Jugendarbeit im Wandel
Friedensstifter auf dem Pausenhof
Hombrechtikon: Jugendgewalt und Ausländeranteil – Spannungsfeld zwischen politischer Korrektheit, Hysterie und Realität
Nicht die Zahl von Ausländern an den Schulen, sondern deren Integration ist ausschlaggebend für den Frieden auf dem Pausenhof. In Hombrechtikon hat man das längst realisiert. Politische Gemeinde und Schule arbeiten hier eng zusammen.
MARTIN STEINEGGER
P. war gerade mal in der 3. Klasse, als wegen ihm eine ganze Primarschule Kopf stand. Der kleine albanische Junge hatte es geschafft, in einem Schulhaus in der Zürcher Gemeinde Hombrechtikon Angst und Schrecken zu verbreiten. Als Lothar Janssen, Leiter der Beratungs- und Präventionsstelle der Schule Hombrechtikon, P. fragte, wie er das gemacht habe, meinte dieser stolz: «Ich habe allen gesagt, dass ich sie umbringen werde, wenn sie nicht das tun, was ich will.»
Man war schockiert. «Er war doch nur ein Drittklässler», erinnert sich Janssen kopfschüttelnd. Der ersten Aufregung wich allerdings bald einmal die Erkenntnis, dass der kleine P. weder ein Mörder noch ein Krimineller war. Vielmehr hatte er gemerkt, dass sich seine Schweizer Klassenkameraden auf diese Weise hervorragend einschüchtern lassen.
Mehr Pöbel als Schläge
Gemäss Lothar Janssen ist der Fall von P. ein extremes Beispiel für viele der Spannungen, die zwischen jugendlichen Ausländern aus dem Balkan und jungen Schweizern in der Luft lägen. In Hombrechtikon, einem Dorf mit 7700 Einwohnern, kennt man diese Spannungen nur zu gut. Fast alljährlich entladen sie sich vor allem an der Chilbi. Dort begleichen rechtsgesinnte junge Schweizer, die grösstenteils Auswärtige sind, offene Rechnungen mit der vor allem aus ausländischen Jugendlichen bestehenden Gruppe der «Hip-Hopper». Hin und wieder fliesst dabei Blut, meist bleibt es aber bei Drohungen und Gepöbel. Diese «Chilbitradition» hat Hombrechtikon den Ruf eines «Schlägerdorfs» eingebracht.
Die Gemeinde gehört zu den finanzschwächeren in Zürich. Es gibt Wohnlagen in jedem erdenklichen Mietpreisniveau. Gleichzeitig hat die Gemeinde eine der höchsten Geburtenraten im Kanton. Das liegt vor allem an den hier wohnhaften Ausländern. Ihr Anteil liegt bei rund 18 Prozent. «An den Schulen ist er aber teils wesentlich höher», sagt Janssen.
Hat Hombrechtikon also ein Ausländerproblem an seinen Schulen? «Nein», sagt er. Nicht der Anteil der jungen Ausländer sei ausschlaggebend, sondern deren Integration. Die Konflikte in Hombrechtikon waren und sind gemäss Janssen vor allem darauf zurückzuführen, dass die Durchmischung der Bevölkerung nicht überall gleich sei. So gibt es in Hombrechtikon Strassenzüge, die fast nur von Ausländern, meist aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien, bewohnt werden. «In dieser Ghettoisierung liegt Sprengkraft», sagt er. Gleichzeitig rotten sich die jungen Schweizer in rechtsgesinnten Gruppen zusammen. Zu dieser «Gegenreaktion » würden viele sogar zu Hause von ihren Eltern motiviert – direkt oder indirekt.
«Peacemaker» sind unterwegs
Lothar Janssen hat in Hombrechtikon auf der Mittel- und Oberstufe 30 Schülerinnen und Schüler zu «Peacemakern » mitausgebildet. Sie wurden von ihren Klassenkameraden gewählt, verfügen also über Legitimation. Ihre Aufgabe ist es, auf den Pausenhöfen bei Streit einzugreifen und die Parteien zu trennen. Sie sind Friedensstifter. n Hombrechtikon hat man mit diesem System an der Schule sehr gute Erfahrungen gemacht. «Unter anderem auch deshalb, weil bei uns die Lehrerschaft dahintersteht», sagt Janssen.
Die Themen Jugendgewalt und Multikulti werden von den meisten Jugendlichen nicht annähernd so extrem empfunden wie von den Erwachsenen. Nico ist Peacemaker in der Sekundarklasse 2B. «Ich fühle mich wohl in Hombi», sagt er. Er habe weder Angst, noch fühle er sich irgendwie in seinem Leben eingeschränkt. Seine Kollegin Melanie stimmt dem zu. Von akuten Bedrohungslagen und ständigen Drangsalierungen weiss sie nichts. Hin und wieder gebe es Krach. Aber das sei doch «irgendwie normal», finden beide.
Auch mit Ausländern haben sie kein Problem. «Die meisten von denen sind ganz normal, so wie wir», sagt Melanie. Auch Nico sieht hier keine akuten Probleme. «Man muss nur schauen, dass man nicht zur falschen Zeit am falschen Ort ist», sagt er. Für eine Schlägerei brauche es immer zwei. Und meist bleibe es ohnehin nur bei Drohungen.
Ehre und Stolz
Doch genau wenn es ums Drohen geht, haben die jungen Ausländer vom Balkan und aus der Türkei offenbar ein völlig anderes Verständnis als ihre Schweizer Kollegen. «Häufig geht es dabei um abstruse Vorstellungen von Ehre und Stolz», sagt Janssen. Im Grunde genommen sei das den Jugendlichen ziemlich egal. «Aber bei Konflikten wird es jeweils plötzlich enorm wichtig.» Die meisten Schweizer seien in solchen Situationen anders: eher zurückhaltend, konfliktscheu.
Umso grösser ist dann der Schock, wenn jugendliche Ausländer wie im Fall von P. ein massives Drohgebaren an den Tag legen. «Damit können wir bis heute nicht richtig umgehen», sagt Janssen. «Daher erklärt sich auch,weshalb es bei solchen Jugendlichen völlig sinnlos ist, ein überpädagogisches Verhalten an den Tag zu legen», sagt er. Nettigkeit, Verständnis, Einfühlungsvermögen und guter Wille seien ja lobenswerte Eigenschaften, meint Janssen. «Aber wenn sie denen so begegnen, dann lachen die sich kaputt.»
Lehrer zwischen den Fronten
In den Elternhäusern vieler dieser Jugendlichen gehören Schläge zu den gängigen Erziehungsmethoden. Wenn Lothar Janssen mit dem Jugendlichen von der Schule zu den Eltern nach Hause geht und ihnen davon erzählt, dass ihr Zögling gerade den Lehrer ins Pfefferland gewünscht hat, reagieren sie erstaunt. «Sie sind aber weniger über ihren Sohn erstaunt als über den Lehrer. Sie halten ihn für schwach», sagt er. Im Umgang mit diesen Jugendlichen seien deshalb klare Richtlinien und Strukturen gefragt.
Es prallen also nicht nur zwei unterschiedliche Kulturen, sondern auch zwei unterschiedliche Erziehungsmethoden aufeinander. Deshalb könne man die Spannungen nur lösen, indem man die Kommunikation fördere. «Das ist eben nicht nur so eine Floskel», sagt Janssen. Unlösbar sei diese Aufgabe keineswegs. Gefragt sind aber nicht nur die Jugendlichen. «Sie wachsen ja in diesem multikulturellen Umfeld auf und lernen, damit umzugehen», sagt er. Gefragt sind auch die Eltern.
