Im Moment ist in mir drin von allem zu wenig. Zu wenig Kraft. Zu
wenig Zeit. Zu wenig Nerven. Zu wenig Motivation morgens überhaupt
den Schlafanzug auszuziehen. Nein, das mit der Zeit stimmt so nicht,
Die ist schon da, aber ich empfinde sie nicht. So viel Schönes, so
viel Entspannung und gemeinsame Familienzeit sollte hineingepackt
werden, in die wenigen freien Tage. So viel, daß ich den Überblick
verliere. So viel, daß es mir über den Kopf wächst, daß es allein
bei der Planung schon meine Kräfte aufzehrt und der Gedanke daran,
was alles noch "erledigt" werden "muss", daß es
mich überfordert, mir regelrecht Angst macht.
Vorgestern, Samstag, war dann der Tag, an dem all das aus mir
herausbrach. Schon der 24. war nicht von gespannter Erwartung,
sondern vielmehr von Anspannung und zu hohen Erwartungen geprägt. F.
fuhr gleich morgens mit dem Zug zu seinen Eltern, um dort Mittag zu
essen und wollte am Nachmittag wieder zurück sein (ein logistischer
Wahnsinn, vor allem bei dem Wetter..). Ich brachte ihn natürlich mit
dem Auto zum Bahnhof, nur hatte es die ganze Nacht geregnet und das
gesamte Auto war mit einer dicken Eisschicht überfroren, die wir
mühsam regelrecht abhacken mussten. Das Ende vom Lied, wir
verpassten den Zug. Eine Stunde später das gleiche Spiel, es hatte
nicht aufgehört zu regnen, Auto freihacken und so schnell wie
möglich über die spiegelglatten Straßen zum Bahnhof. Weitere zwei
Stunden später wurde ich bereits bei meinen Eltern erwartet, die
Geschenke sollten für den Weihnachtsmann, der zum Nachmittag kommen
sollte, bereitgestellt werden. In der Zeit, in der ich F. vom Bahnhof
abholte, sollte mein Ex-Mann das Katzenkind zu meinen Eltern bringen.
Gerade hatte ich das Auto mit einer Plane eingepackt und war die
Treppen in den fünften Stock zu meinen Eltern hoch gestiegen,
bepackt mit Geschenken und Zeug, da kam ein Anruf von meinem Ex-Mann,
er könne das Katzenkind nicht bringen, er bekäme sein Auto nicht
frei. Er hätte schon eine halbe Flasche Enteiser-Spray versprüht,
aber es würde nichts nützen, ich müsse das Katzenkind bei ihm
abholen.
Ach ja?! Ich hatte mein Auto nun bereits zum dritten Mal an diesem
Tag frei gemacht und war bei den schlecht geräumten Straßen von A
nach B, über Kreuz und zurück gefahren. Aber für Diskussionen
hatte ich keinen Nerv mehr, so holte ich das Katzenkind ab und
lieferte es bei meinen Eltern ab. Ich fuhr direkt weiter zum Bahnhof,
obwohl es noch nicht Zeit für F's Zug war und wartete noch zwanzig
Minuten in der Kälte. So hatte ich mir diesen Tag nicht vorgestellt.
Den Tag, auf den ich mich schon so lange freute. Als mir Tränen in
den Augen brannten, schob ich es auf die Wut auf meinen Ex-Mann und
seine so mies verborgene Faulheit und vielleicht auch ein bißchen
auf mich, weil ich es mal wieder hingenommen hatte.
Als wir endlich alle in der Stube meiner Mutter saßen und uns am
heißen Tee und den Plätzchen wärmten, ging es mir wieder besser
und der Besuch des noch auf den letzten Drücker organisierten
Weihnachtsmannes war lustig und aufregend. Was der alles wusste und
in seinem großen Buch stehen hatte! ;)
Und F's Geschenke für mich waren so toll. Meine so lange ersehnte
Gingher-Schneiderschere, sogar in der Sonderedition. Ja, genau DIE
HIER , die ich mir schon so lange wünschte. Außerdem ein
wunderschönes, seltenes (und sicher sehr wertvolles) beinahe schon
antikes Märchenbuch, welches 1936 in einem kleinen Leipziger Verlag
limitiert in einer Stückzahl von nur 500 Büchern aufgelegt wurde.
