitarbeiterzahl von ca. 3000 Mitarbeitern in 2003 auf ca. 43.000 Mitarbeiter in 2006 vervierzehnfacht!!
Dazu solche Bilder, wie heute morgen auf web.de entdeckt, von demonstrierenden Daimler Mitarbeitern in Sindelfingen...

Diese Fakten und auch die Stimmung die man aus der Heimat noch im Kopf hat, kombiniert mit Diskussionen mit Indern und Auslaendern hier und den eigenen Erfahrungen die man macht regen einen selbst immer wieder zum Nachdenken ueber diese ganze Thematik an. Dazu noch das empfehlenswerte Buch „The World is Flat“ welches sich mit den Folgen der Globalisierung auseinandersetzt.
Zu allererst sei einmal betont, dass es objektiv gesehen eine gute Sache ist and der man eigentlich nichts aussetzen darf. Es ist doch nur fair dass ein Land wie Indien nach jahrzehntelanger Kolonialherrschaft und dem Dasein als Entwicklungsland nun vor allem durch moderne Technologien am Weltmarkt teilnehmen kann. Das ist ein Fakt dass man hier nun eine riesige Chance hat den Schritt zu einem entwickelten Land machen zu koennen sollte etwas erfreuenswertes sein, da es das Leid auf der Welt zumindest hier sehr stark verringern kann.
Unter den Indern gibt es unterschiedliche Meinungen was die weitere Entwicklung angeht, viele strotzen hier vor Selbstvertrauen (manchmal schon Arroganz) und denken das geht alles so weiter und 2020 sind sie ne Weltmacht. Genauso gibt es aber auch einige Inder die sich sehr wohl den ganzen Problemem bewusst sind und das ganze nicht so optimistisch sehen.
Ich persoenlich denke nicht dass wir vor Indien Angst haben muessen!
Was im Moment abgeht, ist doch schon in aehnlicher Form passiert. So wurden viele Jobs durch Maschinen wegrationalisert oder wurde ein Grossteil der Kleidungsindustrie in anderen Laendern hergestellt. Egal was kam, wir fanden immer neue Moeglichkeiten und haben dann eben anspruchsvollere Jobs gemacht. Und genau so sieht es im Moment auch aus, auch wenn Indien und China das auf laengere Sicht gesehen aendern wollen. Aber im Moment sind es hauptsaechlich Call Center oder Programmieraufgaben die hier erledigt werden und das wird sich auch kurzfristig nicht aendern.
Denn das Problem liegt hier schon in der Ausbildung. Und zwar werden die Inder schon als Kinder und in der Uni in meinen Augen schon zu „Fachidioten“ getrimmt. Musik, Sport, Literatur andere Einfluesse werden bei den meisten nicht oder nur in geringem Masse zugelassen, nur die Noten und ein Job sind das entscheidende! (Ich weiss gar nicht wie oft ich hier schon in der Zeitung von Studenten gelesen hab die sich aufgrund des Druckes umgebracht haben.) Aber dadurch fehlt oftmals die Faehigkeit das Gesamtbild zu sehen und auch mal ueber den Tellerrand hinauszuschauen oder einfache soziale Skills die notwenig sind um miteinander zu arbeiten. Darum werden sich fuer uns erstmal genuegend andere Jobs ergeben, mit dieser neuen Moeglichkeiten der globalen Zusammenarbeit.
Muessen sich auftun! Aber dafuer muessen wir selbst sorgen und dem ganzen positiv gegenueber stehen und neue Chancen die sich zwangslaeufig dadurch ergeben werden nutzen. Denn wer denkt dass hier in Indien nach ein paar Jahren das Lohnniveau unserem Standard in Euroa annaehert und dann ist das wieder vorbei, dem kann ich nur widersprechen. Sicherlich steigen hier in Indien die Loehne von vielen Mitarbeitern exponentiell an durch den Boom. Aber das sind nur die auf einem hoeheren Level. Die einfachen Aufgaben steigen langsamer an und das auch nur bis zu einem bestimmten Grad und sie werden auf sehr sehr lange Zeit viel billiger bleiben als bei uns. Der Grund dafuer ist in der riesigen Population zu sehen. Am extremsten und einfachsten kann man das an Beispielen sehen wie Frauen Gras auf einer riesigen Flaeche rauszupfen anstatt das ein Rasenmaeher benutzt wird, Leute die in den Supermaerkten stehen und aufpassen das nichts geklaut wird anstatt einer Kamera, der Wachmann der 24 h vor der Bank steht, der Aufzugsmann der den ganzen Tag im Aufzug sitzt und das extremste Beispiel von dem ich gehoert habe...einer menschlichen Vogelscheuche die den ganzen Tag im Feld stand und Voegel vertrieben hat. Und das wird sich so schnell auch nicht aendern, da es so verdammt viele Menschen gibt und weiterhin geben wird die auch bereit sind so eine Aufgabe fuer einen geringen Lohn zu machen. So wird es auch weiterhin genuegen Menschen geben die fuer einen im Vergleich dazu fantastischen Lohn im Call Center zu arbeiten. Fuer viele dieser Menschen ist das der Aufstieg in die Mittelschicht und es gibt genuegend die diesem Aufstieg weiter entgegenstreben.
