Stimmung: gut
Musik: noch immer Mozart
Nur für die Leser
anspruchsvoller Krimis gedacht!
Dies ist der Erstentwurf des 3. Kapitels meines zweiten Lasse Larsson-Falles.
Er ist nicht korrigiert, nicht redigiert und sicher auch noch nicht vollständig.
Vielleicht sagt ihr mal, wie ihr die Story findet!
3. Kapitel/2.Abschnitt
Auf dem Gang traf Larsson Andresen, der vom Hausmeister zurückkam.
„Stell, dir vor, Förtsch meinte, wir könnten doch bis nach den Feiertagen warten. Er habe im Augenblick keine Hilfe zum Tragen."
Larsson lachte laut auf. „Hausmeister müsste man sein!"
„Ich hole mir Karl und dann machen wir das selbst. Förtsch sucht inzwischen ein einigermaßen ordentliches Teil heraus."
Andresen verschwand im Büro, und Larsson ging zu der kleinen Küche, die am Ende des Ganges untergebracht war und den einzelnen Abteilungen zum Kaffeekochen diente.
Gerade lief eine neue Füllung in eine der Thermoskannen. Larsson erkannte, dass es die Kanne seiner Abteilung war. Er nahm sich eine Tasse und war gerade dabei, den Fluss zu unterbrechen, um die Tasse zu füllen, als Monika Landris kam.
„Sie hätten es sagen können, Hauptkommissar. Ich wäre mit der Kanne bei Ihnen vorbeigekommen!"
Larsson schaute sie an. Einen Augenblick durchfuhr ihn der Gedanke an das Wochenende. Nachdem er am Freitag vom Brauhaus nach Hause gelaufen war, hatte er ein Stück Xerxes von Händel gehört. Es war eine Aufnahme mit Elisabeth Schwarzkopf aus den fünfziger Jahren. Der Alkohol hatte sich bemerkbar gemacht, denn nach dem wunderbar intonierten Ombra mai fu war er prompt eingeschlafen.
Es war schon nach drei Uhr, als er erwachte und endlich zu Bett ging. Das Licht brannte, die Disc war längst abgelaufen und er spürte empfindlich die Nachwirkungen, die sich vom Klaren, gepaart mit jeweils einem Pils, nunmehr bemerkbar machten.
Andresen wiederum hatte sein Auto stehen gelassen und war mit einem Taxi nach Hause gefahren; Larsson empfand das als die logische Konsequenz eines Polizisten. Er hatte sich am Sonnabend versucht auszumalen, wie die Inquisitoren Andresen empfangen hatten, und war bemüht, diesen Gedanken bei einem Alka Selzer schnell zu verdrängen.
Am Sonnabend Nachmittag hatte er mehrere Stunden gelesen. Liebe zu Zeiten der Cholera war ein ihn faszinierendes Buch. Was selten vorkam, vermochte die blumige Prosa des Gabriel Garcia Márquez. Sie zog ihn so in den Bann, dass er alles um sich herum vergaß. Auch, dass er eigentlich am Abend versuchen wollte, irgendwo eine Frau kennen zu lernen, war vergessen. Am Sonntag war dann das Wetter so schlecht, dass er ebenfalls zu Hause blieb. Er wusste nicht, zum wievielten Male er daran dachte, dass das Leben an ihm vorbeilief. Aber er dachte in diesem Augenblick mit der gleichen Wehmut daran wie immer.
„Sie sind nicht hier, um mir Kaffee zu bringen", sagte Larsson und lächelte Monika Landris an. „Hier macht sich jeder selber seinen Kaffee. Es sei denn, jemand aus der Gruppe hat schon Kaffee gekocht."
Er nahm seine volle Tasse und ging zu seinem Büro. Andresen war noch nicht da und so fuhr Larsson erst einmal seinen Computer an und rief die Wingdings auf, die er am Freitag angelegt hatte. Fast hätte er bereut, dass er die beiden letzten Bilder, das Wingding mit dem Kreuz und den beiden Buchstaben F. und H. und den Sensenmann gelöscht hatte. Doch dann rief er die Sicherungsdatei auf und fand alles so vor, wie er es angelegt hatte.
Draußen auf dem Gang hörte er die Stimmen seiner Mitarbeiter. Die Tür wurde aufgestoßen. Andresen und Simons schleppten den Schreibtisch herein. Haumeister Förtsch trug den Stuhl.
„Wir brauchen auch einen Computer", sagte Larsson.
„Und alles möglichst vorgestern!", stellte Förtsch fest.
„Genau", sagte Simons.
Förstch merkte, dass er hier nichts mit irgendwelcher Nörgelei bewirken würde und trollte sich.
Andresen lief zwischen den Büros hin und her, um seine Sachen umzuräumen.