Aufwändig colorierte, ganzseitige Illustrationen wurden einzeln von
Hand hineingeklebt. Jede einzelne Seite hat einen Schmuckrand und die
Märchen selber haben so wundervolle Namen wie „Die träumenden
Monde“ und „Die Gondel der Königin Maja“. Ich freu mich sehr
drauf, sie zu lesen. (Hab ich je erwähnt, daß ich besondere
Märchenbücher sammle?) Dieses hier hat in dem Feld, daß für die
Limitierung vorgesehen ist, keinen Nummernstempel. Oft angesehen
wurde es nicht, die Seiten blättern sich so schwer, als wär es noch
ganz neu. Das Blau des Einbandes ist ungleichmäßig ausgeblichen,
als hätte es jahrelang im Regal gestanden, aber neben
unterschiedlich großen Büchern. Ich wüsste gerne mehr über die
Geschichte dieses geheimnisvollen Buches. Für wen wurde es gekauft?
Aus welchem Anlass? Wem wurde daraus vorgelesen? Wer hat in diesen
schwierigen Zeiten ein solches Luxusgut erworben?
Für F. hatte ich weiche Sofakissen aus schwarzem Fleece genäht
und einen Vorhang für ein offenes Regal auf den ich noch ein
schickes Stencil gedruckt hatte, das Cover eines Kir*lian Camera
Albums. Außerdem hatte ich für ihn alte Schellack-Platten von 1914
aufgetrieben, weil F. sich so gerne ein Grammophon kaufen möchte.
Auch er hat sich sehr gefreut. :) Und das Katzenkind brach in
Jubelschreie aus, als er seine heißersehnten Walkie Talkies in einem
Päckchen fand. Den Hamster, den er sich auch gewünscht hatte, gab
es wegen seiner Allergie leider nur aus Plüsch. Aber den Gedanken
Schildkröte hab ich noch nicht aufgegeben, ist nur momentan leider
zu teuer. Also falls einer eine abzugeben hat, hier bei mir findet
sie ein neues Zuhause. :)
Irgendwann mussten wir aber dann leider wieder hinaus in die
Kälte, es hatte wieder kräftig geschneit und das Auto musste
wiedermal freigeschaufelt und gekratzt werden. Schönen Gruß an
meinen Ex-Mann an dieser Stelle... :/
Zu hause angekommen stellte ich den Kob mit den Geschenken
beiseite, noch nicht mal mein Buch mochte ich mir jetzt ansehen. Und
als ich das Katzenkind im Bett hatte und mit F. auf dem Sofa saß
fühlte ich mich leer. Ich wär so gern glücklich gewesen, ich wär
so gern gut aufgelegt gewesen, aber ich war noch nicht mal schlecht
gelaunt. Da war einfach gar nichts. Wir schalteten den Fernseher ein
und sahen ein paar lustige Weihnachtsfilme. Loriot und einen witzigen
Episodenfilm. Und als ich müde wurde, mochte ich nicht ins Bett
gehen, mochte den Tag nicht beenden, denn dann wäre er ja endgültig
vorbei. Ich sagte zu F. daß ich wünschte, es wäre gestern. Um
sagen zu können, morgen ist Weihnachten. Gestern war da noch Freude
gewesen statt Leere, Spannung statt Abgespanntheit. So kuschelten wir
noch bis zwei auf der Couch, aber zum Reden war ich mittlerweile zu
müde und kaputt, wir schauten Filme und waren einfach beeinander.
Statt mich aber dabei zu erholen, kreisten die Gedanken um die
vollgepackten nächsten Tage.
25. Mittagessen bei meinen Eltern und am Nachmittag zu einem
Konzertfestival, das Katzenkind sollte bei meinem Ex-Mann bleiben,
der mit ihm dann am 26. - an dem wir zu F's Eltern zum Mittagessen
erwartet wurden – zu seinem Bruder wollte. Allerdings hatte mir
mein Ex-Mann im Laufe des Tages abgesagt, weil er sich selbst was
vorgenommen hatte. So musste das Katzenkind bei der Oma übernachten.
Am 27. wollten wir dann zu dritt mit dem Katzenkind zu F's Eltern
Mittagessen. Am 28. musste F in die Firma, Gehälter überweisen und
zu einer Geschäfts-Weihnachtsfeier. Ich würde also alleine mit dem
Katzenkind wieder nach hause fahren und aus dem Saunabesuch würde
nichts werden. Am 29. hatte F. seine Einzugsparty geplant. Wohin mit
dem Katzenkind, zur Oma? Und am 31. wollte mein Ex-Mann mit dem
Katzenkind feiern, also am 30. wieder zurück und das Katzenkind von
der Oma holen, eine Nacht zu hause und ihn am nächsten Tag zu seinem
Papa bringen. Wir selbst hatten noch keinen Plan für Silvester.
