Caselino

07.12.2010 um 10:25 Uhr

Forschungen in radioaktiv belasteter Natur - Folge der Tschernobyl-Serie: Wie wirkt Strahlung auf die Umwelt in der Sperrzone?

von: caselino   Stichwörter: Tschernobyl

Tschernobyl - Wer sich der 30-Kilometer-Sperrzone um das Unglückskraftwerk von Tschernobyl nähert, wird an einem Schlagbaum von Milizposten gestoppt. Zutritt zum "Strahlenökologischen Naturpark", wie es dort auf einem Schild heißt, haben nur jene Menschen, die in der radioaktiv belasteten Zone arbeiten. Das sind die Angestellten des Kernkraftwerks, aber auch illegal in ihre Heimat zurückgekehrte Umsiedler sowie zahlreiche Wissenschaftler. Aus praktisch allen Industrienationen kommen die Forscher angereist, um rund um Tschernobyl im Dienste der Wissenschaft Messungen durchzuführen, Proben zu sammeln und Statistiken anzufertigen. Die Auswirkungen von Radioaktivität auf Bäume, Pflanzen, Tiere, Menschen lassen sich hier in Belarus und der Ukraine erforschen wie sonst nirgendwo auf der Welt. Tschernobyl ist für sie quasi ein großflächiger "Freilandversuch mit radioaktiv belasteter Natur". Manch ein Politiker in Belarus und der Ukraine betrachtet die Ströme von wissenshungrigen Forschern mit einem gewissen Argwohn. "Die sammeln hier Daten für ihre wissenschaftlichen Arbeiten und kümmern sich nicht um das Leid der Menschen", kritisiert ein Volksdeputierter des Minsker Parlaments. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit, denn selbstverständlich leistet das Ausland - und hier Deutschland an erster Stelle - auch umfangreiche humanitäre und medizinische Hilfe. Allein die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterhält fünf verschiedene Forschungsprogramme zur Untersuchung der Tschernobyl-Folgen und die Europäische Union gar acht. Vor Ort werden die Forschungsarbeiten vom Tschernobyl-Zentrum für internationale Forschung koordiniert. Direktor ist Professor Nicolai Archipow. Zu den Aufgaben des Instituts zählt auch zehn Jahre nach der Katastrophe noch immer die Kartographierung der Verteilung radioaktiver Nuklide, die über der Ukraine und Belarus niedergingen. Bis heute gibt es keine hochauflösende Landkarte, die wenigstens innerhalb der 30-Kilometer-Sperrzone die radioaktive Verteilung darstellt, berichtet Archipow. Die geographische Verteilung der radioaktiven Stoffe habe sich aber im Laufe der letzten zehn Jahre praktisch nicht verändert, erläutert Archipow. Doch die Strahlenbelastung habe natürlich in diesem Zeitraum drastisch abgenommen. Lagen die strahlenden Isotope anfangs ungebunden auf den Böden, so seien sie bis Ende des Jahres 1986 schon bis in eine Tiefe von zwei bis drei Zentimetern in das Erdreich gewandert. Fünf Monate nach dem Unglück sei die meßbare Strahlung in den vom Fallout betroffenen Gebieten schon wieder um den Faktor 30 bis 50 reduziert gewesen. 1990 war die Strahlung dann gar schon 100 Mal geringer als in den ersten Wochen. Der Grund hierfür war der Zerfall kurzlebiger Isotope wie Jod. Heute tragen praktisch nur noch die langlebigen Isotope zur radioaktiven Belastung der Umwelt bei: Cäsium, Strontium, Plutonium. Und diese wird der Natur noch lange erhalten bleiben. Die Strahlenbelastung sinkt nunmehr aufgrund der großen Halbwertzeiten dieser Stoffe nur noch langsam und - genau vorherberechenbar. Interessant bleibt aber die Erforschung der Bioverfügbarkeit der radioaktiven Isotope. Mit Hilfe bestimmter chemischer Substanzen, sogenannter Komplexbildner, kann man erreichen, daß die betreffenden Isotope in großen Molekülen eingebunden und dann nicht mehr von Pflanzen aufgenommen werden können. So läßt sich die gefährliche Migration der radioaktiven Stoffe über den Weg Pflanze, Futter, Tier bis zur Nahrung des Menschen theoretisch stoppen. Erforscht wird in Tschernobyl auch die Frage, wie sich radioaktive Kontaminationen aus bereits produzierten Lebensmitteln entfernen lassen. So