Verrücktes Date
Gestern hatte ich das Haus voll hochwichtiger Kunden. Wobei "voll" relativ ist, es waren nur zwei mausgraue Herren. Diese jedoch versprachen mit dezenter Zurückhaltung, meiner Firma einen lukrativen Auftrag zu übergeben, der mich für einige Monate wieder ruhig schlafen lassen würde. Ich hasse solche Tage - ich bin überhaupt kein Krawattenmensch -, aber was tut man nicht alles für ein regelmäßiges Einkommen seiner Mitarbeiter.
Ich war gerade dabei, mir in Erwartung der Herren meinen Kultursenkel um den Hemdkragen zu würgen, als eine SMS von meiner lieben J. eintraf. Sie wäre auf einer Tagesreise und hätte mit Verwunderung festgestellt, daß ihr Zug in meiner Stadt hält. Nanu, das kam etwas plötzlich, aber in mir breitete sich ein gutes Gefühl aus. Für zehn Minuten würden wir uns so nah sein, wie noch nie zuvor. ... Ein paar SMS und ein herzliches inneres Winkewinke später saß ich in meiner Verhandlung und konnte mich kaum noch konzentrieren. Der Gedanke daran, daß sie auf dem Heimweg abermals für zehn Minuten in meiner unmittelbaren Nähe sein würde, ließ mich nicht mehr los. Mein Improvisationsgenerator lief auf Hochtouren. Nach meiner Hochrechnung würde ich die grauen Geldgeber noch rechtzeitig loswerden, um auf einen Sprung zum Bahnhof zu eilen.
Die Verhandlungen gingen gut voran, auch wenn das Ergebnis nicht so ganz meinen Vorstellungen entsprach. ... Der Abschluß wurde getätigt - shake hands - noch ein bißchen small talk - mein heimlicher Zeitplan ging auf.
Doch plötzlich sagte eine der grauen Mäuse: "Herr Z., sie haben uns ihre Stadt als eine der am meisten unterschätzten in der Region angepriesen. Und weil wir beide zum ersten Mal hier sind, haben wir beschlossen, für eine Nacht zu bleiben und wollten sie höflich fragen, ob sie uns nicht ein wenig zeigen könnten."
Hää.. wie jetzt? Höflich fragen? Das war Nötigung! Und ausgerechnet heute... Ein Blick auf die Uhr, eine schnelle innere Kalkulation... okay, das paßt. "Ich freue mich sehr, wenn ich Ihr Interesse für unsere Stadt wecken konnte", heuchle ich. "Ich würde vorschlagen, wir machen einen kleinen Stadtrundgang, bis etwa gegen sieben, halb acht. Dann können Sie sich im Hotel noch etwas erfrischen und kurz nach acht hole ich sie zum Essen ab."
Zustimmendes Nicken seitens der Schlipsträger - und ein kurzer selbstüberschätzender Gedanke meinerseits: 'Ich bin ein Genie!'
Die Herren dann herumzuführen, war gar nicht mal so unangenehm. Sie waren interessiert, und das herrliche Wetter überdeckte die verbliebenen Schandflecke der Stadt. Man war begeistert und fragte sich, weshalb man so gelange gewartet hätte, diese Stadt zu besuchen. Hach, solche Sätze hatte ich in den letzten Jahren immer wieder gehört. Vielleicht spricht es sich ja doch noch herum...
Halb acht setzte ich die beiden am Hotel ab und ging zu Bahnhof. In der Vorhalle verharrte ich kurz. Sollte ich, oder sollte ich nicht? Ich sollte wohl! Im Blumengeschäft erwarb ich eine einzelne Rose und ließ sie reisefest einpacken.
Bis zu diesem Zeitpunkt wurde ich von Adrenalin getrieben - nun kam ich langsam zur Ruhe. Und mit der Ruhe wurden die Knie ein wenig weich. Würde ich sie überhaupt erkennen? Was sollte ich sagen? Was kann man überhaupt sagen, wenn man kaum fünf, bestenfalls sieben Minuten zur Verfügung hat? ...
Der Zug fährt ein, und obwohl in fetten Lettern "DB" auf den Wagen steht, hat er kaum Verspätung. Wagen 21, Platz 42. Ich finden den Wagen. Der Zug ist voll. Aussteigen geht vor Einsteigen - und wieder sind wertvolle Sekunden verloren.
Ich eile durch den Gang, schaue nach den Platznummern. Dann entdecke ich sie. Diese Augen kann man nicht verwechseln. Ein Lächeln - und was für ein Lächeln! Sie erkennt mich. Eine herzliche Umarmung. Ein paar belanglose Sätze....
An dieser Stelle breche ich meine Schilderung ab. Nicht nur, um zu vermeiden, daß sie wie die Wiedergabe einer schnulzigen Filmszene wirkt, sondern weil es so nicht gewesen ist. Alles nur Kopfkino. Der Grund: Meine Verhandlungen liefen zäher als erwartet, der Stadtrundgang fand erst nach dem Abendessen statt und sie... sie hat einen Zug früher genommen.
Es sollte nicht sein - nicht so - nicht an diesem Tag.
Und das Kuriose daran: Noch am Montag hatte ich auf eigenen Wunsch den geplanten Geschäftstermin vom Donnerstag auf den Mittwoch vorverlegt. Ich wußte ja nicht, daß sie hier vorbeifliegen würde...
