Die Zeit anhalten

01.03.2007 um 19:44 Uhr

Ich suche nicht - ich finde

von: cronos   Stichwörter: Picasso

 

picasso

 

Suchen - das ist Ausgehen von alten Beständen
und ein Finden-Wollen
von bereits Bekanntem im Neuem.

Finden - das ist das völlig Neue!

Das Neue auch in der Bewegung.
Alle Wege sind offen
und was gefunden wird,
ist unbekannt.
Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!

Die Ungewißheit solcher Wagnisse
können eigentlich nur jene auf sich nehmen,
die sich im Ungeborgenen geborgen wissen,
die in die Ungewißheit,

in die Führerlosigkeit geführt werden,
die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen,
die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht
- menschlich beschränkt und eingeengt -
das Ziel bestimmen.

Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis
im Außen und Innen:
Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen,
der in aller Angst des Loslassens
doch die Gnade des Gehaltenseins
im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.

 

Pablo Picasso



26.02.2007 um 00:01 Uhr

Der Etrog

von: cronos

Jüdischer Mann mit Etrogfrucht

 

Ehe Rabbi Mordechai von Neshiz seine Berufung erkannte, betrieb er einen kleinen Handel. Nach jeder Reise, die er unternahm, um seine Waren zu verkaufen, pflegte er ein wenig Geld zurückzulegen, um sich für das Laubhüttenfest eine Etrogfrucht zu erstehen. Als er mehrere Rubel beisammen hatte, fuhr er in die Kreisstadt und dachte unterwegs unablässig daran, ob es ihm wohl vergönnt sein würde, unter den dort feilgebotenen Paradiesäpfeln den schönsten zu erwerben. Da sah er mitten auf der Straße einen Wasserverkäufer stehen, der um sein gefallenes Pferd jammerte. Er stieg ab und gab dem Mann all sein Geld, dass er sich ein anderes kaufe.    "Was macht es aus?" sagte er lachend zu sich, als er sich auf den Heimweg wandte, "alle werden den Segen über dem Etrog sprechen, und ich spreche meinen Segen über diesem Pferd."   Zu Hause fand er einen herrlichen Etrog vor, den ihm Freunde gespendet hatten.

(aus: Martin Buber "Hundert chassidische Geschichten")

 

20.02.2007 um 01:13 Uhr

Arme Leute

von: cronos

Sterne

Arme Leute

Eines Tages nahm ein reicher Mann seinen Sohn mit aufs Land, um ihm zu zeigen, wie arme Leute leben.
Vater und Sohn verbrachten einen Tag und eine Nacht auf einer Farm einer sehr armen Familie.
Als sie wieder zurückkehrten, fragte der Vater seinen Sohn: „Wie war dieser Ausflug?“
„Sehr interessant!“ antwortete der Sohn.
„Und hast du gesehen, wie arm Menschen sein können?“
„Oh ja, Vater, das habe ich gesehen.“
„Was hast du also gelernt?“ fragte der Vater.
Und der Sohn antwortete: „Ich habe gesehen, dass wir einen Hund haben und die Leute auf der Farm haben vier.
Wir haben einen Swimmingpool, der bis zur Mitte unseres Gartens reicht, und sie haben einen See, der gar nicht mehr aufhört.
Wir haben prächtige 8 Lampen in unserem Garten und sie haben Milliarden Sterne.
Unsere Terrasse reicht bis zum Vorgarten und sie haben den ganzen Horizont.“
Der Vater war sprachlos.
Und der Sohn fügte noch hinzu: „Danke Vater, dass du mir gezeigt hast, wie arm wir sind.“

Quelle: Dr. Philip E. Humbert, The Innovative Professional's Letter

 

15.02.2007 um 02:13 Uhr

Der richtige Ort für einen Tempel

von: cronos   Stichwörter: Güte

Zwei Brüder, der eine verheiratet, der andere nicht, besaßen eine Farm, deren fruchtbarer Boden reichlich Korn hervorbrachte. Die Ernte wurden zwischen den Brüdern geteilt.

Zuerst ging alles gut. Doch auf einmal begann der verheiratete Bruder nachts aufzuschrecken und dachte:"Das ist nicht gerecht. Mein Bruder ist nicht verheiratet, und er bekommt die halbe Ernte. Ich dagegen habe Frau und fünf Kinder, so daß mein Alter gesichert ist. Aber wer wird für meinen armen Bruder sorgen, wenn er alt ist? Er muß viel mehr für die Zukunft sorgen, als er es im Augenblick tut, deshalb ist sein Bedarf bestimmt größer als der meine."

