Lückenspringer
Wer mich etwas näher kennt, weiß, daß ich die verschiedenen Etappen meines Lebens ziemlich rigoros trenne. Deshalb spreche ich auch nicht von Lebensphasen sondern lieber von getrennten Leben. Das liegt vor allem auch daran, daß die inneren Veränderungen seit meinem letzten Umbruch sehr, sehr gravierend waren, und ich mir kaum noch vorstellen kann, wie sich mein letztes Leben anfühlte und wie ich das erdulden konnte.
Wenn ich jetzt der gebräuchlichen Logik folge, müßte ich sagen: Jedes dieser Leben ist die schlüssige Weiterentwicklung des vorherigen. Und doch ist jedes dieser Leben autonom.
Weil ich ein positiver Mensch bin und neuerdings nicht mehr gerne zurück blicke, habe ich auch an diese Logik geglaubt.
Oder stimmte daran doch etwas nicht?
Letztes Wochenende - ein eher banales Ereignis: Der Maler soll demnächst kommen, und wir beginnen schon mal ein paar Schränke zu entrümpeln. Dabei fällt mir eine Schachtel in die Hände, oder besser ein Pappkarton, säuberliche mit Tesa verklebt, ja regelrecht versiegelt. Mir war nicht sofort klar, was ich da gefunden hatte, aber ich war mir bewußt, diesen Karton beim letzten Umzug - und der liegt schon verdammt lange zurück - nicht geöffnet zu haben. Es mußten also Dinge darin sein, die aus meinem vorletzten, wenn nicht sogar aus meinem vorvorletzten Leben stammten. Und so ganz allmählich kam die Erinnerung wieder. Ich ahnte zumindest, was mich unter dem Deckel erwarten würde...
Mußestunde - auf der Couch zurückgelehnt - die Schachtel langsam geöffnet. Darin das Vermutete: halb zerfledderte Hardcover-Notizbücher, Zeitungsausschnitte, jede Menge handschriftlich gefülltem Papiers... karierte Blätter, linierte Blätter, bekritzelte Briefumschläge und Zeitungsränder. Beschrieben mit Kuli und Bleistift und zu meinem eigenen Erstaunen größtenteils mit Füllfederhalter.
Eintauchen in eine längst vergessene Welt. Ich greife mir willkürlich einen Zettel heraus. "Letzte Nacht wurde John Lennon ermordet. Keine Ahnung, ob ich das jemals begreifen werde..", stand da auf zerknittertem Papier. Auf der Rückseite der Text von "I don't believe" - handschriftlich natürlich. Ganz unten fünf Worte fett unterstrichen: "I just believe in me!"
Erinnerungen schlagen Wellen, schäumen hoch und hinterlassen eine Gicht, die den Blick verschleiert. Zettel, Papiere, Schnipsel - Texte von mir, Songtexte von mir, Songtexte von Demmler, Panach, Trepte... Notizen, Briefe, abgeschriebene Titellisten von LPs, die ich nie besaß, Liebesbriefe in Entwurfsschrift, Liebesbriefe nie abgeschickt. Und immer wieder Reflexionen um, über und aus den schlimmsten achtzehn Monaten meines Lebens.
Es war ein wirklich komisches Gefühl. Ich wußte von der Existenz dieser Schachtel, und doch hatte ich es verdrängt. Dies war jedoch keine einschneidende Erkenntnis. Viel tiefgreifender war, daß ich mich in jedem dieser Zettel selbst wiederfinden konnte - und zwar nicht nur mich von damals, sondern mich von heute.
Sicher war da ein stilistischer Wandel erkennbar. Sicher wirkt mein Geschreibsel heute flüssiger als damals und die Logik schlüssiger. Aber mir ist nicht ein Text in die Hände gefallen, der nicht auch heute inhaltlich in meine Sichtweisen und Empfindungen passen würde. Man könnte denken, ich wäre Zeit meines Lebens einen kontinuierlichen Weg gegangen, auf welchem ich meine Ideale und Anschauungen lediglich weiterentwickelt und verfeinert habe...
Diesen Kontinuitätsgedanken finde ich gut. Er beruhigt mich ungemein, denn er beweist mir, daß ich mich nicht immer wieder völlig neu erfunden habe - also keine wechselhafte Persönlichkeit bin. Doch gleichzeitig produziert er ein ganz erschreckendes Bild von den Jahren, die ich als Workaholic verbrachte. Wie man sich dermaßen weit von sich selbst entfernen kann, wird mir immer unverständlicher. Es kommt mir vor, wie eine riesige Lücke in meinem emotionalen Lebenslauf... eine Lücke, die nun endgültig übersprungen ist.
