Eine fast perfekte Frau
Wer, mit Ausnahme Ephraim Kishons, hat schon eine fast perfekte Frau vorzuweisen? Ich gehöre zu den wenigen glücklichen Männern, die das behaupten können!
Nun, den Beweis dafür anzutreten, fällt sogar mir manches Mal nicht so ganz leicht. Aber es ist, wie es ist.
Meine Frau ist an Geduld kaum zu überbieten. Und wird sie hin und wieder etwas krüsch, dann liegt es sicher daran, dass ich ihre Gutmütigkeit, ihre Einfühlsamkeit und ihren überaus liebenswürdigen Charakter überzogen in Anspruch genommen habe. Wenn ich das jetzt so ohne weiteres zugebe, dann nur deshalb, weil ich weiß, dass sie diese Zeilen nie zu lesen bekommt. Denn das hätte geradezu katastrophale Folgen. Wir haben Föhn. Sie wissen, das ist so ein laues Lüftchen, das bei uns von den Alpen herkommt und verschiedenen Menschen gesundheitlich zusetzt. Manche liegen dann da, als müssten sie jeden Augenblick vor ihren Schöpfer treten, andere werden plemplem, im Hirn. Ich scheine zu beiden Seiten zu tendieren! Leider!
Ein solcher Föhn herrscht seit drei Tagen und in diesen drei Tagen und Nächten habe ich mehr gelitten als andere auf dem Sterbebett!
Es gibt Autoren, die den Tod gelobt haben - so Gerhard Hauptmann, der da schrieb. „Der Tod ist die mildeste Form des Lebens, der ewigen Liebe Meisterstück!"
Eigentlich halte ich es nicht mit den Ansichten des Herrn Hauptmann über den Tod. Nicht, dass ich ihn sonderlich fürchte; ist man erst einmal tot, so schert einen die Welt wenig. Das Sterben macht mir Angst. Das elendigliche Siechen, ohne sich wehren zu können! Das ist's, das mich in Angstzustände versetzt.
In einem solchen Zustand aber befinde ich mich seit drei Tagen und drei Nächten, ebenso lange, wie dieser lausige Föhn von den Alpen herüberkommt!
„Ich kann ja verstehen, dass es dir schlecht geht", sagt meine verständnisvolle Frau. „Aber deshalb musst du nicht gleich »sterbender Schwan« spielen!"
„Was heißt hier sterbender Schwan? Ich sterbe!"
„Reiß dich zusammen, mein Lieber! Wir alle sind am Ende, wenn wir uns gehen lassen!"
„Du willst doch nicht etwa behaupten, ich würde mich gehen lassen?" frage ich beleidigt. „Ich habe so wahnsinnige Herzschmerzen, dass ich jeden Augenblick denke, es wäre das Ende!"
„Dein Herz ist absolut gesund ... Mit einer Ausnahme!"
„Mit einer Ausnahme ...?"
„Du hast ein nervöses Herz. Das haben ein halbes Dutzend EKGs festgestellt. Und EKGs lügen nicht!"
„Und wenn sie doch lügen?"
„Vielleicht sind‘s ein paar Blähungen vom Zwiebelgemüse!"
„Unsinn! Und meine entsetzliche Schlaflosigkeit?"
„Iss am Abend weniger!" sagt sie erbarmungslos. „Du wirst über den Erfolg staunen! Erstens wird dein Übergewicht abgebaut ..."
„Ich habe unter achtzig Kilo!" maule ich.
„Bei deiner Größe ist das geradezu ein Verbrechen an der Gesundheit! Und zweitens wirst du wesentlich besser schlafen!"
„Vielleicht habe ich auch zu hohen Blutdruck!"
„Wieso?"
„Ich schlafe kurz ein und dann erwache ich, weil ich Herzklopfen bis zum Halse hinauf habe, laut und drohend! Das ist ein Anzeichen von Bluthochdruck!"
„Du isst zu scharf! Salz verursacht Bluthochdruck und ..." Gleich holt sie zu einem weiteren schlag aus: „Auch deine Gicht kommt vom übermäßigen Salzgenuss!"
„Was bleibt mir noch vom Leben?" klage ich.
„Alles, wenn du es mit Maßen genießt!"
Gut, denke ich. Möglicherweise werde ich mich bessern. Zumindest, was mein Übergewicht angeht; die leichten Fettfalten am Bauch und über den Hüften müssen etwas abnehmen. Auch mein Gesicht hat schärfere Konturen, wenn das Aufgedunsene weggefastet ist. Das kann nicht von Nachteil sein!
Aber eine Nacht möchte ich wieder einmal richtig durchschlafen!
„Wo sind die starken Schlaftabletten, die mir der Arzt bei meiner vorigen Schlaflosigkeit verschrieben hat?"
„Wo schon? Über deinem Bett in der Schublade!"
Ich nehme eine solche Tablette und gehe schlafen, lange, bevor meine Frau ins Bett geht! Endlich schlafe ich wieder eine Nacht durch - und fühle mich am Morgen erheblich besser.
„Schatzi", sage ich. „Bis auf die Sommererkältung und den Rest des Föhns, der mir noch immer zusetzt, fühle ich mich schon erheblich besser!"
„Kein Wunder, wer so schnarcht wie du in dieser Nacht, der schädigt seine Mitschläfer du hast geschlafen - ich fühle mich völlig zerschlagen!"
Am Mittag 1ege ich mich etwas hin. Wie an den Vortagen ereilt mich das gleiche Herzklopfen, das eine unbekämpfbare Todesangst in mir mobilisiert.
Meine Frau hat sich vor dem Fenster auf der Terrasse niedergelassen und liest.
„Schatzi", rufe ich. „Schatzi!"
Als niemand kommt, krieche ich mühsam aus dem Bett und schleiche hinaus zu meiner Frau.
„Hier kann man krepieren. Niemand hört, wenn man ruft! Es wäre kein Wunder, wenn ihr mich eines Tages tot im Bett auffindet!" lamentiere ich.
„Mein armer alter Kater", sagt meine Frau. „Du musst schon so rufen, dass man dich hört!"
Ich fälle eine katastrophale Entscheidung!
„Heute nehme ich noch einmal eine Schlaftablette!"
„Gut", sagt meine Frau verständnisvoll. „Aber wenn du das machst, dann schlafe ich in deinem Arbeitszimmer!"
„Warum?"
„Weil auch ich meinen Schlaf dringend brauche! Und bei deinem Geschnarche kann ich nicht schlafen!"
Aus Angst, nachts allein sterben zu müssen, verzichte ich natürlich auf die besagte Tablette, die einen unkontrollierbaren aber heilsamen Schlaf bringen würde.
Aber ich registriere unwiderruflich, dass auch meine sehr duldsame Frau nur eine fast perfekte Frau ist.