Da habe ich am Wochenende in größerer Runde mit Leuten zusammengesessen, die sich mit mir vor etlichen Jahren durchs Studium geschlängelt hatten. Gemeinsam trinken wie früher, gemeinsam lachen wie früher, gemeinsam diskutieren wie früher.
Und doch gab es natürlich Unterschiede - von der Zwischenzeit ausgelöst, vom persönlichen Vorwärtsgang beeinflußt und auch von der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung getrieben. Während man sich bei früheren Treffen noch Gedanken machte, ob das alte, hundertmal geflickte Auto die Anreise über wenige Kilometer unbeschadet überstehen würde, kam man diesmal mit dem Flieger und wetterte über den mangelnden Bordservice auf Inlandflügen. Ja, ja die Ansprüche wachsen, die Positionen rücken Etage für Etage nach oben, man macht Karriere. Der eine mehr, der andere weniger. Diejenigen, die damals schon zur Selbstdarstellung neigten, tun das heute um so intensiver - und diejenigen, die schon immer auf dem Teppich blieben, haben bis heute die Bodenhaftung nicht verloren. Irgendwie - so der erste Eindruck zumindest - war der Weg für viele vorbestimmt. Geradlinig und druckreif für die Regenbogenpresse.
Doch aus Erfahrung wußte ich, daß solche Treffen immer in drei Phasen ablaufen. Und diese erste, während der die berufliche Entwicklung im Vordergrund steht, wo Selbstbeweihräucherung und gegenseitiges Auf-die-Schulter-klopfen dominieren, habe ich wie immer mit Widerwillen aber geduldig über mich ergehen lassen. Und wenn der Lauteste von allen - seines Zeichens Kleinunternehmer mit großen Ambitionen, der Mindestlöhne am liebsten per Verfassungsklage blockieren möchte -, wenn dieser Möchtegern-Ackermann zu mir herüber brüllt, wie es denn in meiner Firma so laufe, dann sage ich nur, "Och, nicht so toll", und hülle mich in Schweigen. Dann schauen mich die wenigen, die mich wirklich ganz gut kennen und auch um den Stand meiner Firma wissen, fragend an... mit Blicken wie "Warum sagst du nichts?" .. "Weshalb gibst du dem Großmaul kein Kontra?" Aber ich winke nur ab. Ich will und kann das nicht...
Und dann kommt Phase 2: Die Retro-Phase. Da werden die alten Kamellen ausgepackt, die mehr oder weniger witzigen Stories, die intelligenten Streiche und auch die dummen. Wie das halt immer so ist. Die netten Erinnerungen werden aufgefrischt, verstärkt und manchmal auch ein bißchen verfälscht, damit sie noch außergewöhnlicher und spritziger klingen. Und alles Negative wird unter den Tisch gekehrt und mit dem Mäntelchen des Vergessens umhüllt.
Okay, ich schließe mich da nicht aus. Es war wirklich 'ne geile Zeit damals. Und solche Leuchttürme in der Vergangenheit befleckt man sich nicht gerne mit negativen oder gar beschämenden Episoden, auch wenn sie einem wieder in Erinnerung treten.
Das Widersprüchliche daran: Im Grunde ödet es mich an, auf jedem Treffen dieser Art immer wieder die gleichen Anekdoten zu hören. Manchmal hängt mir das dermaßen zum Halse raus... Und doch lasse auch ich mich an irgendeinem Punkt davon anstecken und steuere dann selbst den einen oder anderen Schwank mit bei. Die Gruppendynamik ist dann einfach stärker als mein unterschwelliges Bedürfnis, die Vergangenheit endlich mal ruhen zu lassen.
Nach Phase 2 kommt es dann unweigerlich zur Grüppchenbildung. Da rücken die Köpfe näher zusammen oder man verkrümelt sich in Ecken oder vor die Tür um Phase 3 einzuläuten: Die Offenbarungsphase. Nun zeigt man sich verlegen die Kratzer im Lack, holt die Leichen aus dem Keller und sucht nach Mitgefühl und Trost. Plötzlich steigt man vom hohen Roß, erzählt von katastrophalen Fehlinvestitionen, von Ehescheidungen, verzogenen Kindern, Seitensprüngen und untergeschobenen Bälgern daraus, und natürlich von Krankheiten und den schrecklichen Nebeneffekten des Alterns... Ja, sogar der Schreihals nimmt mich sachte beiseite und offenbart mir, daß er von den letzten zwei Jahren sieben Monate in Krankenhäusern verbracht hätte. Jeder andere hätte damit mein Mitleid geweckt, der jedoch nicht. Meinen sarkastischen Einwurf, daß es in Privatkliniken sicher erträglicher wäre, fand er alles andere als witzig.
Und über all diesen Gesprächen schwebte etwas, das sich keiner auszusprechen traute, weil es ihrem Empfinden nach mit einem Makel behaftet war. Sie alle suchten in der Mitte ihres Lebens nach einem neuen Sinn, nach neuen Inhalten, Ideen und Herausforderungen. Keiner fragte den anderen, ob er glücklich sei, denn niemand wollte jetzt mehr eine geheuchelte Antwort hören.
Nun bin ich kein Mensch, der sich an den Leiden der anderen weidet, und doch kam ich mir ab diesem Zeitpunkt ein wenig als Außenseiter vor. Ich bin nämlich glücklich! Und diese Phase des verzweifelten Suchens, in der sich so viele jetzt befinden, habe ich lange hinter mir gelassen. Insofern war dieses Treffen eine echte Standortbestimmung für mich. Nicht weil ich den direkten Vergleich bräuchte, um das Positive an meiner Situation zu erkennen, sondern weil ich auf diese Weise sehen konnte, daß es richtig war, den komplizierten und teilweise schmerzhaften Weg der intensiven Selbstreflexion zu gehen, um an dessen Ende zu einer neuen Einfachheit und Leichtigkeit zu finden.
Schön war es, zu erleben, daß ich nicht der einzige in dieser Runde war, der diesen Weg beschritten hat bzw. noch beschreitet. Auch meine liebe J. zählt dazu und mein alter Kumpel T. Jeder von uns hat sein symbolisches Säcklein zu tragen, und obwohl wir ziemlich unterschiedlich ticken, so tun wir es doch auf eine vergleichbar positive Weise...
Dieses Wochenende war weit entfernt von Euphorie und Ausgelassenheit, doch es war gut, so wie es war. Und die Tiefe so mancher Gespräche hat Mut und Hoffnung gemacht... und Lust auf baldige Wiederholung in kleinerem Rahmen.