Gesicht des Tages
Wer jetzt ein nettes Foto erwartet hat, wird wohl leider enttäuscht werden. Statt dessen möchte ich eine kleine Geschichte erzählen - erlebt gestern abend an meiner Lieblingstanke.
Die Tankstelle meines Vertrauens ist eine ziemlich große. Zwölf Zapfsäulen und alle nebeneinander. Montags ist erfahrungsgemäß der Tag, an dem abends für ein paar Stunden der Spritpreis um drei oder vier Cent abgesenkt wird. Offenbar soll damit die treue Stammkundschaft belohnt werden - also unter anderen ich. Weil ich aber nicht der Einzige bin, der diesen zyklischen Preisverfall absehen kann, ist es montags meist recht voll dort.
Gestern abend stehe ich also an Säule 7 und ziehe mir den Stoff für 135,9 Super-Cent rein - man sollte es nicht für möglich halten, aber heute ist ein solcher Preis ein regelrechtes Schnäppchen - ich stehe also da, während das Zählwerk unerbittlich rasselt, und wie mein Blick in die Runde schweift, erblicke ich an Säule 1 ein mir bekanntes Auto mit der zugehörigen attraktiven Fahrerin. Sie sieht mich nicht, denn sie ist mit dem Rüssel beschäftigt und versetzt gerade mit Hilfe eines geschulten Griffs an die Dachreling ihr Mobil in leichte Schwingung, um noch einem weiteren Liter des preisgünstigen Saftes den Eintritt in ihren Tank zu gewähren.
Indes macht es bei mir "Klack" und im gleichen Moment kommt mir eine Idee. Ich haste in den Kassenraum und zücke meine Karte.
"Säule sieben bitte! ... Und weil heute so ein schöner Tag ist, setzen sie mir bitte noch die hübsche Frau von Säule eins mit auf die Rechnung."
Ich habe gewiß schon viele bescheuerte Gesichter gesehen, aber das des Tankwarts brach alle Rekorde. Offenbar passierte ihm so etwas nicht so oft, denn nachdem er sich abermals bei mir vergewissert hatte, daß ich auch meinte, was er zu hören geglaubt hatte, benötigte er ein paar Sekunden, um die nötige Tastenkombination an seiner Kasse zu finden. Tief hinter dem Kartenleser konnte ich bereits mein Konto stöhnen hören, das ja nun mit zwei vollen Tanks belastet wurde. Doch darüber machte ich mir jetzt keine Gedanken. Der kleine zeitliche Vorsprung reichte, um die Tankstelle durch eine Nebentür zu verlassen, noch bevor die Dame den Kassenraum betrat. Ich sprang in mein Auto und entfernte mich so unauffällig wie möglich.
Zu Hause eingetroffen schloß ich das Tor, warf meine Jacke in die Ecke, riß mir ein Bier auf und nahm in meinem Fernsehsessel eine Haltung ein, aus der man nicht ablesen konnte, wie lange ich bereits in mein Bier vertieft war.
Keine Minute später stürzte meine Frau ins Zimmer, und ohne Luft zu holen stieß sie hervor: "Nabend Schatz! Du glaubst gar nicht, was mir eben an der Tanke passiert ist."
Hätte ich mich entscheiden müssen, wer von den beiden an diesem Abend das genialere Gesicht gezogen hat - es wäre mir wirklich schwer gefallen.
