~> Eine Geschichte...
Eine wunderschöne, sehr nachdenklich machende Geschichte...
Der Junge mit dem hässlichen Gesicht
Eine Geschichte von E.K. Shinkaku Hunt entnommen aus der Buddistischen Schatzkiste.
Es war einmal ein kleiner Junge. Der lebte auf einer Insel im
Morgenland. Er war grausam und böse. Er neckte und quälte jeden, der
schwächer war als er. Das machte ihm Spaß. Wenn ein kleines Mädchen
vorbeikam, dann stieß er es oder bewarf es mit Schmutz. Er nahm ihr die
Puppe weg, schleuderte sie auf die Straße und rannte fort. Er quälte
auch gerne Tiere und Insekten. Oft fing er ein Schmetterling und riss
ihnen einen Flügel aus, um zu sehen, ob sie mit einem Flügel fliegen
könnten. Wenn er eine Katze erwischte, band er ihr eine Konservendose an
den Schwanz und freute sich, wenn die Katze aus Angst vor dem Geklapper
kläglich schrie. Manchmal band er einem Hund einen Feuerwerkskörper an
den Schwanz, brannte die Zündschnur an, jagte den Hund fort und wartete,
bis der Feuerwerkskörper explodierte " Peng! Peng! Peng! " Wenn er den
erschrockenen Hund um sein Leben rennen sah, klatschte er in die Hände
und sprang hoch vor Vergnügen. Darum rannten alle Tiere und Kinder vor
ihm fort, wenn sie ihn kommen sahen, und sein Gesicht wurde immer
häßlicher und böser. Aber er ging sehr aufrecht seiner Wege und sagte
stolz zu sich :" Ich bin so groß und stark, daß jeder Angst vor mir
hat."
Eines Tages spielte er auf der Straße. Da kamen zwei Fremde
vorbei. Der eine zeigte auf ihn und sagte zum anderen : " Schau mal,
wie häßlich der Junge dort drüben aussieht. Wenn ich so häßlich wäre,
würde ich zum Tempel gehen und im heiligen See baden." "Ich auch ",
sagte der andere.
Der Junge erschrak sehr. Er lief nach Hause zu seiner Mutter und fragte : " Bin ich hässlich, Mutter ?"
Die Mutter schwieg, aber sie machte ein trauriges Gesicht. Da fragte er
noch einmal: " Bitte sag mir die Wahrheit, bin ich wirklich häßlich?"
Jetzt weinte die Mutter und sagte ganz leise:" Ja, du bist häßlich,
aber ich hab dich trotzdem lieb." An diesem Abend konnte er lange nicht
einschlafen. Aber am anderen Morgen dachte er: " Na, denen werd ich es
zeigen!" Er ging auf die Straße. Ein kleines Mädchen kam ihm entgegen.
Wie gewöhnlich lief er auf sie zu, um sie zu ärgern und zum Weinen zu
bringen. Aber anstatt zu weinen, sagte das kleine Mädchen: " O je, was
hast Du für ein häßliches Gesicht. Wenn ich so ein Gesicht hätte,
würde ich es verstecken."
Das war dem Jungen zu viel: Gestern die beiden Fremden, dann die
Mutter und jetzt sogar ein kleines Mädchen! Da fiel ihm ein, daß die
beiden Fremden etwas vom Tempel und von einem See gesagt hatten, und er
beschloß, zu dem Tempel zu gehen und sein Gesicht in dem See zu baden,
damit es schön würde. Er bat seine Mutter, ihm etwas Essen mitzugeben,
und ging fort. Acht Meilen mußte er durch die Hitze marschieren. Die
Füße taten ihm weh. Dann kam er zum Tempel. Er lugte durch das Tor.
Drinnen saß im kühlen Schatten ein alter Mönch vor einem Buddha- Bild
und rezitierte eine Lehrrede. Er blickte gar nicht auf, als der Junge
eintrat. Das ärgerte den Jungen. Er stampfte extra laut den Mittelgang
entlang und wollte den Mönch unterbrechen und ansprechen. Dieser aber
drehte sich um und fragte:" Was willst du, mein Sohn?"
