Where Rainbows End.... x3

09.01.2007 um 18:11 Uhr

~> Eine Geschichte...

Eine wunderschöne, sehr nachdenklich machende Geschichte...

 

Der Junge mit dem hässlichen Gesicht

Eine Geschichte von E.K. Shinkaku Hunt entnommen aus der Buddistischen Schatzkiste.

 



Es war einmal ein kleiner Junge. Der lebte auf einer Insel im Morgenland. Er war grausam und böse. Er neckte und quälte jeden, der schwächer war als er. Das machte ihm Spaß. Wenn ein kleines Mädchen vorbeikam, dann stieß er es oder bewarf es mit Schmutz. Er nahm ihr die Puppe weg, schleuderte sie auf die Straße und rannte fort. Er quälte auch gerne Tiere und Insekten. Oft fing er ein Schmetterling und riss ihnen einen Flügel aus, um zu sehen, ob sie mit einem Flügel fliegen könnten. Wenn er eine Katze erwischte, band er ihr eine Konservendose an den Schwanz und freute sich, wenn die Katze aus Angst vor dem Geklapper kläglich schrie. Manchmal band er einem Hund einen Feuerwerkskörper an den Schwanz, brannte die Zündschnur an, jagte den Hund fort und wartete, bis der Feuerwerkskörper explodierte " Peng! Peng! Peng! " Wenn er den erschrockenen Hund um sein Leben rennen sah, klatschte er in die Hände und sprang hoch vor Vergnügen. Darum rannten alle Tiere und Kinder vor ihm fort, wenn sie ihn kommen sahen, und sein Gesicht wurde immer häßlicher und böser. Aber er ging sehr aufrecht seiner Wege und sagte stolz zu sich :" Ich bin so groß und stark, daß jeder Angst vor mir hat."
Eines Tages spielte er auf der Straße. Da kamen zwei Fremde vorbei. Der eine zeigte auf ihn und sagte zum anderen : " Schau mal, wie häßlich der Junge dort drüben aussieht. Wenn ich so häßlich wäre, würde ich zum Tempel gehen und im heiligen See baden." "Ich auch ", sagte der andere.
Der Junge erschrak sehr. Er lief nach Hause zu seiner Mutter und fragte : " Bin ich hässlich, Mutter ?"
Die Mutter schwieg, aber sie machte ein trauriges Gesicht. Da fragte er noch einmal: " Bitte sag mir die Wahrheit, bin ich wirklich häßlich?" Jetzt weinte die Mutter und sagte ganz leise:" Ja, du bist häßlich, aber ich hab dich trotzdem lieb." An diesem Abend konnte er lange nicht einschlafen. Aber am anderen Morgen dachte er: " Na, denen werd ich es zeigen!" Er ging auf die Straße. Ein kleines Mädchen kam ihm entgegen. Wie gewöhnlich lief er auf sie zu, um sie zu ärgern und zum Weinen zu bringen. Aber anstatt zu weinen, sagte das kleine Mädchen: " O je, was hast Du für ein häßliches Gesicht. Wenn ich so ein Gesicht hätte, würde ich es verstecken."
Das war dem Jungen zu viel: Gestern die beiden Fremden, dann die Mutter und jetzt sogar ein kleines Mädchen! Da fiel ihm ein, daß die beiden Fremden etwas vom Tempel und von einem See gesagt hatten, und er beschloß, zu dem Tempel zu gehen und sein Gesicht in dem See zu baden, damit es schön würde. Er bat seine Mutter, ihm etwas Essen mitzugeben, und ging fort. Acht Meilen mußte er durch die Hitze marschieren. Die Füße taten ihm weh. Dann kam er zum Tempel. Er lugte durch das Tor. Drinnen saß im kühlen Schatten ein alter Mönch vor einem Buddha- Bild und rezitierte eine Lehrrede. Er blickte gar nicht auf, als der Junge eintrat. Das ärgerte den Jungen. Er stampfte extra laut den Mittelgang entlang und wollte den Mönch unterbrechen und ansprechen. Dieser aber drehte sich um und fragte:" Was willst du, mein Sohn?"
