Gestern haben wir uns seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder gesehen.
Ganz durch Zufall. Er steht da, als ich eigentlich weitergehen will; er kreuzt meinen Weg.
Ein kurzes "Hallo", ich verlangsame den Schritt. Ich sehe sein Lächeln, er streckt mir die Hand entgegen. Eine Umarmung.
"Wie geht's?" "Schön, daß wir uns sehen."
Und schon sind die Fragen, die in Bruchteilen einer Sekunde durch meinen Kopf schießen, verflogen.
Ein Bier zusammen trinken, ein paar Neuigkeiten austauschen. Kollege Frank kommt dazu, schon ein bißchen stark angesäuselt.
Wir schauen uns an - nee, auf den haben wir mit seinem Philisophieren wirklich keine Lust. Wir gehen raus, setzen uns an die laue Luft.
Fühlen uns allein, obwohl fast 2000 Kollegen auch da sind. Betriebsfest eben.
Wir reden und reden. Über Vergangenes - gibt es sowas wie unsere Vergangenheit? - und auch über das Heute.
Ein bißchen knistert es. Täusche ich mich vielleicht?
Ach, vielleicht liegt es auch nur an dem warmen Sonnenabend. Oder an meiner falschen Wahrnehmung.
Ich möchte dich jetzt küssen, höre ich da. Und da ist er auch schon - der Kuss. Und viele Kollegen auch.
"Sollen wir nicht die Örtlichkeit wechseln?" Tja, warum nicht. Und als ich gerade aufstehen will, um mit ihm ein bißchen übers Gelände zu gehen, sagt er. "Wir könnten zum Rhein fahren."
Ach, an so einen drastischen Ortswechsel hab ich gar nicht gedacht, aber warum eigentlich nicht?
Mehr als Biergarten - was allerdings megatoll war - war das Betriebsfest diesmal eh nicht für mich.
Im offenen Cabrio durch die Stadt. Er neben mir. Ich fahre, gebe an einer Ampel gut Gas und die 190 PS tun ihr übriges dazu. "Wow, tough, die Frau" höre ich da neben mir.
Ich fahre doch nur ganz normal Auto.
Endlich einen Parkplatz gefunden. Aussteigen, um in der warmen Luft des späten Abends ein wenig spazieren zu gehen.
Wie selbstverständlich Hand in Hand. Stehen bleiben, ein weiterer Kuss.
Kann man die Zeit 17 Jahre zurückdrehen? Auch damals war es das Betriebsfest... Es ist wie damals. Und doch ist es natürlich anders. Aber ein bißchen von dem Zauber von damals ist bei uns.
Wir setzen uns auf die Mauer am Ufer. Hand in Hand. Küssen uns.
Reden. Schweigen. Sind nachdenklich. Sind in der Vergangenheit. Sind auch im Jetzt und Hier.
"Es ist gut so, wie es ist." Dieser Satz begleitet uns durch den Rest des Abends.
Seine Finger tasten über meinen Rücken. Über der Bluse. Über meine Haut.
Wir küssen uns. Zurückhaltend aber doch richtig. Wie Verliebte. Sind wir aber nicht. Es ist schön, ja. Wir genießen den Moment.
Es ist gut so, wie es ist.
Wir schauen uns an. Wir küssen uns. Streicheln ist schön. Die Finger des anderen auf der Haut. Wir genießen es.
Es ist gut so, wie es ist.
Es wird nicht mehr passieren. Nicht heute und auch an keinem anderen Tag. Es ist einfach die Stunde. Es ist gut so, wie es ist.
Es sind unsere drei Stunden, die uns keiner nehmen kann, in denen kein anderer bei uns ist.
"Du hast eine tolle Figur". "Ich hab dich lieb." "Ich hab dich gern." "Giti, ich liebe dich."
Wir wissen beide, daß das nie und nimmer mehr passieren wird.
Und auch keiner von uns hofft auch nur darauf. Es ist gut so, wie es ist.
Werden wir uns wiedersehen? Es wäre so leicht, den anderen einfach anzurufen, ihm eine E-Mail zu schreiben.
Der Zauber der gestrigen Stunden kann nicht wiedergeholt werden.
Es ist gut so, wie es ist.
Ich denke heute den ganzen Tag an die vergangenen schönen Stunden zurück. Unsere Stunden.
Habe ich Sehnsucht nach etwas, das es nie geben wird? Etwas, das ich gar nicht will. Und trotzdem genieße.
Ich will die Erinnerung ein wenig bewahren und in mir tragen.
Es ist gut so, wie es ist.
Wir werden uns in die Augen sehen können, wenn wir uns - in wieviel Jahren auch immer - wieder sehen werden. Wenn du vielleicht meinen Weg kreuzt. Ganz zufällig. Oder ich deinen.
Es ist gut so, wie es ist.