Welche Stadt, wessen Freunde? Wir hatten es noch nicht besprochen.
Mir schnürte es den Hals zu. Wo wollten wir da noch Familienzeit
reinbekommen? Wann durfte ich mich mal ausruhen? Mir war zum heulen.
Am Morgen des 25. die nächste unangenehme Überraschung. Es hatte
die ganze Nacht geschneit und als wir halb zwölf das Haus verließen,
war noch nichts geräumt. Überall standen Leute mit Schaufeln
bewaffnet und schippten ihre Autos frei und schoben die an, die es
schon geschafft hatten, aber wegen es Eises unterm Schnee nicht
loskamen. Ich hätte am liebsten wieder kehrt gemacht und meine Lust,
zum Festival zu fahren ging gegen Null. F. entschied dann, das Auto
stehen zu lassen und mit dem Zug in die Festival-Stadt zu fahren.
Natürlich warteten wir auch auf den ewig am eisigen Bahnsteig. Ich
hatte noch immer Leere in mir und unwahrscheinliche Erschöpfung. Ich
war zickig und unzufrieden. Als F. dann noch Weihnachts-SMS von
irgendwelchen Mädels bekam und mir als einzige Information „eine
Bekannte“ zumurmelte, wars ganz aus, die Tränen fingen an zu
laufen. Meine überreizten Nerven stürzten sich auf den „Grund“
der gerade geliefert wurde um endgültig zu explodieren. Ich machte
ihm Vorhaltungen, unterstellte ihm ungeheure Dinge, zu lügen, zu
betrügen. Ich weinte nicht mehr, mein Anspannung entlud sich in
einem Zornschwall für den F. der falscheste aller Adressaten war. Im
Bus vom Bahnhof zu seiner Wohnung schwiegen wir uns an, auf dem Weg
von der Haltestelle achtete er nicht mehr auf mich. Und ich fühlte
mich so mies, so winzig... Und auf einmal kamen die Tränen,
Schluchzen presste mir die Luft aus den Lungen und mehrmals hatte ich
das Gefühl, die Beine würden mir ihren Dienst versagen und am
liebsten hätte ich mich an Ort und Stelle in den Schnee fallen
lassen, aber ich zwang mich weiter. F. stapfte unbeirrt vorwärts,
merkte gar nicht was mit mir los war. Die schwere Tasche zerrte an
meiner Schulter, die Beine zitterten, mir war so kalt und ich konnte
nicht mehr atmen vor Tränen. Vor seiner Tür wartete er endlich,
drehte sich nach mir um und sah was mit mir los war. Und sofort war
er da, umarmte mich, als wär zuvor nichts passiert.
Wir saßen in der Küche, F. hatte Tee gekocht und wir sprachen.
Sprachen ganz ohne Gefühlsausbrüche über das Geschehene. Er
versichterte mir seine Liebe und daß er sich nicht „wegstreiten“
lassen würde. Und ich weiß, er hat dieses Wort bewusst gewählt,
weil er erkannt hat, daß mein krudes Selbstbild immer wieder dieses
Situationen schaffte, immer wieder versuchte, mir selbst zu beweisen,
daß ich es nicht wert war geliebt zu werden, daß ich es verdiente,
betrogen zu werden und es auch gar nicht anders sein konnte. Ich
versuchte, mit aller Macht, Dinge zu beweisen, die es nicht gab –
und das so lange, bis sie vielleicht wirklich real wurden. Ein
elender, selbstzerstörerischer Kreislauf.
Wir klärten unseren Streit und entschieden, doch noch zum Konzert
zu gehen. Und während ich mich fertig machte, stellte sich sogar
Vorfreude ein. Es würde gut tun zu tanzen und die Bands zu hören.
