Gedanken und Gediche zu Fragen unserer Zeit

21.06.2008 um 17:12 Uhr

Wenn man einem Menschen die Würde nimmt, dann hört er auf zu leben

von: bobcar   Stichwörter: poltik, pflege, alter, menschen, menschenwürde

Auch wenn viele nicht darüber nachdenken wollen: Altenpflege ist ein Thema, das jeden von uns früher oder später betreffen wird. In den Medien wird regelmäßig darüber berichtet und die Probleme sind längst bekannt. Dennoch werden sie von den meisten Menschen verdrängt. Der öffentliche Protest über nicht zu verantwortende Zustände ist minimal.

Altenpflege wird zur bloßen Restversorgung. Das Vegetieren alter, pflegebedürftiger Menschen beunruhigt zwar, fordert aber offenbar nicht dazu auf, auf die Straße zu gehen. Viele Menschen reagieren erst, wenn das Thema sie selbst oder jemanden in ihrer Familie betrifft.

Vorab bemerkt: Ich sehe mich außerstande, dieses Thema sachlich nüchtern zu beschreiben. Mein Beitrag ist selbstverständlich einseitig, parteiisch, emotional und nimmt die Perspektive pflegebedürftiger, wehrloser Menschen ein, denen ihre Würde genommen wird – wohl wissend, dass es Ausnahmen gibt, Einrichtungen, in denen bessere Rahmenbedingungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die dort lebenden Menschen vorherrschen. Außerdem ist meine Vision eigentlich eine Forderung: nach Einhaltung selbstverständlicher Menschenschenrechte, die durch das Grundgesetz, die Genfer Konvention, das Pflegeversicherungsgesetz etc. geregelt werden. Was sie zur Vision macht ist die Realität, die katastrophalen Zustände in zu vielen deutschen Pflegeheimen. Sie führen mich zu der Überzeugung, Menschen motivieren zu müssen, sich viel stärker dafür einzusetzen, diese Situation zu verbessern, und zwar nicht – wie für eine Vision üblich – in unbestimmter Zukunft, sondern jetzt, hier und heute! Um hierfür zu sensibilisieren, berichte ich zunächst von einem Bereich innerhalb des Pflegealltags, in dem Menschenrechte massiv verletzt werden: der Ernährung alter Menschen in Pflegeheimen.

Eine meiner Mindestforderungen an Gesellschaft, Politik und Kostenträger ist, dass pflegebedürftige Menschen jeden Tag zu essen und zu trinken bekommen – in dem Tempo, in dem sie kauen und schlucken können. In zahlreichen Pflegeheimen ist dies aus zeitlichen Gründen nicht möglich – die pflegebedürftigen Menschen werden mit pflegeerleichternden und pflegevermeidenden Magensonden versorgt. Gemeint sind hier nicht die medizinisch notwendigen Magensonden, sondern ca. 50 bis 60% der Sonden, die „vorsorglich“ in den Krankenhäusern auf Druck vieler Pflegeheime eingesetzt werden. Immer wieder höre ich, dass Pflegeheime aus Zeitmangel auf Magensonden bestehen, wenn bekannt ist, dass es beim Pflegebedürftigen Probleme mit dem Essen gibt. Probleme, die oft daraus resultieren, dass dem Menschen einfach nicht genug Zeit zu essen gegeben wird.

Stellen Sie sich einmal vor, ihr Arbeitgeber würde festlegen, dass ab heute jeder sein Essen über eine Magensonde erhält – statt Mittagspause. In der Altenpflege kommt dieses überspitzte Szenario der Realität leider schon recht nah. Statt kleiner Löffel werden große verwendet – damit es schneller geht. Dieses „Einschaufeln“ des Essens hat nichts mehr mit menschenwürdigem Essen zu tun. Oft wird das Essen auch nur hingestellt und nach kurzer Zeit wieder abgeräumt, da niemand Zeit hatte, beim Essen zu helfen. Man muss sich das einmal vorstellen: Menschen dürfen nichts mehr essen, nicht mehr kauen, nicht mehr schlucken, nicht mehr schmecken – nicht mehr genießen! Sie hängen an einer Sonde – von Selbstbestimmung keine Rede. Ein Albtraum!