Erst gegen zehn Uhr erreichte Monika Landris in der Zentrale der Ostseespielbanken jemanden, der ihm Auskunft und eine Telefonnummer gab. Dann rief sie den Mitarbeiter, der als Spielleiter fungierte, an und erfuhr die Telefonnummer des Croupiers, der nicht zur Arbeit erschienen war. Sie rief auch ihn an. Er hatte eine Wohnung in Bansin. Nachdem sie sich angemeldet hatte, machte sie sich, zusammen mit Simons auf, den Mann zu besuchen.
Als Andresen sich schließlich eingerichtet und der Hausmeister einen Computer installiert hatte, bemühte er sich, nach Eintragungen im Fall ‚PPJB-Finanzservise GmbH' zu suchen. Bisher war die Gesellschaft nicht aufgefallen. Jørgen Bagh war sauber. Peter Petersen hatte zwei Eintragungen wegen zu schnellen Fahrens mit seinem Auto und einer dreimonatigen Fahrsperre, die er wohl eingehalten hatte.
Maier rief an, sagte, dass Simons von ihm verlangen würde, die Parterretüren der Kurklinik zu untersuchen. Ob das wohl rechtens sei.
Larsson bestätigte die Anweisung.
Maier fluchte auf seine Art: „Hier strotzt die Backe voller Saft; da hängt die Hand, gefüllt mit Kraft. Die Kraft, infolge der Erregung, verwandelt sich in Schwungbewegung. Bewegung, die in schnellem Blitze zur Backe eilt, wird hier zu Hitze. Ohrfeige heißt man diese Handlung, der Forscher nennt es Kraftverwandlung."
Ohne etwas zu entgegnen legte Larsson auf.
Simons und Monika Landris waren nach Bansin gefahren. Der Croupier Johann Pfleiderer, war ein gebürtiger Schwabe, den es nach der Eröffnung der Spielbank aus dem Casino in Baden-Baden nach Heringsdorf gezogen hatten. Ehemalige Arbeitskollegen behaupteten, man habe ihn abgeworben, um den Betrieb an der Ostsee in Schwung zu bringen.
Pfleiderer bewohnte eine Wohnung in einem Einfamilienhaus. Er war komfortabel, für einen Junggesellen äußerst geschmackvoll eingerichtet.
„Der Gewinner", sagte er auf die Frage von Monika Landris nach dem Hergang des Spieles, das Ferdinand Huebner die stolze Summe von sechsunddreißigtausend Euro beschert hatte, „war ein alter Hase. Man sieht das an jeder Bewegung, am Spiel seiner Augen. Wie ein Mann die Kugel verfolgt, ob er einen gehetzten, nervösen Eindruck macht oder cool wartet, bis die Kugel ihr Ziel erreicht hat. Ein erfahrener Croupier fühlt, ob er es mit einem Reichen zu tun hat, der ein Vermögen aus der Portokasse verspielt oder mit einem Hasardeur, der den letzten Hemdenknopf setzt."
„Der Mann, der gewonnen hat", mischte Simons sich ein, „war das Ihrer Meinung nach ein Reicher?"
„Eher nicht. Er spielte zuerst Black Jack und kam dann später an meinen Tisch, um einen relativ kleinen Gewinn zu setzen."
„Wie klein?" fragte Simons.
„Zweihundert Euro oder geringfügig mehr."
„Wann kam er an Ihren Tisch?" fragte Monika Landris.
„Vielleicht so gegen eins."
„Und dann hat er gleich gewonnen?" Simons tat einen Augenblick erstaunt.
„Nein, er hat zweimal kleinere Summen verloren und setzte dann einen Tausender auf Sieben rot, die prompt kam."
„Zufall oder Manipulation? Gibt es Manipulationen beim Roulette?"
Johann Pfleiderer lachte. „Sie sehen zu viele Krimis, Herr Kommissar. Na ja, Manipulationen hat es schon gegeben."
„Wie funktioniert eine solche Manipulation?" fragte Simons.
„Im Februar 1999 ging die Meldung durch die Presse Manipulierter Kessel in Hittfeld."
Als Pfleiderer einen Augenblick schwieg, bohrte Monika Landris nach: „Sie werden sich doch sicher erinnern, was in der Meldung stand?"
„Beamte des LKA Niedersachsen beschlagnahmten einen Roulette-Kessel, weil der Verdacht der Manipulation offensichtlich war", sagte Pfleiderer.
„Und?"
„Über einen längeren Zeitraum hinweg seien die Einspielergebnisse am umsatzstärksten Permanenztisch deutlich rückläufig gewesen. Außerdem gab es Gerüchte aus der Szene, die nach einiger Zeit auch der Spielbankaufsicht nicht verborgen blieben."
„Aus der Szene ...", sagte Simons.
„Ja. Die Spieler sind ein eigenes Völkchen. Sie brauchen den Kick. Barfuß oder Lackschuh!"
„Darauf könnte ich verzichten", sagte Monika Landris.