" Ich will im Heiligen See baden und mein Gesicht schön machen",
sagte der Junge laut. Er erschrak selber ein bißchen, wie seine Stimme
in dem stillen Tempel schallte. Der Mönch sah ihn ernst an: " Lerne
zuerst gutes Benehmen. Geh zurück zur Tür, komm leise herein und warte,
bis ich die Lehrrede zu Ende gesagt habe, bei der du mich unterbrochen
hast."
Das sagte der Mönch freundlich, aber so fest, daß der häßliche
Junge gar nicht anders konnte: Er kam sich zwar selbst komisch vor,
aber er ging brav hinaus, trat leise wieder ein, ging vorsichtig durch
den Mittelgang und setzte sich stumm nieder, bis der Mönch die Lehrrede
zu Ende gesagt hatte. Erst war es ihm langweilig, aber die feste,
ruhige Stimme tat ihm wohl, wenn er auch nichts verstand. Es dauerte
wohl eine Viertelstunde. Dann war der Mönch fertig und der häßliche
Junge war nicht mehr so zappelig, als der Mönch ihn endlich noch einmal
fragte: " Was willst du?" " Ich möchte mein Gesicht in dem Heiligen See
baden ", sagte der Junge. " Warum möchtest du das? " fragte der alte
Mönch. " Weil ich mein Gesicht schön machen will ", erwiderte der
Junge. " So hast du auch die alte Geschichte gehört." Der Mönch
lächelte. " Leider hat der See keine Wunderkraft, und die Geschichte
ist nur ein Märchen. Dein Gesicht schön machen - das kannst nur du
selbst, niemand sonst." " Aber das kann ich doch gar nicht ", sagte der
Junge. " Doch, mein Sohn, du kannst es. Sieh, dein Gesicht ist ein
offenes Buch. Darin sind all deine Gedanken, Worte und Taten
aufgeschrieben.
Wenn deine Gedanken böse, grausam und voll Haß - häßlich - sind,
wenn deine Taten gemein und unehrlich - häßlich - sind, dann ist auch
dein Gesicht häßlich. Aber wenn du liebevolle und freundliche Gedanken
hegst und gute Worte sprichst und hilfreich und ehrlich in deinen Taten
bist, so spiegeln sich auch die hellen und schönen Gedanken, Worte und
Taten in deinem Gesicht, und dein Gesicht wird schöner sein ", sagte
der Mönch. " Aber es hat lange gedauert, bis dein Gesicht häßlich
wurde. Deshalb denke nicht, daß es so schnell geht, bis die Häßlichkeit
weggeht und dein Gesicht schön wird. Deshalb darfst du nicht die Geduld
verlieren. Kämpfe tapfer gegen alle häßlichen Gedanken, Worte und Taten
in dir. Das ist nur etwas für ganze Kerle. Kein Feigling oder
Schwächling hält das lange durch. Jetzt kannst du erst richtig zeigen,
was in dir steckt.
Der Junge wußte gar nicht, wie er wieder aus dem Tempel
hinausgekommen war: Er fand sich draußen im heißen Sonnenschein, die
Worte des Mönches im Ohr. Jetzt merkte er, daß er gar nicht so stark
gewesen war, wie er sich eingebildet hatte, daß Bösesein schwach und
feige war. Jetzt hatte er verstanden, was wirklich ein ganzer Kerl war.