" Ich will im Heiligen See baden und mein Gesicht schön machen", sagte der Junge laut. Er erschrak selber ein bißchen, wie seine Stimme in dem stillen Tempel schallte. Der Mönch sah ihn ernst an: " Lerne zuerst gutes Benehmen. Geh zurück zur Tür, komm leise herein und warte, bis ich die Lehrrede zu Ende gesagt habe, bei der du mich unterbrochen hast."
Das sagte der Mönch freundlich, aber so fest, daß der häßliche Junge gar nicht anders konnte: Er kam sich zwar selbst komisch vor, aber er ging brav hinaus, trat leise wieder ein, ging vorsichtig durch den Mittelgang und setzte sich stumm nieder, bis der Mönch die Lehrrede zu Ende gesagt hatte. Erst war es ihm langweilig, aber die feste, ruhige Stimme tat ihm wohl, wenn er auch nichts verstand. Es dauerte wohl eine Viertelstunde. Dann war der Mönch fertig und der häßliche Junge war nicht mehr so zappelig, als der Mönch ihn endlich noch einmal fragte: " Was willst du?" " Ich möchte mein Gesicht in dem Heiligen See baden ", sagte der Junge. " Warum möchtest du das? " fragte der alte Mönch. " Weil ich mein Gesicht schön machen will ", erwiderte der Junge. " So hast du auch die alte Geschichte gehört." Der Mönch lächelte. " Leider hat der See keine Wunderkraft, und die Geschichte ist nur ein Märchen. Dein Gesicht schön machen - das kannst nur du selbst, niemand sonst." " Aber das kann ich doch gar nicht ", sagte der Junge. " Doch, mein Sohn, du kannst es. Sieh, dein Gesicht ist ein offenes Buch. Darin sind all deine Gedanken, Worte und Taten aufgeschrieben.
Wenn deine Gedanken böse, grausam und voll Haß - häßlich - sind,
wenn deine Taten gemein und unehrlich - häßlich - sind, dann ist auch dein Gesicht häßlich. Aber wenn du liebevolle und freundliche Gedanken hegst und gute Worte sprichst und hilfreich und ehrlich in deinen Taten bist, so spiegeln sich auch die hellen und schönen Gedanken, Worte und Taten in deinem Gesicht, und dein Gesicht wird schöner sein ", sagte der Mönch. " Aber es hat lange gedauert, bis dein Gesicht häßlich wurde. Deshalb denke nicht, daß es so schnell geht, bis die Häßlichkeit weggeht und dein Gesicht schön wird. Deshalb darfst du nicht die Geduld verlieren. Kämpfe tapfer gegen alle häßlichen Gedanken, Worte und Taten in dir. Das ist nur etwas für ganze Kerle. Kein Feigling oder Schwächling hält das lange durch. Jetzt kannst du erst richtig zeigen, was in dir steckt.
Der Junge wußte gar nicht, wie er wieder aus dem Tempel hinausgekommen war: Er fand sich draußen im heißen Sonnenschein, die Worte des Mönches im Ohr. Jetzt merkte er, daß er gar nicht so stark gewesen war, wie er sich eingebildet hatte, daß Bösesein schwach und feige war. Jetzt hatte er verstanden, was wirklich ein ganzer Kerl war.
Die ganzen acht Meilen nach Hause brannten die Worte des Mönches in seinem Herzen, und er nahm sich fest vor, tapfer zu tun, was er vom alten Mönch gelernt hatte. Als er in seine Gegend kam, wichen ihm die Hunde und Katzen und die kleinen Mädchen aus - aber jetzt freute es ihn gar nicht. Es kam ihm vor, als wenn sie mit einem unsichtbaren Finger auf ihn zeigten - nicht nur weil er häßlich war, sondern weil er feige und schwach gegenüber seinen bösen Gedanken, Worten und Taten gewesen war. Und er stellte sich vor, wie schön es wäre, wenn er ein ganzer Kerl werden würde, daß alle gern mit ihm spielen und sagen: " Der ist in Ordnung " und daß er dann sogar ein schönes Gesicht bekäme. Zu Hause schlich er in sein Zimmer und schlief gleich ein, so müde war er. Am anderen Morgen schien ihm die Sonne ins Gesicht, als wollte sie ihn