Das Experiment
Frau Rauber betritt um halb 8 das Schulzimmer. Die Schüler stehen schnurstracks auf und stellen sich neben ihren Stuhl. „Guten Morgen Frau Rauber“, ertönt es in Stereo. Frau Rauber stellt sich vor die Klasse und befielt in strengem Ton: „Setzen!“ Die Klasse setzt sich ruhig und wartet auf weitere Anweisungen.
Natürlich lief es nicht schon immer so in unserer Klasse. Dieses disziplinierte Verhalten ist ein Teil unseres Projektes, das wir bis zu den Osterferien durchführen werden. Es soll uns ein wenig näher bringen, wie die Schule im Jahre 1942 bis 1945 geführt wurde. Die Idee für diese Experiment stammt aus dem Buch „Die Welle“, indem ein Lehrer ein solches Projekt erzählt welches er mit seiner Klasse durchführte. Frau Rauber brachte zunächst den Vorschlag dieses Buch zu lesen. Doch die Klasse war mehr an dem Projekt als am Buch interessiert und brachte somit genug Begeisterung auf um die Lehrerin davon zu überzeugen dieses Experiment auch durchzuführen.
Mit Hilfe des Buches stellten wir nun die Grundregeln auf. Erstens: Der Schüler muss stets ein Notizblock und ein Kugelschreiber auf dem Pult haben, um sich Notizen vom Unterricht zu machen. Zweitens: Wird der Lehrperson eine Frage gestellt oder geantwortet, muss der Schüler aufstehen, sich neben den Stuhl stellen und Blickkontakt mit der Lehrerin abwarten. Dann wird mit: „Frau Rauber“ angefangen, und erst dann darf gesprochen werden. Es heisst auch: „Wir glauben nicht – wir wissen“; somit darf in einer Aussage nie ein „ich glaube“ oder „ich denke“ vorkommen! Die dritte Regel sagt etwas über unsere stets stolze und disziplinierte Haltung aus. Man sitzt gerade auf dem Stuhl mit leicht erhobenem Kinn, die Hände werden gekreuzt hinter dem Rücken gehalten, die Beine müssen im 90°-Winkel auf dem Boden stehen, und die Füsse müssen sich gegenseitig berühren. Werden diese Regeln nicht befolgt muss derjenige in eine Ecke stehen, in der ein Plakat hängt mit der Aufschrift: „Ich habe gegen die Regeln verstossen!“
Trotz der strengen Regeln ist es erstaunlich wie sich die Schüler an den vorgeschriebenen Unterrichtsablauf halten und sich anstrengen, den Forderungen zu entsprechen. Den Schülern macht es nach meiner Meinung Spass, nicht zuletzt weil der Vorschlag, dieses Experiment durchzuführen, von ihnen selber kam und sie wissen, dass alles ein Spiel ist.
Der Unterricht ist jedoch durch die strengen Regeln auch anstrengender geworden, wie für die Schüler, als auch für die Lehrerin, und es ist zu beobachten, dass einige Schüler dadurch auch zurückhaltender sind. Beispielsweise ist eine freie Diskussion, oder gar Geschwätz unter den Schülern nicht mehr möglich. Möchte man eine/n Klassenkamerad/In etwas fragen, muss zuerst die Lehrerin danach gebeten werden. Ist sie einverstanden, darf man den Schüler ansprechen. Dieser Vorgang scheint den meisten Schülern zu aufwendig zu sein, nicht zuletzt weil die angefragte Person auch um zu antworten, wieder um Erlaubnis bitten muss. Bestimmt war früher dies auch ein Ziel, um Geschwätz zu verhindern.
Ich vermute jedoch, dass unser Projekt nicht bis zu den Ostern standhalten wird, weil es in den ersten Tagen noch interessant ist, etwas Neues auszuprobieren; doch es kann schnell zur Tortour werden. Machen auch nur einige Schüler nicht mehr mit, muss das ganze Experiment abgebrochen werden.
Ich selbst bin von der guten Sache dieses Projektes überzeugt, denn nicht zuletzt lernen wir so auch (wenn auch ein wenig übertrieben) was Respekt, Disziplin und Autorität bedeutet.