Im Moment ist die riesige Bevoelkerung somit ein Segen fuer Indien, aber alles in alles wird es der groesste Fluch bleiben. Ein funktionierendes Sozial- oder Krankensystem einzufuehren, die Infrastruktur zu verbessern, die Doerfer mit in den Wachstum einzubinden,etc.. das sind die Gruende warum ich mir sicher bin, dass man nicht sagen kann das Indien Deutschland noch zu unseren Lebzeiten überholen wird.
Eine richtige Revolution blieb bisher auch nur aus, da die armen Menschen hier ihr Leben akzeptieren da es Teil ihres Glaubens ist. Aber wer sagt dass das auf Dauer so bleibt. Ich kann die Menschen nicht verstehen, die sehen wie Ihre Mitmenschen immer reicher werden und sie weiterhin den ganzen Tag im Aufzug sitzen. Diese immer groesser werdende und oftmals schockierende Kluft muss man in den Griff bekommen, sonst bin ich mir sicher wird das - Glaube hin oder her - irgendwann eskalieren.
Dazu noch die Schwierigkeit in einem solchen riesigen Land eine funktionierende Demokratie zu haben. Hier braucht man nun schnelle und richtige Entscheidungen um aus dieser Chance das Beste fuer die GESAMTbevoelkerung zu machen. Darum kann ich einem meiner Kollegen nach einer langen Diskussion eigentlich nur recht geben, dass es fuer Indien im Moment sogar besser waere einen guten Alleinherrscher (er nannte es einen „guten Hitler“ ) zu haben. Ich kenne mich zugegebenermassen nicht sonderlich gut aus in der indischen Politik, aber er meinte da sind zu viele Entscheidungsebenen, zu viele ungebildete Politiker, alles dauert zu lange und viele verfolgen nur ihre eigenen Interessen oder die ihrer Interessensgruppen.
Allerdings muss man sagen, dass die Inder viele ihrer Probleme erkannt haben. Sie wissen dass sie ihr Education system aendern muessen wenn sie nicht auf Dauer nur die ausfuehrenden und einfachen Aufgaben erledigen wollen sondern selbst Sachen entwickeln wollen und dadurch auch eine unabhaengige Wirtschaft haben werden.
''If we do not allow our students to ask why, but just keep on telling them how, then we are only going to get the transactional type of outsourcing (…)” said Nirmala Sankaran, C.E.O. of HeyMath, an Indian-based education company.
Das heist es wird sich aendern. Sie wollen selbst Sachen entwickeln und werden das auch tun. Auch der Praesident von Indien ist ein sehr beeindruckender Mann, der mich in einer Rede die ich mir anhoeren durfte/musste, sehr begeistert hat. Er sieht viele dieser Probleme als wichtige Punkte die Indien bewaeltigen muss. Indien wird sich aendern muessen um wirklich unabhaenging zu werden und ich glaube sie koennen das schaffen. Aber es wird sehr viel mehr Zeit dauern wie viele der Optimisten hier denken.
Und wir werden uns definitiv auch anpassen muessen. Allerdings gibt es keinen Grund in Panik zu verfallen. Die Auswirkungen treffen uns im Moment nur so radikal, da dieser Wechsel nicht langsam vonstatten ging wie bei anderen radikalen wirtschaftlichen Aenderungen, sondern wie eine Bombe eingeschlagen ist. Nun spielen Milliarden Inder, Chinesen, Osteuropaer und in kleinerem Masse auch Suedamerikaner mit in der globalen Wirtschaft. Und diese wollen nun auch ihr Stueck vom Kuchen. Aber wenn wir uns den neuen Gegebenheiten anpassen und uns nicht zu sehr selbst bemitleiden sollte es mittelfristig fuer uns alle eine Win-Win Situation sein. Denn zwar muessen wir den Kuchen nun mit mehr Nationen teilen, aber es ist ein sehr sehr viel groesserer Kuchen um den es sich nun handelt.
Alles in allem eine sehr spannende Sache und ich bin gespannt wie es in 30-40 Jahren hier in Indien aussieht. Auch bin ich sehr gespannt wie sich die Situation fuer uns in Deutschland entwickeln wird und ob wir es schaffen werden trotz der ersten negativen Auswirkungen die wir im Moment spueren die Globalisierung nicht zu sehr als Bedrohung sondern als Chance anzusehen.