Verhaltensforschung - Einfühlsames Rabenvolk
Die Vorratshaltung gehört bei diesen Vögeln zum typischen Verhaltensrepertoire. Wenn Raben reiche Beute finden, horten sie überschüssige Happen für magere Zeiten. Solche Reserven verbergen sie möglichst außer Sichtweite von Artgenossen. Was seinen guten Grund hat: Bei günstiger Gelegenheit greifen hungrige Raben nicht nur auf eigene Vorräte zurück; sie plündern auch gerne, was andere für sich beiseite geschafft haben.
Aufmerksamkeit für die Vorräte
Mit solchen Übergriffen scheinen die Kolkraben zu rechnen und sich deshalb zu merken, wer sie beim Verstecken ihrer Vorräte im Blick hatte. Erste Hinweise darauf hatte Thomas Bugnyar vor einigen Jahren in Zusammenarbeit mit Bernd Heinrich an der University of Vermont in Burlington gefunden. In einem geräumigen Gehege ließen die beiden Forscher jeweils einen zahmen Raben kleine Fleischstücke verstecken und sperrten nach einer Weile einen zweiten dazu. Wenn dieser Vogel als Nachbar beobachten konnte, wo die Leckerbissen verborgen wurden, war der Besitzer auf der Hut. Fast immer kam er dem Dieb zuvor und sicherte sich die Beute. Und das, obwohl dieser es geschickt vermied, das Versteck mit dem begehrten Fleischbrocken allzu zielstrebig anzusteuern. Kundige Artgenossen ergatterten daher nicht mehr als unwissende, die unbehelligt umherstreiften und dabei bisweilen zufällig auf eine Vorratskammer stießen.
Ob Kolkraben tatsächlich vielsagende Einblicke in die Sichtweise ihrer Artgenossen gewinnen, lässt sich mit derartigen Experimenten freilich nicht zweifelsfrei klären. Denkbar wäre zum einen, dass sich die gewitzten Vögel einfach einprägen, wer sich in der Nähe herumtrieb, als sie ihr Futter versteckten. Zum anderen können Kolkraben womöglich am Verhalten ihrer Artgenossen ablesen, für wen ihr Versteck kein Geheimnis mehr ist. Um beide Möglichkeiten auszuschließen, entwickelte Bugnyar für seine von Hand aufgezogenen Kolkraben ein spezielles Szenarium. Wie er in der jüngsten Ausgabe der „Proceedings of the Royal Society of London Teil B“ (doi: 10.1098/rspb.2010.1514) berichtet, arbeitete er mit einer Voliere, die beiderseits von kleineren Käfigen gesäumt war.
Und Aufmerksamkeit für den Wissenstand der Konkurrenten
Auf der einen Seite, die freie Sicht auf das Geschehen bot, wurde ein als Proband auserkorener Rabe einquartiert. Auf der gegenüberliegenden Seite saßen zwei Artgenossen, denen die Aussicht zeitweilig versperrt werden konnte. Der Versuchsleiter hatte es nun in der Hand, ob keiner, einer oder beide zuschauen durften, während er zwei kleine Käsestücke in den mit Kies bestreuen Boden der Voliere eingrub. Hunde oder Ratten könnten so einen Happen jederzeit mit Leichtigkeit aufspüren. Raben haben jedoch – wie die Mehrzahl der Vögel – keinen ausgeprägten Geruchsinn. Deshalb sind sie in solchen Situationen ganz und gar auf ihre Augen angewiesen.
Die Verstecke wurden schließlich so abgedeckt, dass die Käsebrocken für den Kolkraben auf der anderen Seite völlig aus dem Blickfeld verschwanden, nicht aber für seine beiden Konkurrenten. Diese wussten daher auf jeden Fall Bescheid, gleichgültig ob sie beim Verstecken zusehen durften oder nicht. Dass ihr Gegenüber davon nicht das Geringste ahnte, zeigt sich, als dieser Vogel kurz vor einem seiner Konkurrenten Zutritt zur Voliere erhielt. Er agierte dort so, als wüssten die Raben, die während der Versteckprozedur hinter einen Vorhang sitzen mussten, nicht, wo die Käsestücke liegen. Beim Plündern der Verstecke nahm er sich viel mehr Zeit, als wenn die gegenüber einquartierten Artgenossen freie Sicht gehabt hatten.
Vorhang zu, Vorhang auf
Mitunter durften die Konkurrenten nur bei einem der beiden Verstecke zuschauen, als es angelegt wurde. Die gefiederten Probanden konnten sich dann offenbar einprägen, um welches Versteck es sich jeweils handelte. Meistens eilten sie zuerst schnurstracks zu diesem Happen und hoben sich den anderen, der vermeintlich nur ihnen allein bekannt war, für später auf. Doch waren die misstrauischen Kolkraben wirklich den neugierigen Blicken ihrer Artgenossen aufmerksam gefolgt oder hatten sie bloß deren sichtliche Anwesendheit registriert? Um diese Frage zu klären, wurde vor dem Käfig des Konkurrenten zeitweilig ein Vorhang mit Fenster heruntergelassen. Durch das Fenster war der dahinter sitzende Rabe ständig sichtbar, doch der Vorhang versperrte ihm die Sicht auf einen Großteil der Voliere. Deshalb konnte er bei einem der Käsestücke nicht verfolgen, wo es versteckt wurde.
Als sich der Vorhang wieder hob, löste sich das Rätsel allerdings. Denn wie immer lugten beide Käsehappen aus den Verstecken hervor. Nur auf der anderen Seite der Voliere war keins von beiden sichtbar. Entsprechend reagierte der dort einquartierte Rabe: Fast immer ließ er das Versteck, von dem sein Konkurrent vermeintlich nichts wissen konnte, zunächst links liegen, um erst einmal das andere zu plündern. Dass subtile Signale des Artgenossen Hinweise auf die Vorgeschichte lieferten, ist zwar nicht völlig ausgeschlossen. Plausibler scheint aber, dass die Kolkraben in ihrem Gedächtnis speicherten, was ihre Konkurrenten während der Versteckprozedur im Blick hatten.
Auch ohne Primatengehirn
Dafür sprechen auch Szenarien, in denen Raben einen vertrauten Menschen beobachteten, anfangs aber nicht sehen konnten, was er ins Auge gefasst hatte. Bei nächster Gelegenheit positionierten sich die Vögel stets so, dass sie ebenfalls einen Blick in die mutmaßlich interessante Ecke werfen konnten. Offenbar können Kolkraben durchaus in ihre Gedanken einbeziehen, dass andere vieles aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Bezeichnenderweise gilt das nur für mindestens sechs Monate alte Tiere. In diesem Alter beginnen die Raben auch, sich hinter Sichtblenden zurückzuziehen, um dort unbeobachtet Futtervorräte anzulegen. Jüngere erinnern eher an Kleinkinder beim Versteckenspielen. Bekanntlich brauchen Menschenkinder eine ganze Weile, bis sie in der Lage sind, die Welt auch mit anderen Augen zu sehen. Im Laufe der Evolution ist diese Fähigkeit wohl mindestens zweimal entstanden, bei den Vorfahren von Mensch und Menschenaffen und bei den Rabenvögeln mit ihrem ganz anders strukturierten Gehirn.
Quelle: F.A.Z.