Jährlich werden durchschnittlich 120.000 Magensonden gelegt. Das ist inzwischen ein großer Wirtschaftsfaktor geworden – ein Millionengeschäft. Mittlerweile hat auch der Medizinische Dienst der Kranken- und Pflegekassen festgestellt, dass in einer Vielzahl von Pflegeheimen, die Nahrung- und Flüssigkeitszufuhr nicht mehr sichergestellt werden kann. Im Klartext: Es gibt hierzulande pflegebedürftige Menschen, die in Pflegeheimen hungern und verhungern bzw. austrocknen – gegen Gebühr versteht sich!

Mir ist in den vergangenen Jahren der „Pflegediskussion“ eines klar geworden: Solange an den Folgen der schlechten Pflege soviel Geld verdient werden kann, wird sich nichts ändern. Selbst die Krankenkassen scheinen kein großes Interesse daran zu haben, z.B. über Regressforderungen die Verantwortlichen dieser „Pflegefehler“ zur Verantwortung zu ziehen. Auch eine strafrechtliche Verfolgung ist selten. Gespenstisch: Rehabilitation findet in den meisten Pflegeheimen nicht statt, da es z.B. durch aktivierende, motivierende Pflege gelingen kann, Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder zu verzögern. Das bedeutet in der Praxis dann eine „niedrigere Pflegestufe“, vielleicht sogar eine Rückstufung z.B. von Stufe 2 auf 1 – für das Heim gibt es dann weniger Geld.

Warum sind gerade alte und pflegebedürftige Menschen derart entwürdigenden und lebensbedrohenden Bedingungen ausgesetzt, wie wir es jeden Tag erfahren können? Warum lösen diese Berichte in der Öffentlichkeit nur hilflose Empörung aus, im Unterschied zu sonstigen Reaktionen auf Missstände oder Vergehen? Warum bitten die Informanten – es sind im Allgemeinen die verzweifelten Angehörigen oder erschöpfte Pflegekräfte – aus Angst vor Folgen um Schutz ihrer Namen, wenn sie nachweislich „nur“ aus ihrem Alltag berichten? Ich habe noch nie so viele ängstliche und traumatisierte Menschen erlebt wie unter den Pflegekräften. Warum tut sich die Staatsanwaltschaft so schwer, mit Rechtsmitteln einzugreifen? Handelt es sich hier vielleicht um einen rechtsfreien Raum?

Die Konsequenzen aus den Erfahrungen des täglichen Pflegewahnsinns müssen wir selber ziehen. Wir müssen uns alle offensiv mit diesem Thema auseinandersetzen, Verantwortung übernehmen und auf Missstände hinweisen. Es betrifft uns – früher oder später – alle. Gefordert wird doch kein Luxus. Es geht um Selbstverständlichkeiten, die ich abschließend noch kurz durch einige ebenso wichtige Punkte ergänzen möchte:

  • Jeder pflegebedürftige Mensch muss täglich so oft zur Toilette gebracht oder geführt werden, wie er es wünscht (Windeln und Dauerkatheter als pflegeerleichternde Maßnahmen sind menschenunwürdig und Körperverletzung).
  • Pflegebedürftige Menschen müssen täglich – wenn gewünscht – gewaschen, angezogen und gekämmt werden. Dabei ist darauf zu achten, dass ihr Schamgefühl nicht verletzt wird.
  • Alle pflegebedürftigen Menschen sollten außerdem – auch auf Wunsch – die Möglichkeit bekommen, ihr Bett zu verlassen und an die frische Luft zu kommen.
  • Trösten, zuhören, geduldig in den Arm nehmen, ein paar freundliche, liebevolle, und einfühlsame Worte dürfen nicht als „Kaviarleistung“ gelten.
  • In der Todesstunde sollte jeder die Sicherheit und das Gefühl haben dürfen, dass ihm jemand die Hand hält, damit er nicht alleine und einsam sterben muss.
  • Die Grundvorrausetzung für ein menschenwürdiges Leben schließt auch menschenwürdige Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal ein, das zahlenmäßig ausreichend, motiviert, kompetent und menschlich qualifiziert sein sollte.

Diese Standards müssen in einem reichen Land, das den Anspruch hat, die Menschenrechte

besonders zu achten, selbstverständlich sein. Die Würde – auch des pflegebedürftigen Menschen – ist unantastbar. Dafür müssen wir uns alle gemeinsam einsetzen. Jetzt!

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenZebulon schreibt am 21.06.2008 um 19:14 Uhr:! ! ! ! ! ! !

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