Bei diesen Gedanken stand er auf, schlich sich hinüber zur Behausung seines Bruders und schüttete einen Sack Korn in dessen Scheune.

Auch der Junggeselle begann von diesen nächtlichen Anwandlungen überfallen zu werden. Ab und zu fuhr er aus dem Schlaf hoch und sagte sich:"Das ist einfach nicht gerecht. Mein Bruder hat eine Frau und fünf Kinder, und er bekommt die Hälfte der Ernte. Ich aber muß nur für mich selbst vorsorgen. Ist es also richtig, daß mein Bruder, dessen Bedarf bestimmt größer ist als der meine, genau soviel bekommt wie ich?" Also stand er auf und schüttete einen Sack Korn in die Scheune seines Bruders.

Eines Nachts standen sie gleichzeitig auf und trafen sich, jeder mit einem Sack Korn auf dem Rücken.

Viele Jahre nach ihrem Tod wurde die Geschichte bekannt, und als die Bürger einen Tempel errichten wollten, bauten sie ihn dort, wo sich die beiden Brüder getroffen hatten, denn das schien ihnen der heiligste Platz der Stadt zu sein.

 Aus: Anthony de Mello,Warum der Schäfer jedes Wetter liebt

14.02.2007 um 02:10 Uhr

Die Freude der Fische

von: cronos

Die Freude der Fische

Tschuang-tse und Hui-tse gingen über den Damm, der das Wasser des Hao staut.

Tschuang sagte: "Schau, wie frei die Fische sich tummeln und wie glücklich sie dabei sind."

Hui erwiderte: "Da du kein Fisch bist, woher weisst du dann, was Fische glücklich macht?"

Tschuang sagte: "Da du nicht ich bist, wie kannst du da wissen, dass ich nicht weiss, was Fische glücklich macht?"

Hui entgegnete: "Wenn ich, der ich nicht du bin, nicht wissen kann, was du weisst, so folgt daraus, dass du, der du kein Fisch bist, nicht wissen kannst, was sie wissen."

Tschuang sagte: "Nur sachte! Lass uns zu der ursprünglichen Frage zurückkehren. Du hast mich gefragt: 'Woher weisst du, was Fische glücklich macht?' Den Worten deiner Frage zufolge weisst du ganz klar, dass ich weiss, was Fische glücklich macht.

Ich kenne die Freude der Fische im Fluss durch meine eigene Freude, wenn ich den selben Fluss entlang gehe."

14.02.2007 um 01:12 Uhr

Die Katze

von: cronos   Stichwörter: Gewohnheiten

Wenn der Guru sich abends zur Andacht niederliess, kam oft die Ashramkatze und störte die Meditierenden. So ordnete er an, die Katze während der abendlichen Meditation anzubinden.

Nachdem der Guru gestorben war, band man die Katze bei der abendlichen Andacht weiterhin an. Und als die Katze gestorben war, wurde eine neue Katze in den Ashram geholt, damit sie während der Andacht entsprechend angebunden werden konnte.

Jahrhunderte später verfassten gelehrige Schüler des Guru gelehrte Abhandlungen über die liturgische Bedeutung des Festbindens einer Katze während der Zeit der Mediation.

(Quelle unbekannt)

12.02.2007 um 01:02 Uhr

Auf der Durchreise

von: cronos   Stichwörter: Erkenntnis

Im letzten Jahrhundert kam ein Besucher aus Amerika zu einem berühmten polnischen Rabbi, Hofetz Chaim. Er war erstaunt, daß dessen Wohnung nur aus einem einfachen Raum bestand, der mit Büchern, einem Tisch und einer Sitzbank gefüllt war.

"Rabbi", fragte der Besucher "wo sind deine Möbel?"

"Wo sind Deine?", antwortete Hofetz Chaim.

"Meine?" fragte der erstaunte Amerikaner, "aber ich bin doch nur auf der Durchreise."

"Ich auch", sagte der Rabbi.

(Geschichten der Chassidim)

08.02.2007 um 21:03 Uhr

Dünnwandige Teetassen

von: cronos   Stichwörter: Achtsamkeit

 

 

 

 

 

 

Ein Schüler fragte seinen Zen-Meister, warum die Japaner ihre Teetassen so dünn und zart machen. "Wenn die Tassen etwas dicker wären", meinte er, "würden sie nicht so leicht zerbrechen."

Der Zen-Meister lächelte nur und antwortete:"Nicht die Tassen sind zu zart, sondern wir müssen lernen, mit ihnen umzugehen. Wir müssen uns an unsere Umwelt anpassen, nicht umgekehrt."

Quelle: Kenneth S. Leong, Anleitung zum Glücklichsein. 100 Zengeschichten für das neue Jahrtausend.