Und F. hatte mich sogar soweit gestärkt, daß ich es aushielt, daß
alle zehn Meter irgendwelche Frauen kamen und ihm zur Begrüßung um
den Hals fielen. Ich gebe zu, es ließ mich nicht komplett kalt, aber
daß er mich überall als die „Frau seines Herzens“ vorstellte,
verhinderte weitere ungesunde Gedanken. Es liefen auch Mädels
vorbei, die ihm „Hallo F.“ zuriefen und die er gar nicht mehr
zuordnen konnte. Aber so viele (natürlich auf Männer) wollen
demonstrieren, daß sie ihn kennen, wollen auf irgendeine Weise zu
ihm gehören und mit ihm in Verbindung gebracht werden. Ich bin so
stolz, daß ich diejenige bin, die seine Liebe hat, daß ich
diejenige bin, die wirklich zu ihm gehört, mehr als jede andere und
wie er sagt, mehr als jede andere, die vor mir auf diese Art zu ihm
gehörte. Er wirkt unheimlich anziehend auf andere Menschen, sein
Charisma, seine Ausstrahlung. Er hat die Gabe, den Menschen in seiner
Nähe ein gutes Gefühl zu geben, er ist in allem, was er tut
wahnsinnig verbindlich, aufmerksam und völlig im Hier und Jetzt
gegenüber den Menschen, mit denen er umgeht – und sei es nur die
Kassiererin im Supermarkt, da ist nichts Gedankenloses, nichts
Flüchtiges. Wenn er mit dir spricht, hast du das Gefühl, in dem
Moment das einzig Wichtige für ihn zu sein. Und das ist eines der
Dinge, die so anziehend auf Menschen wirkt, wie es auf mich ja auch
anziehend gewirkt hat.
Leider ließen mich die unguten und zerstörerischen Gedanken
nicht los, ich war zu sehr in ihrem Netz gefangen an diesem Tag. Als
ein Freund kam und einen Männerabend noch vor dem Ende des Jahres
vorschlug und F. dafür sofort einen Abend mit mir strich, war ich
verletzt. Mir blieb einzig die Wahl, auf welchen Abend ich verzichten
wolle. Im Nu war die nächste Diskussion im Gange. Die Location hatte
sich schon sehr geleert und so saßen wir fast allein in einer Ecke
und redeten. Ich fühlte mich zurückgesetzt, abgeschoben und kam mir
wie ein Lückenfüller vor, auf den man zurückgreift, wenn man grad
nichts besseres zu tun hat und auf den man sofort verzichtet, wenn
sich etwas anderes ergibt. Nachdem wir eine Weile geredet hatten und
ich immer wieder versuchte, ihm meine Verletztheit darzulegen und ihm
sein falsches Verhalten aufzuzeigen, lehnte er sich plötzlich
zurück, sah mich an und sagte, „So, und nun sag mir mal den wahren
Grund für diese Diskussion. Es geht nicht um den Abend mit meinen
Jungs, das glaub ich dir nicht. Was ist der wahre Grund?“
Ich konnte nur schweigen, ich war perplex, überrascht – und ich
fühlte mich auf irgendeine Weise ertappt und berührt. Wie auf
Kommando schossen die Tränen in meine Augen und mit ihnen endlich
auch die Worte zu den Gefühlen, die da unter all dem anderen Mist
vergraben waren. Endlich konnte ich aussprechen, daß ich erschöpft
war, daß ich nicht mehr konnte und daß er mich nicht bewundern
brauchte, dafür, wie ich das alles schaffte, mit Arbeit, Kind und
Alltag, weil ich es nicht schaffte. Würde ich klar kommen, dann
würde ich nicht jeden Abend auf dem Sofa sitzen und weinen über den
permanenten Druck. Die Erwartungen, die ich erfüllen musste, denen
ich genügen musste. Keinen Fehler durfte ich mir auf Arbeit
erlauben, die Zukuft dort war mehr als unsicher. Das Katzenkind
verlangte eine ausgeglichene Mutter, die sich um Schule, Essen und
die Ausrichtung seines Geburtstages kümmerte. Die Eltern, die sich
eine glückliche Tochter wünschten, die souverän ihr Leben
meisterte, die Schwiegereltern, die auch „zu ihrem Recht“ kommen
wollten und ihren Sohn samt mir und dem Katzenkind auch sehen
wollten. Mein Ex-Mann, der immer wieder kleine Gemeinheiten
bereithielt und seinen verletzten männlichen Stolz pflegte und dem
ich keine Schwäche zeigen wollte. Der Haushalt, der sich nicht von
allein erledigte und nicht zuletzt die Nächte, in denen ich schon
länger keinen wirklich erholsamen, tiefen Schlaf mehr fand, hatten
mit aller Macht ihren Tribut gefordert.
Dazu kam noch ein schlechtes Gewissen, das ich entwickelt hatte,
wenn ich all das nicht schaffte und nicht sein konnte. Ein schlechtes
Gewissen, wenn ich auf meinen Körper, meine Gefühle hören und wenn
ich meinen Bedürfnissen nachgehen würde. Ich konnte sie ja noch
nicht mal aussprechen, noch nicht mal formulieren. Und ein schlechtes
Gewissen, wenn ich Erwartungen nicht genügen konnte, die vielleicht
nicht mal da waren.
