Stimmung: supergut
Musik: Mozart: Klarinettenkonzert mit Sharon Kamm
Papa Hemingway, Ruark und Co.
Hemingway Ruark & Co.
Ich weiß noch genau, wie es dazu kam, dass ich mein erstes Buch schrieb.
Meine Familie und ich machten Urlaub an der Nordsee und hatten eine Menge Zeit totzuschlagen. Wenn man es gewohnt ist, einen arbeitsreichen Tag zu verbringen, dann sind vierundzwanzig Stunden Nichtstun eine Menge Zeit für Langeweile, wenn man sich nicht zu beschäftigen weiß.
Meine Frau weiß immer eine Möglichkeit, sich zu beschäftigen, denn sie ist eine Leseratte.
„Ich habe hier ein Buch für dich ausgesucht", sagt sie mit einem schelmischen Lächeln und übergibt mir einen dicken Wälzer.
„Muss das Buch so unhandlich sein?" frage ich spitz und blättere ein wenig lustlos herum. Dann lese ich ein paar Seiten.
Das Buch selbst ärgert mich immer wieder, weil ich von der kleinen Schrift Kopfschmerzen bekomme. Doch dann zieht es mich in seinen Bann wie niemals ein Buch zuvor.
Das hat einen Grund: Das Buch beschreibt - bis auf die Tatsache, dass jener Autor Geld hatte und ich ein Otto-Normalverbraucher bin - mein eigenes Leben, und wenn man mit ein wenig Phantasie ausgestattet ist, setzt man die Corridas um. Man denkt daran, wie die Männer eigenen großen Hunde gegen fremde Köter gekämpft haben, wie sie diesen Kampf gewannen oder verloren.
„Das Buch gefällt mir." sage ich anerkennend.
„Das wusste ich von der ersten Zeile an, die ich las!" sagt meine Frau.
„Weil es Parallelen hat?"
„Zu deinem Leben, ja! Und weil es ein Autor ist, der zu den wenigen Schriftstellern gehört, die noch »echtes Abenteuer« erleben!"
Ich lese weiter und stelle fest, dass jener Autor einige andere Schriftsteller getroffen hat, deren Ruf weltweit bekannt ist. Einer davon ist Hemingway, den er im afrikanischen Busch traf und mit dem ihn eine Leidenschaft verband:
Die Großwildjagd.
„Willst du nicht mit an den Strand gehen? fragt meine Frau.
„Nein! Jetzt lese ich und wenn ich lese, dann lasse ich mich nicht gern stören!"
Ich sehe ihr Lächeln. Dann geht sie mit meinem Sohn zum Wasser, während ich mich zur Bar des Norfolk-Tower-Hotels in Kenia versetze. Ich stehe mit ihnen an der Bar und trinke auf die Mau-Mau-Aufstände, auf die übergroßen Krokodile im Norden Kenias und auf die Wasserbüffel, die an Gefährlichkeit nicht zu unterschätzen sind, auf die Löwen, derer sie einen Haufen geschossen haben, auf die Springböcke und auf die schneebedeckten Kämme des Mount Kenia.
Mit einem Wort: Das Abenteuer hat mich in seinen Bann gezogen und diesem Abenteuer habe ich mich verschrieben mit Haut und Haaren. Ich liebe die Schilderung der robusten Männer, die sich in der Gefahr bewähren oder untergehen, möglicherweise, weil ich nicht so bin wie sie - aber weil es ein Wunschbild ist, so zu sein. Und ich vergleiche die Dialoge meiner beiden gleichen und doch ungleichen Autoren; während Hemingway mit äußerster Knappheit die Gefühlsäußerungen der beschriebenen Personen lediglich erahnen lässt, beschreibt der andere Autor, dessen Buch mir meine Frau dediziert hat, Gefühlsregungen ausführlicher. Mir gefallen beide Möglichkeiten, vor allem aber das Abenteuer. Ich fasse einen unglaublichen Beschluss:
„Ich werde ein Buch schreiben!" sage ich mit der Lässigkeit meines Autors; in Gedanken befinde ich mich in Afrika.
„Ein Buch?" Meine Frau lächelt. Sie reagiert ganz anders, als ich erwartet habe. Ich habe gedacht, sie wird mich auslachen. Aber nichts dergleichen.
„Gut. Schreibe ein Buch!" sagt sie. „Aber schieb es nicht auf die lange Bank! Schreib es bald, denn schließlich bist du schon vierzig Jahre alt. Und ein Buch muss wachsen!"
Lange bin ich nachts wach.
Aus dem afrikanischen Busch versetze ich mich nach Kuba. Ich sehe die hölzernen Boote der Fischer des vorigen Jahrhunderts vor mir, mit einem spitzen, hohen Bug und einem viereckigen Spiegelheck. Mit der primitiven Takelung und den Farben Weiß-Rot und Blau. Ich sehe die Körbe voll Fisch, die kräftige Frauen und Männer an Land sortieren und zu den Kühlwagen schleppen. Und ich sehe Spencer Tracy in der Figur des alten Fischers Santiago aus Hemingways »Der alte Mann und das Meer«.
Der Hemingway war nicht nur ein Abenteurer, denke ich, der im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger an der italienischen Front gekämpft hatte, der im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Republikaner stand, der den Pulitzerpreis und den Nobelpreis erhielt; Hemingway ist tatsächlich der harte Mann, für den er sich ausgegeben hat.
„Der Tod", sagte Hemingway eines Tages, „ist nichts als eine weitere Hure. Wenn ich spüre, dass ich alt werde, werde ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen!"
Am 2. Juli 1961 musste er sein Alter gespürt haben. An diesem Tage jagte er sich eine Kugel durch den Kopf.
Pablo Cordoba, der ehemalige Barmann im »Fishing Club« in Cabo Blanco, einem Ort an der peruanischen Küste, in dem der Heminigway-Film »Der alte Mann und das Meer« gedreht wurde, ist davon überzeugt, dass sich der berühmte Schriftsteller mit der gleichen Waffe umgebracht hat, mit der er jahrelang leere Whiskyflasche in der Luft zertrümmerte, mit der er Mähnenlöwen und Büffel geschossen hatte.
In Hemingways Einstellung zum Leben war er würdig gestorben, wie er eben der Meinung war, dass die von ihm gejagten Tiere einen würdigen Tod gefunden hatten.
„Ich weiß nicht, ob die Schriftstellerei noch diesen Stellenwert besitzt wie seinerzeit ..." sage ich zu meiner Frau. Aber ich werde anfangen zu schreiben.
Für die Arbeit an meinem ersten Buch waren Studien in Israel und der West-Bank erforderlich. Ein Abenteuer ‚ ja. Aber anders als zur Zeit der Hemingways & Co.
Von allen Seiten werde ich belächelt. Keiner traut mir zu, dass ich auf der Suche nach dem »Abenteuer Buch« erfolgreich sein werde. Nur meine Frau, die längst meine Fähigkeit erkannt hat, glaubt an mich.
„Jede Zeit prägt ihre Autoren - und meine Zeit hat mich geprägt", sage ich zu ihr und ein wenig Trauer über die verlorene Epoche der >>gestandenen Männer<< schwingt mit.
Copyright by George Tenner 2006
PS. Ich danke meiner Frau Ulla I.T., die nun nicht mehr für mich da sein kann, dass sie mich auf diesen >Dapfer< gesetzt- und mich immer in meiner Arbeit gefördert hat!