Da bin ich leider schon wieder
Da bin ich wieder. Denk nicht, dass ich freiwillig hier bin. Nach wie vor werde ich dazu gezwungen mit dir zu reden. Ich will überhaupt nicht mit dir reden. Reden muss ich. Meine Therapeutin (die Sabine) sagt, es wäre für mich leichter mit jemandem zu reden den ich nicht kenne, als mit jemandem der mir nahe steht. Eigentlich quatsch. Bis auf die Tatsache, dass mich die Menschen um mich herum mit Verachtung strafen, habe ich zu jenen, die mich kennen ebenso viel Distanz, wie zu dir. Aber du bist wenigstens ruhig und redest nicht über mich. Das finde ich sehr nett von dir. Du hasst mich nicht. Noch nicht.
Ich sitze hier in der riesigen Küche und trinke mit meinem Leben Cappuchino, starre meine Tasse an und rede mit dir. Meine Finger umklammern die Tasse, manchmal sind sie nervös in meinem Schoss verschränkt, manchmal umklammern sie die Tischplatte. Das nervöse Ticken der Uhr hallt von den Wänden wider, erinnert mich daran dass mein Leben stetig dem Ende zugeht. Der Freiheit entgegen. Der Ruhe. Dem Nirwana. Ich finde diesen Begriff so lustig. Nirwana. Aber es ist an sich ein schönes Wort. Aber wir sind nicht hier um über Worte zu philosophieren.
Über mich soll ich reden. MICH. Ein Thema, dass keins ist. Ich will dich nicht enttäuschen aber über mich gibt es definitiv nichts zu sagen. Ausser, dass ich mein Leben so in die Scheisse geritten habe, dass es garnicht mehr schlimmer geht. Warum? Tja es gibt nie einen Grund. Jeder lebt so gut er kann und versucht seinen „Lebensstandard zu verbessern“, wie mein Vater sagen würde. Er ist der Erfolg in Person by the way. Es gibt nichts, was mein Vater nicht schafft. Er beschäftigt eine riesige Kanzlei. Das ist schon ein eigener Wolkenkratzer. Habe mich da noch nie zurecht gefunden. Jeder Flur gleich. Jede Bürotür. Bis auf die des Chefs. Und der ganze Laden gehört ihm. Vorher seinem Vater. Ein Familienunternehmen, das ordentlich was abwirft. Tolle Sache, denkst du jetz sicher. Extra-Taschengeld. Shopping bis zum umfallen. Sicher das kann lustig sein, ein netter Zeitvertreib. Aber spätestens wenn du merkst, dass dein Vater dir lieber nochmal einen Hunni in die Hand drückt statt mit dir zu reden und du für eine ernsthafte Frage einen Termin vereinbaren musst bist du wirklich allein. Mein Vater kennt bestenfalls meinen Namen und ist sich der Tatsache bewusst eine Tochter zu haben. Und das ist nicht allein bei mir so. Meiner Mutter geht’s nicht anders. Aber sie schert sich nicht drum. Sie hat Geld zum trösten, den Friseur zum reden und die Autos zum abreagieren. Und wenn eine Feier ansteht, sieht sie meinen Vater ja auch mal. So ist das ja nicht.
Mich hat mein Leben auch nie gestört. Mit meinen Freundinnen, die ebenso gut betuchte Eltern hatten wie ich, war ich oft shoppen. Mit Loosern die kein Geld hatten und in Hochhäusern wohnten gaben wir uns doch nicht ab. Wir machten uns höchstens lustig. Als Superhirn hatte ich ja auch ständig nichts zu tun, weil ich meine Aufgaben schon fast im Schlaf erledigte. Schule war nun wirklich etwas Langweiliges. Aber ich hatte meine Freunde, keine Probleme, Sonnenschein jeden Tag. Meine kleine heile Welt.
Irgendwann war sie meinem Vater offenbar nicht mehr heil genug. Er wollte mir die besten Möglichkeiten bieten. Er meldete mich also im „Elite-Gymnasium“ am Stadtrand an. Da gingen nicht nur die Reichen hin die klug waren , sondern auch die Loser die was drauf hatten, wie ich dann schaudernd feststellen musste. Mein Vater hatte natürlich keine Zeit mich zur Schule zu begleiten. Er hatte zu arbeiten. Nunja ich war ja auch nicht schüchtern. Es sollte ein wunderschöner Sommertag werden. Klar hatte ich für so was Wetter keinen Blick.
Ich war ja nicht irgendwer, der sich Wetter unterwirft. Ich zog immer an was mir in den kram passte. Konnte auch ein Minirock im Winter sein.