ermuntern: " Nun, wie ist es ? Packen wir es ?" Er genierte sich ein bißchen, aber er ging in die Küche, sagte " Guten Morgen !" , küßte seine Mutter und fragte sie: " Kann ich dir was helfen ?" Seine Mutter war so überrascht, daß sie eine Zeitlang mit vor Staunen offenem Mund dastand. Aber dann durfte er die Milch aus dem Keller holen. Er war richtig stolz darauf. Nach dem Frühstück nahm der Junge seine Schulbücher und sagte froh: " Auf Wiedersehen, Mutter." In der Schule betrat er lächelnd den Klassenraum und sagte: " Guten Morgen, Herr Lehrer, kann ich Ihnen was helfen ?" Der dachte " Nanu ", war aber recht milde zu ihm an dem Tag, so daß die Schulstunden eigentlich besser vergingen als sonst.
In den folgenden Wochen war es manchmal schwierig. Bei mindestens drei Katzen hatte er schon die Konservenbüchse in der Hand, um sie an das Katzenschwänzchen zu binden, aber dann dachte er an den alten Mönch, sagte zu sich : " Sei nicht feige, halte durch " und ließ die Büchse fallen. Die Katze rannte fort - aber jetzt freute es ihn nicht mehr. Er dachte, wie nett es wäre, wenn sie schnurrend um seine Beine striche. Allmählich liefen aud die Hunde nicht mehr vor ihm weg; ein ganz junger machte sogar ein Wettrennen mit ihm.
Das gefiel ihm.
Jeden Tag sah er in den Spiegel, um festzustellen, ob sein Gesicht sich verändert hätte. Jetzt fiel ihm selber auf, daß er häßlich war. Vor allem der Mund war so verkniffen, und auf der Stirn stand eine steile Falte. Aber es war immer noch das gleiche. Nach drei Monaten bemerkte er jedoch, daß einige der streitsüchtigen, ärgerlichen Fältchen schwächer wurden.
Nach sechs Monaten schauten seine Augen schon viel freundlicher und lustiger - es war ja auch alles um ihn freundlicher und lustiger geworden, seit keiner mehr Angst vor ihm hatte - nun fielen die paar Fältchen nicht mehr so auf. Nach einem Jahr waren auch die paar Fältchen weg. - Und dann kam der große Tag : Als auf der anderen Straßenseite ein kleines Mädchen, das neu in seine Staße gezogen war, zu ihm herüberkam und sage: " Würdest du bitte mal fünf Minuten meinen Puppenwagen bewachen ? Den anderen Jungs trau ich nicht, aber du hast so ein freundliches Gesicht. " Sie war noch sehr klein, und er kam sich ein bißchen komisch vor, als er wie ein guter Papa auf das Wägelchen aufpaßte. Aber als die Kleine nach fünf Minuten wiederkam und mit einem " Dankeschön " davontrippelte, da war er so froh, daß ihm das " bitte " im Hals steckenblieb. Abends schaute er in den Spiegel: Tatsächlich, keine Spur von Häßlichkeit war mehr übrig geblieben. Er erinnerte sich der Gedanken des Buddha, die der Lehrer gesagt hatte : " Alles, was wir sind, kommt davon, was wir immer gedacht haben : das bedeutet, daß unsere heutigen Gedanken, Worte und Taten unsere Zukunft schaffen. "

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenschneehase schreibt am 09.01.2007 um 22:46 Uhr:Eine wirklich schöne Geschichte... so tiefgründig und so wahr... ich sollte aufpassen, was ich denke *g*
  2. zitierenangelmagia schreibt am 10.01.2007 um 16:38 Uhr:Ja, hab ich mir dann auch so gedacht,als ich die Geschichte zufällig gefunden habe...

    Aber so schlechtes denken wir garantiert beide nicht. Da bin ich mir hundertpro sicher.
  3. zitierenschneehase schreibt am 10.01.2007 um 17:10 Uhr:Ja, ich auch... *g*
  4. zitierenangelmagia schreibt am 10.01.2007 um 21:28 Uhr:Sind wir 2 ;)

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