Die ganzen acht Meilen nach Hause brannten die Worte des Mönches
in seinem Herzen, und er nahm sich fest vor, tapfer zu tun, was er vom
alten Mönch gelernt hatte. Als er in seine Gegend kam, wichen ihm die
Hunde und Katzen und die kleinen Mädchen aus - aber jetzt freute es ihn
gar nicht. Es kam ihm vor, als wenn sie mit einem unsichtbaren Finger
auf ihn zeigten - nicht nur weil er häßlich war, sondern weil er feige
und schwach gegenüber seinen bösen Gedanken, Worten und Taten gewesen
war. Und er stellte sich vor, wie schön es wäre, wenn er ein ganzer
Kerl werden würde, daß alle gern mit ihm spielen und sagen: " Der ist
in Ordnung " und daß er dann sogar ein schönes Gesicht bekäme. Zu Hause
schlich er in sein Zimmer und schlief gleich ein, so müde war er. Am
anderen Morgen schien ihm die Sonne ins Gesicht, als wollte sie ihn
ermuntern: " Nun, wie ist es ? Packen wir es ?" Er genierte sich ein
bißchen, aber er ging in die Küche, sagte " Guten Morgen !" , küßte
seine Mutter und fragte sie: " Kann ich dir was helfen ?" Seine Mutter
war so überrascht, daß sie eine Zeitlang mit vor Staunen offenem Mund
dastand. Aber dann durfte er die Milch aus dem Keller holen. Er war
richtig stolz darauf. Nach dem Frühstück nahm der Junge seine
Schulbücher und sagte froh: " Auf Wiedersehen, Mutter." In der Schule
betrat er lächelnd den Klassenraum und sagte: " Guten Morgen, Herr
Lehrer, kann ich Ihnen was helfen ?" Der dachte " Nanu ", war aber
recht milde zu ihm an dem Tag, so daß die Schulstunden eigentlich
besser vergingen als sonst.
In den folgenden Wochen war es manchmal schwierig. Bei mindestens
drei Katzen hatte er schon die Konservenbüchse in der Hand, um sie an
das Katzenschwänzchen zu binden, aber dann dachte er an den alten
Mönch, sagte zu sich : " Sei nicht feige, halte durch " und ließ die
Büchse fallen. Die Katze rannte fort - aber jetzt freute es ihn nicht
mehr. Er dachte, wie nett es wäre, wenn sie schnurrend um seine Beine
striche. Allmählich liefen aud die Hunde nicht mehr vor ihm weg; ein
ganz junger machte sogar ein Wettrennen mit ihm.
Das gefiel ihm.
Jeden Tag sah er in den Spiegel, um festzustellen, ob sein Gesicht
sich verändert hätte. Jetzt fiel ihm selber auf, daß er häßlich war.
Vor allem der Mund war so verkniffen, und auf der Stirn stand eine
steile Falte. Aber es war immer noch das gleiche. Nach drei Monaten
bemerkte er jedoch, daß einige der streitsüchtigen, ärgerlichen
Fältchen schwächer wurden.
Nach sechs Monaten schauten seine Augen schon viel freundlicher und
lustiger - es war ja auch alles um ihn freundlicher und lustiger
geworden, seit keiner mehr Angst vor ihm hatte - nun fielen die paar
Fältchen nicht mehr so auf. Nach einem Jahr waren auch die paar
Fältchen weg. - Und dann kam der große Tag : Als auf der anderen
Straßenseite ein kleines Mädchen, das neu in seine Staße gezogen war,
zu ihm herüberkam und sage: " Würdest du bitte mal fünf Minuten meinen
Puppenwagen bewachen ? Den anderen Jungs trau ich nicht, aber du hast
so ein freundliches Gesicht. " Sie war noch sehr klein, und er kam sich
ein bißchen komisch vor, als er wie ein guter Papa auf das Wägelchen
aufpaßte. Aber als die Kleine nach fünf Minuten wiederkam und mit einem
" Dankeschön " davontrippelte, da war er so froh, daß ihm das " bitte "
im Hals steckenblieb. Abends schaute er in den Spiegel: Tatsächlich,
keine Spur von Häßlichkeit war mehr übrig geblieben. Er erinnerte sich
der Gedanken des Buddha, die der Lehrer gesagt hatte : " Alles, was wir sind,
kommt davon, was wir immer gedacht haben : das bedeutet, daß unsere
heutigen Gedanken, Worte und Taten unsere Zukunft schaffen. "






Aber so schlechtes denken wir garantiert beide nicht. Da bin ich mir hundertpro sicher.