Jetzt konnte ich es, in den Armen von F. konnte ich ihm sagen, daß
ich meinen einzigen freien Abend in der Woche nicht mit ihm
verbringen wollte, weil das der einzige Abend ist, an dem ich mich
nicht an den Herd stellen müsste, der einzige Abend, an dem ich mich
mal nur um mich kümmern könnte, schwimmen gehen, oder was auch
immer tun könnte. Das ich es verletzend finde, diesen Abend
„hergeben“ zu müssen, nur weil es ihm dann am besten in den Kram
passte, weil er an den anderen Tagen seine diversen
Stammtisch-Treffen mit seinen Kumpels und Geschäftsfreunden besuchen
wollte. Das ich es ungerecht finde, mein Leben nach seinen Interessen
und seinem Terminkalender ausrichten zu müssen und sozusagen nehmen
zu müssen, was übrig bleibt von seiner Zeit, und meine Interessen
hinten anstellen zu müssen. Das mein Akku restlos leer ist und ich
Dinge tun möchte, um ihn wieder aufzufüllen, Dinge nur für mich,
so wie er sie für sich auch tut und das mir dazu nur dieser eine Tag
bleibt.
Und F. hörte zu, sehr aufmerksam, und verstand. Verstand die
Depression, die nicht mehr weit war, verstand die Überforderung, die
Erschöpfung. Und was er nicht verstand, ließ er sich erklären. Er
fragte, was er tun könne, um mir beizustehen, zu helfen. Er war
sofort bereit, seine Treffen abzuwechseln und mich stattdessen an
diesen Tagen zu besuchen und mir meinen Tag für mich zu lassen. Und
ich weinte und schluchzte all meine Anspannung an seine Schulter. Er
hätte es schon nachmittags am Bahnsteig gespürt, meinte er dann,
daß wir uns streiten würden. Ich wäre so unzufrieden gewesen. Und
daß er froh sei, daß es nun raus sei, daß er nun wüsste, was zu
tun sei und daß er alles tun würde, was er könne, um mir zu
helfen, damit es mir wieder besser ginge, „Denn wenn es dir
schlecht geht, dann geht es mir doch auch schlecht.“
Wir planten unsere Urlaubstage in diesem Jahr um, schafften mehr
Platz für gemeinsame Zeit, für Familienzeit mit dem Katzenkind, das
wird nun mit zu F's Party kommen und zu seinen Eltern werden wir am
Tag danach gehen und nach dem halben Tag in der Firma wird er gleich
wieder zu mir kommen. Wir werden Silvester mit meinen Freunden
feiern, weil er seine nun schon auf dem Festival, auf der Party und
auf dem dazwischen geschobenen Treffen sieht und gesehen hat und an
Neujahr wird auch der lange, entspannende Saunabesuch noch Platz
finden, bevor es dann wieder losgeht mit dem Alltag.
Ein unheimlicher Druck ist abgefallen, der mich belastet hat. Ich
habe gemerkt, wie extrem ich mittlerweile wieder auf
Stresssituationen reagiere. Selbst, wenn diese noch in der Zukunft
liegen. Allein der Gedanke an vollgepackte Tage, an denen man von der
Uhr gehetzt, Dinge nur noch abhakt, statt sie bewusst zu erleben
(selbst wenn es angenehme Dinge sind, die Spaß machen sollten),
macht mir regelrecht Angst, der Puls schießt hoch, die Atmung wird
flach und es scheint unmöglich zu schaffen.
Ich bin froh, daß ich endlich eingestehen konnte, mit meinen
Kräften am Ende zu sein und eben nicht die Starke zu sein, die alles
nur so wuppt. Und ich bin froh, F. an meiner Seite zu haben, der mich
liebt und mich versteht. Mag er auch manchmal tollpatschig über das
zarte Pflänzlein latschen, daß ich gerade bewundere, er sieht es,
wenn ich ihn darauf hinweise und es ihm zeige.
Und übrigens, versuchte der Herr Ex-Mann am nächsten Tag, als wir nach wieder 45 Minuten warten auf die Bahn endlich durchfroren zu hause waren, wieder dasselbe Spiel. Er könne nicht mit dem Auto fahren, entweder würde das Katzenkind noch eine Nacht bei ihm bleiben, oder ich müsse ihn holen. Woah, war ich angepisst. Aber ich hab ihn abtreten lassen, ganz ohne schlechtes Gewissen.