hatte man in Weißrußland noch Ende der achtziger Jahre zwei moderne Molkereien gebaut, die mit High-Tech eine weitgehende Abtrennung radioaktiver Isotope aus belasteter Milch erlaubten. Doch die Milch aus diesen Molkereien war so teuer, daß sie sich kaum jemand leisten konnte. Die Flaschen blieben in den Regalen, die Molkereien wurden stillgelegt, und fortan wurde wie gewohnt die "Milch vom Lande" getrunken. Glaubt man den Ausführungen von Professor Archipow, so dürfte mittlerweile die Belastung der Milch kein gravierendes Problem mehr sein. Eineinhalb Jahre nach der Reaktorkatastrophe habe man nur drei Kilometer vom Kernkraftwerk drei verwilderte Kühe nebst einem Stier vom Hubschrauber aus gesichtet. Die von den Forschern mit bemerkenswertem Humor auf Alpha, Beta und Gamma getauften Kühe wurden in einen Stall gebracht, fortan mit belastetem Gras aus der Umgebung gefüttert und die Radioaktivität ihrer Milch ständig protokolliert. Seit 1987 sei die radioaktive Belastung der Milch insgesamt um einen Faktor 100 gesunken und betrage heute nur noch 370 Becquerel pro Liter (Bq/l). Damit erreicht sie gerade den in der Ukraine geltenden Grenzwert von just 370 Bq/l. Der Stier - er erhielt den Namen Uran - zeugt seit 1990 mit diesen Kühen wieder Nachfahren. Bislang, so erklärt Archipow, seien keinerlei genetische Veränderungen gefunden worden. Überhaupt, betont der Forscher, haben sich nirgendwo in der belasteten Zone, weder bei Tieren noch bei Pflanzen, genetische Veränderungen manifestiert. Lediglich im Verlauf des ersten Jahres nach dem Unglück habe sich eine erhöhte Rate an "morphologischen" Veränderungen bei Pflanzen und Tieren gezeigt. Und er bestreitet vehement, daß sich noch später eine erhöhte Zahl von Mißbildungen durch Tschernobyl ergeben habe. "Mißbildungen gibt es immer und überall", erklärt er, "nur hatte man in der früheren Sowjetunion diese Dinge in den Statistiken unterschlagen. Und jetzt soll das alles nur an Tschernobyl liegen." Die drei größten Gefahrenpotentiale, in diesem Punkt herrscht weitgehend Einigkeit unter den Experten, sind heute: ein Einstürzen des Sarkophags, wodurch unweigerlich große Mengen hochradioaktiven Staubs freigesetzt würden, die Wanderung radioaktiver Substanzen ins Grundwasser sowie Waldbrände in der Sperrzone. Bei Waldbränden werden die mehr oder weniger gebundenen radioaktiven Isotope mit dem Rauch wieder in die Umwelt entlassen. Allein 1992, so gibt Archipow zu, seien in der 30-Kilometer-Sperrzone 17 000 Hektar Wald abgebrannt. Aber er widerspricht der Ansicht anderer Wissenschaftler, die glauben, daß radioaktive Substanzen so mehrere hundert Kilometer weit verbreitet würden. "Die kommen maximal 500 Meter weit." Den Wald vorsorglich zu fällen und zu vergraben sei keine gute Idee, denn der Grundwasserspiegel in der Region sei so flach, daß auf diese Weise nur noch mehr radioaktive Stoffe ins Wasser gelangen würden. Im Fluß Pripjet sei die radioaktive Belastung mit Strontium heute immer noch 100 000 Mal höher als vor der Katastrophe. Damit ist die Belastung des Flußwassers derzeit 1000 Mal größer, als es die Trinkwassernorm erlaube. Eine Zeitbombe sind die rund 800 Gruben, die man nach der "Schlacht von Tschernobyl" aushob, um sie mit hochradioaktivem Schutt zu füllen. Von vielen kennt man heute nicht einmal mehr die Position, weil die Lagepläne verlorengingen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese notdürftig betonierten Gruben undicht werden und radioaktive Isotope ins Grundwasser entlassen. Auch wenn die Tiere im Sperrbezirk scheinbar prächtig gedeihen und sich nicht um die Radioaktivität scheren, bleiben für den Menschen langfristige Risiken, die sich noch immer nicht genau einschätzen lassen. Und bei aller vorsichtigen Hoffnung bleibt Tschernobyl doch eine der großen Tragödien in der Geschichte der Menschheit.


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