„Man hat die Sache deshalb auf wissenschaftlichem Wege anhand der Permanenz-Zahlen dieses Tisches analysiert. Und tatsächlich, die Permanenz der Monate Dezember 1998 und teilweise Januar 1999 wies Besonderheiten auf, die nicht mehr als zufällig eingestuft werden konnten. So erschien die Zahl achtzehn im Monat Dezember siebenundneunzig Mal öfter, als durchschnittlich zu erwarten war. Das entsprach der sechsfachen Standardabweichung. Zum Vergleich: In zehn geprüften Permanenz-Jahren lag die Standardabweichung der einzelnen Plein-Nummern je Monat durchweg in einem Bereich zwischen ein- und etwa dreifach."
„Wie kann man das eigentlich errechnen?", fragte Simons.
„Die Standardabweichung errechnet sich aus der Wurzel der Gesamtcoups geteilt durch beteiligte Chancen mal Nichttrefferwahrscheinlichkeit. Am Beispiel Hittfeld, hier hatte die Permanenz des Monates Dezember 1998 9802 Gesamtcoups. Der Mittelwert errechnet sich aus der Formel 9802 x 1137 (Trefferwahrscheinlichkeit) = 265. Die Standardabweichung beträgt l(265x36137) = etwa 16. Ohne Manipulation am Kessel wäre die Streuung der Häufigkeiten im Bereich der 3Sigma-Schranke (3o> verblieben oder hätte diesen nur geringfügig verlassen. Danach hätte sich die Häufigkeit aller einzelnen Plein-Nummern im Bereich zwischen etwa 215 bis 315 Erscheinungen im Dezember 1998 bewegen müssen. Tatsächlich lag die Streubreite jedoch zwischen 207 und 363."
„Das sind bömische Dörfer für mich", stellte Simonsest, „aber irgendwie wird es schon seine Richtigkeit haben."
„Na ja, de Zahl 18 erschien also im Dezember 97 x öfter als durchschnittlich zu erwarten. Das sind etwa 50 Erscheinungen zu viel, wahrscheinlich sogar mehr, wenn man davon ausgeht, dass die 18 nicht unbedingt der Favorit geworden wäre."
„Wie hatte man manipuliert?", fragte Monika Landris.
„Wie ich schon sagte, am Kessel. Auch ohne die Untersuchung des Kessels durch das LKA liegt jetzt nahe, zwischen welchen Zahlenfächern der Steg im Kessel verändert wurde: Zwischen der Zahl 18 und dem benachbarten Fach der 22. Die Plein-Nummer 22 lag mit nur 207 Erscheiungen ebenfalls außerhalb des üblichen Zufallsbereiches (-3,5 Sigma) und war die deutlich schwächste Zahl. Maßgeblich zuungunsten der 22 konnte sich somit die sechsfache Standardabweichung bei der extrem bevorzugten Nachbarzahl 18 ergeben. Echten Schaden könnten Grilleau-Spieler erlitten haben, die gegen vermeintliche natürliche Spannungen gesetzt haben. Auch aus diesem Grunde ist es empfehlenswerter, sich stets der Tendenz bzw. den favorisierten Chancen anzupassen. Dann wird man an frisierten Kesseln wohl eher mit von der Ungleichverteilung profitieren können."
„Und gegen solche Beeinflussungen kann man nichts machen?", fargte Simons.
„So gut wie sicher vor Manipulationen kann man nur in Wiesbaden und Hamburg sein. Die Kessel bestehen aus einem Edelstahlblock, in dem die unbeweglichen Stege mit einem Hundertstel Milimeter Genauigkeit ausgefräst wurden", sagte Pfleiderer.
„Wie viel Schaden kann man mit einem solch manipulierten Kessel anrichten?", fragte Simons.
„Na ja, wer Bescheid wusste und über den Monat hinweg ständig mit Maximum am fünfer-Tisch zweihundert Mark pro Satz auf die Zahl achtzehn setzte, hätte knapp sechshunderttausend Mark Gewinn machen können. Für die Angestellten wäre dabei die Kleinigkeit von zweiundsiebzigtausendvierhundert Mark an Trinkgeld herausgesprungen."
„Und diese Veränderungen am Kessel wären bei Ihnen auch möglich gewesen?", fragte Simons.
„In Theorie schon."
„Und in Praxis?", fragte Monika Landris.
„Hätten eine Menge Leute eingeweiht werden und mitmachen müssen. Das bedeutet eine derart große Gefahr, entdeckt zu werden, dass Sie bei uns in Heringsdorf keinen finden würden, der einen Freifahrtschein für den Knast lösen würde." „Wissen Sie, wann der Gewinner gegangen ist?" Simons sah den Croupier durchdringend an.
„Ich würde sagen gegen halb zwei in der Nacht. Es war jedenfalls nicht mehr lange hin bis zum Feierabend."